Das Problem der Ethik in der Gegenwart
Das Problem der Ethik ist die kritische Frage, unter die der Mensch sein Tun, d. h. aber sein ganzes zeitliches Dasein gestellt sieht. Gefragt ist nach Sinn und
Gesetz seines Tuns, nach der Wahrheit in seinem Dasein, für deren Vorhandensein
diese Frage ihn, den Menschen, verantwortlich macht. Sofern die Wahrheit des
Menschenlebens auch in seiner Naturbedingtheit zum Ausdruck kommt, wird sie hier,
im Licht der ethischen Frage, noch einmal problematisch. Das scheinbar Gegebene
wandelt sich zur Aufgabe. Das als seiend Begriffene mit seinem Anspruch höchster
Würde und Geltung tritt26 in den Schatten
eines Andern, Überlegenen, Nicht-Seienden. Das Wahre, und wenn es das |103 Wahrste wäre, muß27 sich der kritischen Frage unterziehen, ob es denn auch gut sei. Das Recht dieser Frage ist darin begründet, daß sie
gestellt ist. Auch die logische Frage, die Frage nach dem Wahren im Sinn des
Seienden, ist nicht zufällig und willkürlich, sondern notwendig, kein Gegenstand,
sondern die Voraussetzung der sinnlichen Erfahrung, nicht in einem Andern, sondern
in sich selbst begründet. Aber doch nur insofern, als sie die Rückfrage nach der
Wahrheit des Wahren, d. h. aber die ethische Frage in sich schließt, in der der
Gedanke des Nicht-Seienden, aber Sein-Sollenden des Menschen Leben in Anspruch nimmt als des Menschen Tat. In der
Frage nach dem Nicht-Seienden, dem Guten, in der ethischen Frage ist die Frage
nach dem Seienden, die logische Frage begründet als kritische, selber nicht mehr
in Frage zu stellende Frage. Keinen Sinn hat es also zum vornherein, die Frage
nach dem Guten der Wahrheitsfrage im logischen Sinn zu unterwerfen, als ob sie
nicht selber die Wahrheitsfrage wäre, die jene erst zu einer in sich selbst
begründeten macht. Keinen Sinn, die Frage nach Pflicht und Recht, nach dem
sittlichen Subjekt und Objekt umzusetzen in die Frage nach der Wirklichkeit und
den Möglichkeiten des Menschen, der Gegenstand unsrer sinnlichen
Erfahrung ist, als ob nicht mit der Frage, die aller sinnlichen
Erfahrung letzte Voraussetzung ist, eben 126
gerade dieser Mensch als solcher in Frage gestellt wäre. Keinen Sinn überhaupt,
uns der ethischen Frage irgendwie betrachtend als Zuschauer gegenüberzustellen,
als ob sie nicht gerade darin ihren Grund hätte, daß wir es beim Betrachten unsres
Lebens, bei der Zuschauerrolle unsrem Tun gegenüber nicht
bewenden lassen können, sondern in die Notwendigkeit versetzt sind, uns selbst als
die Lebenden, als die Täter zu begreifen. Keinen Augenblick aus dem Gesicht zu
verlieren ist freilich die Lückenlosigkeit des Seinszusammenhangs, in den
verflochten wir uns unsre Existenz allein anschaulich zu machen vermögen und
innerhalb dessen das Gute, nach dem in der ethischen Frage gefragt ist, nicht gegeben ist; was hier gegeben ist und gegeben sein kann,
das kann ja als solches nicht das Gute sein. Aber das ändert
nichts daran, daß offenbar eben diese unsre anschauliche Existenz in diesem
Seinszusammenhang gemessen ist an einem Maßstab, der weder mit ihr selbst noch mit
dem als seiend Begriffe|104nen überhaupt
gegeben ist. Ändert nichts daran, daß der Mensch als Mensch rettungslos in die
Lage versetzt ist, sein Sein zugleich aufzufassen als sein verantwortliches
Handeln, sein Begehren als fragwürdig, jenes Nicht-Seiende als Sein-Sollendes, das
als die Wahrheit des Wahren sein Tun in Beschlag nehmen will.
Mag denn der historisch-psychologische Vorgang, in dem die ethische Frage dem
Menschen zum Bewußtsein kommt, und mögen die Zwecke, Güter und Ideale, in denen er
gestern, heute oder morgen das Gute, also die Antwort auf die ethische Frage, zu
erkennen meint, ableitbar sein aus dem als seiend Begriffenen oder Begreifbaren,
aus kontingenten, sekundären, nicht-ursprünglichen Ursprüngen, aus Schicksal oder
Natur, aus Willkür oder Zufall, aus Hunger oder Liebe, das Problem der Ethik
selbst steht28 und fällt nicht
mit seiner Genesis innerhalb des Zusammenhangs des Seienden und erst recht nicht
mit den gestern, heute oder morgen sich einstellenden Lösungsversuchen, es greift
über seine zeitliche Entstehung wie über alle seine wirklichen und möglichen
zeitlichen Beantwortungen grundsätzlich hinaus, es ist in seinem Ursprung wie in
seinem Ziel eigenen Rechtes, eigener Würde. Es widersteht der Skepsis, der alle
ethischen Ideologien ausgesetzt sind, darum, weil es selber, längst bevor die
Skeptiker aufgestanden sind, die erbarmungslose Krisis aller ethischen Ideologien
ist. In Frage gestellt sind ja mit der Frage nach dem Guten alle wirklichen und
möglichen Inhalte menschlichen Tuns, alles zeiterfüllende Geschehen in der Geschichte der Individuen wie 127 der Gesellschaft. Was sollen wir
denn tun?, ist hier gefragt, und dieses Was? richtet sich angreifend, zersetzend,
aushöhlend gegen den ganzen Bestand dessen, was wir gestern getan haben und morgen
tun werden, alles auf die Waage legend, scheidend in jedem Augenblick in allem
Vorgefundenen, Gegebenen, Wirklichen, das getan wird, das Gute und das Böse, um
schon im nächsten Augenblick auch das eben als gut wie das eben als böse Erkannte
unter dieselbe kritische Frage zu stellen, als ob es von Ewigkeit her noch nie
geschehen wäre. Das absolute Leben beginnt sich uns bemerkbar zu machen, wenn das
ethische Problem sich stellt; aber was kann das für uns anderes heißen, als daß
wir sterben müssen? Absolutes Aufbauen hebt an; aber wie kann sich das anders
vollziehen als in |105 einem fortschreitenden Abbau?
