2. Januar 1916

Predigt: Lukas 2,40

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Lukas 2,40
Das Kind wuchs und ward stark im Geist, voller Weisheit, und Gottes Gnade war bei ihm.
Liebe Freunde!

«Das Kind wuchs.» Und das Kind da und das sind auch gewachsen und wachsen immer weiter und haben nun schon wieder den ersten Tag des neuen Jahres hinter sich, und es ist eine wunderbare Sache, daß wir wachsen und älter werden dürfen. In der Neujahrszeit tauchen allerlei Geister in unserer Seele auf und lassen da ihre Spuren zurück: Reue-Geister und Gute-Vorsatz-Geister, Geister schmerzlicher Erinnerungen |11 und Geister froher Hoffnung. Es haben uns alle etwas zu sagen, wir können von allen etwas lernen und behalten, aber wenn sie uns ihr Sprüchlein ins Ohr geflüstert haben, dann müssen wir sie recht bald wieder verabschieden und nur ja um keinen Preis zu lange mit ihnen werweißen1 und verhandeln. Sonst machen sie uns nämlich krank, und wir haben überhaupt Besseres zu tun. Und so ist’s nun hauptsächlich auch mit dem Wehmutsgeist, der in den Neujahrstagen etwa kommen und uns einblasen will: schon wieder ein Jahr, ach Gott, schon wieder ein Jahr vorbei, wieder um ein Jahr bist du älter geworden, weiter weg von der fröhlichen, goldenen Jugendzeit, näher bei den alten Tagen, an denen niemand Freude hat! Es tut uns ganz gut, das einen Augenblick zu hören und zu überdenken in den Neujahrstagen, aber bitte nicht zu lange und nicht zu teuf2 studiert darüber und vor Allem nicht geseufzt darüber. «Das Kind wuchs», hast du’s gehört? Das Kind war der Heiland. Der Heiland ist also auch nicht immer das Kind von Bethlehem geblieben. Die Jahre sind auch nicht spurlos an ihm vorbeigegangen. Wenn es uns geht, wie es ihm gegangen ist, da können wir sicher auf keinem Seufzerweglein sein. Nein, das ist auch für uns etwas Feines und Schönes, daß wir wachsen und älter werden dürfen.

Was ist denn das Leben? Daß ein jedes von uns das werde, was es eigentlich ist. Versteh das gut: du sollst und darfst das werden, was du eigentlich bist. Nichts Anderes. Es kann und soll kein Menschenkind etwas Anderes werden als das, was es ist. Auch der Heiland brauchte nichts zu werden als das, was er war, des himmlischen Vaters lieber Sohn. Und jedes alte oder junge Menschlein braucht durch alles Erzogenwerden und Erfahrungenmachen und Predigtenhören und Sich-Bekehren und -Heiligen und wie das alles heißt, was da an uns herankommt, nichts, gar nichts Anderes zu werden, als was es schon ist, es selber. Und aus dem ganzen Menschheitswesen auf der Erde soll durch die große, lange Schule der Weltgeschichte, durch die Weisen und Propheten und Reformatoren und Helden, die ihm Gott zu Hilfe schickt, ja auch durch die Erlösung in Jesus Christus, nichts, gar nichts Anderes und Neues werden, als was der Mensch eigentlich und im Grunde ist. Es gibt da weder für dich noch für mich, weder im Großen noch im Kleinen Künsteleien und gemachte |12 Sachen, es gibt da keine aufgepfropfte oder konstruierte Güte und Göttlichkeit. Es gibt da keine Vortrefflichkeit und keinen Frieden und keine Seligkeit, die so von außen an uns heran- und in unser Leben hineinkommen und unser werden könnte, so wenig als das schönste Weihnachtspaket mit der Post ankommen und uns eine Freude machen kann, die wir nicht in uns bereits haben. Es gibt keinen Fortschritt, es hat noch nie etwas Großes und Lebendiges gegeben unter den Menschen, das ihnen nur so angeflogen wäre. Ja, auch der liebe Gott selber ist nicht so ein Fremdling, der da auf einmal in unser Leben einbricht und seine Hütte aufschlägt von heute auf morgen. Sondern Gott und alles Göttliche sind schon da im Innersten der Menschen, und kein Mensch und die ganze Menschheit und Schöpfung nicht kann etwas werden, was sie nicht im Innersten bereits sind. Und wenn mich jemand fragt: was soll ich denn tun? und wie soll ich denn werden?, so antworte ich ihm: du mußt werden, was du bist, und nichts Anderes!, denn wir Menschen leiden alle darunter, daß wir uns nach allerlei Phantasien, Träumen, Unmöglichkeiten ausstrecken, statt daß ein jeder nimmt, was ihm vor die Türe gelegt ist, und sich selber wird. So ist der Heiland geworden, was er war, der Sohn Gottes.

