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KIRCHE UND THEOLOGIE
1925
Von Erik Peterson1, Barths ehemaligem Göttinger Fakultätskollegen2, war im Juli 1925 ein Heft mit dem Titel «Was ist Theologie?
📖»3 erschienen, dessen Drucklegung er zuvor Barth in einem Brief angezeigt
hatte:» Von der Bonner Theologenschaft aufgefordert, habe ich kürzlich einen
Vortrag über die Frage: Was ist Theologie? gehalten. Der Vortrag hat Skandal u.
Sensation hervorgerufen. Mit Scharren u. Trampeln wurde er vor einem Publikum, das
zu gleichen Hälften aus Katholiken u. Protestanten bestand, zu Ende geführt. Ich
halte das von mir Gesagte für das Beste, was ich bisher gemacht habe. In ca. 14
Tagen wird der Vortrag erscheinen u. Ihnen zugehen. Ich muß Ihnen nun gestehen,
daß ich im ersten Teil gegen Kierkegaard u. gegen Ihren Vortrag: Das Wort Gottes als Aufgabe der
Theologie4 u. gegen Bultmann’s letzten Aufsatz5 Stellung genommen habe. Den Aufsatz von Bultmann halte ich – vertraulich gesagt – für
einen unerhörten Skandal. Sie würden mir sehr mein Herz erleichtern, wenn Sie mir
sagen würden, daß Sie diese Art von Spekulation in Nachfolge von Fichte und Hegel nicht goutieren. Ich gestehe Ihnen, daß mich Bultmann’s Aufsatz richtig empört hat. – Aber
freilich, Ihren Vortrag halte ich auch nicht für tragfähig u. die hier ver|645tretene Dialektik für theolog, gänzlich
ungeeignet. … Seien Sie mir bitte6 nicht böse, wenn im ersten Teil m. Vortrages etw. gegen
Sie u. Bultmann gesagt ist – der
Hauptangriff ist gegen Kierkegaard gerichtet – aber ich kann nicht anders.»7 Barth und Bultmann
(ursprünglich war wohl auch eine Beteiligung E.
Thurneysens geplant) hatten zunächst beabsichtigt, gemeinsam auf
Peterson zu antworten. Dazu kam es jedoch – wohl auf Grund eines Mißverständnisses
in der Korrespondenz beider – nicht.8
|646 Barth legte dann jedoch Wert darauf, daß seine
(zweimal zunächst als Vortrag gehaltene) und Bultmanns Erwiderung im gleichen Heft von ZZ
📖 erscheinen.9
1.
Göttingen 7. Oktober 1925
Seinen Vortrag «Kirche und
Theologie» hielt Barth erstmals vor der «Göttinger Herbstkonferenz»10 am 7. Oktober 1925
unter Beisein von Peterson. Es «kam nicht viel heraus, weil P. sich einfach nicht
stellte, sondern erklärte, er habe mich nicht verstanden. Und die übrige
Diskussion war unter allem Hund …»11 Peterson erklärte
seinerseits gegenüber Bultmann: «Ich
kann nicht finden, daß meine Argumente widerlegt seien. Barth sieht m. E. das
Problem noch lange nicht in der Schärfe, in der es gesehen werden muß. Ich will
aber erst abwarten, was alles zur Sache gesagt wird, dann will ich mehr sagen. …
Barth ist seit seinem Vor|647trag mit mir
ausgesöhnt, in der Diskussion sah er sich genötigt, auf meine Seite zu
treten.»12
2.
Elberfeld 23. Oktober 1925
Auf der 20. Tagung des Reformierten Bundes in Duisburg-Meiderich vom Juni 1925, an
der Barth selbst teilgenommen hatte13,
war die Einrichtung einer regelmäßig abzuhaltenden «Theologischen Woche» beschlossen worden:
«Elberfeld [mit seinem Reformierten Kandidatenstift] scheint der gegebene Platz
für ein solches Unternehmen zu sein. … Als Thema der ersten Konferenz wurde
vorgeschlagen und als dringend wichtig erwünscht: die Lehre von der Kirche.»14
Hermann Albert Hesse15 als einer der Initianten wandte sich am 30. Juli 1925 an Barth mit der
Bitte, dort einen Vortrag zu halten «über: Die Kirche der Hoffnung. Wir glauben,
daß Sie gerade nach dieser Seite uns ein besonderes Wort zu sagen hätten.
Selbstredend sind wir mit einer anderen Formulierung, die Ihnen besser liegen
würde, von vornherein einverstanden.»16 Am 25. August bedankte sich Hesse für die «freilich mit weinendem Auge
gegebene Zusage, uns in Elberfeld zu helfen. Der Elberfelder Kreis nahm sofort in
dem Sinne Stellung, daß man alles versuchen müsse, Ihre Träne wegzuwischen und
Ihnen im übrigen zu sagen, es handle sich ja um ein Thema, das Ihnen nur um die
Hergabe einiger Spähne [sic] aus Ihrer theologischen Werkstatt bedeuten
würde.»17
|648 Barth, der – wohl im Hinblick auf seine einstündige
Vorlesung vom kommenden Wintersemester 1925/26 in Münster über «Eschatologie» –
ein entsprechendes Vortragsthema gewählt hatte, teilte Hesse dann im September die
Änderung in «Kirche und
Theologie» mit.18
Der Elberfelder Fabrikant Adolf Paul
Müller – begleitet von Fritz Horn – holte Barth und seine Frau Nelly mit seinem Auto von Göttingen ab. Am
Vormittag des 23. Oktober um 9 Uhr hielt Barth seinen Vortrag «als vorletztes
Stück der reformierten Elberfelder Woche, die dort längst im Gange war.19 Großer Aufmarsch von allerlei Beteiligten und Neugierigen aus Rheinland und Westfalen. […] Die Diskussion ergab auch hier nichts Wesentliches.»20 Peterson schrieb dann am
6. November an Barth: «Daß Sie in Elberfeld geredet haben, erschwert meine
Situation hier [= in Bonn] außerordentlich. Man hat in Student. Kreisen jetzt die
Vorstellung, daß man das, was ich gesagt habe, überhaupt nicht mehr ernst zu
nehmen brauche. Das war, was mir berichtet wurde, wohl auch die Überzeugung der
Pfarrer in Elberfeld. Verstehen Sie mich recht, ich finde es durchaus in der
Ordnung, daß Sie in Göttingen od. Münster od. Zw. d. Z. gegen mich reden, aber daß
Sie in Elberfeld gesprochen haben, erschwert meine Lehrtätigkeit hier.»21
Die von Barth – besonders in den Anmerkungen – für den Wiederabdruck in Th. u. K.
📖 gegenüber dem Erstabdruck in ZZ gestrichene
Textstücke (vgl. Anm. a) werden im folgenden durch spitze Klammern gekennzeichnet.
Die zwischen senkrechten Strichen in den Text eingefügte Originalpaginierung ist
die des Wiederabdrucks in Th. u. K.
Kirche und Theologie
649 «Was ist Theologie?»
