25. Dezember 1915

Predigt: Lukas 2,14 (Weihnacht)

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Weihnacht
Lukas 2,14
Ehre sei Gott in der Höhe! Und Friede auf Erden unter den Menschen des Wohlgefallens!
Liebe Freunde!

Nun seid ihr zur Feier des Festtages alle hieher gekommen, und ich sollte euch ein gutes Wort sagen können über die Bedeutung der Weihnacht und wie es in eurem und meinem Leben auch Weihnacht werden |517 kann. Die offene Tür des Paradieses, die Lichter des Himmelreichs, die Kräfte Gottes sollte ich euch heute zeigen, etwas von der großen Freude euch mitteilen können, die durch die Geburt des Heilands unserer Welt verkündigt und geschenkt worden ist. Aber wie kann ich das? Als der Heiland geboren wurde, da hat kein Pfarrer eine Predigt gehalten, sondern da war bei dem Engel die Menge der himmlischen Heerscharen, die lobten Gott und sprachen die wunderbaren Worte von der Ehre Gottes in der Höhe und vom Frieden auf Erden unter den Menschen, an denen Gott Wohlgefallen hat. Als der Heiland geboren wurde, liebe Freunde, da war auch keine kirchliche Versammlung, die eine schöne oder interessante Predigt hören will, da waren nur ein paar Menschen da und dort, die in ihrem Herzen suchten und fragten nach der großen Freude und denen die Weihnachtsbotschaft keine altgewohnte Sache, sondern die herrlichste Überraschung und Entdeckung war. Und da war’s eben Weihnacht, und man brauchte nicht lange darüber nachzudenken und zu reden, was dieser Tag sei und zu bedeuten habe. Die große Freude war eben da, und die Türe zum Paradies stand offen, und die Lichter des Himmelreichs leuchteten, und die Kräfte Gottes wirkten. Der Heiland war geboren, und die es merkten, die waren froh und konnten es nicht vergessen. Was sollen wir dazu sagen? Ich kann euch nur um das Eine bitten: ihr sollt jetzt nicht mit den äußeren Ohren eine Predigt hören, sondern mit den Ohren des Herzens den Jubel der himmlischen Heerscharen, der bis zu uns herübertönt!, ihr sollt jetzt nicht die gewohnten und weniger gewohnten Kirchenbesucher sein, die im Feiertagskleid ein Fest begehen wollen, zu dem es nun einmal nach dem Kalender wieder an der Zeit ist, sondern einfach das, was ihr alle im Grunde seid: Menschen, die etwas zu suchen und zu fragen haben. Dann wird’s wirklich Weihnacht. Dann werdet ihr auch froh und könnt es das ganze Jahr nicht vergessen, daß es eine Weihnacht gibt.

Was haben die himmlischen Heerscharen den Hirten auf dem Felde gesagt? Daß Gott im Himmel geehrt, gelobt und gepriesen wird. Sie haben ihnen ein wenig davon erzählt, wie es in der Höhe zugeht, nämlich in der Höhe über dem Menschenleben, über der sichtbaren Welt überhaupt, oder doch über dem Sichtbaren, das wir gewöhnlich sehen. In der Höhe, das will sagen: über den Erwägungen und Berechnungen und Aussichten, die du und deine Familie hast in Haus und Hof und Geschäft — über deinen Mitmenschen, den bösen und den guten, den |518 unangenehmen und den angenehmen, und über den erfreulichen und unerfreulichen Beziehungen, die du zu ihnen hast — über den Gemeindeangelegenheiten und über dem Vaterland und über allen Gemeinden und Vaterländern — über dem Fortschritt und den Ordnungen und Segnungen der Kultur, aber auch über deiner eigenen Tüchtigkeit und über deinem Glauben und Beten, wenn du solches kennst — ja über dir selber, über allen deinen Gedanken und Einsichten und Fähigkeiten, über der Grenze dieses Kreises, den du zu überblicken vermagst, über der Grenze, nach der du mit deiner Art und deinem Charakter nur eben gelegentlich sehnsüchtig hinsiehst und von der du immer wieder kopfschüttelnd zurückkehrst: damit kann ich nichts anfangen — darum aber auch über deinen Sorgen und deinem Jammer, über deiner Empfindlichkeit und über deinem Haß, dort, wo das alles nicht hinlangt, sondern von selbst zum Schweigen kommt, weil es keinen Sinn mehr hat—und darum nicht nur über deinem, sondern über allem Erdenleid und Erdenunrecht, über der Krankheit, der Teuerung und dem Krieg, dort, wo allen diesen Dingen die Luft ausgeht.

