Aber seid getrost! Predigt über Johannes 16,33
Wir sind an diesem Heiligen Abend beieinander, um uns gemeinsam darauf vorzubereiten, morgen die Weihnachtsbotschaft zu vernehmen. |243 Ihr wißt, daß diesmal unsichtbar auch viele andere Menschen am Radio zuhören, wie wir hier beten, singen und Gottes Wort zu uns reden lassen: draußen in der Stadt, in der übrigen
Ich habe die Welt überwunden. Das ist die Weihnachtsbotschaft. Ich! Das Kind in der Krippe zu
Ich habe die Welt überwunden. Es geht um die Welt in der Weihnachtsbotschaft. Die Welt: das ist unser großes Wohnhaus, als Gottes Schöpfung so gut und herrlich gebaut und geordnet — und nun doch so voll Finsternis, eine Stätte von so viel Übeltat und Traurigkeit. Die Welt: das sind wir selber, wir Menschen, auch wir von Gott gut geschaffen und von Anfang an dazu bestimmt, seine Kinder zu sein — und nun doch von ihm abgefallen, seine Feinde, darum auch Feinde untereinander, darum ein jeder sein eigener Feind. Eben diese Welt hat Gott so sehr und in der Weise geliebt, daß er ihr mich, seinen Sohn — so spricht das Kind von Bethlehem — schenken wollte und geschenkt hat [vgl.
Ich habe die Welt überwunden, sagt dieses Kind. Es brauchte wohl einen großen Herrn dazu, um das zu tun! Ja, aber da ist er. Ein wunderlicher Herr freilich, ganz anders als die anderen großen Herren, die wenigstens diesen oder jenen Weltteil überwinden, unterwerfen, durch Schlauheit und Gewalt sich zu Füßen bringen zu können meinen. Ein Herr, der als armer Leute Kind in der Fremde, in einem Stall geboren, |244 in der Nähe von Ochs und Esel in eine Krippe gelegt wurde — und wer weiß, ob das Holz dieser Krippe nicht aus dem gleichen Wald genommen war, in welchem später wieder Holz geschlagen wurde, um ein Kreuz zu zimmern? Denn damit und so hat dieses Kind die Welt überwunden, daß es sich für ihre Sünde und Schuld dem Tod der Schande ausliefern ließ. So hat es sie dem Verderben entrissen. So hat es sie mit Gott versöhnt. So hat es sie für Gott gewonnen. So hat es sie wiederhergestellt. So hat es uns Menschen uns selbst herrlicher als zuvor wiedergegeben.
Ich habe die Welt überwunden, hören wir. Nicht: ich werde das irgendeinmal tun! Sondern: Es ist vollbracht [
Das ist die Weihnachtsbotschaft. Das zu vernehmen, gelten zu lassen, in uns aufzunehmen, damit zu leben — dafür wollen wir uns an diesem Heiligen Abend alle miteinander bereit machen: Ich habe die Welt überwunden.
Doch halt! Das könnte nun, wenn Er, Jesus Christus, es uns nicht sagte, allzu schön sein, um wahr zu sein. Und eben Er sagt uns ja, wie wir hörten — und das sogar zuerst — noch etwas sehr Anderes: In der Welt habt ihr Angst.
«Angst» hat viel zu tun mit Enge. Angst ist Beengung, Beklemmung, Bedrängnis durch eine uns bedrohende Gefahr. Und nun sagt uns der Herr zwar nicht, daß wir Angst haben dürften oder gar sollten und müßten. Wiederum macht er es uns auch nicht zum Vorwurf, daß wir Angst haben. Er stellt es aber ganz nüchtern fest: In der Welt habt ihr Angst.
Möchten wir davon vielleicht lieber nichts hören? Denken wir vielleicht: das passe nun doch zu schlecht in die Weihnachtszeit, zu unseren Weihnachtsliedern, Weihnachtslichtern, Weihnachtsgeschenken? Sehen wir wohl zu, liebe Brüder: unser ganzes Weihnachtswesen könnte unehrlich, könnte eine große Einbildung sein, wenn wir das nicht auch hören wollten: In der Welt habt ihr Angst. Eben das Kind in der Krippe zu
Es gibt eine Angst schon vieler junger Menschen: vor sich selbst, vor dem ihnen bevorstehenden Leben mit seinen unheimlichen Schwierigkeiten, die sie vielleicht erst ahnen, vielleicht aber auch schon nur zu gut kennen.
Es gibt eine Angst der alten Leute: vor dem Überhandnehmen ihrer leiblichen und geistigen Schwächen und Beschwerden — vor dem Gedanken, sie könnten nun ihre ganze Zukunft nur noch hinter sich haben, zu nichts Rechtem mehr zu brauchen sein.
