7. Januar 1916

Eduard Thurneysen an Karl Barth

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Lieber Karl,

Ja, ich bin tief in Schreibschuld dir gegenüber. Aber du wirst es verstehen. […] Wie ich die Festtage überstand? Nun, ich möchte sie nicht grad aufs neue vor mir haben, und doch hat dieses gedrängte Redenmüssen auch wieder etwas für sich. Ich ging am 25. wieder einmal den alten Weg von den Schlachtfeldern […] aufwärts zum lieben Gott, ein wenig aus Anpassung an die vielen Mannen mit Schnäuzen und Barten, seltenen Kirchenbesuchern, die sich als Mitglieder des Männerchors oder sonst aus einem |123 dunkeln Drang um die Kanzel geschart hatten und mich als sichere Leute frohgemut von unten herauf anstarrten. Es kam mir alles einen Moment lang wie eine Komödie vor, dann aber wußte ich wieder, wie es steht: das Leben dieser guten Leute ist wie auch das unsrige ein kurzes, seltsames und törichtes Versteckspiel vor Gott, aber der große Trost ist: Er gewinnts schließlich. Auf diesen Trost stellte ich mich freudig ein und sagte, was ich sagen mußte, ob sie sich heute gewinnen lassen oder erst morgen erhascht werden, was gehts mich an? Am Sylvester über «Unsre Zeit steht in Deinen Händen» [Ps 31,16], am Neujahr über den neuen Anfang und am letzten Sonntag über Jer. 29,11. Diese letzte Predigt geriet mir, finde ich, am besten; vielleicht lese ich sie dir einmal vor, sie ist in Drang und Eile mißlich geschrieben. Wenn es mir weiter gegeben wird, begänne ich damit eine Art Serie, die von den Veränderungen und Verwandlungen handeln müßte, die wir erfahren, wenn wir uns auf den Weg Gottes stellen. Der Gedanke dieser Predigt war: wir sehen Welt und Leben anders an, weil wir sehen, daß Gottes Gedanken über allem liegen. Was du von unserm Predigen sagst, ist sehr gut, und ich bin froh über die Weiterhilfe, die hoffentlich aus unsern gemeinsamen Besprechungen erwächst. […]

Und nun schließe ich. Wann hältst du deinen Aarauer Vortrag?

Sei mit allen Deinigen herzlich gegrüßt von
deinem
Ed. Th.