Nun möchte ich euch heute, wo die Weihnacht schon wieder hinter uns liegt, etwas ans Herz legen, was wir uns eigentlich nach jeder Festzeit und an jedem Sonntag abend sagen sollten, nämlich: nun wollen wir aber einmal wie Maria all diese Worte behalten und in unserem Herzen bewegen. Was haben wir sonst von der Weihnacht gehabt, wenn wir jetzt einfach als die Gleichen weitergehen wollen? Was hätte Maria davon gehabt, wenn sie, die Mutter des Heilands, nachher einfach wieder eine gewöhnliche Frau mit gewöhnlichen Gedanken und ei|527nem gewöhnlichen Wesen geworden wäre? Ich habe stark den Eindruck, liebe Gemeinde, daß es uns an dem fehlt, woran es der Maria nicht gefehlt hat, als die Weihnacht hinter ihr lag, an dem Behalten und Bewegen der außerordentlichen Dinge, die uns von Gott zukommen und durch die unser ganzes Dasein außerordentlich werden müßte. Macht es euch nicht auch manchmal Gedanken, daß nun seit bald fünfzig Jahren von dieser Kanzel aus das Evangelium ist gepredigt worden1, in sehr verschiedener Weise von den verschiedenen Pfarrern2, aber doch von Anfang an bis heute mit dem gleichen Hauptinhalt: euch ist ein Heiland geboren! Gott meint’s gut mit euch! Euer Leben kann ein klares, starkes, freudiges Leben werden durch das, was Gott euch schenken will!
Ja und jetzt? Ist’s nicht kurios, daß ihr Jahr für Jahr immer wieder, die Einen häufiger, die Anderen seltener, auf diesen Bänken sitzt und das hört und daß man dann schließlich doch, wenn man die ganze Gemeinde und die Einzelnen ansieht, noch fragen muß: und jetzt? Ist’s nicht kurios, daß nun wieder einmal Weihnacht gewesen ist, und wir haben sie gefeiert und feiern sie noch, indem wir uns in Gebet und Lied und Wort ihre Freudenbotschaft vor Augen halten, wie wir’s alle Jahre tun, und doch muß man allen Ernstes fragen: und jetzt? Ist’s nicht kurios, daß Gott schon so lange mit uns geredet hat und immer wieder mit uns redet und daß man dann überhaupt noch fragen muß: und jetzt? Ja und jetzt? Werden wir nun morgen wieder die Gleichen sein, die wir vorgestern waren? Werden wir nun bald wieder aus dem alten Jahr hinaus und ins neue hinübergehen als die Gleichen, wie wir es vor einem Jahr auch getan haben? Bleibt’s nun eigentlich immer das Gleiche unter uns, immer das gleiche Leben, in dem der liebe Gott nur am äußersten Rande etwas zu sagen hat und in dem wir uns auch nur am äußersten |528 Rande von ihm helfen lassen?, immer die gleiche Kälte und Gleichgiltigkeit da, wo wir warm und lebendig werden, und immer die gleiche Hitze und Empfindlichkeit dort, wo wir gelassen und still bleiben sollten?, immer das gleiche Seufzen unter den Sorgen, die im Grunde kleine, nebensächliche Sorgen sind, und immer die gleiche frevelhafte Sorglosigkeit dort, wo wir wachen, ringen und kämpfen sollten?, immer der gleiche falsche Frieden zwischen gut und böse, Himmel und Hölle und immer die gleiche falsche Feindschaft zwischen Menschen, die sich bei gutem Willen ganz gut verstehen