Predigt: 1 Johannes 4,18: "Bekehrung oder Furcht ist nicht in der Liebe"
Ihr alle habt gewiß schon das Wort «Bekehrung» gehört. «Bekehrung» heißt: Umkehr, Neuanfang, Antritt eines anderen, besseren Weges im Leben eines Menschen. Über dieses Wort und das, was es bedeutet, ist unter den Christenmenschen aller Zeiten viel nachgedacht und geredet worden. Und so könnte es wohl sein, daß auch dem Einen oder Anderen von euch einmal von irgend Jemandem gesagt worden ist: Was du eigentlich nötig hättest, das wäre, daß du dich ernstlich bekehren würdest! Wohl wahr! Das ist es, was wir tatsächlich alle nötig haben: nötiger als alles Andere: daß wir uns bekehren — nicht nur einmal, sondern alle Morgen, alle Tage aufs neue. So hat es der Reformator
195 Recht verstanden ist auch in dem Wort, das wir vorhin gehört haben, von dieser Sache die Rede, läuft Alles, was da von der Liebe und von der Furcht zu lesen ist, darauf hinaus, daß wir uns bekehren dürfen und dann auch sollen und müssen. Aber das steht doch nur verborgen da, sozusagen zwischen den Zeilen, und darum möchte ich erst zum Schluß wieder darauf zurückkommen. Halten wir uns zunächst an das, was offen dasteht!
«Furcht ist nicht in der Liebe!» In der Liebe! Ist das nicht merkwürdig? Wie wenn das ein Ort, ein Raum, ein Haus wäre, in dem man sein, wohnen, sitzen, stehen und gehen kann! Die Bibel redet auch sonst gerne so. Daß dies und das im Glauben, im Geist, im Herrn, in Christus geschehe oder geschehen müsse, kann man ja da nicht selten lesen. Und mit anderen Worten wird damit wohl jedesmal derselbe Raum, dasselbe Haus beschrieben wie hier, wo es heißt: «in der Liebe».
Und nun hat dieses Haus offenbar auch eine Hausordnung — ihr wißt ja, was das ist! —, und in ihr steht als erster Satz, als § 1: «Furcht ist nicht in der Liebe.» Mit anderen Worten: Furcht hat in diesem Hause nichts zu suchen. Furcht kommt hier nicht vor, ist hier ausgeschlossen. Man möchte fast an das Plakat im Tram denken: «Rauchen verboten!» oder an das auf manchen Bauplätzen: «Für Unbefugte kein Zutritt!» Aber hier wird ja nicht nur ein Verbot ausgesprochen. Hier heißt es einfach: Furcht ist nicht in der Liebe. Die Liebe — die vollkommene Liebe! treibt die Furcht aus. Etwa so, wie schlechte Luft in einem Zimmer ausgetrieben wird, wenn man Türen und Fenster öffnet und einen tüchtigen Durchzug macht! Oder, um eine schöneres Bild zu gebrauchen: so wie im Theater das Geschwätz der Leute aufhört, wenn der Vorhang aufgeht, oder im Konzert, wenn die Musik einsetzt. «Furcht ist nicht in der Liebe.» Ein guter Satz, nicht wahr, ein guter § 1 in einer guten Hausordnung eines guten Hauses!
Aber wenn wir ihn jetzt verstehen wollen, müssen wir einen Augenblick innehalten: Was meinen wir eigentlich, wenn wir von «Liebe» reden — von dem nämlich, was wir als Liebe kennen, als menschliche Liebe? Ja, dazu wäre viel, sehr viel zu sagen. Ich will jetzt nur das anzudeuten versuchen, was mit der uns doch wohl irgendwie bekannten menschlichen Liebe im besten Falle gemeint sein könnte. Sie könnte |196 doch wohl eine schöne, enge Beziehung zwischen Menschen sein: vielleicht auch innerhalb einer ganzen Gruppe von Menschen. Und es möchte sein, daß die Menschen sich in dieser Beziehung zueinander nicht mehr fern noch fremd und gleichgültig oder gar unangenehm wären. Sie haben sich vielleicht kennen, vielleicht sogar verstehen gelernt. Und so haben sie sich gern bekommen: so gern, daß sie nicht mehr ohne einander sein möchten. So suchen sie sich. So begehren sie nach einander. So fehlt ihnen etwas, wenn sie getrennt sind. So möchten sie mit einander, ja für einander da sein. Sie wollen sich nicht für sich behalten. Sie wollen sich Einer dem Anderen anbieten. — Das mag, in ein paar Sätzen beschrieben, im besten Fall die uns bekannte, menschliche Liebe sein.
