Man pflegt das, was als Gebet und Bibelwort bei einer solchen Trauer- und Gedenkfeier laut wird, als deren «kirchlichen Rahmen» zu bezeichnen. Das Bild in diesem Rahmen wäre dann wohl das, was wir Menschen uns in solcher Stunde in dankbarem und wehmütigem Rückblick auf das Leben, die Gestalt und die Leistung des Verstorbenen bewegten Herzens zu sagen haben. Wie sollte das hier von unserem Paul Basilius Barth nicht auch gesagt werden? Aber eine Umkehrung dürfte am Platze sein. Kann auch das Beste und Gründlichste, was wir uns jetzt zu sagen haben, mehr sein als der Rahmen zu dem, was Gott uns in dieser Stunde zu sagen hat? Versteht mich wohl: Gott! Ich habe es auf besonderen Wunsch unseres Verstorbenen übernommen, auf das, was Gott uns zu sagen hat — was er allein uns sagen kann und selber sagen will — hinzuweisen, nur eben hinzuweisen! Mit meinem Vermögen dazu mag es stehen, wie es will. Bedenkt aber wohl: Gott ist nicht der Rahmen, sondern das Bild. Gott ist nicht am Rande, sondern «Gott ist in der Mitte, Alles in uns schweige und sich innigst vor ihm beuge»2. Ich glaube, daß Paul Basilius Barth im letzten Grunde immer gewußt hat, daß es so sein muß. Jetzt weiß er es sicher, und zwar besser als wir alle.
Sehr Viele von euch haben ihn viel länger und wohl auch vielseitiger und genauer gekannt als ich. Er und ich sind uns trotz verwandtschaftlicher Nähe erst im Lauf der letzten Jahre richtig begegnet und sind merkwürdiger Weise — zwei so verschiedene Menschen auf äußerlich so verschiedenen Wegen — in unserem Alter fast plötzlich Freunde geworden. Meine Gedanken darüber, in was wir uns eigentlich so 2 gut verstanden haben und verbunden fanden, will ich hier nicht ausbreiten. Er hat mir viel auch aus seinem früheren Leben erzählt und angedeutet, und es wurde mir nicht schwer, in dem alten Mann den jungen, und umgekehrt: in seiner Vergangenheit seine Gegenwart zu sehen und zu verstehen. Alles in Allem will ich nur das bekennen, daß ich ihn genau so, wie er war, lieb gehabt habe und daß er mir nun, da er dahingegangen ist, in einem für mich sehr besonderen Sinn des Wortes fehlen wird.
Indem ich in diesen Tagen von daher über ihn nachdachte, hat sich mir das Schriftwort aufgedrängt — als ein aus der Höhe Gottes über ihn |26 und zu uns gesagtes Wort —, das ich vorhin vorgelesen habe: das Wort von dem Mann, der, da er jünger war, sich selbst gürtete und wandelte, wohin er wollte, um dann, als er alt wurde, seine Hände auszustrecken, von einem Anderen sich gürten und dahin führen lassen zu müssen, wohin er nicht wollte. Der Apostel Petrus war der Mann, zu dem das gesagt wurde. Und der es zu ihm gesagt hat, war nicht der Erste, Beste, sondern war Jesus. Paul Basilius Barth war wahrlich kein Apostel. Er hat aber mit diesem Petrus jedenfalls das gemeinsam, daß derselbe Jesus ihm jetzt unmittelbar gegenübersteht und ihm viel, viel zu sagen hat, worunter dann wohl auch das sein mag, was er damals dem Petrus gesagt hat, so daß es uns wohl erlaubt und geboten ist, zuzuhören, weil es auch uns angeht.