In einer ebenso geistreichen, wie rätselvollen, wie hochgemuten Broschüre dieses
Titels hat Erik Peterson neulich folgende Lehre aufgestellta: Theologie
ist im Gegensatz zur Mythologie und einer der Mythologie verwandten dialektischen
Theologie der gehorsame Vollzug einer in Form konkreter Autorität gegebenen
Möglichkeit von Erkenntnis, und zwar unparadoxer22
Erkenntnis Gottes.23 Sie hat nicht von Gott zu reden; denn das kann nur und
das tut Christus.24 Sie hat
nichts von Gott zu sagen; denn das ist das Amt der die
Logos-Offenbarung vorbereitenden alttestamentlichen Propheten.25 Sie hat auch nicht von Gott zu sprechen; denn das tut mit richterlicher Gewalt die Kirche.26 Sie hat aber auf Grund konkreter
Autorität zu argumentieren.27 Die konkrete Autorität, von der die Rede ist, ist
nicht etwa die Bibel. Die Bibel, die pneumatische Bibelexegese und die ihr
folgende Predigt gehören vielmehr streng genommen überhaupt nicht in die
Theologie, sondern in den Kultus.28
Sie fällt aber auch nicht etwa zusammen mit dem kirchlichen Bekenntnis. Sondern
sie ist analog der Einsetzung des Sakramentes gegeben als Ausfluß der bei der
Himmelfahrt der Kirche verliehenen Gewalt (und insofern 303 als Fortsetzung der Logos-Offenbarung) in dem als
positiver Rechtsanspruch den Menschen jure divino, und zwar bis zur
Ketzerverbrennung leibhaft wirklich treffenden Dogma.29 Durch die Beziehung auf das
Dogma wird die |650 Theologie selbst zu einer Konkretion
des Logos.30 Erst durch das Dogma
wird sie gelöst aus der fatalen Verbindung mit den sogenannten
Geisteswissenschaften, wird sie in eine Sphäre erhoben, in der ein Mann leben
kann, wird sie Gehorsam gegen Christus, wird sie weiten Kreisen wieder
interessant, wird sie als Stand und als Fachwissenschaft möglich.31
Was ich Ihnen heute vorlegen möchte, ist der Form nach eine Auseinandersetzung mit
diesen Gedankenb, wobei ich, um dies gleich vorauszuschicken, zu dem, was
Peterson gesagt hat, in der Hauptsache werde Nein sagen müssen. Aber man kann hier
auf sehr verschiedene Art Nein sagen, und ich möchte mit meinem Nein nicht mit dem
Anderer verwechselt sein. Gestatten Sie mir also eine kleine Vorrede. Ich würde es
weder für gerecht noch für klug haltenc, auf die
Darbietung Petersons |651 die allzu naheliegende Antwort
zu geben, daß sie in ihrer Voraussetzung und ihren Konsequenzen römisch-katholisch
und darum als indiskutabel totzuschweigen sei. Daß sie katholisch und in mehr als
einem Stück überkatholisch ist, ist auch meine Meinung. Aber ich denke, daß diese
leicht zu machende Feststellung kein polemisches Gewicht hat und daß es nicht
wohlgetan ist, die sachliche Diskussion dieser und ähnlicher Gedanken auf Grund
dieser Feststellung von vornherein abzulehnen. Dies aus folgenden Gründen: Wenn
eine, so hätte die altprotestantische Theologie das innere Recht
dazu gehabt, auf einen Überfall wie den von Peterson ohne jede Diskussion mit
glatter Ablehnung zu reagieren. Sie hätte nämlich dabei gewußt, was sie wollte und
was sie tat. Altprotestantische Intoleranz richtet sich nicht zufällig, sondern
nach der Logik der Sache mit gleicher Schärfe gegen Schwärmer und Spiritualisten,
gegen Karlstadt und Servet, gegen Socini und Arminius wie
gegen Rom, als gegen den in verschiedenem Gewand hüben und drüben identischen
Gegner. 304 Sie stritt nach rechts und links für
die Ehre Gottes und die Reinheit des Glaubens gegen die Anmaßung und Willkür des
frommen Menschen. In der Einheit dieser Abwehr war der Streit der Reformatoren und
ihrer Nachfolger gegen das Papsttum legitim und sinnvoll, ein Streit mit gutem
Gewissen und freiem Rücken. Vom Streit des heutigen Protestantismus mit dem Gegner
zur Rechten kann man das nur bedingt sagen. Allzusehr hat er sich dem damaligen
Gegner zur Linken innerlich angenähert, als daß seine Zornesäußerungen gegen
rechts, gemessen an denen Luthers und
Calvins, nicht hohl und unglaubwürdig
tönten, als daß nicht der Verdacht bestünde, daß dabei vielleicht zum größeren
Teil Dinge verteidigt würden, in denen die Reformatoren alsbald
im erasmischen oder täuferischen
Gewand denselben altbösen Feind36 erkannt hätten, den sie im Papsttum bekämpften. Bis zur besseren Bereinigung unseres Verhältnisses
nach links, d. h. gegenüber dem siegreich bei uns eingedrungenen Rationalismus und
Pietismus dürfte es ratsam und billig sein, beim Ertönen «katholisierender»
Stimmen von rechts her nicht zu schnell nach der ultima ratio des
Protestantenzorns zu greifen, als wi|652derfahre uns nun damit etwas Sonderliches [vgl. 1.Petr. 4,12]. Konkret
gesprochen: der evolutionistische Historismus, Moralismus und Idealismus, der
unsere heutige Theologie beherrscht, hat, gemessen an der Reformation, zu viel auf
dem Kerbholz, als daß er Vollmacht hätte, gegen einen katholisierenden
Phänomenologismus, wie ihn Peterson vertritt, Steine zu werfen. ‹Ist Friedrich Brunstäd als evangelischer
Theologieprofessor nicht unmöglich, dann ist es Erik Peterson auch nicht.37› Darf man sich, ohne erröten zu müssen, zu Schleiermacher bekennen, dann auch zu Thomas von Aquino. Denn von Luther und Calvin liegen beide mindestens gleich weit ab. Es hat keinen Sinn,
jetzt auf einmal, statt nach Gründen zu fragen, konfessionelle Entschiedenheit zu
markieren. Jetzt, wo uns statt irgendeiner modernistischen Abweichung zur
Abwechslung einmal auch die mittelalterliche Abweichung intra muros begegnet!
Und warum sollten wir uns eigentlich weigern, veranlaßt durch die Petersonschen
Darlegungen (so unsympathisch uns der Ort sein mag, von dem sie herkommen) die in
Betracht kommenden Fragen, 305 ganz abgesehen von
ihrer konfessionellen Bedeutung, rein sachlich in Erwägung zu ziehen? Unsere Väter
haben es ja auch nicht versäumt, gegen den katholischen Versucher außer mit
zorniger Ablehnung auch mit ernsthaften Gründen zu reagieren. Vielleicht, daß wir
um solche verlegener sind als jene, weil wir des Ortes, wo wir als protestantische
Theologen hingehören, infolge der seither eingetretenen Verschiebungen weniger
sicher sind. Dann haben wir aber Anlaß, uns von Peterson, was auch von seinem
Vorstoß zu halten sei, zur Besinnung darüber aufrufen zu lassen, wo wir eigentlich
stehen sollen und wollen. Dann wäre bloßer furor protestanticus in jeder Form,
auch in der des Schweigens oder Lächelns, ein Versteckspiel, das sich rächen
müßte. Ich hoffe also dem, was man die «evangelische Sache» nennt, besser zu
dienen, wenn ich meinen Darlegungen gerade nicht den Charakter
einer konfessionellen Anti|653these gebe,
sondern Peterson auf den Boden grundsätzlicher theologischer Überlegung folge, den
er selbst gewählt und gewahrt hat.
«Kirche und Theologie»
habe ich meinen Vortrag überschrieben. Ich tat es in der Meinung, daß in dem von
Peterson so eigenartig behandelten Problemkreis die Bestimmung der Begriffe Kirche
und Theologie und ihres Verhältnisses untereinander die entscheidende Frage
bildet, in der wir nach Klarheit zu suchen haben.d
1.
Ich hoffe Petersons Intention richtig zu verstehen, wenn ich ausgehe von seinem
Satz, daß Theologie wesenhaft bestehe im konkreten Gehorsam gegen
konkrete Autorität (S. 9).39 Dieser Satz
sagt zwar, was ja wohl auch Petersons Meinung ist, nicht alles, was zu sagen ist.
Er ist aber an sich aus folgenden Gründen richtig: Theologie ist
der in einem bestimmten Jetzt und Hier in den Formen begrifflichen Denkens sich
vollziehende Dienst bestimmter Menschen an Gottes Offenbarung.e Zwischen Gottes ebenfalls in einem bestimmten Hic 306 et Nunc gegebener Offenbarung und der Theologie steht
aber zunächst trennend die Zeit. Um |654
Gegenstand der Theologie werden zu können, muß die Offenbarung der Theologie gleichzeitig werden. Diese Vergegenwärtigung der Offenbarung
vollzieht sich jedenfalls nicht nur unmittelbar, durch Gottes direktes Reden in
allen Zeiten, sondern auch, wenn auch nicht ohne das Zeugnis und Siegel dieser
Unmittelbarkeit, mittelbar. Der biblische Kanon und Text, die
von der Kirche mehr oder weniger gemeinsam empfangenen und gewonnenen, als
Bekenntnisse niedergelegten Erkenntnisse, die durch die Arbeit gewisser von der
Kirche als maßgebend anerkannter Lehrer gewiesenen Richtlinien, endlich die
bestimmte Gestalt, in der sich die Offenbarung selbst in jedem bestimmten Jetzt
und Hier gerade so und nicht anders darbietet – sie bilden miteinander die in
ihrer Geschlossenheit nur annähernd erkennbare, aber darum nicht weniger gegebene
Form, in der jede Theologie allein ihren Gegenstand bekommt.
Diese Form ist die konkrete Autorität, der sie konkreten Gehorsam zu leisten hat.
Wie die Theologie – theologia ἔκτυπος, theologia viatorum nach den feinen Erläuterungen der Alten: im
Gegensatz zur theologia ἀρχέτυπος
Gottes selbst, zu der theologia comprehensorum, nämlich der Engel und Seligen im
Himmel42 – wie also die Theologie irdischer Menschen an einer bestimmten Stelle in
der Zeit ist, so auch, in gnadenvoller Zuwendung, ihr Gegenstand, die Offenbarung.