Ist das nicht schön? Ja, das ist wohl schön, nur fast zu schön, um wahr zu sein. Denn, nicht wahr, im wirklichen Leben begegnet uns auch im besten Fall immer nur so ein bißchen von dieser Liebe, so dann und wann in guten Stunden, im Grunde aber doch recht selten und nur in entfernter Ähnlichkeit mit dem, was da offenbar geschehen und sein könnte und sollte. So etwa, wie man sich und Andere auf einer schlechten Photographie nur gerade mit Mühe oder gar nicht wiedererkennen kann.
Und könnte es nicht auch sein, daß es auch unter euch den Einen oder Anderen geben mag, der jetzt wohl traurig und ein wenig zornig einwenden möchte: In meinem Leben gibt es das überhaupt nicht, von was du da redest? Mich liebt niemand, und ich liebe auch niemanden, geschweige denn so, wie es da beschrieben wurde. Einsam fühle ich mich, ganz einsam, steineinsam in einer Welt ohne Liebe, in der die Leute sich fern und fremd sind, in der sie ohne einander und gegeneinander leben.
Und Eines ist ganz sicher: die Liebe, die wir meinen und kennen, wenn wir dieses Wort aussprechen, treibt die Furcht nicht aus. Im Haus dieser unserer menschlichen Liebe gibt es auch im besten Fall nur zu viel Furcht: Furcht vor den Enttäuschungen, die man trotz Allem miteinander erleben könnte! Furcht davor, daß man einander verlieren könnte! Furcht vor der eigenen Vergangenheit und Zukunft, die wie zwei große Schatten in unser Leben hineinfallen! Furcht vor den Leuten! Furcht vor sich selbst! Furcht vor dem Schicksal! Furcht vor dem Tod und Furcht wohl auch vor dem Teufel! Im Haus der menschlichen Liebe |197 haust auch im besten Fall in vielen Gestalten immer auch die Furcht. Es mag deswegen doch noch ein recht schönes Haus oder doch ein recht schönes Schrebergartenhäuschen sein. Eins aber ist es leider sicher nicht: nicht das Haus mit dem § 1 der Hausordnung: Furcht ist nicht in der Liebe.
Laßt mich jetzt etwas sagen von einem ganz anderen Haus, nämlich von einer ganz anderen, der «vollkommenen Liebe», die nicht nur so ein bißchen vorübergehende, sondern die ganze, die bleibende Liebe ist — und vor allem: die Liebe, in der keine Furcht ist. Auch die Traurigen unter euch sollen jetzt zuhören: auch die, die von einem schönen Haus oder Häuschen menschlicher Liebe nichts zu wissen meinen!
Eine enge Beziehung ist auch die vollkommene Liebe. Aber der Ausdruck «Beziehung» ist zu schwach, um sie richtig zu beschreiben. Sie ist ein Bund und so zum vornherein eine feste, klare und geordnete Sache. Ein Bund ist im Unterschied zu einer bloßen Beziehung eine Sache, auf die man sich verlassen kann und darf: dieser Bund nämlich! Denn wer ist da verbündet? Gott auf der einen Seite: Er, der Herr und Schöpfer, der Freie, der Hohe, der Niemandem etwas schuldig ist, ohne den Niemand und nichts ist und bestehen kann. Er, Gott, begründet, und er erhält diesen Bund. Und nun auf der anderen Seite — es braucht ja Zwei zu einem Bund — wir, du und ich, wir alle!
