1. August 1954

Predigt: Psalm 73,23: "Dennoch bleibe ich stets bei dir"

3
DENNOCH BLEIBE ICH STETS BEI DIR
Herr unser Gott! Wir danken dir, daß wir in dieser Stunde beieinander sein dürfen — um dich anzurufen — um Alles, was uns bewegt, vor dich zu bringen — um gemeinsam die frohe Botschaft vom Heil der Welt zu hören — um dir die Ehre zu geben.
Komm du selbst jetzt zu uns! Wecke du uns auf! Gib du uns dein Licht! Sei du unser Lehrer und Tröster! Rede du selbst mit einem Jeden von uns so, daß ein Jeder gerade das höre, was er nötig hat und was ihm hilft!
Und so sei du auch an allen anderen Orten denen gnädig, die sich an diesem Morgen als deine Gemeinde versammeln! Erhalte sie und uns bei deinem Wort! Bewahre sie und uns vor Heuchelei, Irrtum, Langeweile und Zerstreuung! Gib ihnen und uns Erkenntnis und Hoffnung, ein klares Zeugnis und freudige Herzen — durch Jesus Christus, unseren Herrn!
Amen.
Psalm 73,23
Dennoch bleibe ich stets bei dir, denn du hältst mich bei meiner rechten Hand.
2 Meine lieben Brüder und Schwestern!

Ich will versuchen, euch das, was wir eben gehört haben, kurz zu erklären. Ihr werdet sehen, daß jedes Wort wichtig ist.

«Dennoch», so beginnt es. Dennoch: das heißt trotzdem, oder, wie wir in der Schweiz sagen: einewäg! Dennoch: das ist ein Kampfruf gegen eine uns angehende Macht, eine drohende Störung, Belastung, Gefährdung. Vielleicht durch einen schwer wieder gutzumachenden Verlust, den einer erlitten hat, vielleicht durch «Verhältnisse», wie man sagt, an denen Andere, vielleicht auch und vor allem wir selber schuldig sind, vielleicht durch einen Menschen oder mehrere Menschen, mit denen wir nicht auskommen, die uns so recht im Wege sind, vielleicht auch durch unseren eigenen Charakter, durch uns selbst, wie wir ein Jeder sind.

Ihr habt vielleicht auch schon einmal das Lied gehört, vielleicht sogar mitgesungen:

4Unser Leben gleicht der Reise
eines Wandrers in der Nacht,
Jeder hat auf seinem Gleise
etwas, das ihm Kummer macht.1

Jeder! Nicht nur du, auch ich, nicht nur wir hier, auch die da draußen in der Stadt, jeder Mensch, alle Menschen in der ganzen Welt. Und hinter dem Kummer, den ein Jeder hat, steht der große Kummer einer Welt, die nicht in Ordnung ist, sondern die eine verworrene, eine dunkle und gefährliche Welt ist, steht der Kummer des Menschen, wie er ist: nicht gut, sondern ein hochmütiger, ein träger, ein verlogener Tropf, der darum nicht gut dran, der darum im Elend ist!

3 Nicht wahr, das wäre eine große Sache, wenn man dem allem gegenüber so dran sein dürfte: Dennoch!?

Dennoch bleibe ich: das würde heißen, dennoch, trotz allem dem lebe ich, will ich gegen den Strom schwimmen, nicht nachgeben, nicht verzweifeln, nicht untergehen, sondern durchhalten und mehr als das: Zuversicht und Hoffnung haben, drüber sein und nicht drunter! Nicht wahr, wer dazu frei wäre, im Kleinen und im Großen, in seinem eigenen Kummer und in dem Kummer der Welt und des Menschen, der dürfte sich dessen wohl freuen: Dennoch bleibe ich!

Dennoch bleibe ich stets, das heißt immer, garantiert und unter allen Umständen, durch dick und dünn, also nicht nur gelegentlich, nicht nur am Morgen, sondern auch am Abend, wenn es dunkel wird und wenn die Nacht kommt, nicht nur «in allen guten Stunden»2, sondern auch in den bösen, nicht nur, wenn man Nachrichten bekommt, die einen freuen, sondern auch wenn die anderen kommen, dauernd, beständig, auch in der Enttäuschung, auch in der Niedergeschlagenheit! Wie es in einem Kirchenlied heißt, das ihr wohl kennt, dem Liede Luthers:

5Und wenn die Welt voll Teufel wär
und wollt uns gar verschlingen,
so fürchten wir uns nicht so sehr:
es muß uns doch gelingen …3
Das heißt: stets! Wer das sagen, und nicht nur sagen, sondern denken und darum so dran sein dürfte: Dennoch bleibe ich stets!