Der bestimmten Stelle entspricht die bestimmte Form beider, der Offenbarung und
der ihr dienenden Theologie die Form der Autorität und des Gehorsams. Daß es keine
Theologie gibt (weil keine mittelbare Gegenwart der Offenbarung) ohne die
Unmittelbarkeit des ewigen allgegenwärtigen Wortes und Geistes Gottes, in dem ihre
Freiheit gründet, die Freiheit des an Gott allein gebundenen
Glaubens, das kann nichts daran ändern, daß sie jedenfalls auch
konkreter Gehorsam ist gegen konkrete Autorität. Eine Theologie, die das 307 wirklich nicht wäre, wäre notwendig
gegenstandslos, sie wäre überhaupt nicht Theologie.
2.
Bereinigen wir zunächst die Frage nach dem Umfang dessen, was
hier unter «konkreter Autorität» zu verstehen ist. Peterson redet
verwunderlicherweise nur vom Dogma. Gemeint ist dabei sicher nicht die Idee |655 oder das Wesen des Dogmas, sondern (auf der
Konkretheit der bezeichneten Größe liegt gerade der Nachdruck) das da und da, dann
und dann formulierte und approbierte Dogma. Man könnte Peterson gegenüber wie
kürzlich Harnack gegenüber den
Hochkirchlernf auf
Beantwortung der Frage drängen: welches Dogma denn nun
eigentlich; gemessen an der Norm welches Jahrhunderts hat die Kirche das Dogma kreiert? Aber hier müßte
ich mich auf Petersons Seite schlagen und sagen: Darauf kann ein einzelner
Theologe leider Gottes heute nur private, zufällige, unmaßgebliche Antwort geben.
Er kann sagen: die und die von der Teilkirche, der ich zunächst verpflichtet bin,
in der Reformationszeit aufgestellten und seither nicht zurückgenommenen oder
ersetzten Bekenntnisse mit den und den altkirchlichen Voraussetzungen, auf denen
sie ruhen, sind das, was ich, wenn ich «Dogmatik» treibe, das «Dogma» nenne. Aber diese seine Antwort
ist, und wenn sie noch so wohl begründet wäre, nicht die Antwort, die hier gegeben
sein müßte. Und zwar darum nicht, weil es eben nur seine Antwort
ist. Hier müßte aber sinnvollerweise die Kirche geantwortet
haben, und wenn es nur eine bescheidene Landeskirche oder eine als gemeinsame
Synode legitimierte Vertretung von solchen wäre. Eine sehr wesentliche Bedingung
des Elends unserer heutigen Theologie besteht darin, daß wir, indem wir Theologie
treiben, keine Kirche hinter uns haben, die den Mut besitzt, uns unzweideutig zu
sagen: das und das ist, soweit wir mitzureden haben, Dogma in concretissimo. Sagen
die Kirchen uns das nicht und verlangen sie trotzdem von uns, daß wir «Dogmatik» lernen und
lehren 308 sollen, dann gleichen sie wahrlich dem
König Nebukadnezar, der von seinen
Weisen nicht nur wissen wollte, was sein Traum bedeute, sondern auch, |656 was er denn überhaupt geträumt habe [Dan. 2,5]. Die Verlegenheit, die man
Peterson mit der Frage, welches Dogma? bereiten kann, spiegelt
nur die Verlegenheit wider, in der sich unsere evangelische Kirche befindet. Sie
ändert nichts an der Richtigkeit des Satzes, daß es keine Theologie gibt ohne
konkrete Autorität, ohne Dogma.
Wichtiger und ernsthafter scheint mir die Feststellung, daß das wirkliche Dogma,
das wir nun also nicht ohne schmerzlichen Humor als bekanntes concretissimum
voraussetzen, für die wirkliche Theologie nie und nirgends die isolierte Bedeutung gehabt hat, die Peterson ihm zuschreiben will. Die
Argumentation z. B. der neueren katholischen Dogmatik gründet sich, soweit ich
sehe, auf folgende Autoritäten: 1. Bibelstellen, 2. Väter, 3. Dogma, 4. womöglich
neue päpstliche Entscheidungen. Peterson hätte ja spöttischerweise anmerken
können, daß bei uns anstelle von Nr. 4 einzusetzen wäre: der Standpunkt des betreffenden
Theologieprofessors, aber er hätte nicht unterlassen dürfen, die Vielheit der in
der Theologie tatsächlich angerufenen Autoritäten – in seiner Sprache zu reden –
als «Ausdruck eines Sachverhalts»44 zu werten. Es würde sich dann herausgestellt haben, daß innerhalb
des Begriffes der konkreten Autorität das Dogma doch nur ein Moment neben anderen
ist. Hinter dem Dogma stehen die Feststellungen der Kirche über Kanon und Text der
Bibel, neben dem Dogma das Votum der jeweils maßgebenden Väter, der doctores ecclesiae (denken Sie nur an die
eigentümliche Dignität des Lutherzitates in den theologischen Verhandlungen
unserer protestantischen Gegenwart; auch die durchaus nicht zu mißachtenden
besonderen Traditionen etwa der lutherischen bzw. reformierten theologischen Schule wären hier zu erwähnen), hinter Dogma und Vätern endlich wahrlich
nicht der Standpunkt des betreffenden Professors, sondern eben jene der Willkür
des einzelnen prinzipiell überlegene, aktuelle gegenwärtige Autorität, welche in
der katholischen Theologie beneidenswert 309 (und
doch nicht beneidenswert) handgreiflich durch den Begriff des im Papste
verkörperten kirchlichen |657 Lehramtes bezeichnet ist,
während wir uns begnügen müssen, das objektive Gegebensein einer «Kairos»-Notwendigkeit, um mit Tillich zu reden45, eine auf keinem Papier
stehende und doch verpflichtende Bestimmtheit jedes Augenblicks für alle
theologische Arbeit anzuerkennen46,
ohne sie von der ebenso unentbehrlich gegenwärtigen Erleuchtung des einzelnen
Arbeiters unmittelbar durch Wort und Geist Gottes juristisch greifbar
unterscheiden zu können. Die Feststellungen der Kirche über Kanon und kanonischen
Text der Schriftoffenbarung, über gewisse mehr oder weniger einhellig anerkannte
Grundsätze der auf jene sich gründenden kirchlichen Verkündigung, erklärt durch
die Stimme der Väter, endlich eben jenes (gleichfalls als kirchlich zu
verstehende) Gebot der Stunde, diese drei oder vier (wie man sieht, auf ganz
verschiedenen Ebenen liegenden und in ganz verschiedenem Sinn bedeutsamen) Momente
miteinander – nicht aber das Dogma allein bilden die konkrete Autorität, der die
Theologie konkreten Gehorsam zu leisten hat.
3.
Die Theologie lebt vom Dogma, sagt Peterson.47 Sie lebt auch vom Dogma, haben wir
berichtigen zu müssen geglaubt. Wir fragen nun weiter: wie kommt sie dazu, vom
Dogma im Zusammenhang mit den ge|658nannten
anderen Momenten leben zu müssen? Wessen Autorität ist es denn, die sie hier
anerkennt? Worauf wieder im Einklang mit Peterson resolut zu antworten ist: Es ist
zweifellos die Autorität der Kirche, die sie hier anerkennt. Wohl verstanden:
Gehorsam ist nicht Pietät. Es wäre nicht wohl
getan, hier etwa von einer Autorität der Geschichte zu reden,
obwohl doch die Momente, aus denen sich diese Autorität zusammensetzt,
unverkennbar geschichtliche Daten darstellen. Aber die Geschichte oder ein
Ausschnitt aus der Geschichte, Kanon und Text, Väter und Dogma, das Gebot der
Stunde endlich, als geschichtliche Größen und Notwendigkeiten verstanden, können,
christlich-theologisch betrachtet, gerade keine 310 Autorität bedeuten, und zwar darum nicht, weil der Kardinalsatz einer gewissen
theologisierenden Philosophie, daß Geschichte und Gott, Geschichte und Offenbarung
«zuhaufe»g ge|659hörten, falsch ist.