Absolute Unendlichkeit tut sich auf; Unendlichkeit, die besser das Ende aller
Dinge heißen würde. Und indem der Mensch diese einfache Frage: Was sollen wir tun?
sich zu stellen wagt, hat er diesem Absoluten sich gestellt, zur Verfügung, zu
Dienst gestellt, er ist in Relation zu ihm getreten, ein Schritt, neben dessen
Tragweite aller etwaige Verkehr mit den himmlischen oder dämonischen Mächten
hintersinnlicher Welten zum Kinderspiel wird. Denn diese Frage hat ja sein Tun,
sein Dasein und Verkehren in der Welt wie in allen möglichen Hinterwelten zum
Gegenstande. Macht er diese Frage sich zu eigen, so hat er nicht nur zugegeben,
daß er das Auge bemerkt hat, das ihn aus einem Jenseits aller Welten betrachtet,
sondern daß er das, was dieses ewige Auge sieht, das Auf-der-Waage-Liegen aller
seiner Lebensinhalte, die Krisis, in der sich sein ganzes Tun in jedem Augenblick
befindet, auch sieht. Er ist nicht nur ganz gefragt, er muß selber die Frage stellen, mit der er doch eigentlich, sofern er
sie versteht, sich selber aufhebt. Er betätigt, indem er diese einfache Frage sich
stellt, in eigentümlichster Weise seine Gemeinschaft mit dem ewigen Betrachter seines Lebens; eben darum wird sie ihm unvermeidlich
zum Ende alles eigenen Betrachtens, aller Beschaulichkeit. Er
betätigt in dieser Frage sein Verhältnis zu Gott und nimmt die
unheimlichen, die radikalen Konsequenzen auf sich, die das für ihn haben muß. Denn
könnten wir uns einen Menschen denken, der sich dieser Frage zur Verfügung stellte
mit dem Ernst, der ihrem absoluten Gehalt wirklich entspräche, so möchten wir
einen solchen Menschen wohl an Gott gebunden, an Gott verloren nennen. Aber wie
könnten wir ihn uns anders denken denn als wissentlich und willentlich sterbend? Aber 128 wiederum: wie
sollte wissentliches und willentliches Sterben eines Menschen (wie wir den
Menschen kennen) das sein, was dem absoluten Gehalt jener Frage an Ernst etwa
entspräche? Es wartet im Problem der Ethik das Geheimnis der Unmöglichkeit des
Menschen, den wir kennen, des lebenden und des sterbenden, das Geheimnis, daß dieser Mensch vor Gott nur vergehen kann.
Und nun gilt es noch, sich Folgendes klar zu machen: Wir haben nicht etwa die
Wahl, uns das ethische Problem zu stellen oder nicht zu stellen und also die mit
ihm gegebene Krisis unsrer Lebensinhalte auf uns zu nehmen oder abzuschütteln, die
unvermeidlich in ihr liegende Beziehung zu Gott zu betätigen oder ruhen zu lassen.
Das ethische Problem |106 wartet nicht etwa auf unsre
allfällige ethische Besinnung, die Krisis, in der unser Tun sich befindet, nicht
etwa darauf, daß wir kritisch werden, unsre Beziehung zu Gott nicht etwa auf unsre
sog. religiösen Erlebnisse. Das alles ist vielmehr in grundsätzlicher
Überlegenheit zuerst, a priori auf dem Plan. Wir haben uns das ethische Problem schon gestellt. Wir stehen schon in jener Krisis und Beziehung, und nur darin kann unsre
Besinnung und Kritik, unser sog. Erleben bestehen, daß wir vor der ohne unser
Zutun feststehenden Wahrheit uns wieder einmal beugen, der Tatsache ins Gesicht
sehen, daß wir gefragt sind und gefragt haben.
Es gibt keinen Augenblick, in dem wir der Last dieser Frage etwa entzogen wären.
Wir leben ja von Augenblick zu Augenblick. Und Leben heißt Tun, auch dann, wenn es zufällig ein Nicht-Tun sein sollte.
Leben, das etwas anderes wäre als unser Tun, wäre uns schlechthin unanschaulich;
es wäre nicht unser Leben. Alles Tun aber steht unvermeidlich
unter der mit seinem Zweck gesetzten Frage nach seinem Sinn und Gesetz, nach
seiner Wahrheit. Diese Frage ist nicht erschöpft mit der
Erkenntnis des Sinns und Gesetzes, das unserm Tun kraft seiner Richtung auf diesen
und jenen nächsten endlichen Zweck innewohnt. Denn in diesem Zweck selber
schlummert die Frage nach seinem eigenen Zweck und endlich nach einem Inbegriff
aller Zwecke, d. h. aber die über alles Sein hinausgreifende Frage nach dem Guten.
Es schlummert also in jedem zufälligen zeitlichen: Was sollen wir tun? das Was?, auf das kein zufälliges zeitliches Das! beruhigende
Antwort geben kann, weil es das notwendige, das ewige Was? ist. Und mit der Frage
die Krisis unsrer Lebensinhalte, und mit der Krisis die Beziehung zu Gott. Wir stehen in dieser Beziehung. Sehen wir zu, wie wir uns damit
abfinden.
129 Was kann es für einen Sinn haben, vom Problem der Ethik in der Gegenwart zu reden? Offenbar grundsätzlich nur den, uns nachdrücklich in
Erinnerung zu rufen, daß es sich bei diesem Problem nicht um Lebensansicht,
Weltanschauung und ähnliche Harmlosigkeiten handeln kann, sondern um unsre
Existenz, um unsre eigenste realste Lage in diesem Augenblick, um eine Bedrängnis,
von deren Aktualität wir keinen Moment abstrahieren können, wenn wir wirklich von
ihr und nicht von etwas ganz anderem reden wollen. Es geht
nicht um ein Problem, sondern um das Problem.
Sagen wir «das Problem der Ethik in der Gegenwart», so möchten
wir damit alle zeitliche Ferne, allen Zuschauerab|107stand, der uns von der Bedrängnis des Problems etwa lösen könnte,
tunlichst aufheben. Sofort freilich mit der Gegenerinnerung, daß uns das nur
teilweise gelingen kann. Denn wir kennen keine Gegenwart, die sich nicht sofort
wieder spaltete in die Zeiten, in Vergangenheit und Zukunft, keine Gegenwart, die
nicht selber eine Zeit, wenn auch unsre Zeit wäre. Es gilt zu
bedenken, daß es gefährlich ist, das ewige Problem aller Zeitlichkeit in das Licht
einer bestimmten Zeit, und wenn es unsre Zeit wäre, zu rücken. Es kann und darf ja
das Problem der Ethik in der Gegenwart kein anderes sein, als es zu allen Zeiten
gewesen ist und zu allen Zeiten sein wird. Indem es uns gestellt ist, treten wir
ein in die Geschichte und Gemeinschaft, in der es kein Werden
und keinen Wandel gibt. Wir können heute nichts anderes tun, als was schon Jakob
tat, ringen mit dem Herrn: Ich lasse dich nicht, du segnest mich denn! [Gen. 32,26]. Nicht
zeitgemäßer können wir uns mit diesem Problem beschäftigen, als indem wir es in
seinem zeitlosen oder vielmehr alle Zeit angehenden Ernst ins Auge fassen.
Revolutionsphilosophie29 oder auch Reaktionsphilosophie zu treiben ist die Versuchung, vor der wir
uns heute z. B. zu hüten haben. Aber das alles kann uns nicht dispensieren von der
Aufgabe, uns die ethische Frage als Menschen unsrer Zeit zu
stellen und nicht anders, eingedenk freilich, daß wir damit in Wahrheit nicht
unsre Zeit, sondern die Gegenwart, die
Ewigkeit «zwischen den Zeiten»30 meinen.
Warum können wir uns vom Blick auf unsre Zeit |108 nicht dispensieren lassen? Darum nicht, weil von der ethischen Frage
nicht zu trennen sind wir, die Gefragten und Fragenden, die ganz bestimmten
Menschen, denen sie gestellt ist, die von ihr beunruhigt und bedrängt sind. Und
diese ganz bestimmten Menschen sind wir als Menschen unsrer
Zeit. So gewiß das Problem der Ethik dem Menschen gestellt ist als seine 130 Existenzfrage, so gewiß ist es ihm gestellt im
Licht einer bestimmten Zeit, seiner Zeit, so gewiß hat er sich
mit ihm in besonderer, dieser Zeit entsprechender Weise
auseinanderzusetzen. Wobei wir einschränkend hinzufügen, daß dies Besondere nichts
anderes sein kann als eine besondere Betonung und Unterstreichung innerhalb der
Problematik, die für alle Zeiten die eine ist.