Aber ein Werden ist das Leben, kein Stillstand, kein Sich-Genügenlassen, kein Tod! Daß wir zum Werden bestimmt sind, sagt uns schon das merkwürdige Schicksal unseres Körpers. Frag einmal deine Mutter, wenn du noch eine hast, wie das war, als du als kleines, zappelndes Kindlein in der Wiege lagst. Und nun sieh, wie sich deine Glieder gestreckt, deine Gesichtszüge geformt haben, und was du für ein großes Geschöpf geworden bist. Aber was mit unserem Körper geschieht, ist ja nur ein Abbild und Gleichnis: du selber bist zum Werden bestimmt. Was du bist, im tiefsten Seelengrunde bist, das muß sich nach Gottes Ordnung regen und bewegen, das muß sich wandeln, entwickeln und entfalten. Auch was der Heiland war, das mußte er ja werden, das mußte in einer langen Lebensschule reif werden, sich verklären, sich durchringen, bis es als volle Frucht dastand: nicht als etwas Gelerntes und Erstudiertes, nichts, was ihm anerzogen war, nichts, was ihm Maria und Joseph beigebracht hätten, und doch etwas Gewordenes, etwas, was sich in der Zeit ans Licht und in Kraft setzen mußte. Und so geht’s dir und mir, wenn wir auch nicht das sind, was der Heiland war: was wir erfahren und erleben und was an uns gearbeitet wird, das will uns zum Werden veranlassen, das |13 will das, was wir sind, zum Treiben, Ausschlagen, Blühen und Früchtetragen bringen. Und so steht wiederum das ganze Menschenwesen auf der Erde in einer großen Entfaltung. Es muß eben das erst werden, was es ist. Wir sind nun Gottes Kinder und ist doch noch nicht erschienen, was wir sein werden [1.Joh. 3,2]. Und das ist der Sinn der Weltgeschichte und in der Weltgeschichte der Sinn aller einzelnen geistigen und anderen Bewegungen, daß, was wir sind, zur Erscheinung kommen will. Und alle großen Propheten und Denker und Helden der Menschheit haben mitgearbeitet an diesem Zur-Erscheinung-Kommen. Und Jesus Christus selber ist der große Hebel, den Gott angesetzt hat, damit das zur Erscheinung komme, was im Menschen ist. Du kannst kein Mensch sein, du kannst kein Christ sein, wenn du nicht werden willst. Wir haben nichts mit dem Heiland zu tun, wenn wir uns nicht von ihm und durch ihn von Gott wollen wandeln und bearbeiten lassen. Denn das ist Gottes Königsherrschaft und das Reich Christi, daß das, was ist, werde und daß das, was verborgen ist, ans Licht komme [vgl. Lk. 12,2f. par.]. Und wenn man mich noch einmal fragt: ja, was soll ich denn tun?, so antworte ich noch einmal: sei, was du bist!3, aber bleibe nicht, was du bist, sondern werde, was du bist. Denn das ist das andere große Elend, an dem wir leiden, daß wir nicht aufnehmen, was uns vor die Türe gelegt ist, daß wir liegen lassen, was wir eigentlich alle sind, daß wir auf dem Estrich verstauben lassen die Güte, den Frieden und die Seligkeit, die uns wahrhaftig gehören.