Geschichte kann wohl ein Prädikat der Offenbarung werden, aber nie und nimmer wird
die Offenbarung zum Prädikat der Geschichte. Wer Geschichte sagt, sagt eben damit
Nicht-Offenbarung. Geschichte bedeutet in der Theologie genau das, was Pontius Pilatus im Credo51. Denn die Geschichte als Subjekt steht wohl wie der Mensch als solcher in
direkter Relation zu Gottes Schöpfung, aber auch zu Adams Fall und Ausstoßung aus
dem Paradies [vgl. Gen. 3]
und gerade nicht zu Christus und der in ihm geschehenen
Versöhnung. Geschichte ist: «der ganze unbegreifliche Zwischenzustand zwischen
Schöpfung und Erlösung, in dem wir uns befinden».h Sie ist σκοτία, die
Finsternis, die das Licht nicht begriffen hat [vgl. Joh. 1,5]. Aber wie der Schmutz und das
Elend der menschlichen Natur in der Fleischwerdung des Wortes aufgenommen,
eingetaucht und erhoben ist in die Heiligkeit und Sündlosigkeit des ewigen Gottes,
wie der Mensch, ohne aufzuhören, in sich selbst ein Sünder zu sein, in Christus
begnadigt, gerechtfertigt und geheiligt ist, so und im selben Sinn ist von einer
durch die Offenbarung qualifizierten Geschichte zu reden, die,
ohne aufzuhören, in sich selber zu sein, was alle Geschichte ist, qualifiziert
durch die Offenbarung nun nicht bloß Zwischenzustand ist. Gewiß
ist das Reich, in dem die peccatores electi, durch das fleischgewordene Wort
geeinigt und versöhnt, ihrer Erlösung entgegensehen mitten in der Geschichte, in
allen seinen Erscheinungen selbst Geschichte und steht mit allen anderen
geschichtlichen Wirklichkeiten im selben finsteren Schatten. Aber nicht bloß das
ist von ihm zu sagen, sondern nun das andere überschwengliche Wort, |660 daß dies eben mitten im Schattenreich das Reich des
Lichtes ist, regiert durch den himmlischen Herrn, geglaubt von den Elenden, seinen
Erwählten und Berufenen, die eine, heilige, allgemeine apostolische Kirche53: in aller Fragwür311digkeit ihrer Erscheinung der verborgene und doch
nicht verborgene Weg durch die Zeiten, auf dem die Offenbarung zu den Völkern und
Geschlechtern kommt. Auf diesem Weg wird sie dann u. a. auch immer wieder zum
Gegenstand der Theologie. Indem die Theologie anerkennt, daß ihr die Offenbarung
jedenfalls auch mittelbar, in Form konkreter Autorität gegeben
ist, lebt sie, ohne die geschichtliche Bedingtheit dieser Form auch nur einen
Augenblick zu vergessen, nicht von der Geschichte. Denn die Geschichte hat keine
theologische Autorität, wohl aber die Kirche.
4.
Aber eben als Autorität der Kirche ist nun die konkrete
Autorität, der die Theologie konkret zu gehorchen hat, näher zu bestimmen.
Peterson stellt das Verhältnis zwischen Christus und seiner Kirche dar unter
Anwendung des biblischen Tropus vom Haupt und Leib54 und sagt, daß die Autorität des Dogmas die abgeleitete Autorität Christi,
die von ihm bei seiner Himmelfahrt der Kirche verliehene Autorität (S. 16,22)
sei.55 Dem ist grundsätzlich zuzustimmen. Wäre die Autorität der
Kirche nicht die ihr irgendwie übertragene Autorität Christi, so könnte sie für
die Theologie so wenig Autorität sein wie die Geschichte. Aber nun wird, wenn man
genau sein will, größter Nachdruck darauf zu legen |661
sein, daß es sich dabei nach Petersons eigenen Worten um die «verliehene» oder
(weniger glücklich) die «abgeleitete» Autorität Christi handelt. Der Leib ist eben
auf Erden, das Haupt im Himmel. Der Leib in der ganzen Zweideutigkeit der ihrer
Erlösung erst harrenden sarkischen Menschenwelt, das Haupt in der Glorie des
Vaters, das Haupt dem Leibe nicht anders gegenwärtig und zu eigen als in der
ganzen Würde und Machtvollkommenheit des Hauptes, d. h. aber als
das Wort und durch den Geist des Vaters und
des Sohnes. Der Satz Petersons: «Als er aber zum Himmel aufgefahren war, da
sprachen weder die anderen noch er selbst von seiner Autorität, da hat er seine
Gewalt der Kirche verliehen» (S. 22)56 ist kein guter Satz. Denn das kann die Gewaltverleihung an seine
Kirche sinn312vollerweise nicht bedeuten, daß
Christus zu ihren Gunsten sozusagen abgedankt, daß er sich auch nur teilweise in
ihre Gewalt begeben, daß er aufgehört hätte, auch ihr gegenüber ganz und gar Gott zu sein. Himmelfahrt bedeutet nicht nur, wie Peterson es
darstellt, die Übertragung stellvertretender, sekundärer Gewalt an die Kirche,
sondern auch den Abschied des eigentlichen, primären Gewalthabers, das
Sichtbarwerden der der Kirche gesetzten eschatologischen Grenze.
Die Erhöhung des Hauptes bedeutet wahrlich für den Leib auch eine Erniedrigung,
die Versetzung in einen Stand der Demut und des Wartens. Der Vorbehalt des Pfingstwunders und der Pfingstgabe dürfte nie
vergessen, nie als selbstverständlich behandelt werden, wenn man von ihrer Gewalt
redet. Man wird also der bei Peterson sehr häufigen Formel: «Es
gibt» dies und das, z. B. Dogma, Sakrament, Theologie57 usf., mindestens einen sehr vorsichtigen – sit
venia verbo – «dialektischen» Gebrauch wünschen müssen. Was «gibt» es denn in
diesem Zu|662sammenhang, dem es nicht
wesentlich wäre, daß Gott «es gibt», und zwar nicht ein für
allemal, sondern immer wieder gibt? Man wird von «Elongaturen» und «Fortsetzungen»
der Offenbarung58, von
«abgeleiteter» Autorität u. dgl. zur Vermeidung naturalistischer Konfusionen
zwischen Himmel und Erde lieber gar nicht reden. Und wenn man durchaus sagen will,
daß das Dogma uns «aus dem Leib Christi» heraus «jure divino» treffe (S. 20)59, so wird genau zu sagen sein, in
welchem bestimmt differenzierten Sinne hier von jus divinum die Rede sein kann.
Die Autorität, mit der die Kirche den Kanon fixiert, Dogma proklamiert usf., ist
offenbar Autorität Christi in sekundärem Sinn, d. h. aber sie
ist zeitliche, relative, formelle Autorität. Sie ist 1. zeitliche Autorität, d. h. sie ist so Autorität, wie es eben auf Erden,
diesseits der Wiederkunft Christi, Autorität geben kann. Nämlich Autorität, die
(anders als die Autorität ihres Hauptes) in ihrem Ursprung auch ihre Grenze hat,
die auf Unfehlbarkeit und Unveränderlichkeit ihrer Entscheidungen60 keinen Anspruch machen kann. Die Kirche ist die Kirche der begnadigten
Schächer [vgl. Lk. 23,39–43], die auf ihre Er313lösung
warten. Das bricht ihre Autorität nicht, aber das bezeichnet ihre Schranke. Sie
ist 2. relative Autorität, d. h. sie «repräsentiert» nur, wie
auch Peterson sagt, die göttliche Autorität.61 Die Sitte, die Ketzer «am Leibe zu bestrafen», die von
Peterson nicht ohne eine gewisse spanische Wärme erwähnt wird (S. 20)62, ist doch wohl besonnenerweise als
abusus und nicht als usus zu werten, weil sie offenkundig auf einer
verhängnisvollen Verwechslung gerade an diesem Punkte beruht. Kirchliche Autorität
ist nicht Autorität in sich selber, sondern in Beziehung auf die
eigentliche Autorität des Herrn in seiner Glorie. Und unter
dieser Voraussetzung dürfte es geraten sein, einander lieber nicht zu verbrennen. Sie ist endlich 3. formelle
Autorität, d. h. sie ersetzt in keiner Weise die Offenbarung. Sie bestimmt und
verändert sie auch nicht, weder ihren Inhalt noch ihren Gang. Sie ist nur ihr
Kanal. Die Frage nach ihrem Wasser und die Frage nach seinem Fließen steht in
einem anderen Buch. In diesem be|663stimmten
Sinn und nicht anders trifft uns das Dogma und die anderen Momente konkreter
Autorität jure divino. Ihr jus divinum erstreckt sich auf mittelbare Vergegenwärtigung der Offenbarung. Es ist nicht von der Art,
daß die Kirche es etwa unterlassen könnte, vor und nach ihren
Entscheidungen nach dem Wort zu forschen und um den Heiligen Geist zu bitten, der
sie allein in alle Wahrheit leitet [vgl. Joh. 16,13]. Um das
jus divinum, mit dem Christus durch Wort und Geist unmittelbar, unfehlbar und
inappellabel entscheidet als Herr der Kirche, kann es sich nicht
handeln, und diese unmittelbare Autorität, in der die Freiheit des Glaubens, des
Glaubensgehorsams gründet, ist für die Theologie ebenso konstituierend wie die
mittelbare Autorität der Kirche.
5.
