Brief Nr. 77 · 18. Oktober 1931

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Bultmann!

Ich möchte Sie in folgender Angelegenheit in Anspruch nehmen: Auch Sie werden über die Vorgänge in Halle2 unterrichtet sein. K. L. Schmidt und ich stehen in direkter Fühlung mit Dehn und sind darüber einig geworden, daß angesichts der dort entstandenen Situation etwas getan werden sollte. Ich lege Ihnen eine Erklärung bei, die, versehen mit unseren beiden Unterschriften, bereits an den Rektor und den Dekan der theologischen Fakultät in Halle abgegangen ist.3 Um seinen |129 Zweck zu erreichen, sollte dieses unser Vorgehen von einer Reihe von Mitgliedern anderer Fakultäten unterstützt werden. So möchte ich Sie herzlich um Ihre Zustimmung dazu bitten, daß auch Ihr Name unter diese Erklärung gesetzt wird. Wir wenden uns mit dieser Bitte außer an Sie an die Herren Deißmann-Berlin, Dibelius-Heidelberg, Gogarten-Breslau, Heim-Tübingen, Koepp-Greifswald, Macholz-Jena, Piper-Münster, A. D. Müller-Leipzig, Schmitz-Münster, Schniewind-Königsberg, Stählin-Münster, Staerk-Jena und Wünsch-Marburg, d. h. an lauter solche Kollegen, von denen wir meinen annehmen zu dürfen, daß sie sich mit Dehn persönlich und sachlich solidarisch zu erklären bereit sein werden. — Für umgehende Antwort wären wir Ihnen in Anbetracht der Eiligkeit der Sache dankbar.

Mit herzlichem Gruß
Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Original des Briefes bisher nicht aufgefunden; Abdruck nach dem Durchschlag im Karl Barth-Archiv. Die Antwort Bultmanns auf diesen Brief datiert ebenfalls vom 18.10.1931. Offenbar hat sich einer der beiden Briefschreiber im Datum geirrt.↩
2
Widerstand verschiedener studentischer Gruppen gegen die Berufung Günther Dehns als Ordinarius für Praktische Theologie nach Halle. Barths Wendung «Vorgänge in Halle» bezieht sich auf eine Erklärung der Deutschen Studentenschaft an der Universität Halle vom 17.10.1931 mit der Ankündigung, alle Studenten zögen aus Halle aus, da man ihnen das Studium an einer Universität nicht zumuten könne, an der ein Mann wie Dehn lehre, dem man «glühenden Haß und tiefste Verachtung» entgegenbringen müsse; zitiert nach: G. Dehn, Kirche und Völkerversöhnung. Dokumente zum Halleschen Universitätskonflikt, Berlin o. J. (1931), S. 49ff. 📖 Der «Fall Dehn» begann allerdings schon am 6.11.1928 mit Dehns Vortrag «Kirche und Völkerversöhnung» im Gemeindesaal der Magdeburger Ulrichskirche; Abdruck des Vortrages in: CW, Jg. 45 (1931), Sp. 194–204. 📖 Vgl. zum Ganzen die Berichterstattung über den «Fall Dehn» von K. L. Schmidt in: ThBl, Jg. 10 (1931) und 11 (1932) passim 📖; H. Sasses Ausführungen in: KJ, Jg. 59 (1932), S. 77ff. 📖; H. Traub, Demologie und Theologie. Zum sog. Fall Dehn, in: ZdZ, Jg. 10 (1932), S. 355–375 📖; E. Bizer, Der «Fall Dehn», in: Festschrift für Günther Dehn zum 75. Geburtstag, hrsg. von W. Schneemelcher, Neukirchen 1957, S. 239–261 📖; G. Dehn, Die alte Zeit, die vorigen Jahre. Lebenserinnerungen, München 1962, S. 247–285 (jeweils mit Quellenbelegen). 📖↩
3

Text der Erklärung: «Die Berufung von Pfarrer D. Günther Dehn zum ordentlichen Professor der praktischen Theologie an der Universität Halle hat einer Gruppe dortiger Studierender Anlaß gegeben, sich mit der Aufforderung zum Verlassen der Universität Halle an ihre Kommilitonen zu wenden.

Die unterzeichneten ordentlichen Professoren der Theologie an anderen deutschen Universitäten erklären hiermit, daß sie mit D. Dehn persönlich und sachlich solidarisch sind.

Sie halten es für angebracht, die Hallische Studentenschaft auf die groteske Situation aufmerksam zu machen, die sich bei diesem Sachverhalt für die auf Grund jener Parole von Halle Abwandernden auswärts ergeben könnte.» Unterschriften von Karl Barth (Bonn), Karl Ludwig Schmidt (Bonn), Martin Dibelius (Heidelberg), Otto Piper (Münster) und Georg Wünsch (Marburg); abgedruckt in: ThBl, Jg. 10 (1931), Sp. 332. 📖 Wünsch schränkte freilich die Erklärung für seine Person später ein; s. ThBl, Jg. 10 (1931), Sp. 360f. 📖↩