Brief Nr. 37 · 19. Oktober 1925

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Leider hat es länger gedauert, als ich voraussah, bis ich Ihnen mein Skriptum1 schicken konnte, und vielleicht sind Sie schon mitten im Umzug. Ich wurde unterbrochen durch eine Reise nach Halle zum Fakultätentag2, die ich zugleich zum Anlaß nahm, Gogarten zu besuchen. Ich hoffe, daß dieser Besuch der Sache noch zu gute gekommen ist. Inzwischen haben Sie nun in Göttingen Ihren Vortrag gehalten und sich, wie ich andeutungsweise höre, dabei mit Peterson auseinandergesetzt. Da Sie diesen Vortrag ja veröffentlichen werden, haben Sie vielleicht keine Neigung mehr, meine Antwort auf Peters. zu ergänzen, zu korrigieren und mit zu unterzeichnen; das wäre schade, aber machen Sie es ganz nach Ihrem Ermessen. Ich würde dann meine Antwort auf eigene Verantwortung veröffentlichen, am liebsten in «Zwischen den Zeiten». (Oder etwa zusammen mit Ihrem Vortrag in einer gemeinsamen Broschüre?) Da ich ursprünglich annahm, es würde eine gemeinsam verfaßte Antwort, habe ich kein Bedenken getragen, Thurneysens Kritik mit einzuarbeiten.3 Wenn Sie nun einen andern Weg wählen, müßte ich wohl die betreffenden Stücke streichen oder ändern? Das größte dieser Stücke steht S. 8f. des Manuskripts. Am Schluß S. 17 folgt ein anderes, |58 das ich aber, da es mir P.’s Intentionen nicht gerecht zu werden schien, stark gekürzt habe. Sie werden sehen, daß ich möglichst die Gemeinsamkeit mit P. zu betonen versuchte, und zwar nicht aus persönlichen Gründen, sondern weil es mir die Situation zu klären und die Diskussion zu fördern scheint. Ich meine, wir müßten trotz allem P. dankbar sein und dürfen nicht für die ἔξω Stehenden das Schauspiel solcher bieten, die sich gegenseitig ad absurdum führen. Die eigentliche theologische Aufgabe zu erfassen, die Aufgabe echter theologischer Begriffsbildung, ist unser mit P. gemeinsames Anliegen.

Ich sehe mein Skriptum noch nicht als druckfertig an und würde gerne Ihre Bemerkungen dazu haben, auch wenn Sie nicht mit unterschreiben. Wenn es Ihnen möglich ist, schicken Sie mir mein Manuskript bald zurück. Ich habe der Theologenschaft hier versprochen, zu Beginn des Semesters einen Diskussionsabend über P.’s Vortrag4 einzuleiten, und würde dazu mein Manuskript gern zurückhaben. Aber natürlich hat es 14 Tage Zeit. — Aber vielleicht geben Sie mir vorher schon kurz Nachricht.

Mit meiner Frau grüße ich Sie und die Ihre herzlich; wir wünschen Ihnen einen guten Umzug!
Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
Dazu schrieb Barth am 25.10.1025 an Georg Merz (Rundbrief, Bw.Th. II, S. 382 📖: «Bultmann schickt, mir ein sehr gediegenes Manuskript ‹Die Frage der, dialektischen’ Theologie (Eine Auseinandersetzung mit Peterson)›, das durchaus irgendwie zugleich mit meinem Vortrag erscheinen muß, weil er ihn in verscheidenster Hinsicht noch ergänzt und im Einzelnen (naturlich nach Bultmanns Art) begründet […]. Auf keinen Fall durfte die Bultmann’sche Sache abgelehnt oder zuruckgestellt werden, da die doppelte Antwort gerade als gleichzeitiges Kreuzfeuer wirken muß und wird. «Die doppelte Antwort» erschien in: ZdZ, Jg. 4 (1926), S. 18–40 (Barth) 📖, S. 40–59 (Bultmann) 📖; s. Nr. 31, Anm. 6f.↩
2
Bultmann nahm am Fakultätentag in Halle (7.-8.10.1925) als Dekan der Marburger Theologischen Fakultät teil.↩
3
Siehe Nr. 35, Anm. 3. Daß es eine gemeinsam verfaßte Antwort an Peterson sein sollte, war ursprünglich von Barth, Bultmann und Thurneysen ins Auge gefaßt worden. Offenbar hatte Barth dann Bultmanns Karte vom 23.9.1925 so verstanden, als wolle Bultmann getrennt vorgehen; vgl. seinen Brief an Merz und Thurneysen vom 4.10.1925, zit. in Nr. 35, Anm. 4.↩
4
E. Peterson, Was ist Theologie? Siehe Nr. 31, Anm. 5. 📖↩