Es gibt auf allen Altersstufen das, was man wohl «Platzangst» nennt: die Angst vor den Leuten, gerade vor den Nächsten vielleicht, die immer etwas von einem wollen, einem immer zu nahe treten — die Angst vor dem Gedränge der Vielen, in deren Mitte man sich kurioser Weise gerade ganz einsam und verloren fühlt.
Es gibt eine wohlbegründete Angst vor den schweren Verantwortlichkeiten, in die wir gestellt sein können: ich brauche euch nicht zu verhehlen, daß ich, solange ich denken kann, immer, und so auch gestern und heute, Angst gehabt habe, wenn ich predigen sollte.
Es gibt — auch das eine sehr ernsthafte Sache — die Angst angesichts des beständigen Verrinnens der Zeit, der Tage, Wochen und Jahre dieses unseres einzigen kurzen Lebens. Bringen wir sie nicht zu wie ein Geschwätz? Ist es nicht, als flögen wir davon
[vgl.
Und dann die Angst vor gewissen gefährlich und verderblich auf uns zukommenden Ereignissen: vor einer verdächtig heranschleichenden tödlichen Krankheit etwa. Unvorstellbare Angst jener achtzig Menschen in dem bei
Und war es nicht auch eine große Angst, die uns vor Monatsfrist an jenem Abend erfaßte, als die erschütternde Nachricht von der Ermordung des amerikanischen Präsidenten durchging — und tags darauf die widerwärtige Nachricht von der Ermordung seines Mörders5: Angst vor dem, was nun werden solle, und schlicht die Angst vor den grausigen Möglichkeiten, die im Leben der menschlichen Gesellschaft offenbar jeden Augenblick wirklich werden können?
Ist es nicht auch Angst erregend, zu sehen, wie gewisse Irrtümer und Lügen, die man für überwunden, vielleicht für seit Jahrhunderten überwunden hielt, in der Geschichte der Menschheit, auch der christlichen Menschheit, immer neu aufbrechen und Kraft gewinnen? Drängt sich der Gedanke nicht manchmal auf, wir möchten uns in einem einzigen großen Irrenhaus befinden — und ist das nicht ein Angst erregender Gedanke?
Und da sind wir ja schon bei der Angst vor der Atombombe, von der heute so viele Menschen offen oder heimlich bewegt sind und von der man ja ernstlich wünschen möchte, daß viel mehr Menschen gründlich von ihr bewegt wären. Es ist ja schön und gut, daß nun eine Abrede besteht, laut derer mit diesem Teufelszeug in Zukunft nur noch unter der Erde experimentiert werden soll.6 Und es ist schön und gut, daß nach den Beschlüssen der letzten Woche auch unsere liebe
Noch etwas: Sollte nicht der Eine oder Andere auch von euch die Angst — gerade vor der Weihnacht kennen: die Angst vor der schmerzlichen Erinnerung an frühere bessere Weihnachtstage — die Angst vor der Verlassenheit, die sie gerade jetzt zu fühlen bekommen möchten — die Angst vor der Einladung, heute fröhlich zu sein, wo sie gar nicht fröhlich sein können — die Angst vor Gott, mit dem wir es ja an der Weihnacht so besonders intim und deutlich zu tun bekommen und mit dem wir doch so gar nicht im Reinen sind?
Kurzum, es ist schon so: in der Welt habt ihr Angst. Es braucht allerdings das Wort des Herrn dazu, daß wir das ernstlich zugeben und gelten lassen. Aber es ist schon so, und wir können Alles, was ich jetzt nur angedeutet habe, auf einen Namen bringen: wir haben Lebensangst, die man ebensogut auch Todesangst nennen kann, weil sie die große Angst vor der Bedrohung ist, von der wir unser Leben durch den Tod, durch sein von allen Seiten sich anzeigendes gänzliches Ende, durch seine rettungslose Auslieferung an das Nichts umfangen finden. Wir haben Angst vor der Nacht, da niemand wirken kann [vgl.
Liebe Brüder, zum Heiligen Abend, zur Vorbereitung auf das Hören der Weihnachtsbotschaft gehört unweigerlich, daß wir auch das annehmen und uns eingestehen: In der Welt haben wir Angst.
248 Doch nun genug auch von diesem Kapitel! Wieder Derselbe, der uns auf den Kopf zu sagt, daß wir in der Welt Angst haben, wieder das Kind in der Krippe und der Mann am Kreuz fährt ja fort, ruft es ja unüberhörbar hinein in das ganze unruhige Meer unserer Angst: Aber seid getrost!