Von dieser Höhe über dem Menschenleben haben die Engel den Hirten erzählt und davon, wie es dort zugeht, und nicht nur erzählt, sondern gleich ein Stücklein davon gezeigt mit ihrem Lobgesang: in diesem Leben über dem Leben, in dieser Welt über der Welt hat Gott die Ehre. Haben sie ihnen gezeigt, wie dort Alles einfach, kindlich und klar ist, was bei uns so verworren und altklug und kompliziert? Haben sie ihnen gezeigt, wie dort Alles zusammengeht und zusammenklingt, was bei uns auseinandergerissen ist und Mißtöne gibt und sich bestreitet? Haben sie ihnen gezeigt, wie dort Alles einen Anfang und ein Ziel und einen Sinn hat, was bei uns bloß Anlauf und Versuch ist, sinnlos und kraftlos? Haben sie ihnen gezeigt, wie dort alles Wahrheit und Klarheit ist, was wir immer bloß stottern und stammeln und meinen und uns wünschen und probieren? Haben sie ihnen die Mächte der Güte und der Seligkeit gezeigt, die dort frei herrschen und walten und spielen vor dem Angesichte Gottes, während sie bei uns immer nur vor der Tür stehen und keinen Einlaß finden? Haben sie ihnen die große Auflösung in Herrlichkeit gezeigt, die eigentlich da ist für alle unsere Verwirrungen und Kümmernisse, nur daß wir sie immer nicht sehen? Haben sie ihnen die ursprüngliche Schöpfung gezeigt, wie Gott sie geschaffen hat, die Welt, wie sie war und sein wird, in der die Engel Gottes frei, unge|519hindert vom Throne des Herrn zu allen seinen Geschöpfen herniedersteigen, ungehindert und frei wieder zu ihm zurückkehren, von Freude redend und Freude bringend, die Welt, in der das Haus des Vaters den Großen und den Kleinen weit offen steht, daß sie darin aus- und eingehen bei Tag und Nacht als in ihrem Eigentum, als des Vaters Kinder? Haben sie ihnen etwas zu hören gegeben von den Millionen und Abermillionen Stimmen und Stimmlein aller Wesen, die doch zusammenstimmen in ein großes, ewiges Jauchzen und Frohlocken über das Leben, wie es eigentlich ist? Seht, das ist die Höhe über unserem Menschenleben, und so geht es dort zu, und das ist die Ehre, die Gott dort gegeben wird.

Ja, war denn das nötig, daß gerade das den Menschen so gewaltig gesagt wurde? Und haben wir das nötig, gerade das immer wieder zu hören? Ach liebe Freunde, für den lieben Gott war und ist das freilich nicht nötig, uns das so sagen zu lassen, daß er in Ehren steht in der Höhe. Das versteht sich von selbst, daß da, wo er Meister ist, Alles ihm den Preis gibt. Das brauchte er um seinetwillen durch keine Engelscharen ausrufen zu lassen. Gott könnte es herzlich wohl machen ohne uns. Und doch war und ist es auch wieder nötig für ihn, uns das mit aller Macht zu sagen, denn wenn er es nicht täte, wäre er ja nicht der liebe Gott, denn daran leiden wir ja gerade, das ist die heimliche Angst und Plage in unseren Herzen, das ist der Fluch, der über unserem Leben liegt, daß wir so wenig Rechtes wissen und vor uns sehen von dem, was in der Höhe ist und wie es dort zugeht. Und nun sieht Gott, wie wir leiden, und ist darum der liebe Gott, daß er da nicht zusehen kann, und darum redet er mit uns, wie er es an der Weihnacht tut, und sagt jedem, der es hören will: sieh, es gibt über Allem und über dir ein Leben in der Höhe, das lebt und singt und klingt und spielt für mich, das ist mein Leben. Oder ist’s nicht wahr, meine Freunde, das fehlt uns im Grunde, daß wir von dieser Höhe über uns, wo Gott in Ehren steht, nichts oder viel zu wenig wissen.