und anerkennen könnten? Und draußen in der Welt immer der Krieg mit seinem millionenfachen Elend, und wenn dieser Krieg einmal vorbei ist, wieder all das andere Elend, das schon vor dem Kriege da war und gen Himmel schrie, und dann über kurz oder lang wieder einmal Krieg, immer das Gleiche? Immer das Gleiche, daß die Welt vom Geld regiert wird, daß ein jeder sich selbst der Nächste ist, daß der Stärkste Recht hat, daß Allem, aber auch Allem, was das Menschenleben menschenwürdig macht, freundlich, heiter, edel, sinnvoll, Allem vorausgeht das Interesse, der kalte Nutzen, den man berechnen kann und an dem man weiß, [was] man hat? Immer das Gleiche, daß unser Menschenleben zwischen Geburt und Tod ein unbegreiflich sinnloses Stücklein Dasein bleibt mit all seinen Aufregungen, Kümmernissen, kleinen Fortschritten und großen Enttäuschungen, mit unserer menschlichen Unvollkommenheit, die wir hinter uns herschleppen wie eine klirrende Kette, mit der Krankheit, dem Feind unseres Leibes, die uns so viel Kraft und Zeit und Freude stiehlt, mit dem Tod, der Allem ein ebenso unbegreifliches Ende setzt? Immer der Gleiche du? und immer der Gleiche ich? und immer die gleiche, die Gemeinde Safenwil? und immer das gleiche, das Menschenkind, wie es nun einmal ist? Und dabei haben wir’s doch gehört und wieder gehört: euch ist der Heiland geboren [Lk. 2,11] und: Gott ist die Liebe [1.Joh. 4,8.16]!, und jetzt? — seht, ich möchte, daß diese Frage uns nun einmal unruhig macht und nicht mehr losläßt; ich möchte, daß es uns, wenn wir heute zum letzten Mal im alten Jahr aus der Kirche hinausgehen, in den Ohren tönt: Und jetzt?, daß es uns verfolgt auf dem Heimweg und in alle gleichgiltigen Gespräche hinein, die wir dann wieder führen mögen, daß es uns im Sinne bleibt, auch wenn das Gesangbuch wieder auf die Seite gelegt und das Sonntagskleid ausgezogen ist, die Frage: und jetzt? soll nun etwas werden und geschehen?, oder wenn |529 denn wiederum nichts geschehen soll, warum haben wir Toren dann Weihnacht gefeiert? Warum haben wir eine Kirche und einen Pfarrer? Warum haben wir eine Religion, wie wir ja doch alle eine zu haben behaupten?
Liebe Freunde, das alles fragt euch nicht euer Pfarrer, das fragt euch Gott selber, der nicht mit sich das Spiel treiben läßt. Gott, der uns den Herrn Jesus gegeben hat, nicht damit wir eine Religion aus ihm machen, sondern damit wir uns einmal von ihm sollen erlösen lassen. Gott, der Geduld mit uns hat, nicht damit wir immer wieder auf seine Geduld spekulieren, sondern damit wir uns einmal entscheiden sollen. Gott, der die Welt nicht dazu lieb hat, damit sie immer die gleiche bleibe, sondern daß sie sich durch seine Liebe erneuern lasse. Gott, der uns sein Licht hat erscheinen lassen mitten in der Nacht, nicht damit wir uns ein wenig damit unterhalten, sondern damit wir des Lichtes Kinder werden sollen3: er fragt euch, und ihm müßt ihr Antwort geben, und er kennt eure Antwort, bevor ihr sie gegeben habt.