Da haben wir es wieder: das gewaltige, das herrliche Aber!, das uns auch an so vielen anderen Stellen der Bibel begegnet. Irgend etwas unleugbar und unerschütterlich Wahres wird uns da jeweils zu bedenken gegeben, etwa: «Bei den Menschen ist es unmöglich» [
Seid getrost! heißt nicht: Denkt eben an etwas Anderes! Springt über das, was euch Angst macht, hinweg! Flieht vor eurer Angst — etwa in irgend eine Zerstreuung oder in irgend eine eifrige Beschäftigung oder in irgend ein wildes Unternehmen! Ihr könnt und werdet ihr doch nicht entfliehen: so wenig ihr euch selbst entfliehen könnt. Und seht wohl zu: gerade das ganz undurchführbare und also unnütze Fliehenwollen vor der Angst pflegt irgendwie die Ursache alles Bösen und alles neuen Leides zu sein.
Seid getrost! heißt: tut die Augen auf und seht empor: zu den Bergen, von denen euch Hilfe kommt [vgl.
Ja, kann man denn das? Ist das mehr als der gute Rat- und Zuspruch eines wohlmeinenden Mannes, den man doch praktisch nicht brauchen, mit dem man nichts anfangen kann? Antwort: Sicher kann niemand von |249 sich aus aus eigener Erfindung, Einsicht und Entschließung getrost sein wollen, geschweige denn getrost sein. Ausnahmslos Jeder kann das aber, indem er sich von Dem sagen läßt, daß er es darf und soll, der als wahrer Gottes- und Menschensohn selber in die Welt, in der wir Angst haben, hineingegangen ist, in ihrer Mitte selber die größte Angst gehabt hat — «Mein Gott, mein Gott, warum hast du mich verlassen?» [
Auf jene Frage: ob man denn, wie der Herr uns heißt, getrost sein könne? ist nun freilich noch eine zweite Antwort zu geben. Wie niemand von sich aus getrost sein kann, so auch niemand für sich allein. Wohl aber ohne Ausnahme Jeder, indem er sich zu dem Volk versammeln läßt, dem — nicht privatim zu Diesem oder Jenem, sondern in der Zusammengehörigkeit aller seiner Glieder — gesagt ist, daß es getrost sein darf und soll: zu dem Volk, dem in der Finsternis seiner Lebens- und Todesangst das große Licht leuchtet. Ob du wirklich mitten in der Angst die Engel singen und sagen hören kannst: Ehre sei Gott in der Höhe? Mach die Probe darauf: du kannst es, indem du auch das Andere hörst, was sie gesungen und gesagt haben: Friede auf Erden!
[
Darauf also wollen wir uns an diesem Heiligen Abend vorbereiten: zu vernehmen, daß wir mitten in der Angst, die wir haben, getrost sein dürfen, sollen und auch können. Und darauf, uns sagen zu lassen, daß wir das eben in der Gemeinschaft mit all denen zu hören bekommen, denen derselbe Herr und Heiland das auch zugesagt hat und wieder zusagen will.
Alle Jahre wieder feiern wir den Heiligen Abend. Wir feiern ihn heute, wie wir ihn letztes Jahr gefeiert haben und wie wir ihn, wenn wir das Leben noch haben, auch nächstes Jahr feiern werden — und jedes Mal am Tag darauf das Weihnachtsfest. Laßt mich dazu noch ein Letztes sagen: Es ist doch wohl so, daß eigentlich unser ganzes Leben in dieser Zeit ein einziger Heiliger Abend sein darf und muß zu unserer Vorbereitung auf das eine, große und endgültige, das ewige Weihnachtsfest, das das Ziel aller Wege Gottes mit dem Menschengeschlecht und aller seiner Wege auch mit jedem Einzelnen von uns ist. So lese ich jetzt noch einige Verse aus dem Ende des letzten Buches der Bibel, die von diesem ewigen Weihnachtsfest handeln: «Ich sah einen neuen Himmel und eine neue Erde, denn der erste Himmel und die erste Erde vergingen, und das Meer ist nicht mehr. Und ich,
- Nr. 119: «Fröhlich soll mein Herze springen» von
P. Gerhardt , Strophen 1–4 (= EKG 27, Str. 1–3,5) - Nr. 113: «Lobt Gott, ihr Christen, allzugleich» von
N. Herman , Strophen 1–4 (= EKG 21, Str. 1–3,6) - Nr. 104: «Wie soll ich dich empfangen» von P. Gerhardt, Strophe 3