Brief Nr. 63 · 25. November 1929

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Gerne erfülle ich Ihren Wunsch! Ich sende Ihnen mein Konzept für die Ausführungen, die ich ehemals in unserer Fakultät vorgetragen und dann in meinem Separatvotum dem Minister geschickt habe (ziemlich genau in der gleichen Form). Vorher ging das Votum über die von der Majorität der Fakultät vorgeschlagenen Kandidaten; es folgte das Votum über Sie, über Brunner und Schumann.1 Ich hoffe, Sie können das |97 Konzept lesen, und freue mich, wenn es Ihnen noch einen Dienst leisten kann. Hat es das getan, so erbitte ich es mir zurück für etwaige künftige Fälle.

Ich habe damals das Telegramm an Sie nicht leichten Herzens abgesandt. Denn so sehr ich Gogarten die Professur in Münster wünsche, so widerstrebte es mir doch, mich ungefragt in irgend einer Weise einzumischen. Erst als ich von Berlin telefonisch dazu aufgefordert wurde, habe ich telegraphiert und geschrieben, um nun doch auch an meinem Teile nichts zu versäumen.

Da ich nun schon von verschiedenen Seiten hörte, Rade habe in der Schweiz gesagt: er müsse an Gogartens Zurechnungsfähigkeit zweifeln, so habe sich dieser in Eisenach aufgeführt, so darf ich Sie vielleicht fragen, ob Rade Ihnen gegenüber diesen Ausspruch getan hat, oder ob Sie mir ihn sonst beglaubigen bzw. seine Quelle nachweisen können.2 Ich möchte diese Äußerung, wenn sie wirklich getan ist, doch nicht so hingehen lassen. Denn sie ist eine unerhörte Verleumdung und kann nur auf einem erschreckenden Pharisäismus beruhen. Daß Gog. sich gelegentlich — und so auch in Eisenach — leidenschaftlich geäußert hat, das ist ihm doch nur hoch anzurechnen und kann nur in dieser Pharisäergesellschaft des «Gegenwarts-Christentums» Anstoß erregen. Daß er das in Eisenach in irgend einer das Maß des Anstands überschreitenden Weise getan hätte, ist einfach nicht wahr, und ich darf mich dafür auf das Urteil meiner in diesen Dingen empfindlichen Frau berufen, die mit dabei war.

Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
Ihr
Rudolf Bultmann

Sachfußnoten

1
Emil Brunner; Friedrich Karl Schumann. — Bultmanns Konzept ist nicht mehr erhalten. — Für die Berufung Gogartens nach Münster setzte sich Barth mit allem Nachdruck ein. Er stand dabei auch mit Wilhelm Zoellner, General-superintendent von Westfalen, Dr. Horst Michael, Charlottenburg (Freund Gogartens), und Prof. D. Karl Ludwig Schmidt, Bonn, in Kontakt, die sich ihrerseits für Gogartens Berufung einsetzten. Das zeigen die Briefe, die Zoellner am 27.10.1929, Michael am 13.11. d. J. und Schmidt am 21.12. d. J. (mit einer Doppelkopie seines Schreibens vom 17.12.1929 an Adolf Grimme, Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung, Berlin) an Barth geschrieben haben. (Briefe im Karl Barth-Archiv).↩
2
Siehe Nr. 61, Anm. 5. — Rade hatte am 7.10.1929 an der Tagung der Freunde der Christlichen Welt in Basel teilgenommen. Seine angebliche Äußerung steht im Widerspruch zu seiner Stellungnahme zu den Eisenacher Vorträgen Gogartens und Bultmanns in: An die Freunde, Nr. 94 (1929), Sp. 1098–1100 📖.↩