Wie mag Gott dazu kommen, einen Bund zwischen sich und uns zu wollen, zu begründen, aufzurichten und zu halten? Etwa weil wir so stark und fein und gut sind? Nein, das alles sind wir ja nicht. Etwa darum, weil er uns nötig hätte und brauchte zu irgend einem gemeinsamen Zweck? Nein, Gott wäre nicht Gott, wenn er uns nötig hätte. Oder darum, weil wir es wunderbarer Weise doch gut machten oder mindestens so gut meinten, daß wir es verdient hätten, mit Gott im Bunde zu sein? Kommt nicht in Frage: wir verdienen das durchaus nicht. Die Wahrheit ist, daß Gott diesen Bund gerade nur darum begründet und beschlossen hat und hält, weil das die freie Güte, der freie Wille seiner allmächtigen Barmherzigkeit ist. Er tut es umsonst, «gratis», wie wir zu sagen pflegen. Er schenkt uns dieses Unbegreifliche, dieses Ungesuchte, dieses Unverdiente. «Das ist die Liebe: nicht, daß wir Gott geliebt haben, sondern daß er uns geliebt hat» [
In diesem Haus der vollkommenen Liebe ist keine Furcht. Sie treibt die Furcht aus. Eben dazu liebte und liebt uns Gott, dazu hat er in seinem Sohn sich selbst dahingegeben: damit wir uns nicht mehr fürchten müßten, damit wir zum Fürchten keinen Anlaß und Grund haben sollten. Indem Gott uns liebte und liebt, indem er seinen Sohn für uns dahingab, ist jeder Grund zum Fürchten beseitigt, weggenommen, ausgewischt, zerstört und vernichtet. Was könntest du fürchten? Diesen oder jenen Menschen, von dem du den Eindruck hast, er denke nicht gut von dir, der dir vielleicht auch schon böse Worte gegeben hat, von dem du erwartest, er könnte dir Böses antun wollen? Aber warum fürchtest du ihn? Was kann er gegen Gott tun? Und wenn er nichts gegen Gott tun kann, was dann gegen dich? Er ist wahrlich kein Grund, dich zu fürchten. — Oder du fürchtest dich davor, es könnte dich ein Mensch, den du gern hast, der dir unentbehrlich ist, verlassen, er könnte dir so oder so abhanden kommen? Gott kommt dieser dir werte Mensch ganz bestimmt nicht abhanden. Und weil er ihm nicht abhanden kommt, kommt und wird er auch dir sicher nicht abhanden kommen. — Oder du fürchtest deine Vergangenheit, deine Zukunft, deinen Tod? Sieh zu: du bist mit deiner Vergangenheit und mit deiner Zukunft und in deinen Tod hinein der von Gott geliebte Mensch und wirst das auch über deinen Tod hinaus sein. Was hast du in dem allem zu fürchten, da Gott mit dir und für dich ist, dein Bundesgenosse? — Oder du fürchtest dich — und das könnte der stärkste Grund zum Fürchten sein — vor dir selber: vor deiner eigenen Schwachheit und vielleicht Bosheit, vor den Versuchungen, die dir zu stark werden könnten. Du fürchtest dich vor den |199 Einfällen und Teufeleien, die dir durch den Kopf gehen könnten. Auch dieser Grund zählt nicht. Denn Gott — der Gott, der es mit dir hält — ist größer als dein Herz [vgl.
Ob es noch andere Gründe geben möchte, sich zu fürchten? Gewiß, noch viele, aber keinen einzigen, welcher im Haus der vollkommenen Liebe Raum und Bestand hätte. Und so gibt es keine Furcht, die wir vor irgendetwas oder irgendjemand haben könnten, die nicht durch die Liebe, die vollkommene Liebe ausgetrieben wäre. So ist es!