Du möchtest eine Einwendung machen, nicht wahr?, du möchtest mir sagen: nein, dir fehle etwas Anderes: du leidest unter den hohen Preisen oder unter der vielen Arbeit, mit der du nicht zu Schlag kommest1 und die dich müde mache, oder unter deiner Kränklichkeit oder |520 Altersschwachheit oder unter deinen Nachbarn. Dir habe der Krieg einen Strich durch die Rechnung gemacht und du wolltest, er wäre bald vorbei. Oder vielleicht auch der Eine oder Andere: die sozialen Verhältnisse müßten andere werden, damit man freier atmen könne. Ja, so kann man reden und muß man reden, und das und noch viel Anderes wird wahr sein, und ich möchte keinem Einzigen sein besonderes Leid durchtun2 und zu ihm sagen: Das ist nicht so gefährlich. Aber das glaube ich: es hat eben alles Leid und Unrecht, das uns drückt, und aller Schmerz, den es uns verursacht, und alle Ratlosigkeit, in der wir ihm gegenüber sind, zuletzt eine Wurzel, und man kann alle unsere Klagen zuletzt wieder in eine zusammenfassen: das, was über uns, in der Höhe ist, und das, was dort gilt und geschieht, ist uns verborgen. Wir sehen nur uns selbst und was neben uns und um uns ist. Etwa so, wie in der Stadt die Häuser so eng nebeneinander gebaut sind, daß man lange zum Fenster hinaussehen kann, man sieht nur wieder auf Häuser und in andere Fenster hinein, aber nichts Grünes, nichts Anderes als Häuser! Wir sehen z.B., wenn wir krank sind, nur uns selbst und die Arbeit, die nicht getan wird, und den Doktor und die Medizin und das Spital und was das alles kostet, sehen aber nicht, was dahinter und darüber ist: die wunderbare Gelegenheit, jetzt einmal im harten Kampf mit einem bösen Feind still und reif und rein zu werden, die unserem ganzen Lebensplan eine neue, herrliche Richtung geben könnte. Oder wir sehen den und den widrigen oder unerfreulichen Mitmenschen, der uns vielleicht alle Tage durch seine An plagt, denken stundenlang über ihn nach, rechnen offen oder geheim mit ihm ab, Partei und Gegenpartei, wie wir’s so machen, und sehen nicht, was darüber ist, sehen nur uns selbst und ihn und merken nicht, daß wir’s nun nicht hinausschieben dürfen, unsere Lebensaufgabe gerade diesem Menschen gegenüber einmal aufzunehmen, die darin besteht, selber ruhig und fröhlich zu bleiben und immer gleichzeitig den armen, unerfreulichen Mitmenschen nicht zu verachten, sondern ihm zu helfen. Oder wir politisieren — wir tun das ja noch gerne, und warum sollten wir es nicht tun?, aber warum sehen wir dabei immer nur uns selbst und die Menschen, wie sie sind, und rechnen nur mit den menschlichen Gewohnheiten, Kräften, Ge|521danken und Faktoren, als ob das Leben, auch das politische Leben, nur diese Oberfläche hätte, als ob das, was darüber ist, die tiefere Kraft des Gewissens und der göttlichen Gerechtigkeit, nichts wäre?