Das Besondere unserer Zeit liegt nun sicher darin, daß das Problem der Ethik uns
in viel stärkerem Maße als etwa der uns vorangegangenen Zeit eine Sorge, man
könnte auch einfach sagen, ein wirkliches Problem ist. Uns sind
nicht mehr viele Stunden beschieden, wo wir auch nur wähnen
könnten, uns der Frage: Was sollen wir tun? entziehen zu können, und nicht mehr
viele Stunden, wo uns diese Frage als leicht und lösbar, wo sie uns anders denn
als Last und Not zum Bewußtsein kommen würde. Ich möchte es Ihnen und mir
ersparen, «aus dem Zeitungsblatt zu melden, was wir schaudernd selbst erlebt»31. Es braucht keiner Worte darüber, daß, wenn die Neger am
Rhein stehen32 und Lenin dort, |109 wo einst der Zar stand33, und der Dollar über 200034, jene Frage schon im Hinblick
auf die allernächsten Zwecke mit etwas mehr Gewicht gestellt ist als etwa auf der
Zinne der Jahrhundertwende im Glanz und in der Sicherheit des wilhelminischen
Zeitalters. Aber davon kann auch die tiefere Problematik, die hinter unsern
nächsten Zwecken steht, nicht unberührt bleiben. Sie ist für uns wirklich
Problematik geworden, schwer, bitter und schmerzlich. Ich will damit nicht sagen,
daß sie nicht auch denen schwer, bitter und schmerzlich war, die vor uns waren.
Aber man kommt unmöglich vorbei an der Feststellung, daß wir ihr ratloser,
verlegener, unsicherer gegenüberstehen als die Generation, die, als 1914 kam,
fertig war. Wir ahnen deutlicher die unvermeidliche letzte
Ratlosigkeit, Verlegenheit und Unsicherheit, die die ethische Frage dem Menschen
bereitet. Und ohne es jenen abstreiten zu wollen, daß sie das auch geahnt haben,
wundern wir uns, daß sie in ihrer Haltung und ihrem Reden so merkwürdig wenig
davon verraten haben.
Lassen Sie mich den Gegensatz an einigen Punkten charakterisieren. Es gab eine
Zeit, da war das ethische Problem jedenfalls für die Theologen und Philosophen
das, was man ein akademisches Problem zu nennen pflegt. Was auch Pessimisten,
Nörgler, Literaten und andere Aufgeregte, von Nietzsche, Ibsen oder
Tolstoi herkommend, einwenden
mochten – da war doch ein in Staat, Wirtschaft, Technik, Wissenschaft wohlgeordnet
sich aufbauendes und 131 unentwegt auf der ganzen
Linie fortschreitendes Ganzes menschlicher Kultur, durch Kunst verklärt und
geadelt, durch Moral und Religion scheinbar über sich selbst hinausragend in noch
höhere Regionen, dessen Vorhandensein die Frage |110 nach
dem Guten doch recht wesentlich vereinfachte, den größten Teil ihrer Schärfe
jedenfalls ihr nahm. Auf diesem Hintergrunde war gut Ethik treiben. Handelte es
sich doch im Grunde wirklich nicht darum, zu fragen, was zu tun
sei, als ob man das nicht wüßte, sondern darum, mehr auf philosophischen oder mehr
auf theologischen, mehr auf kantischen
oder mehr auf schleiermacherischen
Wegen nachträglich die einleuchtende Formel dafür zu finden, daß als das Gute
gerade das zu tun sei, was nun eben auf dem Boden jenes gewiß unendlich
verbesserungsbedürftigen, aber auch unendlich verbesserungsfähigen Kulturganzen
selbstverständlich zu tun war, wobei die Umgehung oder Beseitigung des großen
neutestamentlichen Hindernisses einer solchen Auffassung der Dinge die Sache
speziell für die Theologen nur um so interessanter machen konnte. Könnte man sich,
um nur zwei Beispiele zu nennen, die Ethik der
Ritschlschen Schule35 auch nur einen Augenblick denken ohne den soliden Hintergrund des
fröhlich emporsteigenden deutschen Bürgertums zur Zeit der Konsolidierung der
Bismarckschen Reichsgründung? Oder
die Ethik Troeltschs
mit ihrem großen Sowohl – Als auch! ohne die auf den christlichen und speziell auf
den christlich-sozialen Einschlag nicht ganz verzichtende neudeutsche
Wirtschaftskultur, wie sie etwa in Friedrich
Naumann ihren Propheten gefunden hat?36
|111 Oder in welcher anerkannten Ethik jener Zeit finden
wir die Frage: Was sollen wir tun? anders gestellt als so, daß sie zu der aller
Frage vorangehend in Staat, Gesellschaft und Kirche bereitgestellten Antwort: Das wollen wir tun! annähernd genau paßte? Mit dem inzwischen
eingetretenen Wanken, Schwanken und Verblassen jener Hintergründe ist uns jedenfalls ein guter Teil des Mutes genommen, die ethische Frage mit
einem solchen oder ähnlichen Das! zu beantworten. Wir meinen weniger Gutes
geschehen zu sehen, das uns die Frage erleichtern würde. Unser Was? ist hohler,
leerer geworden. Wir spüren deutlicher, daß es uns nicht erspart ist, in
bitterstem Ernst, als Nicht-Wissende, zu fragen: Was sollen wir
tun?
Weiter: Es gab eine Zeit, die empfand das ethische Problem mit Kant und noch mehr mit dem hochgemuten
Fichte wesentlich als Ausdruck und
Zeugnis der besonderen Würde und Hoheit des Menschen. Nicht beunruhigt und
bedrängt, 132 sondern erfreut und erhoben fühlte
sie sich, wenn sie vom Sein aufs Sollen, von den Gegebenheiten auf die Normen, von
der Natur auf die Geschichte zu sprechen kam. Hier fühlte sie sich auf sicherem
Boden in der Unterschiedenheit des Menschen vom Tier oder doch des Kulturmenschen
vom Wilden. Hier meinte sie sogar den archimedischen Punkt zu finden, von dem aus
eine materialistische Welt- und Lebensanschauung mit ihrer Trost- und
Gottlosigkeit aus den Angeln zu heben sei. Wir sind heute nicht mehr so sicher, ob
der Adelsbrief, den man auf Grund der richtigen Erkenntnis des transzendentalen
Ursprungs des ethischen Problems dem Menschen meinte ausstellen
zu dürfen, nicht erschlichen sein könnte. Es gibt uns wieder mehr zu denken, daß
dieses Problem eben nicht mehr als das Problem des Menschen ist.
Wann und wo bedeutet denn etwa die Frage nach dem Guten etwas anderes als das Gericht über den uns bekannten, auch über den uns bekannten moralischen Menschen? Wir haben offenbar nicht
nur den wilden und unmoralischen, sondern gerade den moralischen Menschen nicht so kennen gelernt, daß wir auf seine Errungenschaften noch
allzu stolz sein möchten, und erinnern uns aus Gen. 3 an die Möglichkeit, daß das Unterscheidenkönnen von
Gut und Böse [vgl. Gen. 2,17] und die ganze auf dieser Kunst beruhende Hoheit und Würde des
Menschen ebensowohl seinen Abfall von Gott wie seine Überlegenheit über die Natur
bedeuten könnte.