Was hat Maria getan? «Sie behielt diese Worte und bewegte sie in ihrem Herzen», heißt es. Und damit wollen wir nun auch einmal einen Anfang machen. Ein kleines, schüchternes, unbeholfenes Anfänglein vielleicht, aber einen Anfang. Die Worte, die da gemeint sind, sind die Weihnachtsworte: Siehe, ich verkündige euch große Freude! [Lk. 2,10] und: Ehre sei Gott in der Höhe! [Lk. 2,14] und was dazu gehört. Aber es sind nicht diese äußeren Worte und nicht die anderen äußeren Worte, die in der Bibel stehen und die wir uns das ganze Jahr hindurch Sonntag für Sonntag sagen lassen. Es sind schließlich nicht viele Worte, sondern ein einziges Wort, das man nicht mit den Lippen aussprechen und nicht mit den Ohren hören kann. Und doch können wir’s einander sagen, ob wir gleich dabei stammeln müssen wie kleine Kinder, und doch können wir’s auch recht gut hören, ob wir gleich recht schwerhörig sind, das eine Gotteswort, daß der Vater uns lieb hat, daß wir seine Kinder sind und daß er sein Reich aufrichtet und zuletzt und in Allem Meister bleibt. Das klopft an an unserem Gewissen. Das will hinein in unser unruhiges Herz. Das will Antwort geben auf unsere Fragen und Fräglein. Das will lösen und klären, was da verworren und verflochten ist in un|530serem Gemüt. Das will Besitz ergreifen von unserer tiefsten, innersten Seele. Das will aber auch unsere Lebensgrundsätze und Denkgewohnheiten verändern. Das will uns aus den ausgefahrenen alten Geleisen hinausdrängen auf neue Bahnen. Das klopft schließlich an an alle Ordnungen und Verhältnisse unserer Welt, stellt sie gründlich in Frage und will sie, weil sie vor seiner Frage nicht bestehen können, von Grund aus umwälzen, von Grund aus ein Neues schaffen.
Nicht wahr, so ist das Wort Gottes auch schon an uns herangekommen. Es kommt gar nie anders heran an uns als so. Es wird in der Bibel mit einem Pflug verglichen [vgl. Lk. 9,62] oder mit einem Hammer oder mit einem Feuer [Jer. 23,29] oder mit einem Licht [2.Petr. 1,19] oder mit einem treibenden Samen [Lk. 8,11 par.]. Es muß immer an uns arbeiten, uns verwandeln, in uns und durch uns Neues hervorbringen. Wenn es das nicht täte, wenn es nur so zum Schein und zur Erbauung ein wenig säuselte, so wäre es gar nicht Gottes Wort. Und durch dieses Lebendige, Schaffende, Neue seines Wortes will Gott der Herr es bewirken, daß es nicht immer im Gleichen bleibt mit uns und unserer Welt. Er hat uns jetzt wieder die Weihnachtsbotschaft hören lassen, damit wir morgen andere Leute sein sollen, als wir vorgestern waren. Andere Leute nämlich mit einem ganz neuen Trieb zu wachsen, uns auszustrecken, sehnsüchtig zu greifen nach der Liebe des Vaters, nach unseren Kindesrechten, die wir bei ihm haben, nach den Anzeichen und Vorstufen seines Reiches. Nach jedem Sonntag müßte dieser neue Trieb wieder da sein, nach jedem Gebet, nach jedem In-der-Bibel-Lesen, immer kräftiger müßte er werden in uns durch Alles, was Gott jahraus jahrein mit uns redet. Und in unserer Gemeinde, ja in der ganzen Menschheit müßte dieser Trieb wachsen und wachsen durch alles das, was Gott ihr beständig sagt von seiner Liebe. Es müßte sich in uns etwas regen und bewegen von jener königlichen Siegeszuversicht, die Gott selber hat gegenüber den Nebeln und Wolken des Traurigen und Bösen, die jetzt noch über seiner Schöpfung liegen, etwas von der Unmöglichkeit, die für Gott selber besteht, solche Fesseln zu tragen von Schwachheit, Torheit und Bosheit wie die, unter denen wir jetzt schmachten, etwas von dem frohen Kampfesmut, mit dem Gott selber gegen den Widerstand der stumpfen Welt4 an der Arbeit ist. Denn das ist ja die Liebe |531 Gottes gegen uns, und dazu hat er seinen Sohn gesandt in unsere Welt, daß wir durch ihn leben sollen [1.Joh. 4,9]. Diesen neuen Trieb in uns will Gott haben. Gott braucht ihn. Durch ihn will er schaffen. Durch ihn will er uns und unsere Welt erlösen. Das sehen wir an Jesus, der in diesem neuen Trieb ganz lebte. Darum konnte ihn Gott seinen lieben Sohn nennen, an dem er Wohlgefallen hatte [Mk. 1,11 par.]. Darum konnte Gott ihn brauchen. Darum kann Gott durch ihn der Welt helfen. Die Weihnachtsbotschaft und das Evangelium das ganze Jahr hindurch beruft uns dazu, Jesu Brüder zu werden, mit ihm in diesem neuen Triebe zu leben, mit ihm an die Arbeit und in den Krieg und zum Sieg zu ziehen für Gott. So ist’s mit dem Worte Gottes, das wir gehört und immer wieder gehört haben.