Das sind nur so ein paar Beispiele, liebe Freunde, wie wir immer nur die Häuser gegenüber sehen, wie wir das, was in der Höhe ist, beharrlich nicht sehen. Wir können das ja so machen, und wir werden es immer wieder so machen. Aber wir wollen uns doch dann auch nicht wundern, wenn uns das Leben mit der Zeit langweilt, enttäuscht, verbittert, ja den einen oder anderen zur Verzweiflung treibt. Das Menschenleben ist sinnlos bis zum Verleiden, wenn es darüber nicht etwas Anderes gibt und solange wir dieses Andere nicht sehen. Und auch darüber dürfen wir uns dann nicht wundern, wenn wir im Ganzen im Leid und in den Unvollkommenheiten des Daseins einfach stecken bleiben und immer wieder und ganz mit Recht etwas zu seufzen haben: man redet ein wenig, man klagt ein wenig, man probiert dies und das, schließlich wird man müde, und die Häuser gegenüber bleiben immer die gleichen und werden nicht zum grünen Wald, weil man eben selber in so einem düsteren Stadthaus wohnt. Das Menschliche wird durch das Menschliche, das Irdische durch das Irdische, die Welt durch die Welt, du wirst durch dich selber nicht erlöst. Das einfache Geheimnis alles Leides und alles Unrechts, unter denen wir seufzen, ist die Tatsache, daß unser Leben wie abgetrennt ist von dem Leben in der Höhe, in dem Gottes Majestät und Güte triumphiert. Wohl erinnert uns unser Gewissen daran: es gibt etwas Anderes!, wohl sehnt sich unser Herz nach diesem Anderen über dem Jetzigen hin, aber wir sehen es nicht. Und das ist unser Leiden, unser tiefstes Leiden, von dem alle anderen herstammen. Oder ist’s nicht wahr? Fehlt es uns nicht gerade an dem, daß wir das nicht sehen, was bei Gott zu sehen wäre, was gerade Gottes Ehre ausmacht: die kindliche Einfachheit des Lebens, die Harmonie der Verschiedenheiten und Gegensätze, die Anfänge und die Ziele unserer Wege und Weglein, die Klarheit und Durchsichtigkeit des Daseins, das freie Spiel der guten Kräfte, die Fähigkeit der Engel Gottes, Freude zu empfinden und Freude zu machen, der große Endzweck alles Daseins in der Erkenntnis, in der Kraft, in der Seligkeit?! Denkt euch, wir würden nur etwas von all dieser Herrlichkeit Gottes sehen, wirklich sehen, so wie wir jetzt unsere Nöte und Unvollkommenheiten und Ungerechtigkeiten sehen, ja, wo würde dann eigentlich unser Elend bleiben? |522 Merkt ihr’s, daß aller unserer Not die Wurzel abgeschnitten wäre, wenn wir in die Höhe sehen könnten, dahin, wo Gott in Ehren steht?

