Brief Nr. 89 · 7. Juli 1934

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Mit herzlichem Dank sende ich Ihnen den Durchschlag Ihres Briefes an Kittel1 zurück, den v. Soden und ich mit gleicher freudiger Zustimmung gelesen haben. Ich lege zugleich den Durchschlag der Antwort v. Sodens an Kittel2 ein, den ich auch Herrn Wolf3 zu übermitteln bitte. |149 Kittel hat uns des weiteren nichts zugeschickt, und ob Sie uns von seinen ferneren Briefen und Ihren etwaigen Antworten ferner in Kenntnis setzen wollen, überlasse ich gerne Ihnen. So lehrreich mir Ihre Antworten sein werden, so wenig interessant vermutlich Kittels Briefe, in denen wohl, wie bisher, das Pathos das Gefühl der Verlegenheit kompensieren muß.

Heute habe ich noch ein anderes Anliegen. Wir werden (vermutlich am 22.-24. Oktober) unsere traditionelle Marburger Theologen-Zusammenkunft4 veranstalten, ἐὰν ὁ κύριος θελήσῃ5. Wir, d. h. Schlier, Krüger und ich, wagen es, Sie zu bitten, an dieser Tagung teilzunehmen, und wissen, daß diese Bitte auch im Namen aller Teilnehmer ausgesprochen werden darf. Das Thema ist das kirchliche Amt; Schlier hat vorgeschlagen, H. Vogel um ein Referat zu bitten. Mit dieser Bitte brauchten wir Sie also nicht zu bestürmen, — was ich natürlich nur mit Rücksicht auf Ihre Zeit sage; denn wenn Sie den Drang zu einem Referat verspüren, würden wir nur beglückt sein.

Es wird für Sie eine schwere Frage sein, ob Sie Zeit haben, mit uns 2 1/2 Tage lang zu tagen. Aber vielleicht ist die grundsätzliche Frage für Sie noch wichtiger. Sie standen früher unserem Kreis mit Mißtrauen gegenüber; insofern mit Recht, als wir in der Tat meinten, an gewissen theologischen Formulierungen von Ihnen Kritik üben zu müssen. Insofern aber mit Unrecht, als wir selbst nicht wußten und gerne in der Diskussion mit Ihnen gelernt hätten, wie weit unsere Kritik zu gehen habe, ja ob nicht die gegenseitige Kritik weithin oder ganz auf Mißverständnissen beruhe. Jedenfalls haben wir uns nie als ein Forum betrachtet, vor das Sie als Sichverantwortender geladen werden sollten; und ich habe fast das Gefühl, daß Sie uns etwas dergleichen zutrauten. Ich hoffe, daß das Mißtrauen geschwunden ist. Sie sollen uns bußfertig finden angesichts der Sünden, die Sie uns etwa vorzuwerfen haben und die Sie uns ja offen vorhalten werden. Daß Sie Ihrerseits ein Mißverständnis zugeben, möchte ich annehmen, nachdem Sie mir in jener bedeutungs|150vollen Nacht vom 11./12. November 19336 gestanden haben, Sie hätten erwartet, daß ich zu den D. C. gehen würde. Dies mich damals schwer treffende Geständnis hat mich seither dauernd bewegt und ist der Stachel zum δοκιμάζειν ἐμαυτόν7 geblieben; es hat mich aber doch auch erleichtert, da es mir zu zeigen schien, daß Sie mich wirklich auch mißverstanden hatten.

Wie steht es also? Ist das Kriegsbeil zwischen uns begraben? und hätten Sie Lust zu kommen? — Ein Nebenzweck ließe sich damit verbinden, da Ihr Besuch (bei dem natürlich auch Wolf willkommen wäre) ja auch den Anlaß zu einer Konferenz mit v. Soden und etwaigen anderen Gesinnungsgenossen geben würde. — Bitte, erwägen Sie unsere Einladung freundlich!

Ihnen und Ihrem Hause sende ich mit meiner Frau herzliche Grüße!
Ihr
R. Bultmann

P. S. Ich lege nur v. Sodens Brief ein und behalte den Ihren noch für wenige Tage zurück, da ich einen Durchschlag davon machen lassen möchte.

R. B.

Sachfußnoten

1
Der Briefwechsel Kittels mit Barth wurde auf Kittels Bitte hin veröffentlicht: K. Barth / G. Kittel, Ein theologischer Briefwechsel, Stuttgart 1934 📖, — Vgl. dazu G. Niemöller, Die erste Bekenntnissynode der Deutschen Evangelischen Kirche zu Barmen I. Geschichte, Kritik und Bedeutung der Synode und ihrer Theologischen Erklärung (AGK 5), Göttingen 1959, S. 156ff. 📖 und die in Nr. 82, Anm. 4 genannten Arbeiten von L. Siegele-Wenschkewitz 📖.↩
2
Siehe Anh. 22.↩
3
Bultmann und v. Soden standen mit Barths Bonner Kollegen, dem Kirchenhistoriker und späteren Systematiker Ernst Wolf (2.8.1902–11.9.1971), ebenfalls in ständigem Kontakt und wurden durch ihn regelmäßig über die Vorgänge in der Bonner Ev.-Theol. Fakultät unterrichtet. — Siehe Anh. 21, 23 und 24.↩
4
Tagung der «alten Marburger». Thema: Staat und Kirche. Referenten: Heinrich Vogel und Ernst Wolf.↩
5
Jak. 4,15.↩
6
Siehe Nr. 82 und 83.↩
7
Vgl. 1.Kor. 11,28; 2.Kor. 13,5.↩