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Für Ihren Brief bin ich Ihnen sehr dankbar und hoffe, daß er der Anfang einer bisher
leider vermiedenen ernsthaften Auseinandersetzung ist. Ich sehe einer solchen freilich
nicht so pessimistisch entgegen wie Sie, d. h. ich beurteile die Unterschiede, die sich
zwischen Ihrer und unserer Arbeit zeigen, anders. Denn, um mit dem Hauptsatz zu beginnen,
daß wir den Glauben als eine menschliche Möglichkeit oder als in einer solchen begründet
verstehen wollen, trifft ja höchstens insofern zu, als «Möglichkeit» hier als ontologische Möglichkeit verstanden ist. In diesem Sinne können aber auch Sie m.E.
den Satz nicht bestreiten, wenn Sie daran festhalten, daß das Wunder des Glaubens sich am
Menschen ereignet, — und das zu bestreiten wäre doch Rückfall in die
katholische Gnadenlehre. — Lassen Sie eine Analogie gelten? So sehr in einem Leben die
Erfahrung der Liebe (ich meine die eheliche Liebe) einfach ein Widerfahrnis ist und nicht
wie Wissenschaft ausgebildet werden kann, so sehr ist doch Liebe eine ontologische
Möglichkeit des Daseins.
Was nun Gogartens Ethik betrifft, so sehe ich
freilich nicht recht ab, wohinaus das will, glaube nur zu sehen, daß in seinem Begriffe
vom «Stand» das Interesse, das für Kierkegaard
im Begriff des «Augenblicks» liegt, zur Geltung kommen soll; wenn das so ist, so scheint
mir der Begriff legitim zu sein, ohne daß ich deshalb in die Konsequenzen der Frau
von Tiling1 einwilligte. Meinerseits glaubte ich hier Gogarten vor dem auch mir nicht verborgenen Abgleiten
dadurch warnen zu sollen, daß ich ihn gerade zu formal-ontologischen Untersuchungen
drängte.
Es fehlt mir nun aber leider für den Augenblick die Zeit, ausführlich über diese Dinge zu
schreiben. Ich werde Ihnen meine Antwort an Kuhlmann schicken, wenn sie gedruckt ist, falls sie nicht in «Zwischen den
Zeiten» erscheinen wird, wo Sie sie ja ohnehin lesen werden.2 Ich |103 bitte Sie dann nur, mir eine wirkliche
Kritik (schriftlich oder mündlich) zu gönnen. Vor allem aber habe ich eine andere sehr dringende Bitte. Sie wissen vielleicht, daß seit einigen Jahren gegen
Ende Oktober hier eine Zusammenkunft alter Marburger Theologen in geschlossenem Kreise stattfindet.3 Herr Hess4, der auch daran teilzunehmen pflegt, wollte Sie für das nächstemal
einladen und um ein Referat bitten. Wir hatten den Plan, das nächstemal über die Frage der
«natürlichen Theologie» zu verhandeln, und zwar sollte zuerst Dr. Krüger5 über die Idee der natürlichen Theologie in der theologischen u. philosophischen
Tradition reden, und dann sollte ein systematisches Referat folgen, um das eben Sie
gebeten werden sollten. Ich bitte Sie also sehr dringend, zu uns zu kommen. Ist Ihnen das
Referat eine zu große Zumutung, so braucht es natürlich daran nicht zu scheitern; die
Hauptsache ist, daß Sie kommen. Ich möchte Ihnen das fast zur Pflicht machen, umsomehr,
als Sie uns auf falschem Wege glauben. Bitte, glauben Sie, daß es uns ein wirklicher Ernst
ist, mit Ihnen über diese Frage zu reden!
Ich möchte daran einen weiteren Vorschlag knüpfen. Schon mehrfach regten Gogarten und vor allem Brunner an, daß wir uns im kleinsten Kreise einmal zu einer Aussprache
zusammenfänden. Das ließe sich doch am besten mit jener Zusammenkunft verbinden in der
Weise, daß wir uns vorher oder vielleicht besser nachher zu viert, oder, wenn Thurneysen mitmacht und etwa noch ein anderer, zu fünft
oder sechst zu einem «Religionsgespräch»6
zusammensetzten. Bitte, sagen Sie ja! Der beste Oldenburgische Tabak soll dann zur
Verfügung stehen.
104 Mit herzlichen Grüßen an Sie und Ihre Familie von meiner Frau und mir