Weiter: Es gab eine Zeit, die hielt Dogmatik für ein schweres, Ethik |112 aber für ein verhältnismäßig leichtes Unternehmen. Den
Römerbrief betrachtete man als dunkel und zeitgeschichtlich belastet, die
Bergpredigt aber als einleuchtend und sehr wohl auch der Gegenwart zu predigen.
Man hielt es für einen Gewinn, als es gelungen schien, das Evangelium unter
Mißbilligung der überflüssigen metaphysischen Bemühungen der Kirchenväter und
Scholastiker auf einige religiös-sittliche Kategorien wie Gottvertrauen und
Bruderliebe37 zu
reduzieren, und meinte, das Christentum ausgerechnet dadurch, daß man es
wesentlich als religiöse Ethik darstellte, dem Geschlecht unsrer Tage besonders
empfehlend ans Herz legen zu können. Uns aber hat die erwiesene Unmöglichkeit des
Christentums gerade als Ethik oder vielmehr die erwiesene
Unmöglichkeit unseres europäisch-menschlichen Tuns gerade gegenüber der Ethik des Christentums in eine Not und vor Fragen gestellt, die
uns den Gedanken nahelegen, es möchten die Unmöglichkeiten der christlichen
Dogmatik alten Stils der wirklichen Lage immer noch besser 133 entsprechen als die so getrost vorgetragenen
Behauptungen von der Möglichkeit der sog. Nachfolge Jesu. Soll ich weiterfahren?
Was einst allen, die Gott, Geist und Jenseits für apologiebedürftig ansahen, Trost
und Halt war: der Ausblick, den gerade das ethische Problem über alles bloß
Menschliche hinaus eröffnet, uns ängstigt und erschüttert es aufs schmerzlichste:
daß das ethische Problem uns wirklich so unaufhaltsam über alles bloß Menschliche
mit Einschluß unsrer liebsten, vor allem unsrer religiösen Ideologien hinausweist,
daß es nicht so leicht ist, dem gerade durch das ethische Problem aufs schwerste
bedrohten Menschen mit einer Apologetik zu Hilfe zu kommen.
Weiter: Wo einst ein Schleiermacher38, ein Rothe39, ein Troeltsch40 sich fast nicht zu helfen wußten |113 vor dem
Reichtum der mannigfachsten Lebensinhalte, vor der Aufgabe, doch ja der ganzen
Fülle der Schöpfung und der Geschöpfe um jeden Preis gerecht zu werden, so
gerecht, daß das Christentum mit seinen etwas andern Intentionen darüber in
schwerste Wohnungsnot geriet, da können wir im Europäer der Neuzeit nicht mehr den
reichen Mann, sondern nur noch den armen Lazarus sehen [vgl. Lk. 16,19–31], da ist für uns
die Sorge, wie die Ethik der Wahrheit des Schöpfers gerecht
werden möchte, viel dringlicher geworden, da hat das Feld der Ethik für uns
zunächst das Bild eines modernen Schlachtfeldes gewonnen, d. h. das ganze Vorfeld
vor den eigentlichen Fronten ist erschreckend leer geworden. Weiter: Wo einst
Ritschl und seine Schüler lauter
Klarheit sahen: im Handeln des auf Gott vertrauenden Menschen in seinem Beruf und
damit im Reiche Gottes41, da sehen wir schwerste Dunkelheit und möchten oft statt des
vielempfohlenen «Befiehl du deine Wege…!»42 lieber
gerade hier mit dem Hebräerbrief [10,31] sagen, daß es schrecklich sei, in die Hände des
lebendigen Gottes zu fallen. Ich breche ab. Es handelt sich nicht um die einzelnen
Punkte, die ich nannte, sondern um die durch sie bezeichnete Linie, an der es klar wird, daß das Problem der Ethik in der Gegenwart
Beunruhigung, Bedrängnis, Angriff ist, das unheimliche, störende Eintreten eines
fremden, steinernen Gastes43 in den heitern Zirkel unsres Lebens. Wer in der Gegenwart die Frage: Was
sollen wir tun? im Ernst stellen und beantworten will, der muß, ob er nun zum
Überfluß auch noch Dostojewski und
Kierkegaard gelesen hat oder nicht,
von dieser Veränderung der Situation etwas gemerkt haben. |114 Es geht nicht an, hier sicher und geläufig
weiterzureden, als wäre nichts geschehen. Die Zeit dieser
Ethiken ist für einmal vorbei. Wer hier sicher sein 134 will, der muß vor allem einmal unsicher geworden sein. Und wer hier reden will, der muß vor allem einmal
geschwiegen haben. Denn inzwischen ist
etwas geschehen, nicht ein Weltuntergang zwar und nicht der Tod des alten
Menschen, wie manche unter dem ersten Eindruck der so vieles verändernden
Ereignisse gemeint haben, aber immerhin gegenüber der Zuversicht, mit der der
Mensch an sich selbst glaubt, die Aufrichtung eines Menetekels [vgl. Dan. 5,25] von beachtlicher
Größe und Deutlichkeit.
Wohlverstanden: Nicht um Skepsis gegenüber dem Recht und der Dringlichkeit des
ethischen Problems handelt es sich; mehr als je meinen wir zu sehen, wie
unabweisbar es uns gestellt ist. Und wahrhaftig auch nicht um Skepsis gegenüber
der Tatsache, daß das ethische Problem unsre Beziehung zu Gott bedeutet. Ganz im
Gegenteil: gerade die Tatsächlichkeit dieser Beziehung ist es, die uns heute erschreckt, die uns mit Skepsis gegen uns selbst, gegen den Menschen und sein Verhältnis zu der
Idee einer ethischen Persönlichkeit, eines ethischen Zieles erfüllt. Und das ist
nun eben unsre Situation, von der wir nicht abstrahieren dürfen.
Denn wie könnten wir das ethische Problem lösen von unsrer
Situation, sofern wir begreifen, daß es nur als uns gestelltes
Problem das ethische Problem ist? Es handelt sich nicht darum,
die Impressionen und Stimmungen dieser Zeit zu verabsolutieren. Sie sind relativ
wie alles in der Geschichte. Vielleicht, daß es unsern Kindern und Kindeskindern
vergönnt sein wird, das Leben wieder harmonischer und naiver zu sehen als wir,
wenn sie nur darüber nicht ganz vergessen, zu sehen, womöglich schärfer zu sehen
als die, die vor uns waren, was heute fast nicht zu übersehen ist: daß das Problem
der Ethik die Krankheit des Menschen, und zwar die Krankheit zum Tode44 ist. Denn das halten wir allerdings nicht für eine vorübergehende
Impression der Nachkriegszeit, sondern für eine in zeitlich bedingter und
beschränkter Form gewonnene unverlierbare Einsicht in eine Seite der Wahrheit, die
ganz besonders gerne vergessen wird. Sie ist, wie wir eingangs sahen, im
Zusammenhang der Sache begründet, und sie ist nun auch im Zusammenhang der Sache
zu ent|115wickeln. Es ist uns aber nicht nur
erlaubt, sondern geboten, als Menschen unserer Zeit mit dieser Einsicht einzusetzen. Das Eine, für alle
Zeiten Gültige kann uns nicht in anderer Weise zugänglich sein als in Form des
Besondern, als das es zu uns redet.
