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Ich danke Ihnen für Ihren Brief vom 14. ds. [Monats]. Was ich tun kann, um die Situation zwischen uns nicht nur erträglich, sondern jedenfalls menschlich-freundlich zu gestalten, möchte ich hiemit versuchen.
ad 1) 1. Im W. S. 1929/30 bin ich in Münster Dekan gewesen; in den ersten Tagen des März 1930 habe ich dieses Amt an Fr. W. Schmidt abgegeben1 und verzog bald darauf nach Bonn. Der Breslauer Fakultätentag fand am 9. Oktober 1930 statt. Mir ist schlechterdings nicht erinnerlich, daß schon in Münster irgend etwas die Frage des Kirchenvertrags Betreffendes durch meine Hände gegangen wäre, was ich den Kollegen hätte vorenthalten können. Was Sie mir darüber schreiben, muß auf ei|123nem totalen Mißverständnis beruhen, das hoffentlich auch für Sie durch den beiliegenden Brief von Fr. Fr. W. Schmidt2 erledigt ist.
2. Ich glaube (nachdem ich nun noch einmal Ihre ganze Korrespondenz mit K. L. Schmidt3 durchgelesen habe) nicht, daß mir bei meiner Stellungnahme im vergangenen Winter wichtige Tatsachen in diesem Fragenkomplex verborgen geblieben sind. Wenn ich recht berichtet bin, daß Sie ja «nur» aus der hessischen Kirche austreten wollten, so wäre mir sogar der «Sinn» dieses von Ihnen beabsichtigten Schrittes, über den Sie mich jetzt nicht aufklären wollen, nicht unbekannt. Warum soll es sich denn nicht auf beiden Seiten ganz ehrlich um ein verschiedenes Sehen und Beurteilen derselben, im Ganzen Allen bekannten Tatsachen gehandelt haben? In mein Bewußtsein trat die ganze Kirchenvertragssache im Juni 1930 durch ein Sendschreiben von Foerster-Frankfurt4 an die ehemaligen Marburger Studenten. Die Opposition gegen den Fakultäten-Paragraphen begegnete mir darin als eine eindeutig liberale Angelegenheit, und anders habe ich sie auch nach Allem, was ich aus Ihrer Feder darüber las, nachher nicht auffassen gelernt. Mag ich dieses und jenes technische Detail des Streites nicht gewußt haben oder heute noch nicht wissen — ich glaube doch wirklich nicht, daß das Wissen darum mir ein anderes Gesamtbild aufgedrängt haben würde.
3. Warum soll ich mit meiner Ablehnung der bewußten Opposition mich in Widerspruch zu meinem Quousque tandem? gestellt haben? Im Gegenteil: Wie sollte ich von Dibelius und Genossen verlangen, daß sie endlich zu theologisch verantwortlichem Reden übergehen sollen5, |124 wenn ich gleichzeitig im Sinne Ihrer Marburger These die Funktionen der Verwaltung und der Lehre so mechanisch auf Kirchenleitung und Fakultäten verteilen wollte?
4. Sie beklagen sich darüber, daß ich mich in der Bonner Fakultät am schärfsten gegen die Marburger ausgesprochen habe. Ich schrieb Ihnen bereits, daß diese «Schärfe» sich auf die Pression bezog, unter der mit Ihnen zu verhandeln Sie uns veranlassen wollten. Aus K. L. Schmidts Brief an Sie vom 22.1.1931 sehe ich, daß auch er Ihnen nichts Anderes von mir geschrieben hat. Sachlich kann ich nur sagen: Wollten Sie keine Pression auf uns ausüben, was ich Ihnen ja gerne glaube, dann mußten Sie mit uns verhandeln, bevor Sie Ihren Entschluß betr. Kirchenaustritt und Amtsniederlegung faßten bzw. publik werden ließen. Nachher konnte eine Verhandlung mit uns, wie sie auch subjektiv von Ihnen gemeint sein mochte, objektiv für uns Andere keine würdige Basis mehr haben.
5. Sie sagen, daß ich «den Brief, der die Ablehnung unserer Wünsche enthielt, geschrieben hatte in einer scharfen Form, die K. L. Schmidt (nach dessen Mitteilung) noch milderte.» Die offenbar gemeinte Stelle aus K. L. Schmidts Brief an Sie (vom 17.II.31, Bl. 5 Mitte) lautet: «daß Karl Barth einen von mir verfaßten längeren Text gekürzt und dadurch eher schärfer als milder gemacht hat». Sie haben sicher aus dem Gedächtnis zitiert und werden mir zugeben, daß sich Ihnen hier etwas verschoben hat. Und nun ist es das Einfachste, wenn ich Ihnen hier zwei Abschriften vorlege: 1. den Brief, wie er vor, 2. denselben, wie er nach meiner Tätigkeit daran ausgesehen hat6, damit Sie sich ein Urteil bilden können, wie das «scharf» und «milde» in jenem Brief von K. L. Schmidt zu interpretieren ist.
