76
50
es ist allerhöchste Zeit, daß ich Ihre Weihnachtsansprache1 endlich — ja, wirklich endlich zu dieser ungewohnten Jahreszeit gelesen und in mich aufgenommen habe und sie nun in Ihre Hände zurücklege. Verzeihen Sie mir die außerordentliche Verbummelung, die ich mir da geleistet habe, aber es ging, wie es eben manchmal zu gehen pflegt, und ich tröste mich damit, daß Sie einer von den Menschen sind, denen ich ohne Weiteres zutraue, daß sie derartiges nicht übel nehmen. Was den Inhalt des Schriftstückes betrifft, so wüßte ich bei allem Hin- und Herüberlegen nicht, was ich dawider einwenden wollte. Oder positiv gewendet, ich habe es mit vorbehaltloser Freude und Dankbarkeit auf mich wirken lassen. Ihre Absicht, mich aufs neue auf den guten Consensus zwischen Marburg und Münster aufmerksam zu machen, hat ihren Zweck erreicht. Und gerade weil Sie in einer für mich immer lehrreichen und nachdenklichen Weise alles so ganz anders sagen, als es mir gegeben ist, und weil es mir wichtig ist, daß dasselbe wirklich auch in Ihrer Art gesagt und gehört wird, möchte ich mir hiermit die Anregung erlauben, Sie möchten uns doch diese Betrachtung für die nächste Weihnachtsnummer von «Zwischen den Zeiten
📖» zur Verfügung stellen. Ich selber habe die Absicht, eine Übersetzung einer Weihnachtspredigt von Calvin dazu beizusteuern2, und ich denke, daß diese beiden Stimmen sehr gut nebeneinander tönen würden. Ich bin eben im Begriff, an |77 Georg Merz3 zu schreiben, und werde ihn auf die Sache aufmerksam machen. Geben Sie also das Manuskript, wenn Sie nicht schon darüber verfügt haben, vorher nicht aus der Hand.4
Um Ihre Jubiläumsfeierlichkeiten5 beneide ich Sie in der Tat nicht. Ich bin diesmal mehr semestermüde als sonst und freue mich auf die Ferien, die wir in Wernigerode zuzubringen gedenken. Die Frage der Nachfolge von Wehrung6 bzw., da ich nun die Stelle von Wehrung innehabe, von mir selber, ist noch immer nicht geregelt. Die Fakultät wünscht mich durch einen Lutheraner, der aber auch ein decidierter Nicht-Dialektiker sein muß, zu «ergänzen». In Frage kommen nach Elerts Absage Schmidt-Halle, Schmidt-Japing und Heinzelmann.7 Mir soll jeder von Herzen willkommen sein. Gestern haben wir auf meinen Antrag folgende Preisaufgabe ausgeschrieben: «Der Begriff und die prinzipielle Bedeutung des kirchlichen Dogmas in der protestantischen Dogmatik ist an Hand der Geschichte des Problems darzustellen und selbständig zu entwickeln». Wenn Sie einen klugen jungen Mann wissen, der zur Bearbeitung dieser Sache Neigung und Fähigkeit hat, so versäumen Sie doch ja nicht, ihn nach Münster zu schicken.
Und nun seien Sie mit den besten Wünschen für das Fest8
für die
Ferien herzlichst gegrüßt von