Brief Nr. 26 · 24. Januar 1925

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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L. H. B.!

Vielen Dank, daß ich, wie mir Bielfeld schreibt1, vom 6. zum 7. II. bei Ihnen zu Gaste sein kann. Zu Ihrem durch Bielf. vermittelten Vorschlag Folgendes: natürlich will ich alles vermeiden, was Ihnen unzweckmäßig dünkt. Es ist mir also sehr recht, wenn Sie meinen öffentlichen Vortrag2 durch ein Korreferat ergänzen und dann keine Debatte stattfindet. Aber daran wird doch festgehalten, daß am folgenden Tage in kleinem Kreise eine Aussprache stattfindet! Unter dieser Voraussetzung habe ich den Vortrag angenommen; denn ich komme nicht, um meine Weisheit vorzutragen, sondern εἰς λόγον δόσεως καὶ λήμψεως3. Zu |40 diesem Zweck werden mit mir auch einige Marburger Studenten und Heidegger kommen, und uns allen liegt an der Aussprache. — Nun wollen Sie für Ihr Korreferat möglichst bald meinen Vortrag! Ich weiß nicht, ob ich diesen Wunsch erfüllen kann; denn vorläufig existiert er nur in der Form einiger aphoristischer Notizen. Ich werde vor hiesigen und Gießener Kollegen hier am 1. II. über das gleiche Thema reden; vorher kann ich Ihnen jedenfalls nichts senden. Auch nachher habe ich noch genug damit zu tun, kann Ihnen aber wohl, denke ich, eine ausführliche Disposition schicken und hoffe, daß Ihnen das recht ist. Im übrigen werde ich nicht von den mutmaßlichen Differenzen zwischen Ihnen und mir ausgehen, sondern von einem geschichtlichen Rückblick, um die grundsätzliche Frage nach der Möglichkeit des Verständnisses der Geschichte überhaupt zu stellen und dann die Frage einer theologischen Exegese zu erörtern. Die theologische Exegese ist, um in Ihrer Sprache zu reden, eine ‹unmögliche Möglichkeit›4, — so etwa voraussichtlich der Gang meines Referats. Soweit ich im öffentlichen Vortrag auf die Differenzen mit Ihnen komme, wird es voraussichtlich nebenbei geschehen (d. h. sofern es expreß geschieht, denn implicite geschieht es natürlich durchweg; aber wer wird das merken?). — Gestern redete Brunner5 hier über den Menschen im humanistischen und im reformatorischen Sinn. Sehr schwach, geradezu blamabel. Heidegger hat ihn fürchterlich mitgenommen. — Hoffentlich geht es bei Ihnen gut.

Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1

Walter Bielfeld, Göttinger Theologiestudent, hatte im Sommersemester 1923 bei Bultmann in Marburg studiert. Bielfeld wurde später Pastor in Wilhelmshaven.

Bielfeld schrieb am 21.1.1925 aus Göttingen an Bultmann:

«Inzwischen werden Sie die ‹offizielle› Einladung vom Vorsitzenden der hiesigen Theologenschaft erhalten haben. Hoffentlich lassen sich die Termine in der vorgeschlagenen Weise einhalten.
Von Herrn Prof. Barth soll ich Ihnen einen freundlichen Gruß übermitteln neben der Einladung, falls Sie herkommen, bei ihm zu wohnen.
Nun machte Herr Prof. Barth gestern noch folgenden Vorschlag: Wegen der ‹besonderen und eigentümlichen Lage› hier in Göttingen wäre es nicht angebracht, wenn Sie vor der Öffentlichkeit der hiesigen Theologen (besonders Hirsch) so mit ihm auseinanderfielen, daß dadurch Barth’s Position geschwächt würde. Er schlägt deshalb vor, damit die einheitliche Front gewahrt bleiben kann, ohne aber die Gegensätze, die bestehen, zu vertuschen, daß er ein ‹Korreferat› hielte, eine offiziell vorgeschlagene ‹Ergänzung›, oder wie man das nun nennen will. Deswegen bittet er Sie, ihm möglichst frühzeitig Ihren Vortrag mitzuteilen. — Hoffentlich habe ich mich nicht mißverständlich ausgedrückt und Ihnen den Wunsch Barth’s wirklich in seinem Sinne deutlich gemacht.
Das alles ist geschrieben in der Voraussetzung, daß Sie noch dieses Semester zu uns kommen. Ich habe leider den Vorsitzenden der Theologenschaft noch nicht sprechen können, ob von Ihnen vielleicht schon eine endgültige Antwort eingetroffen ist.» (Brief im Bultmann-Nachlaß, UB Tübingen)↩

2
Vortrag vom 6.2.1925 in Göttingen: R. Bultmann, Das Problem einer theologischen Exegese des Neuen Testaments 📖; s. Nr. 16, Anm. 8; dazu Barth am 15.2.1925 an Thurneysen, Bw.Th. II, S. 306f. 📖↩
3
Phil. 4,15.↩
4
Vgl. K. Barth, Der Römerbrief, München 19222, S. 52.55.89f.116 (Abdrucke seit 1923: S. 50.53.87f.114; Zürich 198915: S. 55.58.96.124) 📖 u. ö.↩
5
Emil Brunner (23.12.1889–6.4.1966), nach seiner Tätigkeit als Gymnasiallehrer in England 1924–1953 Professor für Systematische und Praktische Theologie in Zürich. Brunner war Mitbegründer der «dialektischen Theologie». — Vgl. E. Brunner, Gesetz und Offenbarung. Eine theologische Grundlegung, in: ThBl, Jg. 4 (1925), Sp. 53–58 📖 (= Anfänge I, S. 290–298 📖; gibt die Grundgedanken von Brunners Marburger Vortrag «Die Menschheitsfrage im Humanismus und Protestantismus» wieder, zusammen mit einer nachträglichen Entgegnung «auf die verschiedenen heftig oppositionellen Diskussionsvoten» [Anfänge I, S. 290, Anm. 1]).↩