Anhang Nr. 22 · 25. Juni 1934

Hans Freiherr von Soden an Gerhard Kittel

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Anhang 22

[Brief von Prof. D. Hans Freiherr von Soden, Marburg, an Prof. D. Gerhard Kittel, Tübingen, Durchschlag an Prof. D. Ernst Wolf und K. Barth, Bonn, mit handschriftlichem Vermerk: «Den Hh. Koll. Wolf u. Barth zur vertr. Kenntnis; Rückgabe unnötig. Herzl. Gruß v. S.» (Durchschlag im Karl Barth-Archiv):]

Sehr verehrter Herr Kollege!

Sie waren so freundlich, mir einen Abzug Ihrer offenen Anfrage an den Bruderrat der Bekenntnissynode und Ihres darüber mit Herrn Kollegen Karl Barth geführten Briefwechsels1 zugehen zu lassen, von dem ich natürlich mit besonderem Interesse Kenntnis genommen habe. Da ich Mitglied der Barmer Synode gewesen bin, möchte ich mich der Beantwortung Ihrer Anfrage nicht entziehen. Sie verstehen, daß ich mich dabei möglichst kurz fasse. Wir sind ja beide über den status controversiae ausreichend unterrichtet und wohl auch beide mit theologischer und kirchenpolitischer Korrespondenz stark belastet.

Die Stellungnahme wird mir durch Zweierlei durchaus erleichtert. Einmal dadurch, daß ich an der Fassung der Barmer Sätze in keiner Weise mitgewirkt habe. Ich habe ihnen zugestimmt, mit dem in solchen Fällen ja bei jedem selbständigen Theologen wohl selbstverständlichen Wunsche, daß dies oder jenes in ihnen anders gesagt worden wäre, aber allerdings mit voller gewissensmäßiger Zustimmung und Mitverantwortung dafür, daß die Synode diese Sätze annahm. Wenn ich manches anders gesagt hätte, so soll dies also nicht heißen, daß ich nicht für die Sätze einträte, wie man dies überhaupt sinngemäß in solchen Fällen tun kann, und daß ich sie mir nicht in allem Wesentlichen zu eigen machte. Das zweite erleichternde Moment ist für mich, daß ich ja von meiner kritischen Haltung zur dialektischen Theologie und gerade zu K. Barth oft genug Zeugnis gegeben habe. Daran hat sich auch gar nichts geändert. Ich habe aber stets anerkannt, daß die dialektische Theologie im |262 Sinne des berühmten Korrektivs2 ein großes und echtes Verdienst um die Entwicklung der theologischen Lage hat und damit auch ganz besonders um die der kirchlichen Krisis, in die wir geführt worden sind. Sie hat ja im Übrigen wie alle bisherigen theologischen Fronten auch die dialektische durchaus gespalten, und für meine Stellungnahme in den kirchlichen Fragen ist allein richtunggebend, was einer dazu sagt, und nicht, wer er ist und was er in anderen Fragen als den jetzt auf Antwort drängenden gesagt hat.

Ich glaube auch dies sagen zu dürfen, daß von mir Zeugnisse vor der gegenwärtigen Krisis vorliegen, daß ich das theologische Anliegen Ihrer Frage erkenne und als eigenes bekannt habe, etwa auch in meinem Helsingforser Vortrag über Christentum und Kultur3 und sonst. Ich bin aber der Meinung, daß dieses Anliegen in den Barmer Sätzen auch keineswegs unberücksichtigt ist. Der Staat von Satz 5 ist doch der jeweilige konkrete Staat, der Staat der geschichtlichen Stunde. Was er fordern darf, ist allerdings in Satz 5 und dazu in Satz 1 auch bestimmt begrenzt. Gegen Ihren Zusatzvorschlag habe ich (ich bitte, dies ganz offen aussprechen zu dürfen) entscheidend dies, daß er zweideutig ist. Was Sie in dem Satze «wir verwerfen usw.»4 aussprechen, ist einfach unanfechtbar |263 und m. W. auch unbestritten in seiner prinzipiellen und formalen Haltung, hilft uns aber gar nichts, wenn es nicht in konkreter Bezogenheit auf unseren geschichtlichen Augenblick angewendet wird und wenn nicht ganz deutlich gesagt wird, wie sich denn die Stunde Hitlers und die Verkündigung des Evangeliums zu einander verhalten. Ich weiß nicht, von wem die Formel stammt: «als wäre nichts geschehen.»5 Wenn sie von Barth ist, so beweist ja eben sein Kampf sehr deutlich, wie sie nicht von ihm gemeint ist. Wenn Sie etwa von den beiden akademischen Predigten, die Bultmann und ich im Sommer 1933 gehalten haben und die im «Neuwerk» zusammen gedruckt sind (XV, 2)6, Kenntnis nehmen, so werden Sie nicht behaupten, daß sie gehalten sind, als wäre nichts geschehen, und dasselbe gilt ja doch von allen irgendwie verantwortlichen Äußerungen hüben wie drüben. Die verworfene Formel kann somit nur meinen, daß dem, was geschehen ist und was gewiß nicht ignoriert werden kann und darf, nicht eingeräumt werden darf, daß es das Evangelium nach Botschaft und Forderung alteriert, und das ist ja Ihre Meinung sogut wie unsere. Nicht einig sind wir aber leider darüber, was alteriert und was nicht. Dies scheint mir in den Barmer Sätzen deutlich gesagt zu sein, während es aus Ihrem Satz nicht zu ersehen ist. Es hat mal jemand von gewissen vor einiger Zeit gemachten Vorschlägen zu Verhandlungen m. E. gut gesagt: «Das wäre ein Ausweichen ins Grundsätzliche.» Für mich wäre es eben dies, wenn ich |264 Ihrem Zusatzvorschlag zustimmen wollte, wo ich doch genau weiß, daß damit der Streit nur verdeckt wird, den wir austragen müssen.