Aber nun heißt’s vom Behalten dieses Wortes. Behalten heißt nicht nur empfangen haben, sondern in Besitz haben. Behalten ist das Gegenteil von «gestern» oder «am Sonntag» oder «an der Weihnacht». Behalten heißt gegenwärtiges Eigentum. Ihr wißt, wie leicht es uns mit dem Worte Gottes anders geht: es kommt zu uns, es weckt uns, es packt uns, es rührt uns auf, es tut uns wohl, und dann geht es wieder und gehört zu den vielen gestrigen Sachen. Und dann hat es eben seinen Zweck verfehlt, und Alles bleibt im Gleichen. Warum behalten wir’s nicht besser? Und wie lernen wir, es besser zu behalten? Ich möchte euch da auf dreierlei aufmerksam machen auf Grund meiner Erfahrung mit mir selber und auf Grund dessen, was ich bei Anderen sehe.
Wir dürfen dem Worte Gottes gegenüber nicht die Vielseitigen sein wollen, d.h. wir dürfen das, was da so an uns herankommt von Gott her, nicht aufnehmen in der Art vornehmer Leute, die sich ja neben vielem Anderen auch noch den Luxus einer Religion leisten können. So von Allem ein wenig: ein wenig Geschäftssinn, ein wenig kluger Familiengeist, ein wenig Freude, sich zu amüsieren, ein wenig vorsichtige Dorfpolitik und dann auch noch ein wenig Religion. Ich muß euch gestehen, daß ich mit der Zeit einen wahren Haß bekommen habe gegen Worte wie Religion und «religiöse Gesinnung» und «religiöse Interessen», weil ich dabei immer mehr sofort an jenes vielseitige «ein wenig»
Nun glühte seine Wange rot und röter
Von jener Jugend, die uns nie entfliegt,
Von jenem Mut, der, früher oder später,
Den Widerstand der stumpfen Welt besiegt…
|532 denken muß. Das Wort Gottes, liebe Freunde, kann man nicht «ein wenig» behalten wollen. Das Wort Gottes kann sich in seinem Anspruch an uns nicht mit anderen Interessen teilen. Es will uns ganz haben. Gottes Sache mit uns ist so groß und umfassend, daß wir uns ihr ganz zur Verfügung stellen müssen. Und dieses «ganz» will sagen: du mußt dem neuen Trieb von Gott her dich selbst, dein Innerstes, Tiefstes öffnen, du mußt nicht nur deine Gesinnung oder dergleichen, sondern dein Ich durch den neuen Trieb von Gott her in Beschlag nehmen lassen. Es muß in dir Alles weichen vor der Klarheit, daß Gott dich und die Welt lieb hat und daß er sein Reich bauen will. Die Religion muß weichen, und Gott muß die Herrschaft in dir antreten. Der neue Trieb wird dann deinen anderen Interessen, den nötigen und den unnötigen, schon die Stellung anweisen, die ihnen zukommt, du brauchst um sie keine Angst zu haben. Das ist das Erste, was es braucht zum Behalten.