Und nun noch eine Vorbemerkung. Wenn ich das ethische Problem auffasse als die
Krisis des Menschen, als seine Krankheit zum 135
Tode, wenn ich darin das Besondere der Gegenwart sehe, daß sie uns von allen
gemächlicheren Auffassungen ab- und auf diese
hinweist, so möchte ich bitten, dieses Besondere doch nicht mit Hilfe einer auch
mir bekannten, an sich möglichen und auch jederzeit richtigen theologisch-philosophischen Operation zu neutralisieren: Ich habe auch
davon gehört, daß Krisis ein dialektischer Begriff ist, der eine Umkehrung nicht
nur erlaubt, sondern gebietet, daß also dieselbe Negation, durch die dem
menschlichen Tun alle falsche Würde genommen wird, neue, nein
seine ursprüngliche Würde ihm geben, daß Frage auch Antwort, Aufhebung auch Begründung bedeuten kann. Es
wird von dieser wichtigen Operation noch die Rede sein müssen. Aber ich möchte
jetzt schon warnen davor, um der logischen Symmetrie und Vollständigkeit willen
sich so ohne weiteres auf diese Dialektik zu berufen, als ob dieser Umkehrung für
uns Menschen der Gegenwart allzuviel Realität entspräche, als
wären wir in der Lage, in der ethischen Problematik das Nein,
unter dem wir uns befinden, ohne weiteres als Ja zu nehmen, oder
noch kühner, diese Problematik von einer Höhe, die jenseits von Ja und Nein liegt,
zu bewältigen. Die Realität einer letzten Umkehrung vorbehalten (aber nicht uns ist sie vorbehalten!), ist uns innerhalb der damit gegebenen
Möglichkeiten eine bestimmte Stelle angewiesen, und zwar «tiefer
im Nein als im Ja»45. Wir wissen von der Negation, von dem Gerichtetsein
alles Menschlichen durch das Problem der Ethik mehr als von der
ihr allenfalls entsprechenden paradoxen Rechtfertigung und neuen Möglichkeit, so
gewiß wir für alles das, was von ihr auch in der Gegenwart Zeug|116nis ist, nicht blind sein wollen. Getroster zu reden, wo die Not und Verirrung von Millionen und unsre
eigene Verlegenheit so groß ist, scheint mir unerlaubt, auch
wenn ich es gedanklich begründen könnte! Nehmen wir also die Wahrheit von der
Seite, von der sie sich, wie ein Blick auf die Straße lehrt, uns
in unsrer Zeit zeigt, wissend, daß wir es auch dann, gerade dann mit der ganzen Wahrheit zu tun
haben.
Doch wenden wir uns nun zurück zur grundsätzlichen Betrachtung, die ja doch allein
entscheiden kann. Ich sage also: Das Problem der Ethik ist der gefährliche, der
tödliche Angriff auf den 136
Menschen. Denn es ist die Frage, auf die es für den Menschen
entweder nur solche Antworten gibt, die selber wieder Fragen sind, oder aber eine
Antwort, nach der er, der Mensch, nicht fragen kann. Er kann nicht leben dort, wo
für ihn nur Fragen, neue Fragen zu holen sind. Er kann aber auch nicht leben von
der Antwort, die, so abschließend sie ist, gerade für ihn
keine Antwort sein kann.
Wir können uns die Tatsächlichkeit und Tragweite dieses Angriffs zunächst klar
machen vom Begriff des fragenden Subjekts aus und orientieren
uns dazu am besten an der Ethik Kants46, in der diese Seite der Sache in eigentümlich scharfer Beleuchtung
erscheint. Ich meine Kants Begründung
des Begriffs der moralischen Persönlichkeit auf die Idee eines autonomen Willens.
Allein ein solcher Wille kann gut genannt werden, lehrt
Kant, der sich selbst bestimmt nach
einem Gesetz, das reine Form ohne allen Inhalt ist. Denn gut
kann nur sein, was aller Willkür enthoben, was allgemeingültig, was als
Menschheitsgesetz denkbar ist. Aller Willkür enthoben ist aber nur die reine Form
des verpflichtender Sittengesetzes als solche. Ein material,
durch das Begehren dieses oder jenes Objektes bestimmter Wille
dagegen charakterisiert sich selbst als individuell-willkürlich, als Selbstliebe,
als heteronom. Guter Wille richtet sich über alle endlichen Zwecke hinweg und also
abgesehen von aller Lust an solchen aus reiner Achtung unmittelbar auf den Endzweck, welcher mit dem kategorischen Imperativ der Pflicht identisch ist. Den |117 Menschen nun, dessen Wille so bestimmt ist, sieht Kant
gegründet in der intelligibeln Welt der Freiheit mit ihrer der Natur überlegenen
eigenen Kausalität. Er47 ist die moralische Persönlichkeit, das
Subjekt des in der ethischen Frage gemeinten Tuns und damit das Subjekt, das die
ethische Frage überhaupt aufwirft. Deutlicher ist von dem durchdringenden Ernst
dieser Frage selten geredet worden. Aber wenn dieser in der Welt der Freiheit
begründete Mensch es ist, der diese Frage aufwirft, sich selber als Subjekt des
Tuns, von dem sie redet, setzt, was wird dann aus allen wirklichen und möglichen
Beantwortungen dieser Frage, also aus allem wirklichen und
möglichen Tun des Menschen? Bringt denn etwa, um es anschaulich
auszudrücken, dieses Subjekt die Kausalität der Freiheitswelt, aus der es stammt,
mit 137 hinüber in die Welt der Natur, in der
sich das Tun des uns bekannten Menschen abspielt? Kommt es denn etwa zu einer
erfahrbaren, einzusehenden, zu begreifenden Identifikation dieses Subjekts mit dem uns bekannten Menschen? Und also zu einem rein
auf Achtung vor dem Gesetz und gar nicht durch ein Begehren dieses oder jenes
Objektes bestimmten, zu einem unmittelbar auf den Endzweck, der gar kein Zweck,
sondern der Inbegriff aller Zweckhaftigkeit ist, gerichteten Wollen und Tun dieses
uns bekannten Menschen, des Menschen, den wir Ich und Wir zu nennen wagen dürfen? Kant hat, und das
ist’s, was seine Ethik so glaubwürdig macht, streng zurückgehalten mit allen
positiven Behauptungen in dieser Richtung. Die Persönlichkeit, die die Idee der
Menschheit in ihren Willen aufgenommen hat und darum reinen und
darum autonomen und darum guten Willens und
darum eine moralische Persönlichkeit ist, der Mensch, der über
die Schwelle der Freiheitswelt in unsre Welt tritt, er ist als
solcher nie und nirgends gewesen und wird als solcher nie und nirgends sein, so
gewiß es unmöglich ist, einen Menschen ohne Interesse oder ein Interesse eines
Menschen am moralischen Gesetz als solchen vorstellbar und begreiflich und also
ein durch reine praktische Vernunft bestimmtes menschliches Wollen und Tun
irgendwo und irgendwann ausfindig zu machen. Freiheit ist nach Kant eine Voraussetzung, die damit vollzogen wird, daß der Mensch sich
eines von seinem immer nur als begehrend vorstellbaren Willen verschiedenen Sollens bewußt wird. Aber was bedeutet der |118 Vollzug dieser Voraussetzung? Kant hat sich wohl
gehütet, davon mit jenem Titanismus zu reden, mit dem nachher Fichte deklamiert hat: «Ein Entschluß – und
ich bin über die Natur erhaben!»48 Als ob es zu diesem Erhabensein
wirklich nur eines Rucks bedürfte, den man sich in irgendeiner Tiefe der Seele
oder des Gewissens zu geben hätte! Nein, um eine Voraussetzung, um ein Apriori im
strengsten Sinne geht es, wenn wir Freiheit als Kausalität unseres Wollens und Tuns zu setzen wagen. Mögen wir von dieser Freiheit
mit gutem Grund eine Idee haben, so haben wir doch nicht die
mindeste Kenntnis von ihr, denn wir kennen keine Triebfeder
unsres oder irgendeines vorstellbaren Willens, die als Freiheit und Freiheit
schaffend im Ernst in Betracht kommen könnte. Kenntnis haben wir
offenbar nur von der Triebfeder der Lust, die nicht aus der Freiheit ist und nicht
in die Freiheit führt. Wissen können wir nur von dem Menschen,
der mit allem, 138 was er will und hat, beweist,
daß er nicht jene in der Welt der Freiheit begründete Persönlichkeit ist. Begreifen können wir nur die Unbegreiflichkeit des kategorischen
Imperativs. Und darum gipfelt die Kantische Ethik in der Lehre von den Postulaten49, dem Postulat Gottes, d. h. einer letzten Einheit
dessen, was wir immer nur als Zweiheit begreifen können: des Reichs der Freiheit
und des Reichs der Natur und also der Sittlichkeit und der Glückseligkeit, dem
Postulat der Freiheit, d. h. der wirklichen Bestimmbarkeit
unsrer selbst als Sinneswesen durch uns selbst als Vernunftwesen, dem |119 Postulat der Unsterblichkeit, d. h.