Ist nun zwischen Christi unmittelbarer und seiner der Kirche verliehenen
mittelbaren Autorität, an die die Theologie zunächst gewiesen ist, zu
unterscheiden, so muß es einen Angelpunkt geben, an dem die Unterordnung der Kirche unter ihren Herrn (das Geben
und Empfangen der Offenbarung, das den 314 Herrn und die Kirche für alle Zeit unterscheidet, als
konkretes Gesetz und Kriterium, als konkretes Gegenüber des mittelbaren Handelns
Christi in seiner Kirche und seines unmittelbaren Handelns an ihr) in die Erscheinung tritt.i Die naturalistische Art, in der Peterson, den Tropus von Haupt und
Gliedern pressend, den Zusammenhang zwischen Christus und der Kirche darstellt,
hat ihn verhindert, sich die Frage nach diesem kritischen Punkt überhaupt zu
stellen, und hat ihn andererseits veranlaßt, die Bibel, ihre
Exegese und die auf sie begründete Predigt (mehr als katholisch!) in jene
merkwürdige Abseitsstellung zu drängen, in der sie für die Frage: Was ist
Theologie? schließlich zugunsten des Dogmas überhaupt ausscheidet. In Wirklichkeit
vollzieht sich nun aber die Gewaltübertragung an die Kirche, das |664 prinzipielle Zustandekommen ihrer konkreten Autorität gerade in Form
der Einsetzung des singulären, unwiederholbaren und unüberbietbaren Amtes des
Offenbarungszeugnisses, nämlich in Form der Bestätigung des
alttestamentlichen prophetischen und der Inkraftsetzung des neutestamentlichen
apostolischen Wortes. Dieses gesprochene und geschriebene Wort,
in das die Logos-Offenbarung eingegangen ist, um auszugehen in alle Welt, ist als
solches, als Prinzip aller konkreten Vergegenwärtigung der Offenbarung, der
Ursprung und die Grenze aller solcher Vergegenwärtigung, das Maß, an dem alles,
was die Kirche «spricht» im Namen ihres Herrn, gemessen ist und immer wieder zu
messen ist. Wir müssen hinzufügen: Sofern nämlich Gott der Heilige Geist sich je
und je zu diesem Wort des Zeugen bekennt als zu seinem eigenen Wort, sofern er es
immer wieder unvergleichlich wahr und kraftvoll macht, sofern er in den Herzen
seiner Gläubigen durch dieses Wort seine Entscheidungen herbeiführt und
durchführt. Denn als Wort des Geistes ist es von Christus
eingesetzt als Grund seiner Gemeinde. Und darum ist derselbe Sachverhalt von der
anderen Seite so zu bestimmen: Die Gewaltübertragung an die Kirche vollzieht sich
durch die 315 Gabe des heiligen Geistes der Pfingsten, durch den das alte Propheten- und das neue
Apostelwort zum wirksamen Zeugnis Christi an die Völker und Generationen wird.
Dieser Geist, durch den die Logos-Offenbarung im gesprochenen
und geschriebenen Zeugenwort ausging in alle Welt, ist als solcher das Prinzip
aller Vergegenwärtigung und Offenbarung, der unfehlbare und unveränderliche Herr
und Richter über allem, was die Kirche «spricht». Aber dann ist hinzuzufügen:
Sofern es nämlich der Geist des Sohnes ist, d. h. des fleischgewordenen, aber auch
sprache- und schriftgewordenen göttlichen Wortes, sofern er als
der Geist, der in den Herzen der Gläubigen redet, kein anderer ist als der Geist
der Propheten und Apostel. Es ist der Geist des Wortes und kein anderer, der die
Kirche in alle Wahrheit leitet [vgl. Joh. 16,13]. Wort und Geist zusammen also (und keines von beiden ist größer oder kleiner)
bilden den kritischen Punkt, wo die unmittelbare Autorität Christi der mittelbaren
Autorität der Kirche begründend, aber auch begrenzend gegenübertritt. In Beziehung auf jene gibt es diese, als deren Erscheinung wir z. B.
den fixierten Kanon, das proklamierte Dogma, die Geltung maßgebender Lehrer der
Kirche usf. zu erkennen haben. Im Blick auf jene prinzipielle Form aller
Vergegenwärtigung der Offenbarung, d. h. |665 im Blick auf
die unmittelbare Autorität Christi, im Glaubensgehorsam gegen
Gott selber und darum in Freiheit leistet die Theologie den
konkreten Autoritäten konkreten Gehorsam, weil und insofern sie jener gemäß
sind.
6.
Von da aus ist nun der Ort der bewußten konkreten Autorität näher zu
umschreiben.j Peterson unterschlägt doch wohl die Hälfte des Tatbestandes, wenn er
erklärt, daß das Dogma nicht in der Verlängerung des menschlichen Glaubensaktes
liege, daß es wesenhaft nichts mit dem Bekenntnis zu tun habe.66 In der 316 Verlängerung des sündlich-kreatürlichen Vollzugs des Glaubens, und wäre er noch so tief und rein, liegt
es in der Tat nicht. Als «Ausdruck des Glaubens» im Sinn Schleiermachers67, d. h. als Niederschlag
menschlichen Erlebthabens und Überzeugtseins ist es in der Tat als Dogma, als
Autorität nicht zu verstehen. Ebenso wäre vom Kanon zu sagen, daß natürlich seine
Autorität nicht aus seiner geschichtlichen Genesis zu begründen ist. Es wäre im
gleichen Sinn zu sagen, daß Augustin
oder Luther, als Heroen der Frömmigkeit
betrachtet, keine theologischen Autoritäten sind und daß jenes Gebot der
gegenwärtigen Stunde, so schwierig seine begriffliche Sicherung für uns
Protestanten sein mag, einem Zinzendorfischen «Es ist mir so»68 je|666denfalls gerade gegenüber steht. Aber ein
anderes ist die legitime und notwendige Abgrenzung gegen den theologischen
Psychologismus, ein ganz anderes die ganz unmögliche Leugnung des Glaubens- und
Bekenntnischarakters der konkreten Autorität, wie sie Peterson uns zumuten will.
Aus dem Subjektivismus in einen ebenso naiven Objektivismus fallen und aus der
Psychologie in die Ontologie, das nenne ich den Teufel mit Beelzebub austreiben
[vgl. Mt. 12,27]. Ist,
was auch Peterson anderweitig nicht bestreitetk, zwischen Glauben als Vollzug und Glauben als Akt begrifflich zu unterscheiden, ist der Glaube als Akt gerade das Werk des heiligen Geistes in den Herzen der Sünder in
direkter Korrelation zu Gottes Offenbarung und ist endlich die Kirche als
Gemeinschaft der Heiligen70, d. h. der in Gottes Offenbarung Angesprochenen, durchaus die Gemeinschaft
eben dieses von Gott gewirkten und geschenkten Glaubens, so ist nicht einzusehen,
was dagegen einzuwenden ist, wenn das autoritäre «Sprechen» der Kirche im Dogma
usf. jedenfalls auch als Glaubensakt, als Glaubensbekenntnis verstanden wird. Wir betonen und unterstreichen
durchaus: Es ist Akt und Bekenntnis von Menschen, von Sündern, aber eben Glaubensakt, Glaubensbekenntnis. Damit ist durchaus nicht gesagt, daß Kirche und Dogma
wesentlich zum Men317schen gehörten, wie
Peterson einwendet (S. 32)71. Als ob es nicht in den Begriffen Offenbarung, Kirche, Glauben läge,
daß nun eben zwischen Gottes ewiger Wahrheit, die seines Wortes und Geistes
alleiniges Prädikat ist, und den religiösen Opinionen und Expektorationen des
menschlichen Subjektes ein Drittes gesetzt ist. In dieser Mitte,
wo die Kirche Gott erkennt und bekennt durch Gottes vollkommene Gnade, aber beides
in menschlicher Beschränktheit nach dem Maß des ihr, der Sünderkirche, geschenkten
Glaubens, wo sie Gottes Wort ver|667nimmt und
verkündigt, aber beides in schwachen Menschenworten, wo sie jure divino ihre
Entscheidungen trifft, aber eben damit jus humanum aufrichtet, wo die
Infallibilität des von Gott Gegebenen und die Fallibilität des von den Menschen
Empfangenen so wenig einen ausschließenden Gegensatz bilden wie die Konstanz des
Gnadenbundes, in den der einzelne aufgenommen ist, zu der täglichen Buße, der er
gerade als solcher bedürftig ist – in dieser Mitte «gibt es» konkrete Autorität,
«gibt es» neben dem anderen, was unter diesen Begriff fällt, auch Dogma. Daß es
der Kirche von Christus verliehen ist, das darf nicht ausschließen, daß es in der
Tat auch in der Verlängerung des menschlichen Glaubensaktes liegt, auch
Glaubensbekenntnis ist. Was hieße konkrete Autorität, wenn gerade diese ihre
Lokalisierung in der Mitte zu ihrem Wesen nicht mitgehören soll?
Hat es mit dem Erbarmen Gottes in Christo, mit der prinzipiellen Souveränität des Herrn über die Gemeinde, des Hauptes über den Leib seine
Richtigkeit, dann auch mit dieser Mitte, in der es in der Unheiligkeit alles
menschlichen, unter der heilsamen Krisis des göttlichen Wortes und Geistes –
heilige Kirche mit konkreter, aber eben darum zeitlicher, relativer, formeller
Autorität gibt.
7.
Ist nun Theologie wirklich konkreter Gehorsam gegen diese
konkrete Autorität, dann ist sie doch wohl – was hieße sonst konkreter Gehorsam?
