Brief Nr. 38 · 26. Oktober 1925

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Bultmann!

Ihr Manuskript traf mich 1 1/2 Stunde, bevor ich von einem kohlbrüggianischen Fabrikanten im Auto von Göttingen nach Elberfeld entführt wurde, wo ich meine Anti-Petersoniade ein zweites Mal steigen ließ unter großem Zulauf des rheinischen Klerus und sonstigen theologisch interessierten Publikums.1 Nun sitze ich schon bald 3 Tage in dem Pfaffen und Wiedertäufernest Münster, das mir der liebe Gott zunächst als Heimat zugewiesen hat. Es läßt sich wohl leben hier. Vorläufig muß ich |59 es als Junggeselle tun. Des Verdrusses mit Verkaufen und Kaufen ist noch immer kein Ende. Bald werde ich Erfahrungen genug gesammelt haben, um, wenn alle Stricke reißen, selbst Häusermakler werden zu können.

Mit Peterson ist es mir unterdessen so gegangen: mein Vortrag über «Kirche und Theologie» wurde mir unter den Händen ebenfalls zu einer Auseinandersetzung mit unserm Freund mit den violetten Strümpfen2. Sie verhält sich zu der Ihrigen so wie ein weiterer Kreis zu einem engeren bei gleichem Mittelpunkt. Ihre Arbeit hat den Vorzug größerer Akribie im Einzelnen. Beide sind aber sicher nebeneinander nicht nur möglich, sondern nützlich, ja notwendig. Merz hat die meinige sofort nach dem 7. Oktober eingefordert und abschreiben lassen; sie ist vermutlich schon im Druck. Ich habe ihm nun gestern die Ihrige angemeldet und ihm die Wahl gelassen, sie beide entweder in einer Broschüre oder gleichzeitig im nächsten Heft von Zw.d.Z. erscheinen zu lassen. Vermutlich wird er das zweite wählen.3 Kaiser4 läßt sich auf Broschüren nicht gerne ein, und in Zw.d.Z. wird die Sache sicherer und weiter hin gelesen. Die Thurneysencitate müssen Sie, eventuell unter Anzeige an den Autor, ruhig stehen lassen. In meinem Römerbrief sind auch ganze halbe Seiten von Thurneysen!!5 Wir sind doch nicht so. Alles in Ihrem Aufsatz ist sehr gut an seinem Platz; nur eine kleine historische Anmerkung habe ich mir erlaubt. Der lutherische Bekenntnis-Begriff ist eine merkwürdig schillernde Sache wie die lutherische Dogmatik überhaupt. In Remscheid, wo ich auch war, hat Loew Ihren Aufsatz gelesen und rief laut: Gut, gut! Der Violette soll nur zusehen, wie er sich unserem Kreuzverhör entzieht. Auch ich habe ihn so glimpflich als möglich behandelt, am Anfang sogar einen heftigen Vorstoß gegen die Leute (gemeint: Stange6, Hirsch, Althaus7 …) gemacht, die ihn mit Totschweigen oder Gelächter erledigen wollen. Ich sah ihn noch mehrmals |60 in Göttingen. Wir wurden menschlich wieder gute Freunde, aber der Eindruck, daß W.i.Th?8 einer tollen Caprice entsprungen ist und (trotz des Ernstes der aufgeworfenen Probleme) ein sträflich leichtsinnig hingeworfenes Gemächte, verstärkte sich.

Mit herzlichen Grüßen und Wünschen für das Semester
Ihr
Karl Barth

Ich bin neugierig, wie es Gogarten bei seinen ersten Schritten auf dem akademischen Glatteis gehen wird.9

Ihnen einen einseitig beschriebenen Brief zu schicken10, werde ich mich bei der Verwendung, die Sie von solchen Scriptis machen, für alle Zeiten schwer hüten.11

Sachfußnoten

1
Vgl. dazu Barths detaillierte Schilderung in seinem Brief vom 25.10.1925 an Thurneysen, Bw.Th. II, S. 378–382. 📖↩
2
D.i. Erik Peterson.↩
3
Beide Arbeiten erschienen zusammen in «Zwischen den Zeiten»; s. Nr. 37, Anm. 1.↩
4
Verlag Chr. Kaiser, München.↩
5
Vgl. das Vorwort zur zweiten Auflage in: K. Barth, Der Römerbrief, München 19222, S. XVII (Abdrucke seit 1923: S. XVIII; Zürich 198915: S. XXVf.). 📖 ↩
6
Siehe Nr. 3, Anm. 13.↩
7
Paul Althaus (4.2.1888–18.5.1966), 1914 Privatdozent für Systematische Theologie in Göttingen, 1919 Ordinarius in Rostock, 1925 in Erlangen. ↩
8
Was ist Theologie? Siehe Nr. 31, Anm. 5. 📖 ↩
9
Friedrich Gogarten wurde 1925 Privatdozent für Systematische Theologie in Jena.↩
10
Mskr.: «schreiben» durchgestrichen, «schicken» darübergeschrieben.↩
11
Bultmann benutzte häufig einseitig beschriebene oder bedruckte Blätter wieder als Konzeptpapier für Vorlesungen, Vorträge und Aufsätze, so vermutlich auch für das Manuskript, das er Barth geschickt hatte.↩