der Herstellung einer Übereinstimmung unsrer wirklichen Gesinnung mit dem
Sittengesetz in einem ins Unendliche gehenden Progressus der Heiligung. Was
bedeuten gerade diese Postulate, die ja alle drei dasselbe sagen, anderes, als daß
Kant den Menschen in der
unerhörtesten Weise in Anspruch genommen sieht durch eine an seinen natürlichen
Willen gerichtete Forderung, aber gleichzeitig gänzlich außerstande, diese
Forderung anders zu realisieren als unter Zuhilfenahme einer noch viel
unerhörteren Tat des Glaubens, in der er denken soll erstens
einen Gott als Bürgen dieser der Wirklichkeit des Menschen hohnsprechenden
Forderung, zweitens sich selbst als fähig, diese Forderung sich
zu eigen zu machen, und endlich drittens sein tatsächliches
Wollen und Tun als (unter Voraussetzung einer unendlichen Zeitreihe) dem Inhalt
jener Forderung wenigstens annäherungsmöglich. Sehen wir einmal ab von der
Schwierigkeit, daß die in dieser Postulatentheorie erhobene Forderung einer
solchen Glaubenstat wahrhaftig noch unmöglicher, noch unmenschlicher ist als die
moralische Forderung, die durch sie gestützt werden soll – ich sehe nicht klar,
inwieweit Kant sich von dieser
Schwierigkeit Rechenschaft gegeben hat –, auf alle Fälle noch einmal: was wird,
wenn dieser nach allen Seiten ins Unendliche weisende Glaubensakt die Begründung
und das Wesen der moralischen Persönlichkeit ist, aus dem, was wir in irgendeinem
Augenblick der Zeit als «Ich» oder «Wir» bezeichnen dürften? Was wird aus dem
wirklichen Menschen, dem einzigen, den wir kennen, wenn der
Mensch, der allein gut ist, der Mensch ist, den man nur glauben
kann? Ist dieser allein gute Mensch nicht die Aufhebung aller Prädikate, die der
uns bekannte Mensch tragen kann? Sein Tun die Negation alles wirklichen Handelns in der Geschichte? Die Norm seines Tuns die Auflösung aller möglichen Normen?
Welche Antwort
139 auf die ethische Frage, welches menschliche
Tun könnte, von hier aus gesehen – und von hier aus muß gesehen
werden – dem Schicksal entgehen, sich zur neuen Frage zu
verwandeln? Wie könnte gerade eine idealistische Ethik sich anders entfalten denn
als Kritik aller Ethik? Was ist ihre tiefste Voraussetzung
anderes als die Erkenntnis von der Unfreiheit des menschlichen
Willens zum Guten, vom servum arbitrium50? Und wenn Fragen und immer neue Fragen das Letzte sind, was der Mensch als
Antwort auf die |120 ethische Frage finden kann, wie kann
er dann leben? Kann er leben von lauter Fragen? Oder kann er es
etwa doch? Etwa mit stoischer Ergebenheit in diese Situation sich findend? Etwa
mit Lessingscher Begeisterung Gott in
die Linke fallend: Die Wahrheit ist nur für dich allein!?51 Oder
anderswie?
Man kann sich die Situation auch vom Begriff des ethischen Objekts aus klar machen. Ich möchte dabei anknüpfen an die scheinbar –
aber nur scheinbar – sehr fernliegende Vorstellung vom tausendjährigen Reiche. Sie ist für viele unsrer Zeitgenossen – und ich
bekenne mich auch dazu – aktuell geworden in Form der sozialistischen
Zukunftshoffnung. Sie hat auch bei Kant
ihre Rolle gespielt52 und wird überhaupt, wo immer das ethische Problem ernsthaft ins Auge
gefaßt wird (trotz Conf. Aug. Art. 17 mit seinem «damnant»53), nicht zu umgehen
sein. Es handelt sich um den unbeschadet der Hoffnung auf ein ewiges Leben in
einer neuen Welt zu denkenden Gedanken eines Ziels der irdischen Geschichte. So gewiß
die ethische Frage, wie wir eben sahen, als individuelle Frage doch nicht die
Frage nach dem Individuellen, sondern nach dem Allgemeingültigen, Menschheitlichen
ist, so gewiß schließt sie mehr oder weniger bestimmt in sich die Frage nach einem
geschichtlichen Ideal, nach einem nicht außerhalb, sondern
innerhalb der Zeit liegenden und zu verwirklichenden Zielzustand, nach einer, wie man dann |121 stammelnd
zu umschreiben pflegt, auf Wahrheit und Gerechtigkeit, auf Geist und Liebe, auf
Friede und Freiheit gegründeten Verfassung der menschlichen Gesellschaft. Schon in dem «Wir» der Frage «Was sollen wir tun?» ist
diese Frage offensichtlich enthalten. Indem der einzelne sich als Subjekt der
ethischen Frage zu setzen versucht, faßt er sich zusammen mit den Mitmenschen, setzt er sich 140 als das
Subjekt der Gemeinschaft, d. h. aber er
setzt, mehr oder minder wissend, was er tut, das sittliche Objekt, ein Ziel der Geschichte. Ohne Chiliasmus, und
wenn es nur ein Quentchen wäre, keine Ethik, so wenig wie ohne die Idee einer
moralischen Persönlichkeit. Wer von dieser «judaica opinio» etwa frohgemut ganz
frei sein sollte, von dem wäre zu sagen, daß er das ethische Problem wirklich noch
nicht oder wirklich nicht mehr sieht. Soll es mit der Frage: Was sollen wir tun?
