Brief Nr. 44 · 6. Januar 1927

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Für die Zusendung Ihrer Weihnachtshomilie1 weiß ich Ihnen nicht besser zu danken, als indem [ich] Ihnen meine Weihnachtsansprache vor der Studentenschaft2 schicke; freilich nur leihweise, indem ich um Rücksendung bitte. Wenn Sie die Lektüre des Manuskripts als Zumutung empfinden, schicken Sie es nur ungelesen wieder. (Abkürzungen gebrauche ich wenig; außer unmittelbar verständlichen, etwa sd= sondern, viell.= vielleicht, zus.= zusammen).

Auf meinen vor Weihnachten geschriebenen Brief3 werden Sie mir vielleicht einmal antworten, wenn Sie in «Zwischen den Zeiten» meine Hirsch-Besprechung4 gelesen haben. Da ich mich wirklich ganz eins mit Ihnen weiß in dem, was Sie zu Weihnachten sagen, sehe ich nicht, wo für Sie eigentlich der Anstoß meines «Jesus»5 liegt. — Formell machen Sie es den Lesern der «Münch. N. N.» nicht gerade leicht; und vielleicht ist es nicht nur eine Formalität, wenn ich meine, daß Ihr Sprachgebrauch von «Geschichte» unzweckmäßig ist. Wir müssen, wie mir scheint, und wie Gogarten will6, eben gegenüber der naturalistischen «Geschichts»-Wissenschaft, die in Wahrheit gar nicht von Geschichte redet, echte geschichtliche Kategorien ausbilden (vgl. Yorck im Briefwechsel mit Dilthey!).7 Es gibt keine «Geschichte» im allgemeinen (so |69 wenig wie σάρξ), sondern nur die eine konkrete, qualifizierte Geschichte, in der wir faktisch stehen, die wir sind. — Hoffentlich geht es Ihnen wieder ganz gut und haben Sie mit den Ihren gesund und froh Weihnachten gefeiert und das neue Jahr begonnen.

Mit herzlichen Wünschen und Grüßen von Haus zu Haus
Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
K. Barth, Die Fleischwerdung des Wortes, in: Münchner Neueste Nachrichten vom 24.12.1926 📖 (= K. Barth, Weihnacht, München 1934, S. 5–14; Göttingen 19572, S. 5–13). 📖↩
2
Am 17.12.1926 bei der Akademischen Weihnachtsfeier in der Aula der Marburger Universität: Johannes 1,14; 3,16. Der Sinn des Weihnachtsfestes, in: VW, S. 230–238. 📖 ↩
3
Nr. 43 ↩
4
Siehe ebd., Anm. 9.↩
5
Siehe ebd., Anm. 4.↩
6
Z. B. in: Ich glaube an den dreieinigen Gott. Eine Untersuchung über Glaube und Geschichte, Jena 1926. 📖 ↩
7
Briefwechsel zwischen Wilhelm Dilthey und dem Grafen Paul Yorck v. Wartenburg 1877–1897, hrsg. von S. von der Schulenburg (Philosophie und Geisteswissenschaften, Bd. I), Halle 1923. 📖↩