ad 2) 1. Sie beanstanden, daß ich in meinem letzten Brief im Blick auf Ihre Schülerschaft die Begriffe «Hören» und «Verhören» so nahe aneinanderrückte. Dazu kann ich nur sagen, daß ich mich eben tatsächlich bei einer Reihe von Anlässen von Ihren Schülern mit einem Gemisch von väterlicher Güte und polizeilichem Scharfsinn behandelt fühlte, das |125 mir nicht paßt und für das ich eben nur die Bezeichnung «Verhören» habe. Ich weiß ferner, wie Althaus und Brunner in Marburg ins Gebet genommen worden sind, und höre eben (allerdings noch nicht aus direkter Quelle), daß man es neulich Thurneysen in Gießen nicht viel besser gemacht habe.7 Lieber Herr Bultmann, Sie machen sich wohl inmitten Ihrer Getreuen nicht klar, wie dieser Stil auf Andere wirkt und daß man sich dem lieber entzieht, wenn man kann. Dabei will ich allerdings zugeben, daß ich selbst, als ich voriges Jahr bei Ihnen in Marburg redete8, |126 nichts Entsprechendes zu klagen hatte. Aber den Gesamteindruck, daß man in Marburg an eine unsichtbare Wand redet, habe ich doch auch von da mitgenommen. Trotzdem wäre ich im Oktober gekommen, wenn nicht der Ausfall der mich allein ernstlich interessierenden Aussprache im engeren Kreis mich bewogen hätte, der mich sonst gerade genug bedrängenden anderen Arbeit für jene Wochen den Vorzug zu geben. Glauben Sie mir bei alledem nur, daß von «Mißtrauen und Antipathie» Ihnen gegenüber keine Rede ist (daß ich Ihren theologischen Ansatz, so wie er sich mir nun darstellt, ablehne, das steht ja auf einem anderen Blatt). Ich habe mich bei Ihnen und mit Ihnen menschlich noch immer überaus wohl gefühlt. Aber das bewußte Väterlich-Polizeiliche an Ihren Schülern mag ich nun einmal nicht, und dies war es, was mich in jenem Zweifelsfall nach Marburg zu kommen eben nicht lockte. Daß Derartiges möglich ist, das müssen Sie doch in aller Freundschaft verstehen.
2. Fassen Sie es nicht als eine Geringschätzung Ihrer Arbeit auf, wenn ich Ihnen sage, daß mein sachlicher Gegensatz zu Ihnen nicht so im Vordergrund meines Bewußtseins steht, wie Sie denken, und nicht so, daß ich mich zu einer öffentlichen Aussprache darüber aufgerufen fühlte. Wenn Eva Krafft9, auf deren Korrespondenz mit mir Sie offenbar anspielen, mich mit der etwas albernen Schülerfrage bedrängte: ob ich in Ihrer Arbeit eine legitime «Fortsetzung» der meinigen erblicke, dann mußte ich ihr ja wohl oder übel antworten, daß ich das nicht könne. Aber warum soll ich das nun auch noch öffentlich aussprechen müssen? Daß Sie sich mit der Neugründung der Theologischen Rundschau mit Hans v. Soden öffentlich an einen Tisch setzten10, bedeutete wahrlich implicit auch eine Absage an mich, über die ich doch weder eine persön|127liche noch eine öffentliche Erklärung von Ihnen verlangt habe noch verlange. Erst recht nicht, seit mir aus Ihrer letzten Publikation11 klar geworden ist, daß Sie wirklich sachlich im Entscheidenden mit Hans v. Soden und nicht mit mir zusammengehen und daß eben das, was Sie mit H.v.S. verbindet, das ist, was Sie die «Offenheit» und den «Forschungscharakter» der Marburger Theologie nennen. Ich nenne es eine neue Gestalt des alten Neuprotestantismus, von dem mich nicht nur eine andere Theologie, sondern von dem mich wie vom Katholizismus ein anderer Glaube oder, innerhalb der Grenzen der Humanität12 gesagt: ein anderes Lebensgefühl trennt. Warum soll ich gerade gegen diese Gestalt dieses Gegners streiten, wo er mir im Verhältnis zum Gegner rechts, dem Katholizismus, ohnehin von Jahr zu Jahr weniger Sorge und Nachdenken bereitet? Daß ich Ihnen gegenüber so dran bin, daß ich mich in principio nicht mit Ihnen einig sehe, das kann Sie doch eigentlich so, wie Sie sich selbst und mich kennen, nicht wundern, und was können Sie davon erwarten, daß ich meinen in principio verschiedenen Ansatz dem Ihrigen explicit gegenüberstelle? Ich könnte Ihnen nur wiederholen, daß Sie mit Ihrem bewußten Anschluß an Heidegger (nicht weil es Heidegger, aber weil es ein Philosoph ist, der als solcher der Theologie und in der Theologie nichts zu sagen hat) das getan haben, was man als evangelischer Theologe durchaus lassen sollte. Und wenn Sie dann inquirieren sollten: Warum lassen? so würde ich Ihnen doch mit keinem Argument, sondern vielleicht nur mit der Recitation des Credo antworten können. Was ja dann sicher mit der Offenheit und dem Forschungscharakter der Marburger Theologie nicht vereinbar wäre. Also wozu einen solchen Streit heraufbeschwören? Haben wir nicht beide Dringenderes zu tun? Lassen wir doch lieber ein paar Jahre hingehen und vor allem ein paar gute persönliche Aussprachen kommen. Ich meine immer, daß sich durch solche — vom Fortgang unserer beiderseitigen Arbeit abgesehen — Manches klären könnte, was jetzt eben nicht zu klären ist.
Mit herzlichem Gruß von Haus zu Haus