ernst sein, dann hört das Geschehen in der Zeit, und zwar das äußere so gut wie
das innere Geschehen, auf, eine Gegebenheit zu sein; es wird selber, und zwar
immer wieder, und zwar auf der ganzen Linie zur Frage, und diese Frage darf nicht
dadurch abgetötet werden, daß man zum vornherein, als verstünde sich das von
selbst, sagt, ihre Beantwortung liege jenseits aller Zeit. Nein, durchaus einem
Geschehen in der Zeit muß die ethische Frage gelten, wenn sie
ernst gemeint ist. Sehe man wohl zu, was man tut, wenn man dieses Geschehen in der
Zeit beschränkt auf die rechte Gesinnung oder auf die individuelle Moral des
einzelnen. Wie es im engen oder weitern Kreis mit der Möglichkeit der Antwort steht, das steht für sich, aber kein Recht und keinen Grund haben
wir, der an uns gerichteten Frage Grenzen zu stecken. Sie weist
uns ebenso zwingend wie auf die Idee eines reinen Wollens hin auf die Idee einer
Totalität guten Handelns, und diese Totalität ist es offenbar, die in der
Vorstellung vom Millennium und allen ihren Derivaten das eigentliche Gemeinte und
darum nicht Umzubringende ist. Ich halte es in diesem Zusammenhang für geboten,
ein Wort einzulegen zum Verständnis meines Landmannes Ragaz54, von dem mich sonst nicht Weniges zu trennen scheint. Sollte es wirklich
schon |122 ein Zeichen sittlicher Reife sein, ein
unverfrorener Nicht-Schwärmer55 zu sein, an Sozialstaat und
Weltfrieden aus tiefstem Herzensgrunde nicht zu glauben56? Ethisch, aus der Frage nach dem Sein-Sollenden läßt sich solche Skepsis
auf alle Fälle nicht begründen. Und wiederum sehe ich viele, deren Zukunftsideal
sich nur durch eine gewisse Verkürzung des Gesichtsfeldes und darum durch etwas
andere Farben von dem von Ragaz
unterscheidet. Müßten sie sich nicht fragen, ob es denn, wenn sie sich damit
begnügen, z. B. an eine Zukunft Deutschlands oder der Kirche oder der Mission zu
glauben, nicht auch erlaubt und vielleicht geboten sein könnte, den Radius etwas
größer zu nehmen oder den Zirkel der Hoffnung an einem etwas andern Punkte
einzusetzen und also z. B. einmal den 141
Völkerbund57 oder etwas ähnliches als hoffnungsvolle Vorstufe zum Millennium ins
Auge zu fassen? Warum denn nicht? «Phantastisch»58 sind alle Vorstellungen von einem Zielzustand der Ge|123schichte und heute sogar alle Vorstellungen von den
Vorstufen, die dahin führen könnten. Und es kann ihr Inhalt,
sofern sie ethisch gemeint sind, hüben und drüben so verschieden letztlich nicht sein. Es fragt sich nur, und das ist’s, was man sich von
Ragaz sagen lassen sollte, ob man,
ohne solche Vorstellungen sehr ernsthaft sich zu machen, das ethische Problem
wirklich sehen kann. So einfach, wie es z. B. von Althaus59 und noch einfacher leider in der «Furche» von Schlatter versucht worden ist, sind
die Schweizer Religiös-Sozialen nicht zu erledigen. Doch dies nur nebenbei. Es
gilt nun folgendes zu beachten: Nicht der eudämonistische Traum eines
wiederkehrenden goldenen Zeitalters allgemeinen Glückseligseins ist der bewegende
Sinn der chiliastischen Erwartung, sondern der bewußte Ausblick auf die
Wirklichkeit jenes Inbegriffs aller Zwecke, dessen Möglichkeit ja die Frage ist,
die in jedem alltäglichen banalen Zweckhandeln verborgen schlummert. Schon nach Offenb. 20[,2–4] ist ja das tausendjährige Reich keineswegs eine Insel der
Seligen, sondern das Reich der Heiligen und Märtyrer, gebaut über den Abgrund, in
dem der alte Drache gefesselt ist, und nach Kant das Reich der praktischen Vernunft. In diesem Sinn: als Aufgabe, nicht als Wunschobjekt, als Ziel, nicht als
Ende des sittlichen Kampfes ist das gemeint, was der enthusiastischen,
idealistischen, kommunistischen, anarchistischen und (trotz aller
echt-lutherischen Belehrung) wohl zu merken auch immer wieder der christlichen Hoffnung als Wirklichkeit hier auf Erden vor Augen steht:
Freiheit in Liebe und Liebe in Freiheit als reines, direktes
Motiv gesellschaftlichen Handelns und eine in Gerechtigkeit verfaßte Gemeinschaft
als sein direkter Gegenstand, Aufhebung der Bevormundung oder
vielmehr der Ausbeutung und Unterdrückung der einen durch die andern, Aufhebung
der Klassenunterschiede und Ländergrenzen, des Krieges, des Zwangs und der Gewalt
überhaupt, Kultur des Geistes an Stelle der Kultur der Dinge, Menschlichkeit an
Stelle von Sachlichkeit, Brüderlichkeit an Stelle des allgemeinen Gegeneinander!
Mögen die Farben, in denen man sich diesen Zielzustand ausmalt, lebhafter oder
blasser sein, mag sich der eine den Weg dorthin kürzer, der |124 andre länger denken, mag dem einen mehr der Gedanke an das Ziel
selbst, dem andern mehr der Gedanke an den Weg dazu, also z. B. an den 142 vorläufig unentbehrlichen Nationalstaat die Seele
erfüllen, das ist sicher, daß die Frage nach dem Guten ganz ohne die primitiver
oder geläuterter, phantastischer oder nüchterner gefaßte Vorstellung von einem
Wirklichwerden des Guten in der Geschichte nicht im Ernst gestellt werden kann.
Plato nicht ohne den platonischen Staat!60
Calvin nicht ohne die Cité de Dieu am
Genfersee!61
Kant nicht ohne die Idee vom ewigen
Frieden!62 Es war keine glückliche Stunde, als Schiller, in abstrakter Überspannung
der einen Seite der idealistischen Erkenntnis, leugnend, was
sittliches Denken nicht leugnen kann noch darf, seine «Worte des Wahns»
schrieb.63 Denn so gewiß wir mit der Frage: Was |125 sollen
wir tun? unser Tun im Diesseits, in der Zeit
in Frage stellen, so gewiß können wir uns den Gedanken an ein Etwas, das im Diesseits, in der Zeit zu tun ist, an ein
sittliches Objekt in der Geschichte, in dem sich die beiden
Geraden schneiden, nicht nehmen lassen durch eine Vertröstung
auf den Himmel oder durch den Verweis auf die sog. Innerlichkeit, Auskünfte, die
notorisch noch immer die Wirkung gehabt haben, die Frage als Frage erschlaffen und endlich einschlafen zu lassen.
