Brief Nr. 51 · 27. November 1927

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Anlaß dieser Karte ist die Bitte unserer Theologenschaft an Sie, in diesem Winter über das Thema der Kirche (im Protestantismus) einen Vortrag zu halten.1 Ich kann Sie darüber beruhigen, daß diese Bitte sachlich motiviert ist, nicht etwa in dem Wunsche, einen στῦλος, eine Berühmtheit, zu hören. Gesamtthema aller Theologenschafts-Vorträge in diesem Semester ist die Kirche. Zuerst hat K. L. Schmidt über die Kirche des Urchristentums gesprochen; nun kommen Vorträge über den Kirchenbegriff der orthodoxen und der römisch-katholischen Kirche, der Reformation und der Aufklärung; schließlich soll grundsätzlich über unsern Kirchenbegriff gesprochen werden, wozu, wenn ich nicht irre, Sie ausersehen sind. Wie gesagt: es handelt sich um ein sachliches Interesse, und ich würde mich sehr freuen, wenn Sie die Bitte der Theologenschaft erfüllen könnten. Jedenfalls brauchten, wie die Dinge hier liegen, m. E. nur äußere Gründe für eine etwaige Ablehnung in Betracht zu kommen. — Natürlich würde ich mich auch persönlich außerordentlich freuen, wenn wir Sie wieder einmal hier hätten! — Daß Sie Bern abgelehnt haben2, freut mich im Interesse unserer deutschen Studenten. Hoffentlich geht es Ihnen und Ihrer Familie gut. Ich bin gespannt auf Ihre Dogmatik I 📖.3 — Merz konnte meine Weihnachtsandacht4 für dies Jahr nicht mehr gebrauchen und will sie nächstes Jahr haben. Für 1928 habe ich ihm einen Aufsatz über die Eschatologie im |79 Joh-Evg. geschickt, der neu redigierte 3. Teil der Danziger Vorträge von 1926!5 — Vom Theologentag6 könnte ich Ihnen Lustiges erzählen. Also kommen Sie. Ihnen und den Ihren eine gute Adventszeit und herzliche Grüße!

Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
Siehe Anh. 8.↩
2
Zu den langwierigen inneren und äußeren Auseinandersetzungen um eine Berufung Barths als Nachfolger Hermann Lüdemanns (15.9.1842–12.10.1933) auf den Lehrstuhl für Systematische Theologie an der Universität Bern zwischen August und November 1927 s. Bw.Th. II, S. 512–514.516f.519.522–527.530.532–534.540–552. 📖↩
3
Im Dezember 1927 erschien die Druckfassung von Barths Dogmatik-Vorlesung (Prolegomena) aus dem Wintersemester 1926/27 als erster Band des auf drei Bände angelegten Werkes Die christliche Dogmatik im Entwurf 📖 (s. Nr. 43, Anm. 4). Die geplanten weiteren Bände erschienen nicht, sondern Barth ersetzte dieses Werk durch die seit 1932 erscheinende Kirchliche Dogmatik. 📖↩
4
Siehe Nr. 44 und 50.↩
5
R. Bultmann, Die Eschatologie des Johannes-Evangeliums, in: ZdZ, Jg. 6 (1928), S. 4–22 📖 (= GuV I, S. 134–152 📖). Zu der Theologentagung in Danzig 1926 s. Nr. 39, Anm. 1; vgl. dazu ThBl, Jg. 6 (1926), Sp. 50. 📖 ↩
6
Auf dem 1. deutschen evangelischen Theologentag in Eisenach (18. bis 21.10.1927) hielt Bultmann am 19.10. einen Vortrag über «Die dialektische Theologie und das Neue Testament», vgl. Deutsche Theologie I. Bericht über den ersten deutschen Theologentag zu Eisenach (Herbst 1927), hrsg. von A. Titius, Göttingen 1928, S. 98–107. 📖 Der Vortrag ist vollständig erschienen unter dem Titel: Die Bedeutung der «dialektischen Theologie» für die neutestamentliche Wissenschaft, in: ThBl, Jg. 7 (1928), S. 57–67 📖 (= GuV I, S. 114–133 📖.)↩