Brief Nr. 57 · 22. Juli 1928

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Daß ich Sie mit meinen Bemerkungen zu Ihrer Dogmatik nun bis auf die Ferien vertrösten muß, tut mir umsomehr leid, als ich die Besprechung durch M. Müller in den Theol. Blättern1 als fatal und ärgerlich |89 empfinde. Ich möchte Ihnen das ausdrücklich sagen, zugleich Ihnen wünschen, daß Sie sich nicht darüber ärgern. Und dazu kann vielleicht beitragen zu wissen (falls Sie es nicht schon wissen), daß M. Müller, wie mir Gogarten erzählte, immer mehr von Gog. weg zu Grisebach2 übergegangen ist, sodaß Sie hinter der Rezension nicht Gog. erblicken dürfen. — Übrigens habe ich erwogen, ob ich nun nicht doch meine Bemerkungen veröffentlichen soll3; denn ihre Absicht ist ja die einer positiven Kritik. Natürlich würde ich sie anders redigieren, damit der Charakter einer freundschaftlichen Aussprache deutlich wird und οἱ ἔξω sehen, was eine positive theologische Debatte ist. Ich würde das aber nicht tun ohne Ihre Zustimmung. Bitte, schreiben Sie mir, was Sie dazu meinen. Ich wünschte nur, das Verlangen zur kritischen Verständigung wäre bei Ihnen ebensogroß wie bei mir!

Herzliche Grüße!
stets Ihr
Rudolf Bultmann

Soeben erhalte ich einen Brief von Gogarten4, der über die «unverschämte» Besprechung Ihres Buches durch M. Müller schilt.5

Sachfußnoten

1
H. M. Müller, Credo, ut intelligam. Kritische Bemerkungen zu Karl Barths Dogmatik, in: ThBl, Jg. 7 (1928), Sp. 167–176 📖; vgl. K. Barth, KD I/1, S. 235.242f. 📖 ↩
2
Eberhard Grisebach (27.2.1880–16.7.1945) lehrte seit 1913 als Philosoph in Jena. 1928 erschien sein Hauptwerk: Gegenwart. Eine kritische Ethik 📖; von Seiten der dialektischen Theologie äußerte sich dazu kritisch E. Brunner, Grisebachs Angriff auf die Theologie, in: ZdZ, Jg. 6 (1928), S. 219–232 📖; Replik von Grisebach: Brunners Verteidigung der Theologie, in: ZdZ, Jg. 7 (1929), S. 90–106 📖; dazu E. Brunner, Die andere Aufgabe der Theologie, in: ZdZ, Jg. 7 (1929), S. 255–276 📖); vgl. K. Barth, KD I/1, S. 12.192. 📖↩
3
Wurden schließlich nicht veröffentlicht.↩
4
Brief bisher nicht aufgefunden.↩
5
Vgl. auch Gogartens Distanzierung von Müller, in: ThR NF, Jg. 1 (1929), S. 80, Anm. 14 📖 (= Fr. Gogarten, Gehören und Verantworten [s. Nr. 54, Anm. 9], S. 30 📖) sowie Anh. 10.↩