Das Zweite ist, daß wir nicht die Überlegenen sein und von einem Thrönlein aus zusehen wollen, wie der liebe Gott an den Anderen schafft und wie es ihm dabei gelingt oder nicht gelingt. Wir denken, wenn Gottes Wort an uns kommt, viel zu schnell gleich an die Anderen, adressieren es an «die Leute», statt an unsere eigene Adresse. Ja, sagen wir, das sollten «die Leute» einmal hören und verstehen!, aber das wollen «die Leute» eben nicht gelten lassen, aber «die Leute» werden schon noch einmal merken usw. Liebe Freunde, das ist ein Gefasel, bei dem wir unmöglich zum Behalten kommen können. Dieses Blitzableiterspielen muß sich rächen. Ihr könnt es mir als Pfarrer glauben, daß ich gerade da aus eigener bitterer Erfahrung rede. Du mußt nun einmal anfangen, Gottes Wort ganz direkt auf dich zu beziehen, als ob es gar niemand Anderes angehen könnte. Laß einmal das interessante Zuschauen und Beobachten sein! Das Kommen des Gottesreiches ist kein Theater. Es handelt sich um dich! Dich hat Gott lieb! Du mußt dich für ihn bereit stellen! Du mußt dich mit dem neuen Trieb beschenken lassen! Stell dich vor Gott hin, als ob du ganz allein wärest, als ob du die ganze kranke, gefangene Welt in dir trügest, und dann laß ihn mit dir reden von der Erlösung. Dann kommt die Erlösung. Durch die Menschen, die sich so vor Gott gestellt haben, ist noch immer die Erlösung auch für die arme Welt gekommen. Durch dich will Gott schaffen! Sieh nicht links noch rechts, sondern laß ihn machen! Das ist das Zweite, was es braucht zum Behalten.
533 Das Dritte ist, daß wir nicht zu viel und zu vielerlei über Gottes Wort dürfen reden und hören wollen. Es ist ein sehr gefährlicher Augenblick, wenn uns Gottes Wort einmal lieb und wichtig wird und wenn uns nun die Lust anwandelt, aus dem einen Wort, das aus dem Munde Gottes geht [vgl. Mt. 4,4] und das zum Ernstmachen bestimmt ist, viele Menschenworte zu machen, die gar lieblich und erschütternd dahinrauschen, weil sie ihren göttlichen Ursprung nie ganz verleugnen können, und die doch nur Spielzeug sind, weil wir sie nur zu unserem Vergnügen reden und hören und nicht zur Ehre Gottes. Es ist gefährlich, Pfarrer sein zu müssen. Es ist gefährlich, viel in die Kirche zu gehen und vielleicht von einem Prediger abhängig zu werden; ich sage das, obwohl es in Safenwil nicht viele nötig haben, das zu hören, aber ihnen sage ich’s. Es ist gefährlich, gern mal wieder etwas Neues und Anderes zu hören auf eine neue, andere Weise. Das alles ist gefährlich, weil bei dem allem Gelegenheit ist, sich mit Gottes Wort zu unterhalten, statt einmal Vertrauen zu ihm zu fassen und ihm Gehorsam zu leisten. Es handelt sich nicht ums Reden und Hören von dem neuen Trieb von Gott her, sondern es handelt sich darum, daß dieser neue Trieb tatsächlich einmal in uns entstehe. Du mußt dich nun selber prüfen, wie es mit deinem Reden und Hören, Vertrauen und Gehorchen gegenüber dem Gottesworte steht. Es könnte doch sein, daß dir das Gotteswort nur zu gut gefällt und daß du es darum bisher nicht besser behalten konntest.
Dieses Behalten ist eine feine, wunderbare Sache. Das bedeutet eben einfach, daß Gott mit seinem Wort nicht an dir vorbeizieht, sondern wirklich bei dir einkehrt und bei dir bleibt. Und nun sagt er dir auf die liebe, freundliche Art, wie nur er es kann: Du bist mein! [Jes. 43,1]. Nun nennt der Heiland dich seinen Bruder. Nun wird das Wort Gottes in dir zu dem neuen Trieb, und du selbst wirst ein Krieger Gottes in seinem großen heiligen Krieg. Der fängt nun erst an, und er fängt sofort an, und es gibt da kein gemütvolles Zaudern und Besinnen. Aber du brauchst keine Angst davor zu haben. Du hast es schon gewonnen, du bist schon über den Berg, wenn du einmal mit dem Behalten einen Anfang, ein Anfänglein gemacht hast. Dann bleibt’s sicher in dir und um dich herum nicht im Gleichen, versuch’s nur einmal!
