Predigt: 2 Korinther 5,11: "Vor dem Richterstuhl Christi"
Wir wissen alle, was das heißt: vor Gericht kommen. Ich kann mich selbst da ohne weiteres einschließen. Denn vor nun bald dreißig Jahren, in der Hitlerzeit also, in
Ich erzähle es denn auch nur, um euch an das zu erinnern, was ihr ja |228 selbst besser als ich kennt: wie das ist und zugeht, wenn man vor ein menschliches Gericht kommt. Inmitten vieler Menschen sitzt da — und Aller Augen sind auf ihn gerichtet — der Angeklagte, um von anderen Menschen wegen dessen, was er 90 getan, zur Rechenschaft gezogen zu werden. Festgestellt wird nun, was nach menschlicher Einsicht in seiner Sache offenbar ist. Und erkannt wird nun, was ihm deshalb nach menschlichem Urteil zukommen soll. Womit er sich dann wohl oder übel abzufinden hat! Vielleicht, daß er appellieren kann und will, was aber doch nur bedeuten wird, daß er noch einmal vor ein anderes menschliches Gericht kommt. Und dann geht das Leben weiter: für alle beteiligten Personen und so auch für ihn, den Angeklagten und nun Verurteilten. Andere Ereignisse folgen, und wer weiß, ob er nicht später statt einer Strafe gelegentlich — wohlverstanden: wieder nach menschlichem Ermessen — einen Preis bekommen wird?2
Wie ist das alles so klein, fast lächerlich, wie versinkt das alles verglichen mit dem, was uns jetzt in unserem Text durch den Apostel
Wenn das geschieht, geht nämlich das Leben nicht weiter, weder in die Tiefe noch in die Höhe. Was jetzt ist und passiert, damit ist es dann zu Ende. Alles — der Himmel und die Erde in ihrer jetzt sichtbaren Gestalt, die Weltgeschichte, wie wir sie jetzt sehen und beurteilen, wir selbst mit Allem, was wir waren, sind und sein werden — dieses Ganze wird dann vergangen, d. h. vorübergegangen sein. Auch mit allen menschlichen Gerichtsszenen und Preisverteilungen wird es dann vorbei, sie werden dann nur noch gewesen sein: Alles zu einem einzigen großen Gestern geworden. Ein Traum, hat man wohl schon gesagt.3 Aber nein! Es war kein Traum, es war schon unser wirkliches Leben, nur daß es dann unwiderruflich abgeschlossen dahinten liegen, gestern gewesen sein wird.
Was dann? Wir hören: eben dieses unser wirkliches, nun aber ganz und gar gestrig gewordenes Leben wird dann offenbar 91 werden. Es |229 liegt jetzt eine Decke darüber. Wir sehen jetzt Vieles, das Meiste, im Grunde Alles durchaus nicht so, wie es wirklich ist: auch uns selbst nicht so, wie wir wirklich sind. Und so sehen uns auch die Anderen nicht. So sieht uns Gott schon jetzt: sieht, was da vorgeht in unserem Innersten — sieht, was wir meinten und wollten von unserer Jugend an und was wir heute meinen und wollen — sieht, wie es stand und steht und noch stehen wird zwischen uns und unseren Mitmenschen — sieht, was wir erreicht und ausgerichtet haben und etwa noch erreichen und ausrichten werden — sieht, wer und was wir eigentlich sind. Wir sehen es jetzt nicht so. Wir sehen es nach anderen Worten des Apostels
Wir müssen dann alle offenbar werden, heißt es. Es wird dann also kein Verstecklis-Spiel geben wie das, das der
Und nun kommt erst die Hauptsache: Eben mit diesem Offenbarwerden werden wir, wird unser jetziges wirkliches Leben ins Gericht kommen. Das hereinbrechende Licht wird nämlich zeigen, ob es im Einzelnen und im Ganzen ein aufrichtiges oder ein verlogenes, ein schö|230nes oder ein wüstes, ein in Liebe oder ein in Gleichgültigkeit oder Haß gelebtes, ein brauchbares oder ein unbrauchbares Leben gewesen ist. Es wird dann zur Krisis kommen. «Krisis» bedeutet Scheidung. Also: es wird dann eine Scheidung durch Alle und durch Alles hindurchgehen wie ein scharfes Messer. Und mit größter Pünktlichkeit wird es dann zur Entscheidung darüber kommen: wer und was wir waren, ob wir also auf die rechte, die gute — oder auf die linke, die böse Seite zu stehen kommen.