Liebe Brüder und Schwestern, die Bibel, in der diese Worte stehen, ist eine einzige Einladung an uns alle, und wenn wir Gottesdienst feiern wie jetzt hier, dann bedeutet das, daß diese Einladung jetzt an uns ergeht, an uns alle: wir können und dürfen das nachsagen in unserem Herzen: Dennoch bleibe ich stets! Wir alle: nicht nur die sogenannten Guten, sondern auch die sogenannten Bösen, nicht nur die Glücklichen, sondern auch die, die sich für sehr unglücklich halten, nicht nur 4 die Frommen, sondern auch die, die sich für weniger oder auch für gar nicht fromm halten, Alle! sind eingeladen. Ist euch das klar, daß die Heilige Schrift ein Freiheitsbuch ist und der Gottesdienst eine Freiheitsfeier? Viel wichtiger als die ganze schöne Bundesfeier vom 1.August, die ja heute wieder einmal zur Erinnerung an 1291 gefeiert wird!4 Die Feier der Freiheit, meine Brüder und Schwestern, das zu sagen: «Dennoch bleibe ich stets …»

Aber jetzt müssen wir alle gut Achtung geben: ich möchte 100 gegen 1 wetten, wenn es uns jetzt überlassen wäre (uns allen), so würden wir fortfahren: Dennoch bleibe ich stets — bei mir! Bei meinem Kopf, bei meiner Ansicht, bei meiner Meinung, bei meinem Standpunkt und bei meinem Recht! Bei dem, was ich zu wünschen und was ich zu fordern habe! «Dennoch bleibe ich stets», das würde dann heißen: allem zum Trotz sich selber behaupten, um sich an sich selbst zu halten! Ich habe einen guten Freund, der hat ein Lieblingswort, das er gerne zitiert, aus einem Gedicht des Schweizer Dichters Leuthold: «Mein stolzes Herz, sei du dir selbst genug!»5 Wenn er mir das wieder einmal sagt, dann la|6che ich immer ein wenig. Man kann es niemandem verbieten, so zu denken und zu reden. Wir tun es ja alle gelegentlich. Man muß aber ganz nüchtern feststellen, daß das nicht geht. Habt ihr schon einmal einen Hund gesehen, der seinem eigenen Schwanz nachläuft, oder vom Freiherrn von Münchhausen gehört, der sich an seinem eigenen Schopf aus dem Sumpf herausgezogen habe?6 Das hat ihm niemand geglaubt. Man kann nicht an sich selbst glauben, und man kann sich nicht an sich selbst halten. Denn die dunkle, verworrene, gefährliche Welt ist ja gerade in mir selbst, und der hochmütige, träge, verlogene Mensch lauert ja gerade in meinem «stolzen Herzen». Mit welchem Sinn sollte ich sagen können: Dennoch bleibe ich stets bei mir? Die Bi5bel nennt das Sünde, wenn der Mensch bei sich selbst bleiben will. Nein, da ist keine Freiheit, wo das geschieht.

In der Bibel, dem Freiheitsbuch, lesen wir Anderes: Dennoch bleibe ich stets bei dir! Meine Freunde, könnt ihr euch einen Menschen vorstellen, der in der tiefsten, schwärzesten Finsternis ist, und auf einmal darf er Licht erblicken? einen Menschen, der am Verhungern ist, und auf einmal gibt ein Anderer ihm ein Stück Brot? einen Menschen, der am Verdursten ist, und auf einmal reicht man ihm einen Trunk? So ist es, wenn Einer das «bei mir» hinter sich hat und dafür vor sich: Dennoch bleibe ich stets bei dir!

Aber was ist das für ein Du? Ist das ein Mensch? Ja, da begegnet uns in der Tat Einer mit einem Menschengesicht, einer Menschengestalt, einer Menschenhand und Menschensprache. Einer, der in seinem Herzen auch seinen Kummer trägt, und nicht nur seinen, sondern den Kummer der ganzen Welt. Einer, der unsere Sünde und unser Elend auf sich nimmt und von uns hinweg nimmt! Der das kann, weil er nicht nur ein Mensch ist, sondern auch Gott ist, der allmächtige Schöpfer und Herr, der dich und mich viel besser kennt, als wir selber uns kennen, und der dich und mich viel mehr liebt, als wir selber uns lieben können. Der un|7ser Nächster ist, näher als wir selber uns sein können, zu dem wir Du sagen dürfen.