Und nun sagt und zeigt uns der liebe Gott gerade das, was wir so nötig haben und was uns so bitter fehlt. Und stellt seine ganze Welt und die Herrlichkeit, die da regiert, gerade vor uns hin, daß wir nicht mehr sagen können: ich weiß nicht, wie das ist, ich weiß nicht, ob das wahr ist, — daß wir sie mit Augen sehen müssen, wenn wir nur die Augen auftun. Das ist die Weihnachtsbotschaft. Denn dazu ist Christus geboren, um uns von der Ehre Gottes in der Höhe zu sagen und sie uns lebendig zu zeigen. Es läßt Gott keine Ruhe, uns so in der Unruhe zu sehen. Gott kann sich seiner Herrlichkeit nicht freuen, solange wir so furchtbar wenig von Freude wissen. Gott kann sich mit der Ehre, die ihm alle seine Geschöpfe und Geschöpflein erweisen, nicht zufrieden geben, solange das Menschenleben nicht einstimmt ohne Zaudern und Mißtöne in den großen Psalm der Schöpfung. Und dazu redet er nun mit uns durch Jesus, damit das Leben in der Höhe vor unseren Augen klar werde. Denn in Jesus begegnet uns gerade das Leben über unserem Menschenleben, das zu sehen uns so not tut, ein Leben, das über Geschäft, Familie, Gemeinde und Vaterland steht, dafür aber auch über der menschlichen Schuld und Not. Jesus kann gerade das: über sich selbst und seinesgleichen, über die Menschenart hinaussehen auf Gott hin und von Gott her Erkenntnis, Freudigkeit und Kraft nehmen. Sein Leben wird zu einem Vorposten der höheren Welt in unserem Menschenleben. Bei ihm fragt es sich nicht mehr, ob denn das Leben auch einen Sinn habe. Er kann in den Unvollkommenheiten des Daseins nicht stecken bleiben. Er hat für das Leid und Unrecht der Welt gleichsam einen Hebel, mit dem er sie bewegen kann. Er verändert den Menschen, weil er sich nicht nur menschlich zu ihm stellt. Er kann die Welt erlösen, weil er sie nicht weltlich behandelt. Er lebt in der Höhe und für die Ehre Gottes, in ihm ist jene Einheit und Harmonie, jene Freiheit und Freudigkeit, an der Gott wieder Freude haben kann. Er ist das Gotteskind, das im Hause des Vaters frei ein- und ausgeht, und so tritt er zu uns und sagt uns, daß wir ja auch Gotteskinder sind und daß die höhere Welt eigentlich unsere Welt ist. Tritt zu uns und ist doch nur ein Mensch wie wir auch, und das ist gerade das Wunderbare, das uns alle Ausreden und Einwände wegnehmen muß, wenn wir es einmal gemerkt haben. Was Jesus uns vorlebt, das ist kein Traum, keine Theorie, keine kühne |523 Hoffnung: er lebt unser Menschenleben, aber er lebt es in der Höhe; er steht mitten in unserer Welt, aber er steht drin zur Ehre Gottes; das Wort Gottes ward Mensch und wohnte unter uns, und wir sahen seine Herrlichkeit, die Herrlichkeit des eingeborenen Sohnes des Vaters, voller Gnade und Wahrheit [Joh. 1,14]. Die Ehre Gottes in der Höhe hat sich uns aufgetan, und wir sehen sie. Das ist die Weihnachtsbotschaft der himmlischen Heerscharen an uns.

Wie soll’s nun mit dem Anderen sein, von dem sie gesungen haben, mit dem Frieden auf Erden unter den Menschen des Wohlgefallens? Wollen wir nun etwa einstimmen in das laute oder leise Räsonieren gegen den lieben Gott, als habe er seine Pflicht nicht getan damit, daß er noch 2000 Jahre nach jener Engelbotschaft ein solch unerhörtes Streiten und Blutvergießen auf der Erde ausbrechen und gewähren lasse, wie wir es jetzt vor Augen haben? Oder wollen wir einfach einstimmen in den allgemeinen Seufzer: ach, wenn dieser Krieg doch bald aufhörte und es bald wahr werde: Friede auf Erden! Beide Gedanken sind uns ja schon oft durch den Kopf gegangen. Aber wollte Gott, die himmlischen Heerscharen würden heute recht vielen von uns den anderen, größeren Gedanken ins Herz und Gewissen hineinrufen, daß Krieg und Frieden auf Erden unsere Sache sind und daß wir eben dazu etwas wahrnehmen dürfen von der Ehre Gottes in der Höhe, damit wir einmal Frieden stiften und Frieden halten und Frieden haben können auf Erden. Denn bei Gott ist Frieden, das ist ja gerade seine Herrlichkeit, daß in ihm und vor ihm Alles zusammenklingt und zusammenstimmt, daß seine Geschöpfe in freier Eintracht und in einträchtiger Freiheit miteinander leben können. Er hat auch seine Geschöpfe auf der Erde nicht für den Krieg geschaffen, weder für den Krieg mit Kanonen und Bajonetten, an den wir jetzt besonders denken, noch für all den stillen, aber ebenso schmerzlichen und ungerechten Krieg, den wir sonst untereinander ausfechten, noch für den Krieg der Gedanken, die sich in unserer Seele untereinander anklagen und bestreiten [vgl. Röm. 2,15]. Was ihn anbelangt, ist der Friede auf Erden längst geschaffen und vorhanden, und wenn wir ihn auch nicht haben, so wissen wir doch durch die tiefste Sehnsucht unseres Herzens, daß der Friede eigentlich das Wahre ist.