Aber nun steht da von Maria noch etwas, und das wollen wir nicht übersehen: Sie bewegte diese Worte in ihrem Herzen. Es darf nicht anders sein, als daß auch damit ein Anfang gemacht werde. Das Behalten |534 geht auf das, was uns von Gott her zukommt und daß wir uns nicht irgendwie dagegen sträuben und verschließen. Das Bewegen im Herzen geht auf das, was nun von uns selber aus geschehen muß. Und doch wächst es ja eigentlich nur hervor aus dem, was uns von Gott offenbart und geschenkt wird. Wo Gottes Wort einmal aufgenommen und behalten ist, da bewegt es sich auch in den Herzen; dafür brauchen wir gar nicht zu sorgen, wir dürfen nur wiederum seiner Bewegung kein Hindernis in den Weg legen. Das Wort Gottes will nun eben tatsächlich nicht nur da sein in uns, und es kann keine Rede davon sein, daß wir uns in seinem Besitz getrost unter einen Apfelbaum5 setzen und abwarten könnten. Sondern nun will es sich beweisen als das, was es ist: als der Hammer, das Feuer, der treibende Same, als das Lebendige, Schaffende, Neue.
Die erste Bewegung des Gotteswortes, das in dir Boden gefunden, wird sich gegen dich selbst richten. Die Liebe Gottes hat dich aufgerufen zum Kampf um sein Reich, und du hast den Ruf gehört, und nun sieh in dir selbst eine ganze Welt von Unfrieden, Unfreudigkeit, Unbrüderlichkeit, Ungerechtigkeit. Da muß sich nun ein Zwiespalt in dir auftun, daß du dich einmal scheidest von dem, was vor der Liebe Gottes nicht bestehen kann, und dann einmal in diesen Kampf hinein! Ich glaube, es ist geradezu ein Kennzeichen der Echtheit und Richtigkeit dieser Herzensbewegung, daß sie sich zuerst und immer am stärksten gegen uns selbst richtet, daß sie zuerst und vor Allem in einem feinen, unruhigen persönlichen Gewissen sich äußert. Solange wir noch grob und unrein und empfindlich sein können, sind wir noch nicht von Gott bewegt, sondern noch stark von uns selber, auch wenn wir vielleicht schon viel von Gottes Wort behalten haben.
Aber die Bewegung in uns wird dann doch bald genug weitere Kreise ziehen. Unser Beruf, unser Familienleben, unser Verkehr mit den Menschen, unsere bürgerliche und soziale Stellung bringt uns Pflichten und mit den Pflichten schwere Fragen und Bedenken. Die Liebe Gottes, die uns treibt, stößt hart zusammen mit dem, was wir sonst tun und tun müssen. Wie eine Mauer scheint es sich vor uns zu erheben, was die |535 Menschen an Ordnungen und Einrichtungen ersonnen und aufgestellt haben und in dem wir ja alle mitten drin stehen. Wir müssen all das Schöne und Gute, ja Göttliche auch an den bestehenden Verhältnissen in der Welt sehen und anerkennen, die vielen Lichtlein Gottes, die schon jetzt in der Welt und auch in unserem Leben strahlen und wärmen. Aber was sagt die Liebe Gottes dazu, die uns treibt? Darf sie sich zum Schweigen bringen lassen von den ungeheuren Grundtatsachen der Selbstsucht und der Gewalt, auf die unser ganzes Leben aufgebaut ist? Darf sie sich abfinden lassen durch den Hinweis auf allerlei Gutes, was ja auch schon da ist mitten in dem Toben der Höllenmächte? Darf sie still werden, wenn sie nicht anders kann, als nach einem Neuen zu rufen und Neues zu schaffen? Darf sie? Sieh, nun gewinnt die Bewegung des Herzens erst Kraft und Tiefe, wenn wir nicht nur auf uns, sondern auf die Tatsachen der Welt aufmerksam werden, in der wir stehen, wenn wir von ganz bestimmten großen Ungerechtigkeiten des Lebens, an denen wir beteiligt sind, etwa von dem Alkoholismus oder von den Arbeiter- und Arbeiterinnenfragen oder heute ganz besonders von dem Krieg und seinen Ursachen, vor die Frage gestellt werden: was sagst du nun dazu? was tust du nun damit? Du mit der Liebe Gottes im Herzen? Du als Kind des himmlischen Vaters aller Menschen? Du mit deinem Glauben an Gottes Reich? — was tust du damit? Es ist notwendig, daß wir da einmal ganz anders in Bewegung kommen. Solange wir da noch gleichgiltig sein oder uns mit oberflächlichen und kurzsichtigen Auflösungen aus der ersten besten Zeitung begnügen können, solange sind wir wiederum sicher nicht von Gott bewegt, sondern immer noch von uns selbst, und wenn wir noch so viel von Gottes Wort behalten und wenn wir persönlich noch so fromme und feine Menschen wären.