Weißt du, wer der ist? In dem gleichen Kirchenlied, das ich vorhin anführte, hören wir die Antwort:

Er heißt Jesus Christ,
der Herr Zebaoth,
und ist kein andrer Gott,
das Feld muß er behalten.7
Und nun, meine Brüder und Schwestern, sind wir alle eingeladen, statt mit uns selbst, mit ihm zu reden. Nun dürfen wir die Freiheit haben, zu ihm zu sagen: «Dennoch bleibe ich stets bei dir».

Aber jetzt fragt ihr gewiß: Wie kann man denn das? Und 6 darauf möchte ich euch gleich antworten: Das kann man nicht. Es gibt aber etwas Besseres als das, was «man kann». Und da steht es: Du hältst mich.

Also: ich halte durch, weil du mich hältst. Ich bleibe, weil du mir bleibst. Ich sage Dennoch!, weil du mir Dennoch! sagst: zu mir, der das nicht kann, zu mir, der das nicht verdient hat. Du sagst Dennoch! zu mir, der ich bin, wie ich bin, und getan habe, was ich getan habe, und tue, was ich tue, zu mir, der ein Zweifler sein mag, ein Kleingläubiger, vielleicht sogar ein Atheist. Darum, weil du mich so hältst, sage ich: Dennoch bleibe ich stets bei dir. Ich sage es darum, weil mein Kummer offenbar nicht meine, sondern deine Sache ist, weil du meinen Kummer und den Kummer aller Menschen auf dein Herz genommen, in dein Leben hineingenommen und in deinen Tod ans Kreuz getragen hast, weil du ihn in deinem Tode besiegt hast, weil ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben «nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesu Christi Eigentum bin»8

Du hältst mich, und darum wage und sage ich es: Dennoch bleibe ich stets bei dir!

Aber jetzt müssen wir noch ein Letztes beachten. Es heißt: Du hältst mich bei meiner rechten Hand. Die rechte Hand, das ist die Hand, mit |8 der der Mensch stark und geschickt ist (sofern er nicht gerade ein Linkshänder ist), mit der er arbeitet, mit der er schreibt, mit der er im Notfall auch kämpft; die rechte Hand, das ist die Hand, die er dem anderen Menschen «gibt», wenn er ihn ernstlich grüßen will. Die rechte Hand, das meint: wir selbst, und zwar wir selbst, wo es gilt, wo es uns ernst ist, wo wir unser Herz haben. — Und nun heißt es nicht, wir sollen dem lieben Gott unsere rechte Hand geben. Das ist gar nicht nötig — wir kommen zu spät — Er hält uns bei unserer rechten Hand, das heißt: er nimmt uns dort ernst, 7 wo es für uns ganz ernst ist. Das ist die Situation. Ich werde nie vergessen, wie einer meiner längst erwachsenen Söhne, der jetzt Missionar in Indonesien ist9, als er noch ein kleines Büblein war, mich einmal frug: «Weißt du, wer der Herr Hauptsache ist?» «Nein, wer ist das?» «Der liebe Gott.» Daß Er der Herr Hauptsache ist, das zeigt uns Gott damit, daß wir ihm Hauptsache sind, daß er unsere rechte Hand hält mit seiner rechten Hand, so daß wir gar nicht gefragt sind, wohin wir mit unserer rechten Hand hingehen sollen. Wir können uns gar nicht bloß beiläufig, bloß nebensächlich an ihn halten. Unsere rechte Hand ist nicht mehr frei: Er hält sie, sie ist schon in der seinigen!

Und nun möchte ich kurz schließen mit der Frage: Wer bist du? Wer bin ich? Antwort: einer, den Gott bei seiner rechten Hand hält und dem er damit das Bekenntnis der Treue und den großen Trost ins Herz und auf die Lippen legt: Dennoch bleibe ich stets bei dir. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie er war im Anfang und heute ist und immer sein wird von Ewigkeit zu Ewigkeit!