Ja, warum haben wir denn den Krieg, den groben und den feinen, den äußeren und den inneren? Weil wir nicht in die Höhe sehen, liebe |524 Freunde. Wiederum weil wir in den Stadthäusern wohnen, aus denen man keinen Himmel, keinen Wald und keine Felder sieht, sondern nur Häuser und wieder Häuser. Weil wir nicht auf das Andere wirklich hinsehen, das doch auch da ist, nicht auf das hinsehen, was über uns ist. Wir sehen uns selbst, wir sehen unsere Mitmenschen, wir sehen die verschiedenen Interessen, die sich gegenüberstehen, wir sehen die wirtschaftlichen und politischen Möglichkeiten, und wenn wir nun alles das in Betracht ziehen, kommen wir ganz mit Recht zum Schluß: es kann nicht Friede werden. In diesem ganzen vom Leben Gottes getrennten Leben kann nicht Friede sein. Das Menschliche, das Irdische, die Welt, die sich von der Welt Gottes getrennt hat, es muß immer wieder auseinanderreißen in Gegensätze, Kämpfe und Kriege von allen Sorten. Und solange wir dieses Leben lieb haben und erhalten wollen, solange muß der Friede auf Erden in den Häusern und in der Welt ein schöner Traum bleiben, und alle Friedensschalmeien, die man da anstimmen mag, bleiben ein Kindergedudel. Es ist Kurzsichtigkeit und Torheit, sich über Gott zu beschweren, daß er nicht dem Krieg ein Ende mache, solange wir entschlossen sind, auf den gleichen Grundlagen fortzufahren wie vorher und Gott nicht die Ehre zu geben. Es ist Kurzsichtigkeit und Torheit, auch wenn es noch so gut und fromm gemeint sein mag, jetzt Gott in den Ohren zu liegen, er solle zwischen den Engländern und den Deutschen Frieden stiften, solange wir entschlossen sind zu bleiben, wie wir sind, entschlossen sind, in den großen Psalm der Schöpfung nicht einzustimmen. Wir können den Frieden haben, es liegt nicht an Gott, es liegt an uns, wir können viel mehr haben als den vorläufigen Weltfrieden, auf den wir jetzt hoffen, wenn wir einmal anfangen wollen, auf das Andere, Höhere, auf das, was über uns ist, wirklich zu sehen und uns daran zu halten. Aber wir können den Frieden nicht haben, in keiner Beziehung, solange wir die Götzen neben Gott haben wollen. Da mag sich nun ein jedes selbst prüfen, welches die Götzen sind, die gerade ihm die Aussicht auf Gottes Friedenswelt versperren. Selig sind, die reines Herzens sind, selig sind die, denen Gott in ihrem Herzen Gott geworden ist, selig sind die Menschen, die auf Erden Gott die Ehre geben, die er im Himmel hat — denn sie werden Gott schauen [vgl. Mt. 5,8]. Wenn uns die Augen aufgehen für die Herrlichkeit Gottes, dann werden wir Frieden haben. Nicht die himmlischen Heerscharen der Weihnacht haben sich getäuscht, aber wir täuschen uns immer |525 wieder selbst, indem wir ihre Stimme nicht hören.

