Brief Nr. 66 · 16. Februar 1930

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Für Ihren Brief bin ich Ihnen sehr dankbar und hoffe, daß er der Anfang einer bisher leider vermiedenen ernsthaften Auseinandersetzung ist. Ich sehe einer solchen freilich nicht so pessimistisch entgegen wie Sie, d. h. ich beurteile die Unterschiede, die sich zwischen Ihrer und unserer Arbeit zeigen, anders. Denn, um mit dem Hauptsatz zu beginnen, daß wir den Glauben als eine menschliche Möglichkeit oder als in einer solchen begründet verstehen wollen, trifft ja höchstens insofern zu, als «Möglichkeit» hier als ontologische Möglichkeit verstanden ist. In diesem Sinne können aber auch Sie m.E. den Satz nicht bestreiten, wenn Sie daran festhalten, daß das Wunder des Glaubens sich am Menschen ereignet, — und das zu bestreiten wäre doch Rückfall in die katholische Gnadenlehre. — Lassen Sie eine Analogie gelten? So sehr in einem Leben die Erfahrung der Liebe (ich meine die eheliche Liebe) einfach ein Widerfahrnis ist und nicht wie Wissenschaft ausgebildet werden kann, so sehr ist doch Liebe eine ontologische Möglichkeit des Daseins.

Was nun Gogartens Ethik betrifft, so sehe ich freilich nicht recht ab, wohinaus das will, glaube nur zu sehen, daß in seinem Begriffe vom «Stand» das Interesse, das für Kierkegaard im Begriff des «Augenblicks» liegt, zur Geltung kommen soll; wenn das so ist, so scheint mir der Begriff legitim zu sein, ohne daß ich deshalb in die Konsequenzen der Frau von Tiling1 einwilligte. Meinerseits glaubte ich hier Gogarten vor dem auch mir nicht verborgenen Abgleiten dadurch warnen zu sollen, daß ich ihn gerade zu formal-ontologischen Untersuchungen drängte.

Es fehlt mir nun aber leider für den Augenblick die Zeit, ausführlich über diese Dinge zu schreiben. Ich werde Ihnen meine Antwort an Kuhlmann schicken, wenn sie gedruckt ist, falls sie nicht in «Zwischen den Zeiten» erscheinen wird, wo Sie sie ja ohnehin lesen werden.2 Ich |103 bitte Sie dann nur, mir eine wirkliche Kritik (schriftlich oder mündlich) zu gönnen. Vor allem aber habe ich eine andere sehr dringende Bitte. Sie wissen vielleicht, daß seit einigen Jahren gegen Ende Oktober hier eine Zusammenkunft alter Marburger Theologen in geschlossenem Kreise stattfindet.3 Herr Hess4, der auch daran teilzunehmen pflegt, wollte Sie für das nächstemal einladen und um ein Referat bitten. Wir hatten den Plan, das nächstemal über die Frage der «natürlichen Theologie» zu verhandeln, und zwar sollte zuerst Dr. Krüger5 über die Idee der natürlichen Theologie in der theologischen u. philosophischen Tradition reden, und dann sollte ein systematisches Referat folgen, um das eben Sie gebeten werden sollten. Ich bitte Sie also sehr dringend, zu uns zu kommen. Ist Ihnen das Referat eine zu große Zumutung, so braucht es natürlich daran nicht zu scheitern; die Hauptsache ist, daß Sie kommen. Ich möchte Ihnen das fast zur Pflicht machen, umsomehr, als Sie uns auf falschem Wege glauben. Bitte, glauben Sie, daß es uns ein wirklicher Ernst ist, mit Ihnen über diese Frage zu reden!

Ich möchte daran einen weiteren Vorschlag knüpfen. Schon mehrfach regten Gogarten und vor allem Brunner an, daß wir uns im kleinsten Kreise einmal zu einer Aussprache zusammenfänden. Das ließe sich doch am besten mit jener Zusammenkunft verbinden in der Weise, daß wir uns vorher oder vielleicht besser nachher zu viert, oder, wenn Thurneysen mitmacht und etwa noch ein anderer, zu fünft oder sechst zu einem «Religionsgespräch»6 zusammensetzten. Bitte, sagen Sie ja! Der beste Oldenburgische Tabak soll dann zur Verfügung stehen.

104 Mit herzlichen Grüßen an Sie und Ihre Familie von meiner Frau und mir
Ihr
Rudolf Bultmann

Sachfußnoten

1
Siehe Nr. 65, Anm. 6.↩
2
Bultmanns Antwort an Kuhlmann erschien nicht in ZdZ, sondern in ZThK; s. Nr. 65, Anm. 1.↩
3
Auf Initiative Bultmanns kamen seine ehemaligen Schüler und Schülerinnen gemeinsam mit seinen jeweiligen Promovenden seit 1927 (zum ersten Mal 24.-26.10.1927) alljährlich im Herbst mit ihm und geladenen Referenten zu einer Konferenz zusammen, auf der aktuelle theologische Probleme in Vorträgen und Diskussionen erörtert wurden. Nach dem Zweiten Weltkrieg wurde der Kreis von Ernst Fuchs und Günther Bornkamm neu konstituiert als «Theologische Arbeitsgemeinschaft alter Marburger».↩
4
Siehe Nr. 31, Anm. 2.↩
5
Siehe Nr. 40, Anm. 2. — Die Tagung wurde nach Barths Absage auf Oktober 1931 verschoben. Wiedergabe der Referate Bultmanns und Krügers sowie der anschließenden Diskussion im Protokoll der Tagung des «Kreises ehem. Marburger Theologen» im Oktober 1931 in Marburg über «Die Frage der natürlichen Theologie», Marburg 1932. 📖 Bultmanns Referat erschien später leicht überarbeitet unter dem Titel: Das Problem der «natürlichen Theologie», in: GuV I, S. 294–312. 📖↩
6
Anspielung auf das «Marburger Religionsgespräch» vom Oktober 1529, an dem die führenden Theologen der verschiedenen reformatorischen Richtungen — Luther, Melanchthon, Bucer, Zwingli, Ökolampad und Hedio — teilnahmen. Die Vierhundertjahrfeier dieses Religiongsgespräches war wenige Monate vor Bultmanns Brief als Gedenken an den — freilich mißlungenen — Versuch einer Einigung zwischen Lutheranern und Reformierten in Marburg festlich begangen worden.↩