Da du jünger warst, gürtetest du dich selber und wandeltest, wohin du wolltest. «Sich gürten» beschreibt in der Sprache der Bibel die Rüstigkeit, in der ein Mensch sich zu einem Marsch und zur Erreichung eines Zieles in Bewegung setzt: nach seinem freien Gutfinden dahin, wohin zu gelangen er sich vorgenommen hat. Ist das nicht unser dahingegangener Freund, wie er leibte und lebte? Wie ist er in die Welt hinausgestürmt! «In den Ozean fährt mit tausend Masten der Jüngling.»3 Wie hat er sich von älteren und neueren Konventionen und Meinungen, Routinen frei zu machen, seinen eigenen Weg sich zu bahnen versucht! Wie hat er zu begehren und zu genießen gewußt! Wie haben vor allem seine unvergeßlichen hellen Augen getrunken von dem goldenen Überfluß der Welt!4 Wie konzentriert hat er aber in allen Jahrzehnten seines Lebens gearbeitet, und wie männlich ernsthaft hat er dabei eine bestimmte Linie seines Schaffens gesucht und immer frisch ausgezogen, auf dieser Linie weitere und weitere Aufgaben gesehen, in Angriff genommen und hinter sich gebracht! Wie hat er das Land und das Wasser, das stille Dasein auch der kleinen Dinge und nicht zuletzt das menschliche Angesicht in immer neuen Gestalten entdeckt, erforscht, erfaßt und vor uns hingestellt! Wie 3 fragte er uns in seinem Schaffen: ob wir uns |27 denn an den Formen und Farben, in denen er das alles erfaßte und wiedergab, nicht mit ihm freuen könnten und wollten? Denn er hatte ein unruhiges, ein sehr kritisches, aber auch sehr verlangendes Herz, in welchem er, seiner Sache ganz hingegeben, endlich und zuletzt nach Menschen, nach ihm nahen Menschen suchte. Ja: «und wandeltest, wohin du wolltest» — nicht nur in seiner Jugend, sondern so auch in seinem Alter! Denn es brauchte keine große Menschenkenntnis, um zu sehen, wie auch in dem alten Paul Basilius dieses jugendliche Wollen nach allen Seiten blitzte. In diesem Wollen wurde er der Künstler, der er war, in seiner Art exemplarisch für das Wollen einer ganzen Generation von Künstlern. Und ich möchte hinzufügen: in diesem Wollen ist er ein echter Mensch geworden und geblieben. Denn zu solchem Wollen werden und sind wir Menschen freigegeben. Sehe ein Jeder zu, welches die an seinem Ort gerade ihm gegebene Freiheit ist: daß er sich also nicht für frei halte, wo er es gerade nicht ist! Und sehe ein Jeder zu, daß er von der ihm gegebenen Freiheit den rechten, vollen, treuen Gebrauch mache! Hier geht es um die große Frage von Wahrheit und Irrtum, Recht und Unrecht in jedem Menschenleben, hier um des Menschen Verantwortlichkeit vor Gott. Ihm sind wir, indem wir wandeln, wohin wir wollen, Rechenschaft schuldig. Das Leben von Paul Basilius Barth mit seinem freien Wollen liegt nun abgeschlossen hinter ihm. Wir aber haben noch die Möglichkeit und allen Anlaß, zu bedenken, was wir tun, indem wir noch und noch wandeln, wohin wir wollen.