Aber jetzt wollen wir’s aussprechen, was da herausgeschafft werden muß, das, was ich bin und was du bist. Sieh, du bist ein Bild Gottes. Dazu bist du geschaffen [vgl. Gen. 1,27]. Es spiegelt sich in dir der ewige Vater aller Dinge. Es spiegelt sich in dir seine ganze herrliche Welt der Kraft und der Freude. Es ist in dir die Erinnerung, die Sehnsucht, der Zug nach diesem Vater und seiner Welt. Du gehörst zu ihm, wie das Bild zu seinem Urbild gehört. So gehörte der Heiland zu Gott, und so gehören wir im Grunde alle zu Gott. Im Heiland konnte Gott sich selber wieder|14erkennen, wie er sich in jedem Menschenkind und im ganzen Menschenwesen wiedererkennen möchte. Sieh, das ist deine Bestimmung: Gott möchte sich selber in dir anschauen können, wie er in den Wassertröpflein, wie er in den Blumen, wie er in der Pracht des Sternenhimmels sich selber anschauen und erkennen kann. Das Gesicht, das unter deinem Hute hervorsieht, soll Gott kein fremdes Gesicht sein. Und noch mehr: auch die anderen Menschen um dich her sollen in dir das Bild ihres Vaters erkennen, du sollst sie an Gott erinnern, nicht durch deine Worte, aber durch das, was du bist, sie sollen in dir den Widerschein sehen von der göttlichen Welt, nach der sie sich ja auch sehnen und ausstrecken. Vom heiligen Franz von Assisi erzählt die Legende, daß die Vögel gerne seiner Predigt lauschten und daß sogar ein wilder Wolf ihm Ehrfurcht bezeugte.4 Im Geschöpf erkannten sie den Schöpfer. Wenn nur einmal die Menschen um uns her so recht stark in uns den erkennen, zu dem wir gehören! Und noch mehr: du selbst sollst für dich selber Trost und alle Freudigkeit und alle Kraft daran haben, daß du Gottes Bild bist und daß keine Sünde, kein Leid, kein Menschenunverstand und keine Menschenbosheit dies Bild in dir zerstören kann, an dem du allezeit wissen kannst5, wo du hingehörst. Das ist das Starke, das Sichere, das Selige in deinem Leben, daß du Gottes Bild bist. Das ist deine Bestimmung, Gottes Bild zu sein und, was du bist, zu werden. Denn das muß nun eben werden und ist noch nicht erschienen. Das will nun herausgearbeitet sein. Da muß nun all der Staub und Unrat weg, der über diesem Bilde liegt. Da gilt’s nun eine große Arbeit und einen schweren Kampf, damit dies Bild rein werde.

Jetzt6 ist[’s] noch oft so, daß Gott sich traurig von uns abwenden muß, wenn er sich in uns beschauen möchte, denn er kann in unserem Gesicht und Leben nicht sein eigenes herrliches wiederfinden, sondern er sieht eine erbärmliche Fratze. Jetzt können die Menschen, um von den Tieren |15 nicht zu reden, nicht den lieben Gott in uns sehen und finden, sondern den Teufel müssen sie oft sehen; auch sie werden selber nicht göttlicher, sondern teuflischer, wenn sie uns ansehen. Jetzt finden wir selber oft jammervoll wenig in uns von der Klarheit des Herrn, die sich in uns spiegeln soll [vgl. 2.Kor. 3,18], jammervoll wenig Trost und Freudigkeit und Kraft, und meinen dann, alles das gehe über uns und erdrücke uns, was uns doch eigentlich gar nichts anhaben kann. Das Licht in uns leuchtet eben nicht.