Sie wollen freundlich einverstanden sein, wenn ich auf anderes nicht eingehe, insbesondere nicht auf die Verwendung und Auslegung von 1.Kor. 9, die mir anfechtbar erscheint, und auf Ihre Ausführungen gegen Barth, in denen Sie mir ihm eine Beweispflicht zuzuschieben scheinen, die mir Ihnen obzuliegen scheint. Es ist wohl nicht fruchtbar, dies näher zu erörtern. Ich kann nur wünschen, daß Ihre Frage zur weiteren Klärung der Gegensätze beitragen möge; denn nur über eine reinliche und unerschrockene Klärung scheint mir ein Weg zu wirklichem Frieden führen zu können. Daß diese Klärung in gegenseitiger Achtung von Leuten, die einander zugestehen, daß es ihnen um die Sache der Kirche geht, sich vollziehen sollte und auch könnte, ist gewiß unsere gemeinsame Meinung.

Mit kollegialer Begrüßung
Ihr ergebener
von Soden

Sachfußnoten

1
Siehe Anh. 21, Anm. 1.↩
2
Von Soden nimmt damit eine berühmt gewordene Formel Barths auf; s. K. Barth, Not und Verheißung der christlichen Verkündigung (1921), W. G. Th., S. 100 📖 (= ders., Vorträge und kleinere Arbeiten 1922–1925, hrsg. von H. Finze [Gesamtausgabe, Abt. III], Zürich 1990, S. 67f.) 📖: «Sofern Thurneysen, Gogarten und ich wirklich im bekannten Sinn des Worts ‹Schule machen› sollten, sind wir erledigt. Meine Meinung ist wirklich die, es möchte jedermann in seiner Schule und bei seinen Meistern bleiben, nur vielleicht als Korrektiv, als das ‹bißchen Zimt› zur Speise, um mit Kierkegaard zu reden, sich gefallen lassen, was allenfalls in jener Randbemerkung Erhebliches enthalten ist.»↩
3
H. von Soden, Christentum und Kultur in der geschichtlichen Entwicklung ihrer Beziehungen (Gastvorlesung an der Universität Helsingfors am 21.9.1932), in: ders., Urchristentum und Geschichte. Gesammelte Aufsätze, Bd. I: Grundsätzliches und Neutestamentliches, hrsg. von H. von Campenhausen, mit einem Vorwort von R. Bultmann, Tübingen 1951, S. 56–89 📖.↩
4
G. Kittel, Offene Frage …(s. Anh. 21, Anm. 1), in: K. Barth /G. Kittel, Ein theologischer Briefwechsel, a.a.O., S. 4 📖: «Wir verwerfen die falsche Lehre, als ob es zu irgendeiner Zeit oder an irgendeinem Ort eine Verkündigung des Evangeliums ohne Bezogenheit auf den geschichtlichen Augenblick gäbe, welche erfolgen könnte, ‹als wäre nichts geschehen›; eine Verkündigung, die nicht in Angriffsrichtung und in ihrem ganzen Geformtsein durchgängig mitbestimmt wäre durch die von Gott ihr geordnete Stunde von Welt und Volk und Mensch.» Dieser Absatz schließt den von Kittel geforderten Zusatz zur Barmer Theologischen Erklärung ab.↩
5
Die Formel stammt von K. Barth, Theologische Existenz heute!, München 1933, S. 3 (Neuausgabe von H. Stoevesandt [s. Brief Nr. 81, Anm. 3], S. 26) 📖: «… das Entscheidende, was ich heute zu diesen [scil, den gegenwärtigen kirchlichen] Sorgen und Problemen zu sagen versuche, kann ich darum nicht zum Gegenstand einer besonderen Mitteilung machen, weil es sehr unaktuell und ungreifbar einfach darin besteht, daß ich mich bemühe, hier in Bonn mit meinen Studenten in Vorlesungen und Übungen nach wie vor und als wäre nichts geschehen — vielleicht in etwas erhöhtem Ton, aber ohne direkte Bezugnahmen — Theologie und nur Theologie zu treiben.»↩
6
R. Bultmann, Gott ruft uns. Predigt im Akademischen Gottesdienst zu Marburg am 2. Juli 1933 (über 1.Joh. 4,7–12), in: Neuwerk. Ein Dienst am Werdenden, Jg. 15 (1933), Heft 2, S. 70–81 📖 (= VW, S. 247–260 📖); H. von Soden, Vom Amt des Christen. Predigt im Akademischen Gottesdienst Exaudi zu Marburg am Sonntag 28. Mai 1933 (über 1.Petr. 4,8–11), a.a.O., S. 62–70. 📖 ↩