–, wie es immer mit ihrer Bestimmung durch ihren Gegenstand stehen mag, auch ein
wirkliches 318 Verhalten und Tun wirklicher
Menschen, also nicht ein abstrakt zu erfassendes Inventarstück einer beziehungslos
über diesem unserem Jammertal schwebenden Geisteswelt, sondern neben dem, daß sie
lebt von Gottes Offenbarung, der sie dienen will, auch ganz handgreiflich das, was
von Professoren, Pfarrern und Studenten an ihren Schreibtischen mit mehr oder
weniger Begabung, Fleiß und Erfolg nun eben verrichtet wird. Es ist ihr wie der
Kirche wirklich wesentlich eigen, daß sie immer auch ein irdisches Geschehen ist
in einem bestimmten Hic et Nunc, und zwar ein Geschehen, dessen nächstes Subjekt
ein adamitisch determinierter Mensch ist, ein viator in patriam, kein
comprehensor72. Dann ist es aber
übermütig, mit Peterson |668 zu leugnen,
daß die Theologie wesenhaft an die mannigfachen geistigen Akte des Menschen, wie
Reden, Schreiben, Verkündigen usw. gebunden ist (S. 19)73 und an
ihren Möglichkeiten auch ihre Schranken hat. Das leugnen, hieße offenbar die Konkretheit ihres Gehorsams leugnen. «Das Subjekt der Theologie
ist nicht der Theologieprofessor, sondern primär Christus und sekundär die
Kirche», schreibt Peterson (S. 30).74 Schön und wahr gesagt. Der Dienst des doctor ‹ecclesiae› ist in
der Tat wie der des pastor nur sinnvoll als ministerium ecclesiasticum, und dieses
repräsentiert Christus. Aber die Kirche, die ecclesia militans, in deren Raum es
konkrete Autorität und konkreten Gehorsam gibt, ist der Leib Christi im Staub und
Gedränge der Erde, und zwar der Erde dieses Äons, diesseits des Sündenfalls. Das nächste Subjekt der
Theologie, der Theologieprofessor, darf also, so fatal es sein mag, seiner zu
gedenken, so große Lust ihn selber nicht selten anwandeln mag, aus seiner Haut zu
fahren, bei der Bestimmung ihres Wesens gerade nicht gestrichen werden. Und es ist
wieder Übermut zu sagen, daß nur die Offenbarung selber letzthin das eigentliche
Wesen der Theologie bestimmen könne (S. 19)75. Auf ihren Gegenstand gesehen, von dem sie lebt,
ja! Aber nicht minder wesentlich ist, daß dieses ihr Leben,
sei es denn, wenn man so sagen will, «in der Elongatur der Logos-Offenbarung»,
sich in den Formen menschlichen sündigen Denkens, Redens und 319 Schreibens vollzieht. Will man sie durchaus eine
«Konkretion des Logos» heißen, so ist jedenfalls zu bedenken, daß der Weg des
Logos auf Erden der Weg von Bethlehem nach Golgatha gewesen ist.
Wie die «konkrete Autorität», der sich die Theologie beugt, unter dem Vorbehalt
der eigentlichen, primären, unmittelbaren Autorität Christi steht, von der sie
geliehen ist, so |669 der «konkrete Gehorsam», den sie
leistet, im Schatten des Menschlichen, Allzumenschlichen76, in dessen verhüllender Sphäre sich zu offenbaren es Gott nun einmal in
Gnaden gefallen hat. Ist sie doch nicht nur theologia ἔκτυπος bloß und theologia viatorum, sondern nach der
weiteren Erläuterung unserer Alten auch theologia post lapsum77, d. h. aber in ihren Grundvoraussetzungen mitbedingt durch «des Menschen
Elend»78. Das bedeutet nun aber, daß es nicht angeht, trotz aller Lebhaftigkeit,
mit der Peterson das unternimmt, den dialektischen Charakter der
Theologie, d. h. aber die Gebrochenheit, die Paradoxie, – die jedesmal radikale
Ergänzungsbedürftigkeit, das prinzipielle Offenbleiben aller ihrer Sätze mit einer
ärgerlichen Handbewegung in Abrede zu stellen. Die Offenbarung, von der die
Theologie redet, ist nicht dialektisch, ist kein Paradox (S. 11)79. Das brauchte ja eigentlich gar nicht gesagt zu
werden. Aber wenn die Theologie anhebt, wenn wir Menschen denken, reden und schreiben oder, wenn Peterson
das für wesenhafter hält, «argumentieren» auf Grund der Offenbarung, dann ist eben
ein διαλέγεσθαι, d. h. ein Bilden
prinzipiell unvollständiger Gedanken und Sätze, unter denen jede Antwort auch
wieder Frage ist und die alle miteinander über sich selbst hinaus hinweisen auf
die erfüllende unaussprechliche Wirklichkeit des göttlichen
Sprechens – ob wir es wissen und wollen oder nicht, wir können nichts davon noch
hinzu tun [vgl. Dt. 4,2]
–, die tatsächliche Form unseres Tuns und Verrichtens, eine Schranke, über die uns
auch die konkrete Autorität, der wir dabei gehorchen (z. B. das als kanonisch
gelesene Bibelwort, das als Dogma respektierte Bekenntnis) nicht hinweg trägt,
weil sie, wie gezeigt, selber unter dem Gegensatz des göttlichen Gebens und des
menschlichen Empfangens steht. Sagt uns 320 nun
Peterson, daß die Theologie unter solchen Umständen mit ihren Sätzen den «Ernst
Gottes» nicht erreiche (S. 7)80,
so ist zu antworten, daß sie es darauf, auf den Ernst der Erkennt|670nis, mit dem Gott selber redet, auch nicht abgesehen haben
kann. «Non in dialectica complacuit Deo salvum facere populum suum», zitiert
Peterson aus Ambrosius (S. 8)81. Sehr wohl!, ist zu sagen, aber was Gott tut und was die Theologen tun,
dürfte zweierlei sein. Ihr bescheideneres Teil ist in der Tat –
ich sehe nicht ein, warum das mit Geringschätzung gesagt werden müßte – das
«Ernstnehmen» der Offenbarung (S. 7). Die Offenbarung «ernst
nehmen» in der Sphäre des begrifflichen Denkens, das heißt mit aller Bestimmtheit
und Zähigkeit den Doppelweg gehen, der uns damit gewiesen ist, daß wir als Menschen von Gott zu reden haben. Wir müssen
z. B., um das in der Offenbarung enthüllte prinzipielle Verhältnis von Gott und
Menschen sachgemäß zu erkennen, von Gottes Gericht und von
Gottes Gnade reden; um Gottes Verhältnis zu allem, was nicht er selbst ist, zu
bestimmen, von Schöpfung und von Vorsehung; um vollständig zu
sagen, was Kirche ist, von ihrer Sichtbarkeit und
Unsichtbarkeit; um von der Gnade recht zu reden: von Rechtfertigung und Heiligung, und auf Seiten des Menschen: von Glauben und Gehorsam; um das Schriftprinzip sinnvoll zu erfassen: von Wort und Geist; um das Wesen des Sakraments zu begreifen: von der res
coelestis et terrestris82, von der manducatio oralis et spiritualis83, oder also, wenn es sich darum handelt, die Situation des Theologen zu
beschreiben: von dem in der Sache begründeten Sollen und
Nicht-Können84,
unter dem er steht. Nicht um ein erträgliches Nebeneinander handelt es sich bei
al|671len diesen und ähnlichen
Kontrasten.l Nicht quantitativ, nicht in
«Spannungsverhältnissen»86,
nicht begriffen, sondern unbegriffen in einem Wort, das wir sprechen könnten, stehen sich ihre Glieder gegenüber: ex|672klusiv, weil in verschiedener Weise alle
Ausdruck des unendlichen qualitativen Unterschiedes von Gott und Mensch87, mit dem eine
Theologie der Sünder (und das ist alle Theologie, sie mag so
theozentrisch88 oder christozentrisch 321sein oder sich
gebärden, wie sie will) nun einmal in der Darstellung der
Gemeinschaft von Gott und Mensch zu rechnen hat. In dem «Und», mit dem die Theologie zusammenspricht,
was sie doch nicht zusammendenken kann, weil es nur im Akt des
göttlichen Wortes und Geistes zusammenkommt, in diesem «Und» liegt das theologische «Ernstnehmen» der Offenbarung. Nur