Und dann muß die Bewegung in uns noch weiter gehen. Es gibt Schranken unseres Lebens und Fesseln, unter denen wir seufzen, bei denen scheinbar gar nicht von einer Schuld unsererseits die Rede sein kann und bei denen es hoffnungslos scheint, dagegen anzustürmen. Ich denke an die furchtbaren Ungleichheiten in der Begabung und Veranlagung der Menschen. Ich denke an alles Unheil, das scheinbar einfach aus dem Naturlauf herrührt. Ich denke an das Heer der Krankheiten. Ich denke an den Tod, den letzten Feind, wie er in der Bibel heißt [1.Kor. 15,26]. Muß die Weihnachtsbotschaft hier verstummen, muß die Liebe Gottes hier verzichten? Oder gibt es auch hier ein Gotteswort: |536 Siehe, ich verkündige euch große Freude? Wir stehen ratlos, hoffnungslos. Es sieht aus, wie wenn die Bewegung von Gott her hier innehalten müßte, wie wenn es hier nichts mehr gäbe, als sich zu schicken in das Unvermeidliche. Aber die Liebe Gottes in seinen Kindern kann wohl warten, aber nicht verspielt geben6. Stehen wir denn eigentlich vor einer Giftschlange ratloser da als vor einem eingewurzelten persönlichen Fehler, den ich nicht loswerde? Ist es schwerer, mit der Tuberkulose fertig zu werden als mit der Trunksucht oder mit dem Unverstand so vieler Arbeiter? Stehen wir machtloser da vor einem Bergsturz oder vor dem Krieg? Ist der Tod der stärkere Feind des Menschen als seine Gott-Losigkeit? Ahnen wir nicht, daß im Natur- und Menschenleben alles Dunkle und Traurige schließlich auf dieselben Wurzeln zurückgehen muß und daß es nur einen Weg gibt, der uns von allem Übel befreit, auch wenn er uns auf weite Strecken völlig dunkel ist: die Liebe Gottes, die Freudenbotschaft der Weihnacht, daß nichts uns von dieser Liebe scheiden kann [vgl. Röm. 8,35–39]? Nein, die Bewegung von Gott her in unseren Herzen, das Suchen nach dem Lebendigen, Neuen, das uns durch Gottes Wort verheißen ist, sie darf und kann vor keiner Fessel und Schranke halt machen. Und wir wollen damit anfangen, von Gott nicht wenig, sondern viel zu erwarten. Es soll an gar keinem Punkt im Gleichen bleiben. Gott selber ist auf der ganzen Linie in der größten Bewegung. Da müssen unsere Herzen auch in Bewegung kommen und bleiben. Wir wollen uns doch ja nirgends sperren, wenn Gott uns in die große Bewegung seiner Liebe hineinziehen, wenn er uns überall der neuen Welt und Schöpfung entgegenführen will. Wir wollen Gott machen lassen. Wir wollen mit ihm gehen. Freudiger nach der Weihnacht als vor der Weihnacht, liebe Freunde, freudiger im neuen Jahr als im alten. Wir sollten übers Jahr einmal zueinander sagen können: es war nicht mehr ganz das Gleiche! es ist jetzt ein Anfänglein da vom Behalten und Bewegen.
Kommt, Brüder, laßt uns gehen,