Amen.
Herr unser Gott! Das ist deine unbegreifliche Herrlichkeit, daß wir dich so anrufen dürfen: Herr unser Gott, unser Schöpfer, unser Vater, unser Heiland — daß du uns alle kennst und liebst und von uns allen wieder erkannt und geliebt sein willst — daß unser aller Wege von dir gesehen und regiert sind — daß wir alle von dir her kommen und zu dir gehen dürfen.
Und nun breiten wir alles vor dir aus: unsere Sorgen, daß du für uns sorgest — unsere Angst, damit du sie stillest — unsere Hoffnungen |9 und Wünsche, damit geschehe, was nicht un8ser, aber dein guter Wille ist — unsere Sünden, daß du sie vergebest — unsere Gedanken und Begierden, daß du sie reinigest — unser ganzes Leben in dieser Zeit, daß du es der Auferstehung alles Fleisches und dem ewigen Leben entgegenführest. Wir gedenken vor dir Aller, die in diesem Hause sind — auch aller anderen gefangenen Menschen auf Erden. Sei du mit unseren Angehörigen zu Hause — mit allen Armen, Kranken, Bedrängten und Betrübten! Erleuchte du die Gedanken und regiere du die Taten derer, die in unserem Land und in allen Ländern für Recht und Ordnung und Frieden verantwortlich sind! Laß es Tag werden — durch Jesum Christum, unseren Herrn, in dessen Namen wir zu dir beten: Unser Vater …
Amen.
Lieder:
  • Nr. 72: «All Morgen ist ganz frisch und neu» von J. Zwick, Strophen 1–4 (= EKG 336, Str. 1, zwei dort fehlende Strophen und Str. 2) 🎵
  • Nr. 343: «Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort» von M. Luther, Strophen 1–3 🎵
  • Nr. 39: «Mein ganzes Herz erhebet dich» (nach Ps. 138), Strophen 1–3 🎵
  • Nr. 44: «Nun danket alle Gott» von M. Rinckart, Strophe 2 🎵

Sachfußnoten

1
1.Strophe des «Beresinaliedes» von L. Giseke (1756–1832) 🎵. Der Name des Liedes geht auf die Überlieferung zurück, daß der Glarner Oberleutnant Thomas Legler das Lied am 28.November 1812 vor der Schlacht an der Beresina angestimmt habe. Die 3.Zeile lautet eigentlich: «Jeder hat in seinem Gleise …«↩
2
J. W. Goethe, Bundeslied (1775), Anfang der 1.Strophe: 📖
In allen guten Stunden,
Erhöht von Lieb’ und Wein,
Soll dieses Lied verbunden
Von uns gesungen sein! …
↩
3
Aus Strophe 3 des Liedes 342 (EKG 201) «Ein feste Burg ist unser Gott» (1529) von M. Luther 🎵(4. Zeile: «es soll uns doch gelingen»).↩
4
Schweizerischer Nationalfeiertag zur Erinnerung an den Rütlischwur als das (legendäre) Gründungsdatum der Eidgenossenschaft; erstmals 1891 begangen, seitdem allmählich eingebürgert.↩
5
Der genannte Freund ist der Zürcher Nervenarzt Dr. Hans Huber (1889–1963). Der Vers ist der Refrain des Gedichtes «Entsagung» (1857) von Heinrich Leuthold (1827–1879), in: H. Leuthold, Gesammelte Dichtungen in drei Bänden, hrsg. von G. Bohnenblust, Bd. 1, Frauenfeld 1914, S. 60f. 📖 (Es existiert auch eine — von E. Geibel mit Einverständnis des Dichters — veränderte Fassung des Gedichts, in der der Refrain lautet: «Verlangend Herz, sei du dir selbst genug!» So in: H. Leuthold, Gedichte, Frauenfeld 19065, S. 11–13 📖.)↩
6
Vgl. z. B. Abenteuer und Reisen des Freiherrn von Münchhausen. Neu bearbeitet von E. Zoller, Stuttgart o. J. (1872), S. 57f. 📖↩
7
Aus Strophe 2 des Liedes 342 🎵 (vgl. Anm. 3).↩
8
Heidelberger Katechismus (1563) 📖, Frage 1: «Was ist dein einiger Trost im Leben und im Sterben? — Daß ich mit Leib und Seele, beides, im Leben und im Sterben, nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesu Christi eigen bin …».↩
9
Christoph Barth (geb. 1917) war 1947–1965 im Auftrag der Basler Mission in Indonesien, zuerst als theologischer Lehrer und Rektor eines kirchlichen Seminars in Banjarmasin, seit 1954 als Professor für Altes Testament an der Kirchlichen Hochschule in Djakarta. ↩