So, da hast du nun zu deiner Bestimmung auch noch die ganz bestimmte Lebensaufgabe, die dir gegeben ist: das Licht in dir muß zum Leuchten kommen [vgl. Mt. 5,16], das Bild Gottes, das du bist, muß rein werden. Es muß heraus, daß du dazu geschaffen bist, den Vater und seine Welt zu spiegeln. Das ist der Sinn deines Lebens. Und nun mußt du noch etwas merken, nämlich, daß du, gerade du ein ganz besonderes Bild Gottes bist. Denn Gott ist kein armseliger, sondern ein reicher Gott, und er hat jedem seiner vielen Spiegel und Spieglein seine ganz eigene Art gegeben und will sich in ihm in ganz eigener Art wiedererkennen. Du bist keine Fabrikware, und du sollst keine werden. Du bist du, und dich selber mußt du finden, und dein eigenes Licht muß zum Leuchten kommen. Und wie Gott gerade an dir Freude bekomme, wenn er dich anschaut, und wie die Leute in dir etwas von Gottes Freundlichkeit spüren können und wie du selbst in dir Trost und alles Gute finden könnest, darum mußt du dich sorgen und kümmern, darum mußt du ringen und kämpfen und beten. Es muß heraus, was in dir, gerade in dir ist.

Und nun sieh, wie wunderbar und fein das Leben für diesen seinen Sinn angelegt und eingerichtet ist dadurch, daß es äußerlich eben ein Wachsen und Älterwerden ist. Man könnte sich für den heiligen Inhalt des Lebens gar keine bessere Form ausdenken als diese Wanderung durch die Zeit, auf der wir uns befinden, samt der leiblichen und geistigen Umgestaltung, die sie mit sich bringt. Diese Wanderung und Umgestaltung ist recht eigenlich das Mittel in der Hand des starken und gütigen Gottes, durch das er uns bereit macht, daß das, was in uns ist, heraus kann, daß sein Bild in uns klar werden kann. Dieser reine Naturvorgang des Wachsens und Älterwerdens bahnt den Kräften der Erlösung den Weg. Ja, was ist’s denn mit dem Wachsen und Älterwerden? Das ist doch nichts Anderes, als daß du immer wieder ein neuer Mensch sein darfst, jeden Tag wieder, jedes Jahr wieder.

16Denk7 dir nur einmal, du wärest an ein bestimmtes Alter und damit auch an einen bestimmten äußeren und inneren Zustand deines Lebens gefesselt, also z. B. an irgend eines von den sogenannten goldenen Jugendjahren. Man sagt ja manchmal: man sollte eben immer jung bleiben können! Denk dir einmal, es wäre so. Wäre das schön? Nein, das wäre fürchterlich, so fürchterlich, daß wir es uns zum Glück gar nicht denken können. Denn jede Altersstufe hat wohl ihre Vorzüge, aber auch ihre schweren Unvollkommenheiten, die die Vorzüge wahrhaftig überwiegen würden, wenn wir uns nicht denken könnten: gottlob, es geht weiter, man wird älter und kommt über das und das hinaus. Und nun sollte es gerade nicht mehr weiter gehen, nun sollte man zeitlebens z. B. so ein störrisches Eselein bleiben müssen, wie man es meinetwegen mit 18 Jahren meistens ist. Das ist ja der reine Unsinn, und danach wollen wir uns doch ja nicht sehnen, und es gibt auch sonst kein Lebensalter, das sich lohnen würde anzuhalten, auch wenn man es könnte.

