Predigt: Psalm 73,23: "Dennoch bleibe ich stets bei dir"
Ich will versuchen, euch das, was wir eben gehört haben, kurz zu erklären. Ihr werdet sehen, daß jedes Wort wichtig ist.
«Dennoch», so beginnt es. Dennoch: das heißt trotzdem, oder, wie wir in der Schweiz sagen: einewäg! Dennoch: das ist ein Kampfruf gegen eine uns angehende Macht, eine drohende Störung, Belastung, Gefährdung. Vielleicht durch einen schwer wieder gutzumachenden Verlust, den einer erlitten hat, vielleicht durch «Verhältnisse», wie man sagt, an denen Andere, vielleicht auch und vor allem wir selber schuldig sind, vielleicht durch einen Menschen oder mehrere Menschen, mit denen wir nicht auskommen, die uns so recht im Wege sind, vielleicht auch durch unseren eigenen Charakter, durch uns selbst, wie wir ein Jeder sind.
Ihr habt vielleicht auch schon einmal das Lied gehört, vielleicht sogar mitgesungen:
Jeder! Nicht nur du, auch ich, nicht nur wir hier, auch die da draußen in der Stadt, jeder Mensch, alle Menschen in der ganzen Welt. Und hinter dem Kummer, den ein Jeder hat, steht der große Kummer einer Welt, die nicht in Ordnung ist, sondern die eine verworrene, eine dunkle und gefährliche Welt ist, steht der Kummer des Menschen, wie er ist: nicht gut, sondern ein hochmütiger, ein träger, ein verlogener Tropf, der darum nicht gut dran, der darum im Elend ist!
3 Nicht wahr, das wäre eine große Sache, wenn man dem allem gegenüber so dran sein dürfte: Dennoch!?
Dennoch bleibe ich: das würde heißen, dennoch, trotz allem dem lebe ich, will ich gegen den Strom schwimmen, nicht nachgeben, nicht verzweifeln, nicht untergehen, sondern durchhalten und mehr als das: Zuversicht und Hoffnung haben, drüber sein und nicht drunter! Nicht wahr, wer dazu frei wäre, im Kleinen und im Großen, in seinem eigenen Kummer und in dem Kummer der Welt und des Menschen, der dürfte sich dessen wohl freuen: Dennoch bleibe ich!
Dennoch bleibe ich stets, das heißt immer, garantiert und unter allen Umständen, durch dick und dünn, also nicht nur gelegentlich, nicht nur am Morgen, sondern auch am Abend, wenn es dunkel wird und wenn die Nacht kommt, nicht nur «in allen guten Stunden»2, sondern auch in den bösen, nicht nur, wenn man Nachrichten bekommt, die einen freuen, sondern auch wenn die anderen kommen, dauernd, beständig, auch in der Enttäuschung, auch in der Niedergeschlagenheit! Wie es in einem Kirchenlied heißt, das ihr wohl kennt, dem Liede
Liebe Brüder und Schwestern, die Bibel, in der diese Worte stehen, ist eine einzige Einladung an uns alle, und wenn wir Gottesdienst feiern wie jetzt hier, dann bedeutet das, daß diese Einladung jetzt an uns ergeht, an uns alle: wir können und dürfen das nachsagen in unserem Herzen: Dennoch bleibe ich stets! Wir alle: nicht nur die sogenannten Guten, sondern auch die sogenannten Bösen, nicht nur die Glücklichen, sondern auch die, die sich für sehr unglücklich halten, nicht nur 4 die Frommen, sondern auch die, die sich für weniger oder auch für gar nicht fromm halten, Alle! sind eingeladen. Ist euch das klar, daß die Heilige Schrift ein Freiheitsbuch ist und der Gottesdienst eine Freiheitsfeier? Viel wichtiger als die ganze schöne Bundesfeier vom 1.August, die ja heute wieder einmal zur Erinnerung an 1291 gefeiert wird!4 Die Feier der Freiheit, meine Brüder und Schwestern, das zu sagen: «Dennoch bleibe ich stets …»
Aber jetzt müssen wir alle gut Achtung geben: ich möchte 100 gegen 1 wetten, wenn es uns jetzt überlassen wäre (uns allen), so würden wir fortfahren: Dennoch bleibe ich stets — bei mir! Bei meinem Kopf, bei meiner Ansicht, bei meiner Meinung, bei meinem Standpunkt und bei meinem Recht! Bei dem, was ich zu wünschen und was ich zu fordern habe! «Dennoch bleibe ich stets», das würde dann heißen: allem zum Trotz sich selber behaupten, um sich an sich selbst zu halten! Ich habe einen guten Freund, der hat ein Lieblingswort, das er gerne zitiert, aus einem Gedicht des Schweizer Dichters
In der Bibel, dem Freiheitsbuch, lesen wir Anderes: Dennoch bleibe ich stets bei dir! Meine Freunde, könnt ihr euch einen Menschen vorstellen, der in der tiefsten, schwärzesten Finsternis ist, und auf einmal darf er Licht erblicken? einen Menschen, der am Verhungern ist, und auf einmal gibt ein Anderer ihm ein Stück Brot? einen Menschen, der am Verdursten ist, und auf einmal reicht man ihm einen Trunk? So ist es, wenn Einer das «bei mir» hinter sich hat und dafür vor sich: Dennoch bleibe ich stets bei dir!