Ja, jetzt denkt aber vielleicht doch der Eine oder Andere von euch: Das ist alles ganz schön und recht, am Sonntagmorgen in der Kirche wohl einmal anzuhören. Aber wer ist denn da drinnen in diesem Haus der vollkommenen Liebe? Etwa ich? Ich doch wohl nicht! Du kannst lange sagen: «So ist es!» Ich fürchte mich eben doch, jetzt vor diesem, jetzt vor jenem, und das bei Tag und Nacht. Und daraus, daß ich mich fürchte, muß ich doch wohl schließen, daß ich nicht in diesem Hause bin, sondern mich irgendwo da draußen mitten auf der Straße befinde, wo ich beständig nach links und nach rechts schauen muß, weil da irgendetwas dahersausen und mich überfahren könnte. Halt, guter Freund, so denkt und redet ein unbekehrter Mensch. Und wieder und erst recht der unbekehrte Mensch denkt dann weiter: Es möchte wohl schön sein, in diesem Haus zu leben. Wie könnte ich wohl da hinein kommen? Vielleicht indem ich über die Gartenmauer steige und nachher mit einem Nachschlüssel oder unter Zertrümmerung einiger Fenster in sein Inneres komme? Was für eine Kunst, was für ein Krampf, was für eine Anstrengung wird wohl das beste Mittel sein, mich an den Ort zu versetzen, wo ich mich nicht mehr fürchten muß? Halt, meine lieben Brüder und Schwestern, so geht es gerade nicht. Es geht gerade nicht |200 darum, daß wir uns so oder so in das Haus der vollkommenen Liebe von uns aus hineindrängen. Sondern es geht darum, daß diese vollkommene Liebe zu uns gekommen ist. Es geht um den Heiland, der für uns erschienen und da ist. Es geht um das Haus, welches Gott im Himmel gebaut hat für alle Menschen auf unserer ganzen armen Erde, in das wir also einfach eingeschlossen, von dem wir einfach umgeben sind, so daß wir alle gar nicht anderswo sein können als eben da, in diesem Haus, im Reich der vollkommenen Liebe.
Wißt ihr, wo es uns fehlt? Es fehlt uns daran, daß wir — und das ist das Denken, Reden und Tun, das Leben des unbekehrten Menschen — nicht merken, wo wir sind: daß wir nämlich wirklich schon drinnen sind. Wir merken es aber darum nicht, weil wir schlafen und im Schlaf träumen und im Traum uns irren. Und das ist der Irrtum unseres Traumes, daß wir meinen, wir seien ganz anderswo: eben da draußen, ohne Gott in der Welt [vgl.
Was heißt also Bekehrung, Umkehr, Neuanfang, Buße, Weitergehen auf einem anderen, besseren Weg? Offenbar einfach dies, daß wir aufwachen aus unserem bösen Schlaf. Sich bekehren heißt: die Augen auftun, wie wir sie als kleine Kinder nach unserer Geburt zum ersten Mal aufgetan haben, und dann wie in einer zweiten, neuen Geburt entdeckten, wo wir waren. Sich bekehren heißt eben dies: entdecken, daß wir in Wahrheit nicht draußen, sondern ohne Kunst und Krampf in der vollkommenen Liebe sind, in der es keinen Grund zur Furcht gibt: von ihr umschlossen, umgeben, in ihr aufgehoben als in unserem wahren Vaterhaus.
Das geschieht, wenn der Heilige Geist in das Herz eines Menschen hineinredet: solche Entdeckung, solche neue Geburt, solche Bekehrung und damit solches Ende aller Furcht. Denn das sagt der Heilige Geist in unser Herz hinein: «Wache auf, der du schläfst, und stehe auf von den Toten, so wird Christus dir leuchten!» [
- Nr. 76: «Gott des Himmels und der Erden» von
H. Albert , Strophen 1,2,3,5,6 - Nr. 259: «Ist Gott für mich, so trete gleich alles wider mich» von
P. Gerhardt , Strophen 1,3,8,9 (= EKG 250, Str. 1,3,11,12) - Nr. 346: «Lob Gott getrost mit Singen» von
M. Weiße , Strophe 2 (= EKG 205, Str. 3)