Nein, das ist gut so eingerichtet, wie es ist, daß wir, ohne gefragt zu werden und etwas dazu machen können, weiter müssen durch die Zeit hin, immer weiter, und an keiner Stelle in ein Gefängnis geschlossen werden. Seht, nun können wir wachsen von einer Stufe zur anderen, und es sind unendlich viele Stufen. Nun nimmt unser ganzes Leben eine unendliche Reihe von ganz verschiedenen Formen an, eine hinter der anderen. Ich habe hier schon in mehreren Häusern ein Bild gesehen, das stellt die Altersstufen dar in zehn Figuren: ein Kind, ein junger Bursch, ein Mann usw. bis zum müden Greis, der dem Grabe entgegenwankt.8 Ist das nicht merkwürdig, daß das das gleiche Wesen ist, das da vor unseren Augen so ganz verschiedene Formen annimmt, und dies gleiche Wesen bin ich, bist du, ist der Mensch. Ja, und das ist nun nicht nur merkwürdig, sondern das ist herrlich, daß es so ist. Denn eben weil es weitergeht mit uns, so brauchen wir nun nicht an die Schattenseiten jeder Altersstufe zu denken, sondern können uns immer nur von der einen auf die andere freuen, wegen der ganz besonderen Möglichkeiten und Reize, die gerade sie |17 an sich hat. Ich meine damit: es hat jedes Alter, jedes Lebensjahr, ja wenn wir acht geben auf unsere Zeit, fast jeder Monat seine besondere Fähigkeit, das Bild Gottes, das in uns verborgen ist, hervorzulocken. Sind wir jung, so sind wir weich und frisch genug, Alles, was Freude und Liebe heißt, in vollen Zügen in uns aufzunehmen. Werden wir ein wenig älter, so werden wir vorsichtiger, wählerischer, schärfer in unserem Urteil, lassen manches gerne liegen und greifen nach dem, was Wert hat. Werden wir noch ein wenig älter, so muß es sich nun behaupten und bewähren, was wir ergriffen haben, und wird dadurch von selbst lauterer und klarer. Stehen wir auf der Höhe des Lebens, so kann nun das Entdeckte und Gewonnene unser eigener Besitz werden, und doch schafft das Leben noch fort und fort an uns und zwingt uns, weiterzuforschen, zu ringen, uns um das Tiefste zu mühen. Und kommt dann das eigentliche Alter, dann darf Alles sich abrunden, bestimmte Formen annehmen, dann sind die Hauptsachen unbedingt sicher geworden, und über die Nebensachen können wir frei hinwegsehen, und eine große innere Ruhe und Freudigkeit kommt in unser Reden und Tun, und eine heitere Überlegenheit geht von uns [aus], bis Gott einmal sagt: nun ist’s genug, und die reife Frucht abnimmt. Sieh, das sind die Altersstufen und die besonderen Türlein zur Freude, die auf jeder von ihnen9 aufgetan sind. Wolltest du auf einer Stufe sagen: halt, nicht weiter!? Du kannst daran denken, mit was für verschiedenen Augen man die Menschen ansehen kann, indem man älter wird, wie man das Schwere des Lebens so verschieden trägt früher oder später, wie die inneren Dinge einem immer näher gelegt werden, wie man mit der Zeit gezwungen wird, die Zeit besser zu benutzen, wie die Geduld einem zur unerbittlichen Notwendigkeit wird, wie einem immer schärfer auseinander tritt Groß und Klein, Wichtig und Unwichtig. Und da wolltest du nun dieser Verwandlung, die sich da mit einer wundervollen Weisheit an uns vollzieht, irgendwo Einhalt gebieten, da wolltest du kleiner Tor zu einem Augenblicke, der dir besonders gut gefällt, sagen: verweile doch, du bist so schön10?, und weil das nichts nützt, wolltest du nun wehmütig den vergangenen Zeiten nachstudieren? Siehst du nicht, daß das alles so sein muß, damit wir wirklich unserer Bestimmung leben können? Siehst du nicht, daß uns Gott durch unser natürliches Älterwerden den Weg vorzeichnet und eröffnet, auf dem wir uns können erlösen |18 lassen von unseren Torheiten, von all dem, was uns von ihm trennt? O, die Bilder von den Altersstufen in euren Häusern haben einen Fehler. Sie stellen das Älterwerden dar in Form einer Doppelleiter, zuerst geht’s aufwärts und dann von den 50 geht’s abwärts auf dem Bild. Wenn’s recht zugeht, wenn es zugeht, wie Gott es uns vorzeichnet, dann ist das eine Lüge. Im wirklichen Leben gibt’s kein solches Abwärtssteigen. Glaub nicht daran! Die Enthüllung des Bildes Gottes in dir kann nicht stillestehen und zurückgehen, wenn sie einmal wirklich angefangen hat. Jugendfröhlichkeit und Jugendkraft, gut, die bleiben zurück, aber die innere Freude und die innere Kraft, die daraus fließen, daß Gott sich in uns spiegelt, die bleiben nicht zurück. Und nicht zurückbleiben kann der Segen, der von einem Menschen ausgeht, der vor Gott klar wird. Und nicht zurückbleiben kann das Wohlgefallen, mit dem Gott sich selber in einem solchen werdenden Menschen erblickt. Nicht zurückbleiben kann Gottes Herrschaft und Reich, das da aufgerichtet wird, wo der Mensch das wird, was er ist. Sondern das alles muß zunehmen und vorwärts gehen und nimmt zu und geht vorwärts. Und darum sollen und wollen wir doch keinen Augenblick denken, als sei nun etwas verloren, wenn die goldene Jugendzeit nicht mehr da ist oder wenn also die 50er Jahre, die vermeintliche Spitze jener törichten Doppelleiter, hinter uns sind. Darum werden wir eben nicht müde, sondern, ob unser äußerlicher Mensch verdirbt, so wird doch der innerliche von Tag zu Tag erneuert [2.Kor. 4,16]. Und die Jahre und Tage, durch die wir weiter und weiter kommen ohne unser Zutun, einfach nach Gottes großer Hausordnung, die müssen uns zu lauter Sprossen der rechten Himmelsleiter werden, wenn wir sie nur zu brauchen, fest und froh zu betreten wissen.