Aber nun hören wir ja da auch etwas diesem Ersten scheinbar ganz Fremdes: Wenn du aber älter geworden bist, wirst du deine Hände ausstrecken, und ein Anderer wird dich gürten und dahin führen, wohin du nicht willst. Bemerken wir wohl: jetzt kommt das Entscheidende. Wieder geht es offenbar um die Zurüstung zu einem Marsch und zur Erreichung eines Zieles. Aber nun offenbar in ganz anderer Richtung: nun darum, daß derselbe Mann, statt sich selbst zu gürten, von einem Anderen gegürtet wird, und statt zu wandeln, wohin er will, von diesem Anderen geführt wird, wohin er nicht will. Erkennen wir unseren Freund nicht auch in diesem Bild, von dieser Seite: deutlicher den älteren, aber im Grunde doch auch schon den jüngeren Paul Basilius? Er wandelte wohl, wohin er wollte, aber indem er das tat, ist ihm — nicht erst zuletzt, sondern, erkannt oder unerkannt, wohl von Anfang an — auch dieser Andere entgegengetreten, hat ihn aufgehalten, hat sein Wollen |28 nicht einfach direkt und ganz zum Vollbringen werden lassen, hat ihn begrenzt. Und nun hat er sein Wollen und sein 4 Vollbringen endgültig — die Sache ist so ernst wie der Tod und die Ewigkeit — zum Stillstand und zum Abschluß gebracht. Paul Basilius Barth war nicht der siegreiche Kämpfer, geschweige denn der Triumphator, als der er Manchem von weitem erscheinen mochte. Die Helligkeit seiner Kunst verbirgt nicht, sondern verrät dem, der sehen kann, daß er Schweres auf sich genommen und daß das Leben ihm auch Schweres zu tragen gegeben hat. Es war da ja auch Irrung und Wirrung. Es ist ja in diesem Leben — wie in unser aller Leben — auch gefehlt und übertreten worden: nicht ohne daß dafür so oder so zu bezahlen war. Da greift dann eben in unserem Leben der Andere ein, um uns zu führen, wohin wir nicht wollen. Und so war gerade das gesunde, starke Selbstbewußtsein unseres Freundes durch eine seltsame, fast erschrockene Schüchternheit in Schach gehalten. Große Ansprüche und andere große Worte konnten von da aus seine Sache nicht sein. Es gehört hieher, daß er bei seiner Arbeit offenbar nie dahin kommen konnte, mit dem Anschauen seiner Gegenstände für einmal fertig zu werden, den Pinsel für einmal hinzulegen, mit sich selbst für einmal zufrieden zu sein, sondern daß er immer noch und noch einmal — an einem seiner Selbstbildnisse soll er ja über sechs Jahre gearbeitet haben — etwas an seinen Werken zu ändern, zu verbessern, zu verfeinern, zu vertiefen fand. Und nun eben der erstaunliche Prozeß, der sich gerade in der immer wieder fortgesetzten Reihe seiner Selbstdarstellungen bis hin zur letzten abzeichnete. Es war nicht das eitle Bedürfnis der Selbstbespiegelung, sondern es war so etwas wie ein unheimlicher Zwang, unter dem er stets aufs neue darauf zurückkommen mußte, zu sagen und zu zeigen, wie er sich selbst verstand. Man halte gleichzeitige Photographieen seines Antlitzes neben diese Bilder und achte darauf, wie er sich in seinem Selbstverständnis offenbar weiter und weiter von den Zügen entfernt hat, in denen wir Anderen ihn zu sehen vermeinten. In welcher Richtung? Ich frage mich, ob man das Richtige trifft, wenn man von Skepsis, Resignation, Schmerz redet, die da mehr und mehr in die Erscheinung getreten seien? Genügt es nicht, etwas allgemeiner und neutraler, aber nicht weniger gewichtig, zu sagen: daß er offenbar, indem er wirkte, solange es für ihn Tag war, die Schatten der Nacht, in der niemand, in der nun auch er nicht mehr wirken kann [vgl. Joh. 9,4], immer länger werden sah, sich mit sich selbst im|29mer schärfer auseinandersetzen mußte? Ich kann nicht beurteilen, ob auch diese und vielleicht gerade diese Seite seiner Kunst zu dem gehört, was man wohl ihre Größe nennen darf. «Du