Brief Nr. 36 · 25. September 1925

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Bultmann!

Dank für die Mandäer und die Karte.1 Auch ich sitze hinter Petersons sämtlichen Werken und zerbreche mir den Kopf darüber, von wo aus er zu nehmen ist. Für Eile bin ich in keinem Fall. Ich habe lange nichts gelesen, was mich so angeregt und geärgert hätte wie diese glänzenden und in jeder Beziehung unverschämten Pamphlete, durch die wir Alle wieder in eine Ecke mit Herrmann2 gerückt werden. Wohin wir uns wahrscheinlich in diesem Fall auch stellen müssen. Haben Sie Klarheit darüber, was für einen Gebrauch er eigentlich von den m. E. entscheidenden Begriffen «Akt» und «Vollzug» macht? Was er unter «konkret» versteht? In welchem Verhältnis der Gegensatz «Glaube Mystik» des 1. Aufsatzes (Engel) zu dem Schematismus des 3. steht?3 Ob das, was die Theologie tut, identisch ist mit dem «Sprechen» der Kirche? Haben Sie entdeckt, was es mit dem quo jure der Offenbarung auf sich hat?

In Münster haben wir ein Haus gekauft, weniger schön als dieses, aber annehmbar. Aber nun kranken wir wieder daran, daß uns der scheinbar sichere Käufer hier plötzlich entgangen ist. Mein Vortrag für den 7. ist noch ganz im Stadium des innerlichen Rumors.4 An Johannes und die Eschatologie5 wage ich noch gar nicht zu denken. So ist für Stoff zu Sorgen gesorgt.

Herzlichst
Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Mandäer 📖: s. Nr. 33, Anm. 4. Karte: Nr. 35.↩
2
Wilhelm Herrmann (6.12.1846–2.1.1922), 1879–1917 Ordinarius für Systematische Theologie in Marburg, Lehrer Barths und Bultmanns. ↩
3
E. Peterson, Der Lobgesang der Engel und der mystische Lobpreis, in: ZdZ, Jg. 3 (1925), S. 141–153 (1. Aufsatz) 📖; ders., Was ist Theologie?, Bonn 1925 (3. Aufsatz). 📖↩
4
Vortrag Barths am 7.10.1925 in Göttingen; s. Nr. 31, Anm. 7.↩
5
Vorlesungsvorbereitung für das Wintersemester 1925/26; s. Nr. 17, Anm. 8, und Nr. 30, Anm. 13.↩