wer Jesus Christus, d. h. aber Gott im Fleisch, Gott und Mensch sagen könnte in
einem, aber in einem wahren Wort, nur der
könnte sich rühmen, kein «dialektischer Theologe» zu sein. Die
Dogmengeschichte lehrt aber und das christologische Dogma, speziell von
Chalcedon89, gebietet, hier nicht zu wollen, was
man verständigerweise nicht wollen kann. Und was hier gilt, gilt für die ganze
Theologie. Es bleibt dabei, und das allgemeine Händeverwerfen über diesen Satz
wird mich nicht so bald irre machen: Theologie ist auf der ganzen Linie im besten
Fall Prolegomenon90. Sie redet vorläufig von
dem, was endgültig immer wieder Gott selbst sagen muß und sagen
will. Insofern kann sie die Offenbarung in der Tat nur «ernst nehmen». Möchte sie es tun! Der Ernst Gottes aber, die
sturmfreie Synthese jenseits von Satz und Gegensatz, Frage und Gegenfrage, das im
Himmel gesprochene Ja und Amen zu unserem «Argumentieren», das «quo jure |673 der Offenbarung», das in der Tat über den Sinn unseres
Argumentierens entscheidet (S. 19)91,
es kann der Theologie wie der Kirche überhaupt schlechterdings nur gegeben werden
und zu eigen sein, indem und sofern sich Gott durch sein Wort und seinen Geist zu
ihr bekennt, wie er sich auch zu ihrer konkreten Autorität immer
wieder bekennen muß. Kein konkreter Gehorsam gegen keine
konkrete Autorität kann das schaffen, ersetzen, herbeiführen, garantieren und
fortführen, was die Theologie im Unterschied zu der leerlaufenden gottlosen
Dialektik der Mythologie zur Theologie macht, was sie von «den zweifelhaftesten
aller Wissenschaften, den sogenannten Geisteswissenschaften» (S. 23)92 mit letzter, unzweideutiger Klarheit
abhebt, was sie endlich zum «Fach aller Fächer» macht (S. 24)93. Ist es doch im Begriff der Offenbarung begrün322det, daß das souveräne Tun Gottes ganz allein
es ist, was die Kirche inmitten der großen Zweideutigkeit der Religionsgeschichte
und trotz ihrer eigenen Magdgestalt zur wahren Kirche und den
Christen inmitten der massa perditionis94, der auch er verfallen ist, zum Erwählten und Heiligen macht. Dieser Regel folgt auch die Theologie. Nicht
darin besteht das ihr gesetzte «Punktum des Glaubens» (S. 8)95, daß ihr gestattet wäre, in die Gerechtsame
Gottes einzugreifen, vorwegzunehmen, was ihr durch Gottes Güte jeden Morgen neu
geschenkt werden muß [vgl. Klgl. 3,23], sondern darin, daß sie im konkreten Gehorsam gegen die
konkrete Autorität ihrerseits jeden Morgen neu wagt, auf Hoffnung der Gnade hin,
forschend nach dem Wort und bittend um den Heiligen Geist, die Offenbarung in
ihrer besonderen Sphäre, der Sphäre des begrifflichen Denkens ernst zu nehmen, d. h. aber «dialektisch» ernst zu nehmen. Ich kann nichts dafür,
daß dieses Wort, einmal in die Debatte geworfen, alsbald zu einem Popanz gemacht
worden ist, mit dem man die Kinder schreckt, als ob wer weiß welcher Greuel von
unterchristlicher Philosophie dahinter stecke.m Es handelt sich um die schlichte Anerkennung, daß das Wort: «Wo
der Herr nicht das Haus bauet, da arbei|674ten
umsonst, die daran bauen!» [Ps. 127,1] in der Theologie keinen Augenblick nicht
aktuell ist. Unser Reden, Sagen, Sprechen oder Argumentieren in der Theologie kann
sich nur beziehen auf die in Christus geschehene und immer
wieder geschehende Anrede Gottes an den Menschen, die zu vollziehen in keinem Sinne in unserer Kompetenz und Gewalt liegt.
Danach haben wir uns einzurichten. Es soll Klöster geben, in deren Refektorium der
Ehrenplatz bei jeder Mahlzeit mit vollem Gedeck zubereitet, dann
aber unbesetzt gelassen wird!97 Dieses Freibleiben der
Stelle, wo das entscheidende Wort zu sprechen wäre, ist der Sinn der Dialektik in
der Theologie. Ja (S. 25)98, Adam ist
gestorben, aber wahrlich darum mit seinem ganzen Geschlecht noch nicht erlöst.
Gott hat geredet in seinem Sohn! [vgl. Hebr. 1,2], wir sind
nun Gottes Kinder. Aber es ist noch nicht erschienen, was wir sein werden (1.Joh. 3,2). Noch ist die
Zeit des bloß menschlichen Fragens 323 nach Gott,
des bloß menschlichen Redens von Gott nicht vergangen, noch hat die Kirche Anlaß,
sich an der Verheißung genügen zu lassen, ihrer Grenze bewußt zu
sein, ihres Herrn zu warten und nicht selber den Herrn zu spielen. Es ist nicht
einzusehen, inwiefern dies etwa gerade der Theologie erlaubt sein sollte.n «Wir haben aber solchen Schatz in irdenen
Gefäßen, auf daß die überschwengliche Kraft sei Gottes und nicht von uns» [2.Kor. 4,7]. |675
676
8.
Theologie ist konkreter Gehorsam. Lassen Sie uns mit einer
Überlegung darüber, was hier Gehorsam bedeuten muß, den Schluß
machen. Gehorsam gibt es nur in Beziehung zu einem sich zu Gehör bringenden |677 höheren Willen. Peterson sagt aber mit Recht, daß es
sich um den dem christlichen Glauben zugeordneten Gehorsam
handle (S. 8)110. Als Glaubensgehorsam steht er aber offenbar in
Beziehung zu dem Willen Gottes in seiner Offenbarung, und das ist der Wille Gottes
in seiner Offenbarung: den Menschen, indem er ihn anredet, mit
sich selbst zu versöhnen und seiner Erlösung entgegenzuführen. Als der, der
geredet hat in seinem Sohn und noch redet durch das Zeugnis seiner Knechte und
Boten, will er auch heute, heute reden [vgl. Hebr. 4,7]. Glaubensgehorsam muß
heißen: Dienst am Geschehen dieses Willens, d. h. also Dienst an dieser Anrede,
durch die Gott Sein Werk treibt – Raum geben und schaffen, damit sie heute und
auch heute nicht umsonst zum Gehör komme. Solcher «Dienst am Wort» ist nun der
Sinn der Kirche überhaupt und in der Kirche an ihrer bestimmten Stelle der Sinn
auch der Theologie. Raum geben und Raum schaffen, weil Gott sein heilsames Wort
spricht: das tut die ganze Gemeinde durch ihr Hören der Predigt, durch ihre Feier
der Sakramente, durch ihre Buße, durch ihre Dankbarkeit, durch ihr Gebet. Das tut
als Organ der Gemeinde das kirchliche Amt insbesondere, als
Träger des der Kirche anvertrauten Kerygmas. Das tut in spezieller Funktion dieses
Amtes die Theologie, indem sie den unvermeidlichen Schwankungen im Vollzug des
Kerygmas gegenüber an Hand 324 der konkreten
kirchlichen Autorität und gerade darum in der Freiheit des Glaubens, d. h. im
Blick auf die primäre Autorität des Herrn, wacht über der
Erhaltung oder Wiederherstellung reiner Lehre. Reiner Lehre, d. h. aber schrift- und geistgemäßer Lehre, solcher Lehre, die dem göttlichen Wort
selbst Freiheit gibt gegenüber den Eigenmächtigkeiten alles menschlichen Redens
von und über Gott. So ist die Predigt als
die Stelle, an der jener Wille Gottes in seiner Offenbarung «heute,
heute» geschehen will, der Ort, an dem sich die Theologie der Kirche
einordnet, an dem sie ihren Sinn bekommt. Einordnung bedeutet aber sachliche und
methodische Unterordnung. Die Freigabe des |678 Glaubens,
in der sie arbeitet, kann eben als Freiheit des Glaubens nicht
darin bestehen, daß sie ihren Charakter als Dienst etwa verleugnet. «Sowie sich
die Dogmatik aus dem Gebiete der Kirche entfernt», schreibt Vilmaro,
«dient sie nicht mehr der Seligkeit, sondern der Wissenseitelkeit des Individuums.