Sicher: göttlich und nicht mehr menschlich wird da gerichtet, nach göttlicher und nicht mehr nach menschlicher Weisheit und Gerechtigkeit wird da geschieden, entschieden und geurteilt werden. Und das bedeutet, daß wir Anlaß bekommen werden, uns zu wundern darüber, wieviel Erste da als Letzte, wieviel Letzte da als Erste erscheinen werden [vgl.
Was sollen wir dazu sagen? Wie werden wir da bestehen? Was wird da aus uns werden? Haben wir einen Trost, indem uns unser Weg unvermeidlich diesem Gericht entgegenführt? Um da Antwort zu bekommen, müssen wir ganz neu und besonders darauf achten, daß es heißt: vor dem Richterstuhl Christi müssen wir alle offenbar werden. Also nicht vor dem Thron irgend eines höchsten, unbekannten Weltrichters wie der, den sich manche Heiden in Furcht und Schrecken ausgedacht haben! Nein: vor eben dem, der uns von Ewigkeit her und dann in sei|231ner Geburt im Stall von
Denn bedenken wir: Es wird dann gerade auch das offenbar werden, daß wir täglich und stündlich gegen ihn, diesen Mittler unseres Heils, gesündigt haben. Gerade an ihm vorbei haben 94 wir nach anderen Göttern, die doch nur Götzen waren, ausgeschaut und gefragt. Gerade ihn haben wir in unseren Mitmenschen, seinen Brüdern und Schwestern — diesen oft so beschwerlichen, so bösen, so verrückten und immer so armen Mitgeschöpfen — übergangen, verachtet, gehaßt. Gerade ihn, gerade seine freie Gnade haben wir, indem wir nicht auf sie, sondern auf unsere eigene Unschuld, Bravheit und wohl auch Frömmigkeit bauen und trotzen wollten, verworfen. Kurz gesagt: gerade als seine Feinde haben wir gelebt. Und sollen nun gerade vor seinem Richterstuhl erscheinen. Soll uns das eine tröstliche Aussicht sein, dann werden wir das einsehen und zugeben müssen, daß wir gerade gegen ihn gesündigt haben und noch sündigen, daß wir gerade ihm als unserem Richter gegenüber ganz und gar unentschuldbar sind. Tröstlich kann uns jene Aussicht nur sein, wenn und indem wir uns allein daran halten, daß er ja gerade die, die es nicht um ihn verdient haben, angenommen hat — daß er denen vergab, die ihn ans Kreuz schlugen und als den Gekreuzigten verhöhnten [vgl.
Bedenken wir dasselbe noch etwas anders: Es wird dann gerade das offenbar werden, daß er, Jesus Christus, der wahre Gottessohn und |232 wahre Menschensohn, der dann unser Richter sein wird, zuvor genau dorthin getreten ist, wohin von Rechtswegen wir alle gehören müßten: unter Gottes Gericht und Todesurteil, auf die linke, die böse Seite, mitten unter die Verdammten und ewig Verlorenen4. So steht es mit uns. Das ist 95 unsere Stelle, unser Ort laut dessen, daß er an unsere Stelle, unseren Ort getreten ist. Wieder kann uns die Aussicht, vor seinem Richterstuhl offenbar zu werden, nur tröstlich sein, indem wir das einsehen und zugeben: dahin gehören wir — um uns dann daran zu halten, daß er als unser Richter noch einmal zu uns heruntersteigen, sich zu uns bekennen, sich an unsere Seite stellen und so sich als unser alleiniger, aber siegreicher Anwalt erweisen möchte. Der große, starke Trost: daß wir gerade ihn, diesen Richter als unseren rechten Anwalt anerkennen und bekennen, an ihn als Diesen glauben, auf ihn als Diesen hoffen, ihn als Diesen lieben dürfen! Billiger ist er, dieser teure Trost, nicht zu haben. So ist er zu haben — und das sofort, ganz und mit ganzer Gewißheit zu haben!
Ich bin am Schluß. Angst vor jenem Licht und Gericht? Ihr habt wohl bemerkt, daß wir sehr ernste Gründe haben könnten, hier Angst zu haben. Aber wenn wir den großen, starken Trost ergreifen und als unseren einzigen Trost im Leben und im Sterben5 gelten lassen, dann fällt der Grund zur Angst, so ernst er sein mag, dahin. Wir haben dann Grund zur Freude — nicht zur Freude an uns selbst, wohl aber zur Freude an ihm, Jesus Christus, der gestern war, heute ist und in Ewigkeit sein wird
[vgl.
- Nr. 80: «Morgenglanz der Ewigkeit» von
Chr. A. Ph. Knorr von Rosenroth , Strophen 1–4 - Nr. 50: «Gelobet sei der Herr» von
J. Olearius , Strophen 1–3
Nr. 50, Strophe 4