Ja, worauf kommt’s nun an für uns alle bei unserem Wachsen und Älterwerden, für die Jüngeren, die Jungen, die Alten, die ganz Alten unter uns? Auf nichts Anderes, als daß wir der Wanderung, auf der wir alle uns befinden, den Sinn lassen, den sie von Gottes wegen hat, daß sie das, was wir sind, zur Entfaltung bringe, daß wir uns den göttlichen Reizen und Möglichkeiten, die dieser Weg auf allen seinen Stufen für uns hat, nicht verschließen und versperren. Daß das Licht in uns zum Leuchten kommt und das Bild Gottes heiter und freundlich in uns hervorbreche in gleichem Maße, als wir älter werden. Das war offenbar das Geheimnis des Älterwerdens und Wachsens im Leben des Heilands. Bei ihm heißt es nicht nur: das Kind wuchs, sondern: es ward stark im Geist, voller Weisheit, |19 und Gottes Gnade war bei ihm, und das stand bei ihm im innigsten, natürlichsten Zusammenhang. Er wußte aus jeder Stufe seines Lebens etwas zu machen. Er wußte jeden Tag und jedes Jahr zu brauchen für die Entfaltung dessen, was er war. Wir wissen fast nichts Einzelnes über sein Werden. Aber wir wissen, wie er zuletzt offenkundig dastand als Gottes lieber Sohn. Er ist dazu herangewachsen mit dem natürlichen äußeren Wachstum, mit seiner Wanderung durch die Zeit nach Gottes Hausordnung. Er ist auf so natürliche Weise Gottes Sohn geworden, wie ein Baum auch Jahr für Jahr Ringe ansetzt und zuletzt stark und groß dasteht und doch nur als das, was er immer war. Sieh, die Enttäuschungen und Stillstände und Verbitterungen und Rückschritte, die es während unseres Älterwerdens gibt, die Schwachheiten und die Torheiten unserer Jugend und unseres Alters, die uns veranlassen, daß wir alt sein möchten, wenn wir jung sind, und jung, wenn wir alt sind, die sind eben nichts Natürliches, und wir sollten das einmal einsehen, daß sie etwas Unnatürliches sind. Sie stimmen eben nicht zu dem Wachsen, das uns durch Gottes Hausordnung vorgezeichnet ist.