Die Dogmatik soll wissen, daß sie als ein Gegenstand der Vorbereitung für das
geistliche Amt in dem Verhältnis der Schule zum wirklichen Leben stehe und daß
auch ihr gesagt sei: non scholae, sed vitae discimus. Das Leben der Kirche steht
über der Dogmatik.» Nicht als ob die Theologie selbst zu predigen hätte; sie ist
aber auch nicht nur Dogmatik, wie es bei Peterson den Anschein hat. Sie hat, um
von den historischen Hilfsdisziplinen hier abzusehen, als Exegese immer wieder die
grundlegende Frage nach dem genuinen Propheten- und Apostelzeugnis von der
Offenbarung an die kanonischen «Quellen» zu richten. Sie hat als Dogmatik auf dem
beherrschenden Hintergrund und nach der Norm jenes Zeugnisses an Hand der
Bekenntnisse und der Väter die Grundsätze christlicher Verkündigung immer neu
herauszuarbeiten. Sie hat als Homiletik112, gesichert durch die so gewonnenen Prinzipien, belehrt durch jenes
ungeschriebene Gebot der Stunde über das konkrete Was? und Wie? der christlichen
Verkündigung an die jeweilige 325 Gegenwart
nachzudenken. Das alles im Sinn eines Dienstes, eines Wächteramtes an den
Wächtern, als die Stätte, wo die Kirche sich selber Rechenschaft gibt von ihrem
Tun, wo sie Besinnung übt über die zweideutigen Bedürfnisse des Tages, der Praxis,
der Gesellschaft hinweg auf die eindeutigen kirchlichen
Bedürfnisse, auf die Sache, auf das ministerium verbi divini, das sich nicht will
verhökern und verkrämern lassen an den Zeitgeist, und wenn es der kirchliche
Zeitgeist wäre. So dient die Theologie der Offenbarung, indem sie der Predigt
dient. Um eine besondere Sorge handelt es sich dabei, die
grundsätzlich der Kirche als solcher, der ganzen Kirche
aufgeladen ist, aber auch um ein Charisma, das als solches grundsätzlich wiederum
der ganzen Gemeinde verliehen ist. Der Satz, daß, wie alle Gläubigen Priester, so auch Alle Theologen sind, ist in
dem verständigen Sinn, in dem er al|679lein
ernsthaft aufgestellt werden kann, trotz des (nicht ganz loyalen) Spottes, mit dem
er von Peterson bedacht worden ist (S. 32)113, aufrecht zu erhalten. An dem
besonderen Schaden, um dessen willen es Theologie geben muß, nämlich an der
Sieghaftigkeit, mit der sich heidnische Klugheit, heidnischer Tiefsinn, heidnische
(NB. aufrichtige heidnische) Frömmigkeit in immer neuen einladenden Formen gerade
der Stätte bemächtigt, da Gottes Ehre wohnen [vgl. Ps. 26,8] soll, an der Zuchtlosigkeit und Trägheit des
sich selbst überlassenen menschlichen Denkens und Redens, deren sich auch die
christliche Verkündigung immer wieder anklagen muß, krankt, mitschuldig und
mitleidend, die ganze Kirche in allen ihren Gliedern. So muß auch die Reaktion
dagegen, der wohl überlegte Ruf zur Sache, zur Disziplin, zur christlichen Strenge
– und das ist eben die Theologie! – grundsätzlich von der ganzen Kirche ausgehen
und getragen sein. Daß es nun Theologie als einen besonderen Stand, als besondere
Wissenschaft sogar gibt, das darf und muß wohl als besondere Gnade und insofern
als gute christliche Ordnung verstanden werden. Aber nicht anders als in großer
Demut, nicht ohne Verständnis für das gewisse eifersüchtige Bedenken, von dem
dieser besondere Stand, diese besondere Wissenschaft als 326 solche in der Kirche selbst wahrlich von allen Seiten
umgeben ist, für das Mißtrauen, als ob hier unter dem Vorwand des Dienstes eine
unzulässige Herrschaft, eine Aristokratie der Gnostiker, ein «Papat der
Schriftgelehrten» (Schlatter)114 aufgerichtet werden solle.
Welche Theologie dürfte sich über das Vorhandensein dieses Mißtrauens gegen alle
Theologie etwa einfach hinwegsetzen? Und auch die skeptische Frage, zu der die
Besonderheit der Theologie als Stand und Wissenschaft denen, die draußen sind
[vgl. 1.Thess. 4,12],
notwendig Anlaß gibt, werden wir weder mit Gewalt |680 noch mit listiger Rede zum Verstummen zu bringen, sondern an ihrer
Stelle als in sich richtige Frage zu hören haben. Der
ausgezeichneten Weise, in der (allen Dingen, die «es gibt», gegenüber!) Gott und
nur Gott seine Offenbarung gibt, entspricht doch wohl die
gewisse Anfechtbarkeit und Ärgerlichkeit, in der die Theologie
allen anderen Ständen und Wissenschaften gegenübersteht. Wie dem auch sei: Auf keinen Fall darf die Theologie, wie das bei Peterson geschieht,
mit Berufung auf diese ihre Besonderheit als Stand und Wissenschaft, oder wohl gar
zur Rechtfertigung dieser Besonderheit, zum Selbstzweck erhoben werden. Theologie
wird als Stand und Wissenschaft möglich als Trägerin jener besonderen Sorge, jener
besonderen eifrigen Treue der Kirche gegen ihren Herrn, der Sorge und des Eifers
um die Reinheit ihrer Predigt. «Das Wissen der Theologie und vor Allem der
Dogmatik dient nicht ausschließlich der Askese oder vollends gar der Spekulation
in der Ruhe eines gleichsam mönchischen Lebens: es dient der von Gott geordneten
Leitung der Kirche, dem von Gott geordneten geistlichen Amt und kann nur von
dessen Einsetzung aus vollständig gewürdigt werden. Das Wissen, welches zum
geistlichen Amt gehört, ist ein energisches, aus sich
herausgehendes, die Gemeinde regierendes und ihrem Ziele entgegenführendes, mithin
den gesamten Gang und Weg der Kirche rückwärts und vorwärts überschauendes, ein zu
dem χάρισμα κυβερνήσεως gehörendes
Wissen, welches zur Unterstützung dieses χάρισμα dient.»p Es kann nicht wohl327getan sein, diesen Zusammenhang zu zerreißen, mit der
Bibel und ihrer Exegese die Predigt aus dem Interessenkreis der Theologie
auszuscheiden, ihr Wesen sich darin erschöpfen zu lassen, daß sie in vornehmer
Absichtslosigkeit mittels des Dogmas Gott oder vielmehr eine Welt von geistigen
Wirklichkeiten zu erkennen und «argumentierend» in ihrem «metaphysisch-ontischen»
Seinszusammenhange zum Verständnis zu bringen habe. Die Fragen, die ich an
Peterson zu richten habe, häufen sich wohl nicht zufällig gerade an dieser Stelle.
Es sollen wirklich nur Fragen sein. Aber ich kann sie um der Klarheit und
Vollständigkeit willen hier nicht unterdrücken. Also diesem Tun,
dem, was er uns da als Theologie beschreibt, soll nun etwa der «Ernst |681 Gottes» innewohnen, den er bei uns anderen vermißt,
der Ernst, mit dem Gott «da ist», «etwa in der Form des jüngsten Gerichts» (S. 7)116? Was hat Theologie, wenn sie in diesem Tun
ihr Wesen hat, mit konkretem Gehorsam, mit der Ehre Christi zu
tun? Was unterscheidet sie dann von einem intellektuellen Spiel
oder von der anthroposophischen Erkenntnis höherer Welten117? Eine Theologie, die in sich selber ruhend oder
wesend sich selber genug ist – ist das nicht, gleichviel, ob sie in dem mondänen
Modeanzug sogenannter Religionswissenschaft oder in dem archaistischen
Kirchengewand des Petersonschen
Vorschlags auftrete, ein in seiner Müßigkeit eigentlich nur in der Luft des
Heidentums mögliches Unternehmen? Ist nicht auch ihr Gegenstand, jene Fülle der im
Dogma angeblich direkt erkennbaren Wesenheiten und Sachverhalte, nach deren
letzter Beziehung man nicht fragen darf, deren grundsätzliche Unterordnung unter
Christus dunkel und unaktuell bleibt, merkwürdig ähnlich der Welt der Götter und
Halbgötter, deren Einfluten in die christliche Predigt eine christliche Theologie
gerade abwehren sollte? Inwiefern soll nun gerade diese Sphäre, das Halbdunkel
einer dogmatisch begründeten Metaphysik, eine Sphäre sein, in der «ein Mann leben
kann» (S. 23)? Sollte das von Peterson
(S. 14, 28)118 als journalistisch und nominalistisch durchschaute Pathos
Luthers, aber auch
– trotz allem, was dagegen zu erinnern sein mag – die 328 «Schwermut», mit der Kierkegaard als «Einzelner»119 das Anliegen der Kirche schließ|682lich
in Form des «Angriffs auf die Christenheit»120 meinte auf sich nehmen zu müssen (S. 12)121, dem angeblichen Ernst dieser Theologie nicht immer noch vorzuziehen sein? Das Wesen des
«Journalisten» besteht doch wohl darin, daß er als Zuschauer schreibt. Einer in
Beziehung auf die wirkliche Not der wirklichen Kirche in dieser wie in anderer
Hinsicht sorgenfreien, im leeren Raum spielenden Theologie
gegenüber schließe ich mit der Feststellung, daß wirklich christliche Theologie
mit der ganzen Last des Glaubens auch die Last des konkreten Dienstes nicht abwerfen darf, sondern tragen muß. Denn
nur indem sie trägt wird sie getragen, von Gott und von den
Menschen, – als theologia crucis, um mit dem «Nominalisten» Luther zu reden.122