Brief Nr. 45 · 21. April 1927

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Anlaß zu meinem Schreiben ist die Frage der Doctorierung Thurneysens, über die mich K. L. Schmidt1 orientiert hat. Selbstverständlich bin ich bereit, das Meinige dafür zu tun. Es ist in Marburg aber fürs erste aussichtslos. Wir werden zum Jubiläum im August2 eine ganze Reihe von D.-Hüten austeilen, wobei es schon Mühe kostete, außer Industriellen und «repräsentativen» Persönlichkeiten einige Wissenschaftler unterzubringen. Ein «repräsentativer» Schweizer ist auch dabei (ich weiß im Augenblick nicht, wer; ich kenne ihn jedenfalls nicht). Es ist deshalb ausgeschlossen, Thurneysen jetzt noch auf diese Liste zu setzen, 1.) weil die Liste nicht vergrößert werden soll, 2.) weil ein Schweizer genug sei, 3.) weil es Thurneysen ist. Nun will ich gerne, etwa ein halbes Jahr später, den Antrag stellen und mich darum bemühen. Ob ich die Widerstände gegen den «dialektischen Theologen» überwinden kann, weiß ich nicht; vielleicht geht es, weil Otto3 dann in Indien sein wird. Ich habe aber an K. L. Schmidt geschrieben, er solle in Jena einmal sondieren; vielleicht geht es dort schneller und leichter.4 — Ich emp|70finde das Mißtrauen gegen meine Arbeit und die verschiedenen Gegenoperationen gegen mich hier in Marburg auf die Dauer immer stärker, und Marburg würde mir immer fremder werden, wenn ich nicht eine treue Hörerschar hätte und mich der Freundschaft und Arbeitsgemeinschaft mit Heidegger erfreute.5

Stark empfinde ich auch den Verlust eines Austausches mit Ihnen. Münster liegt zu sehr vom Wege ab. Können Sie nicht auf Ihren Reisen einmal nach Marburg kommen? Soll ich Ihnen hier einen Vortrag verschaffen? — Da Sie beharrlich schweigen, fürchte ich fast, daß Sie mich aufgegeben haben. Wenn ich auch glaube, daß in der näheren theologischen Beziehung zwischen Gogarten und mir im Gegensatz zu Ihnen der alte Gegensatz zwischen Lutheranern und Calvinisten wirksam ist, so hoffe ich doch, daß damit nicht der alte Streit erneuert zu werden braucht. Die Gemeinschaft dünkt mich viel größer und entscheidend. Ich hoffe auch, Sie halten mich nicht für unbelehrbar; und deshalb wäre es mir schmerzlich, wenn Sie den Austausch ganz einschlafen ließen. Also lassen Sie doch wieder einmal von sich hören. Können Sie nicht in meiner Kritik an Hirsch und in der Auseinandersetzung mit Herrmann mit?6 Und ich hoffe, daß auch meine Verurteilung Bruhns ins Barathrum Ihren Beifall hat.7

Ich wünsche ein gutes Semester! Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus
Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
Karl Ludwig Schmidt (5.2.1891–10.1.1956), 1921 Ordinarius für Neues Testament in Gießen, 1925 in Jena, 1929 in Bonn, 1935 in Basel.↩
2
Die 400-Jahrfeier der Gründung der Philipps-Universität Marburg fand vom 29. bis 31.7.1927 statt. Offizielle Festschrift: H. Hermelink und S. A. Kaehler, Die Philipps-Universität zu Marburg 1527–1927, Marburg 1927 (19772). 📖 ↩
3
Rudolf Otto; s. Nr. 15, Anm. 4.↩
4
Brief Bultmanns an K. L. Schmidt nicht mehr erhalten, da Schmidt später alle Briefe und Akten verbrannt hat (Mitteilung vom 9.6.1970 von Franziska Zellweger-Barth an den Herausgeber). — Thurneysen wurde dann im November 1927 von der Theologischen Fakultät der Universität Gießen zum Ehrendoktor promoviert.↩
5
Siehe Nr. 20, Anm. 3.↩
6
«Kritik an Hirsch 📖»: s. Nr. 43, Anm. 9. «Auseinandersetzung mit Herrmann»: a. ebd. a. O., bes. S. 57ff. (bzw. 101ff. 📖).↩
7
W. Bruhn, Vom Gott im Menschen. Ein Weg in metaphysisches Neuland (Aus der Welt der Religion — Forschungen und Berichte. Religionsphilosophische Reihe, H. 2), Gießen 1926 📖. Bultmann hatte diese Arbeit in der «Barathrum»-Spalte der ThBl, Jg. 6 (1927), Sp. 108 📖 kritisiert. — Barths Entgegnung an Bruhn erschien als Nachwort zu seinem Aufsatz Ludwig Feuerbach, in: ZdZ, Jg. 5 (1927), S. 11–40 📖, (ohne das Nachwort abgedruckt in: Th. u. K., S. 212–239 📖; auch in: Ludwig Feuerbach 1927–1974, hrsg. von E. Thies [WdF 438], Darmstadt 1976, S. 1–32 📖).↩