Die Zeichen unserer Zeit begreifen, das wollen wir, in welcher Zeit wir auch stehen. Mit dem Heiland wollen wir älter werden. Und darum jetzt nicht studiert und nicht wehmütig zurück- und in die Zukunft geblickt, sondern fröhlich in die neue Zeit, ins neue Jahr hinein.

Amen.
Herr unser Gott! Du siehst auch heute in unsere Herzen hinein, siehst das Alte, das vor dir nicht bestehen kann, und siehst das Neue, das du willst wachsen lassen. Schaff nun weiter an uns. Bleibe bei uns mit deiner Gnade, damit es weiter mit uns gehe. Laß du uns erkennen, was du erkennst, was unser altes Ich ist, das verschwinden muß, und was unser neuer Mensch, der leben und sich freuen darf. Laß uns mitarbeiten an der Enthüllung deines Bildes, das in uns verborgen ist. Laß dies angefangene Jahr für uns alle ein Jahr des Wachstums werden, für uns und alle Menschen.
Lieder:
  • Nr. 66 «Hilf, Herr Jesu, laß gelingen» von J. Rist, Strophen 1-3, (EG 61,1+3, Strophe 2 des GERS nicht im EG) 🎵
  • Nr. 31 «Ach bleib mit deiner Gnade» von J. Stegmann, Strophen 1-3.6 (GERS [1952] 208,1-3.6; EG 347,1-3.6 mit Textabweichungen). 🎵

Sachfußnoten

1
= hin- und herberaten, herumrätseln (abgeleitet von «wer weiß?»).↩
2
= tief.↩
3
Den Spruch «Sei, was du bist!» hat Barth möglicherweise in Bad Boll kennengelernt, bezeichnet er ihn doch 1915 als «Blumhardts Rat» (Bw.Th. I, S. 110 📖). Das Wort hat aber eine lange Geschichte, begegnet in der Schweiz bei J. C. Lavater und geht zurück auf den griechischen Dichter Pindar (522 oder 518- 445 v.Chr.). Es lautet im Urtext: γένοι᾽, οἷος ἐσοί (2. Pyth. Ode, V. 72); Pindar, Siegesgesänge und Fragmente, griech. und deutsch hrsg. und übersetzt von O. Werner, München 1967, S. 124 📖.↩
4
Vgl. P. Sabatier, Vie de S. François d’Assise, Paris, 18944, S. 200–203 📖. Dort werden Franz’ Erlebnisse mit Vögeln geschildert; vgl. die gekürzte, kritische Ausgabe: P. Sabatier / Fr. Renner, Leben des heiligen Franz von Assisi, St. Ottilien 1979, S. 171–174 📖. Die Wolfs-Legende wird nacherzählt bei K. Hase, Franz von Assisi. Ein Heiligenbild, Leipzig 1856, S. 102 📖.↩
5
Im Mskr. stand ursprünglich: «an dem wir allezeit wissen können, wo wir hingehören». Barth machte dann aus dem «wir» ein «du», versäumte aber, das Wort «können» zu verändern.↩
6
Der hier beginnende Absatz ist im Mskr. in eckige Klammern gesetzt.↩
7
Wie oben, Anm. 6.↩
8
Welche Bilder Barth in Safenwiler Häusern gesehen hat, konnte nicht eruiert werden. Vgl. aber z. B. Lexikon der Kunst, Bd. IV, Leipzig 1992, S. 251 📖: «Lebensalter, verschiedene Lebensstufen des Menschen, die seit der mittelalterl[i-chen] Kunst durch Symbole und Personifikationen Gegenstand der Darstellung sind. Die Kunst des M[ittel-]A[lters] bevorzugt eine Aufgliederung in 3-7, z.T. sogar 10 L[ebensalter] n.»↩
9
Mskr.: «ihr»; Änderung vom Hrsg.↩
10
J. W. von Goethe, Faust I, V. 1700 (Studierzimmer) 📖.↩