Aber was ist das für ein Du? Ist das ein Mensch? Ja, da begegnet uns in der Tat Einer mit einem Menschengesicht, einer Menschengestalt, einer Menschenhand und Menschensprache. Einer, der in seinem Herzen auch seinen Kummer trägt, und nicht nur seinen, sondern den Kummer der ganzen Welt. Einer, der unsere Sünde und unser Elend auf sich nimmt und von uns hinweg nimmt! Der das kann, weil er nicht nur ein Mensch ist, sondern auch Gott ist, der allmächtige Schöpfer und Herr, der dich und mich viel besser kennt, als wir selber uns kennen, und der dich und mich viel mehr liebt, als wir selber uns lieben können. Der un|7ser Nächster ist, näher als wir selber uns sein können, zu dem wir Du sagen dürfen.
Weißt du, wer der ist? In dem gleichen Kirchenlied, das ich vorhin anführte, hören wir die Antwort:
Aber jetzt fragt ihr gewiß: Wie kann man denn das? Und 6 darauf möchte ich euch gleich antworten: Das kann man nicht. Es gibt aber etwas Besseres als das, was «man kann». Und da steht es: Du hältst mich.
Also: ich halte durch, weil du mich hältst. Ich bleibe, weil du mir bleibst. Ich sage Dennoch!, weil du mir Dennoch! sagst: zu mir, der das nicht kann, zu mir, der das nicht verdient hat. Du sagst Dennoch! zu mir, der ich bin, wie ich bin, und getan habe, was ich getan habe, und tue, was ich tue, zu mir, der ein Zweifler sein mag, ein Kleingläubiger, vielleicht sogar ein Atheist. Darum, weil du mich so hältst, sage ich: Dennoch bleibe ich stets bei dir. Ich sage es darum, weil mein Kummer offenbar nicht meine, sondern deine Sache ist, weil du meinen Kummer und den Kummer aller Menschen auf dein Herz genommen, in dein Leben hineingenommen und in deinen Tod ans Kreuz getragen hast, weil du ihn in deinem Tode besiegt hast, weil ich mit Leib und Seele, im Leben und im Sterben «nicht mein, sondern meines getreuen Heilandes Jesu Christi Eigentum bin»8
Du hältst mich, und darum wage und sage ich es: Dennoch bleibe ich stets bei dir!
Aber jetzt müssen wir noch ein Letztes beachten. Es heißt: Du hältst mich bei meiner rechten Hand. Die rechte Hand, das ist die Hand, mit |8 der der Mensch stark und geschickt ist (sofern er nicht gerade ein Linkshänder ist), mit der er arbeitet, mit der er schreibt, mit der er im Notfall auch kämpft; die rechte Hand, das ist die Hand, die er dem anderen Menschen «gibt», wenn er ihn ernstlich grüßen will. Die rechte Hand, das meint: wir selbst, und zwar wir selbst, wo es gilt, wo es uns ernst ist, wo wir unser Herz haben. — Und nun heißt es nicht, wir sollen dem lieben Gott unsere rechte Hand geben. Das ist gar nicht nötig — wir kommen zu spät — Er hält uns bei unserer rechten Hand, das heißt: er nimmt uns dort ernst, 7 wo es für uns ganz ernst ist. Das ist die Situation. Ich werde nie vergessen, wie einer meiner längst erwachsenen Söhne, der jetzt Missionar in
Und nun möchte ich kurz schließen mit der Frage: Wer bist du? Wer bin ich? Antwort: einer, den Gott bei seiner rechten Hand hält und dem er damit das Bekenntnis der Treue und den großen Trost ins Herz und auf die Lippen legt: Dennoch bleibe ich stets bei dir. Ehre sei dem Vater und dem Sohn und dem Heiligen Geist, wie er war im Anfang und heute ist und immer sein wird von Ewigkeit zu Ewigkeit!
- Nr. 72: «All Morgen ist ganz frisch und neu» von
J. Zwick , Strophen 1–4 (= EKG 336, Str. 1, zwei dort fehlende Strophen und Str. 2) - Nr.
343: «Erhalt uns, Herr, bei deinem Wort» von
M. Luther , Strophen 1–3 - Nr. 39: «Mein ganzes Herz erhebet dich» (nach Ps. 138), Strophen 1–3
- Nr. 44: «Nun danket alle Gott» von
M. Rinckart , Strophe 2