wirst 5 deine Hände ausstrecken», heißt es in dem Wort Jesu. Was bedeutet das? In erschrockener Abwehr? oder nach Hilfe? oder in Bereitschaft, sich binden und führen zu lassen? oder in unbewußter, vielleicht auch bewußter Anbetung? Es kann das alles bedeuten, kann auch in dem bedrängten Leben von Paul Basilius Barth etwas von dem allem bedeutet haben. Forschen wir nicht nach! Gott kannte ihn besser, als wir ihn kannten, und besser, als er sich selber kannte. Das ist sicher, daß er, auch indem er sich nach dieser Seite — nach des Lebens Schattenseite — so gar nicht zu verbergen wußte, ein echter Mensch gewesen ist. Denn auch dieses Zweite gehört zu unserer menschlichen Bestimmung, gehört sogar als Letztes dazu, daß unser freies Wollen, und wäre es das beste und freudigste, gehemmt, durchkreuzt, unterbrochen und schließlich abgebrochen wird, daß wir uns selbst fremd werden müssen: dadurch nämlich, daß wir auf jenen Anderen stoßen, der uns führt und schließlich gänzlich hinwegführt, wohin wir nicht wollen. Daß wir das begreifen und annehmen, daß wir uns das Wachsen des großen Schattens gefallen lassen, das ist die Probe darauf, ob wir vor und unter Gott und in unserer ganzen Geringfügigkeit, in allen unseren Widersprüchen mit ihm im Frieden leben. Vor und unter Gott! Denn nicht die Natur, nicht das sogenannte Schicksal oder eine andere anonyme Macht ist der Andere, der uns führt und schließlich hinwegführt, wohin wir nicht wollen, sondern der eine, strenge, aber auch barmherzige Gott, der es auch nach dieser Seite recht mit uns meint und macht. Nicht von einem Tyrannen, sondern von dem, der sein Vater und durch ihn auch unser Vater ist, hat Jesus geredet, wenn er dem Petrus diesen Anderen, sein hartes Tun und Walten angekündigt hat. Wir, die zunächst Betroffenen und wir Anderen mit ihnen, blicken unserem hinweggeführten Freund jetzt nach und erfahren es damit, daß die Hand, die ihn weggeführt hat, auch uns anrührt: die Hand Gottes. Wollen wir uns gegen diesen Gott auflehnen, weil er den Tod zwischen unseren Freund und uns hat hineintreten lassen, oder wollen wir ihm danken, weil er es gerade in seinem Tod so gnädig mit ihm gemacht hat? Laßt uns über beides hinaus daran denken, daß dieser Gott wohl der Herr auch des Todes, aber eben als sein Herr nicht an ihn gebunden, daß er der Gott der Lebendigen und nicht der Toten ist. |30 Ihm, vor Ihm, in Seinem Licht leben sie alle [vgl. Lk. 20,38]: auch Paul Basilius Barth, der nun nicht mehr unter uns ist. Laßt uns an das ihm und uns verheißene ewige Leben denken.
6 «Wahrlich, wahrlich, ich sage dir …». Noch einmal: nicht irgend Einer, sondern Jesus hat gesagt und sagt uns, was wir jetzt von ihm gehört von des Menschen Gehen, wohin er will, und von seinem Geführtwerden, wohin er nicht will. Weil von Jesus, ist es mit höchster Autorität und mit entscheidender Macht gesagt. Von ihm her das Licht, das wir, wenn wir aufmerken, hineinfallen sehen: in das abgeschlossene Leben unseres Paul Basilius Barth und in unser eigenes noch nicht abgeschlossenes Leben. Und so hört jetzt Alles noch einmal in zwei Versen aus einem Lied von Paul Gerhardt — sie kommen mir vor wie eine einfachste Erklärung und Anwendung des uns von Jesus Gesagten:
Wie oft bist du in große Not
durch eignen Willen kommen,
da dein verblendter Sinn den Tod
fürs Leben hat genommen.
Und hätte Gott dein Werk und Tat
ergehen lassen nach dem Rat,
in dem du’s angefangen,
du wärst zu Grund gegangen.
Der aber, der uns ewig liebt,
macht gut, was wir verwirren,
erfreut, wo wir uns selbst betrübt,
und führt uns, wo wir irren;
und dazu treibt ihn sein Gemüt
und die so reine Vatergüt,
in der uns arme Sünder
er trägt als seine Kinder.
5
Amen.