Und nun steht wieder Jesus vor uns und will unsere Selbsttäuschungen auflösen. Will uns den Weg zeigen, auf dem aus unserer Sehnsucht Wahrheit wird. Will uns sagen, wie wir mit Gott im Himmel auf der Erde dran sein können. Will uns den Ruhm und Preis Gottes nicht nur von ferne hören, sondern uns fröhlich darin einstimmen lassen. Will uns die ganze Herrlichkeit des Himmels auf die Erde bringen. Will uns zu Menschen des Wohlgefallens machen, zu Wesen, die nicht mehr in der Unruhe sein müssen und um die sich Gott nicht mehr beunruhigen muß, sondern die in Einklang mit seiner ganzen Schöpfung leben und an denen er die Freude haben kann, die er schon lange an uns haben möchte. «Da der Sohn noch ferne war, sah ihn sein Vater, und es jammerte ihn.» So hat’s Gott mit uns, sagt uns Jesus. Und Gott will noch mehr tun: «er lief ihm entgegen und fiel ihm um den Hals und küßte ihn» [Lk. 15,20] — das kann und soll Alles wahr werden. Menschen des Wohlgefallens! Menschen, unter denen Friede und Freude ist, wie sie im Himmel sind! Menschen, die auf der Erde an der Ehre Gottes teilnehmen! Die Türe ist offen, liebe Freunde, wir wollen doch eintreten. Oder gefällt es uns so gut draußen in der Kälte? Selig sind die Hungernden und Dürstenden, denn sie werden satt werden [vgl. Mt. 5,6 par.]. Selig sind die, denen es draußen nicht mehr gefällt, denn sie werden hinein kommen.

Amen.
Lieber Vater im Himmel! Nun tut sich die Welt deiner Liebe weit vor uns auf. Nun dürfen wir dich sehen, wie du bist und wie du’s so gut mit uns meinst. Nun klopft das Leben, das von dir kommt, stark an an die verschlossenen Pforten unseres Lebens. Jesus Christus ist zu uns gekommen und sagt uns, daß alle unsere Not und Sünde ein Ende haben soll, wenn wir wollen. Er geht über die Erde, auf der so viel Blut vergossen wird und so viele Tränen geweint werden. Er geht zu den Witwen und Waisen. Er geht in die Häuser der Armen. Er geht zu denen, die Unrecht leiden. Er geht zu Allen, die eine Sehnsucht haben nach etwas Neuem und Besserem. Er fragt uns alle, ob wir im Ernst wollen, und zeigt uns den Weg, auf dem aus unserer Sehnsucht etwas werden kann. Dafür hat er gelebt, und dafür ist er gestorben. Das Reich Gottes ist angebrochen und steht offen.
526 Lieber Vater, wir danken dir aus tiefer Freude, daß wir einen Heiland haben. Wir können uns nicht verloren geben und können die Welt nicht verloren geben, wenn wir auf ihn sehen. Ach nun gib, daß aus unserer Weihnachtsfreude einmal ein rechtes Zugreifen wird, daß wir nehmen, was du uns anbietest: deinen starken Geist des Friedens und der Kraft, die lebendige Gemeinschaft mit dir und untereinander, den frohen Mut für ein Leben, das dir die Ehre gibt. Laß in diesen Tagen alle Menschen etwas spüren von dieser Weihnachtsfreude, besonders die vielen Soldaten, die im Krieg stehen, und besonders auch die vielen Gleichgiltigen und Oberflächlichen in unserem Schweizerland, damit aus der Freude am Heiland nachher ein fester Wille wachse, eine neue, bessere Welt zu bauen. Du mußt da nun mit uns reden, daß wir diese Freude bekommen. Unser Vater…3
Lieder:
  • Nr. 85: «Macht hoch die Tür, die Tor macht weit!» von G. Weißel, Strophen 1.2.5 (= GERS [1952] 101,1.2.5; EG 1,1.2.5) 🎵
  • Nr. 97: «Fröhlich soll mein Herze springen» von P. Gerhardt, Strophen 6.7.8 (= GERS [1952] 119,6.7.8; EG 36,7-9) 🎵

Sachfußnoten

1
= nicht fertig wirst, nicht zu Rande kommst.↩
2
= durchstreichen.↩
3
Zu Barths Urteil über diese und die folgende Predigt s. unten, S. 537, Anm. 8.↩