Aber nun ermesse man, was die Notwendigkeit gerade dieses
sittlichen Gedankens besagen will. Was heißt denn Freiheit? Was heißt Liebe,
Geist, Friede, Brüderlichkeit … alle diese Worte, die sinngebend und doch selber
noch nicht in letzter Klarheit hinter den verschiedenen Zukunftsbildern stehen,
diese Worte, in denen der Mensch in der Verlegenheit seines Gefragtseins und
Fragens stammelnd das ausdrückt, was allenfalls getan werden müßte, wenn dem Ernst
der Frage der Ernst der Antwort entsprechen sollte? Mögen wir uns den Menschen
vorstellen den Sozialstaat aufbauend, den Weltfrieden aufrichtend, vielleicht
sogar mit einem dazu gehörigen religiösen Menschheitsbund64 – wie aber sol|126len wir ihn
vorstellen das tuend, was jene Worte besagen? Und was wäre das
ganze Zukunftsbild, wenn nun etwa gerade das, was diese Worte besagen, nicht getan werden sollte? Und nun fragen wir: Ist es nicht das
stille, bittere Geheimnis alles zielbewußten sittlichen Gestaltungswillens und ist
es nicht schmerzlich offenkundig im Ausgang aller enthusiastischen und
revolutionären Bewegungen: je bestimmter und aufrichtiger der Blick des Menschen
sich heftet nicht nur auf seine mehr oder weniger praktisch oder träumerisch
ausgedachten Zukunftsbilder, sondern auf jene dahinter stehenden sinngebenden
Worte, je deutlicher er sich bewußt wird: das ist’s, was wir tun
sollten: frei sein und frei 143 machen, uns lieb
haben, Geistesmenschen und Friedensmenschen sein, das, das
wär’s! – desto mehr fühlt er sich von dem Bild, das ja wirklich nur diesen Sinn
haben kann, zurückgestoßen in ferne und immer fernere Distanzen, desto mehr
erscheinen ihm – nicht diese Worte, aber das Werk, das diese
Worte von ihm fordern, er selbst als Täter dieses Werkes in
seiner Unmöglichkeit. Und wohl ihm, wird man sagen müssen, wenn er diesen
bestimmten und aufrichtigen Blick für die Realität des tausendjährigen Reiches
wenigstens hat oder bekommt, wenn er sich darüber klar ist oder wird, daß jene
Worte allein es sind, die seinen Bildern Sinn geben! Wohl ihm, wenn er sich dann
wenigstens keinen Illusionen hingibt über sein Vermögen, das,
was er da sieht, zu realisieren, wenn er die Distanzen nicht unterschätzt und die
hohen Worte nicht verfälscht und um seiner beschränkten Möglichkeiten willen das
Ideal nicht etwa beschneidet und verkürzt, den sittlichen Gedanken als solchen
nicht etwa verspielt und verschleudert um ein Linsengericht [vgl. Gen. 25,34]! Wohl ihm weiter, wenn er
erkennt, daß er, der Mensch, unvermögend,
unmöglich ist und nicht etwa, Worte des Wahns ausstoßend, die Hoffnung verleugnet
und lästert, als sei sie der Betrüger, das Unmögliche! Wohl ihm,
mit einem Wort, wenn er wenigstens mit wehender Flagge, ohne Kompromiß und
Kapitulation, ohne sich selber und dem, was er wollen soll, untreu zu werden,
untergeht! Es lauert viel Gemeinheit auf den Menschen in dem Augenblick, wo er zu
merken beginnt, was das |127 sittliche Objekt für ihn
bedeutet. Aber ob ehrenvoll oder gemein (in Wirklichkeit wohl immer beides!), der
Mensch geht unter an diesem Riff, auf das loszusteuern er nicht
lassen kann noch darf. Denn die Idee eines Inbegriffs der Zwecke braucht als
Objekt menschlichen Willens bloß ins Auge gefaßt zu werden, um früher oder später,
spätestens aber mit dem ersten Schritt, den der Mensch, und wäre es nur in
Gedanken, in dieser Richtung zu tun unternimmt, die unversöhnliche Heterogenität
aller vorletzten Zwecke, die er allein wollen kann, im Verhältnis zu jenem letzten
Zweck ins hellste Licht zu stellen. Fragen wir uns doch einmal: Was können wir denn wollen und tun? Vor allem essen, trinken und schlafen,
Kinder zeugen und gebären und alles, was dazu gehört; das ist die breite
Grundlage, die von der Ethik in der Regel vornehm übergangen oder mit Hilfe
einiger Gemeinplätze rasch «verklärt» wird, als ob es ein Kinderspiel wäre, gerade
diese Zwecksphäre, die mindestens 90 Prozent aller Menschen fast ganz 144 und uns übrige wahrhaftig noch gerade genug in
Anspruch nimmt, zu «verklären», in Beziehung zu Dingen wie Geist und Gerechtigkeit
zu bringen! Über dieser Grundlage eine erheblich dünnere Schicht von Wissenschaft,
Technik, Politik und Kunst. Man sagt, diese Zwecke könnten doch gewiß dem
Endzweck, dem Guten dienen. In theologischen Ethiken werden sie sogar fröhlich in
den «Dienst des Reiches Gottes» gestellt65, was ja noch mehr sein soll66 als das tausendjährige Reich! Ja, wenn sie zu trennen wären von uns Menschen, wenn sie nicht immer und überall die von uns gewollten Zwecke wären! Als solche aber sind sie doch nichts anderes
als wunderbare Blähungen unseres Ingeniums, die an sich, ich
erinnere nur an die Verwendung der Technik im Kriege, auch die größte
Sinnlosigkeit bedeuten können. Und liegt diese Sinnlosigkeit nicht auch abgesehen
von solchem Mißbrauch offen am Tage, überall wo ein Mensch etwa als
Nur-Wissenschaftler, Nur-Künstler, Nur-Politiker «ganz auf|128geht» in diesen Zwecken? Darüber eine noch dünnere Schicht von moralischen Zwecken. Aber auch
sie sind unsre Zwecke. Und darum gibt es eine bürgerliche, eine
bolschewistische, eine Negermoral. Angenommen einmal, unsre Moral habe gar nichts
zu tun mit gewissen tieferliegenden Zwecken, was keinen Augenblick so ganz sicher
ist, so ist doch zunächst auch sie ein Sich-Emporrecken des Menschen, nicht gerade freundlich, nicht gerade erfreulich anzusehen für
seine Mitmenschen, nicht eben friedestiftend und lichtverbreitend, je bewußter und
gewollter es ist. Gibt es eine kräftigere Negation des Reichs der Freiheit und der
Liebe als einen Menschen, bei dem der Wille etwa ganz Moral sein sollte?
Vielleicht ja, denn über der moralischen findet sich ja als oberste und dünnste
Schicht auch der religiöse Zweck. Der Mensch kann auch noch Gott
suchen, fromm werden, beten, in allen Tonarten aller Religionen und Konfessionen.
Auch das noch! Man hört die Religion empfehlen als
unentbehrliches Ferment der Kultur. Man freut sich übermäßig, wenn gelegentlich
auch ein Wissenschaftler oder Regierungsmann ihr dieses Lob spendet.67 Es kann ja sein, aber jedenfalls muß man dann unter Kultur ausdrücklich
eine jener untern Sphären verstehen, nicht
etwa das Reich der Liebe, nicht etwa den Endzweck68. Oder läßt sich etwa der religiöse Mensch als solcher,
heiße er nun Luther oder Ignatius von Loyola oder Kierkegaard, er mit seiner
Wunderlichkeit, seinem Fanatismus, seiner Einbildung, seiner fast unvermeidlichen
Tendenz zur feinsten Pharisäerei, mit seinem höchsten, vermessensten 145 Titanismus – denn das ist Religion
als menschliches Wollen und Tun betrachtet –, läßt er sich etwa verstehen als
Station auf dem Weg zum Reich der Liebe? Sollte nicht vielleicht tragischerweise
gerade er das schwerste Hindernis sein für sein Kommen, der religiöse Zweck der
heterogenste von allen gegenüber dem Endzweck? Was der Mensch
wollen kann, das sind Dinge, das ist nicht Geist. Was der Mensch
tun kann, das ist höchste Entfaltung seiner selbst, aber nicht Liebe. Was der Mensch erreichen kann in der Geschichte, das ist das bunte Bild
einer mannigfach geglie|129derten Gemeinschaft
mit allem schreienden Unrecht, das mit dieser Gliederung unvermeidlich verbunden
ist, oder aber der Zwang, die Langweiligkeit und der Stumpfsinn einer Kaserne, wo
höchstes Recht erst recht zum höchsten Unrecht wird69 – auf keinen Fall
aber Freiheit in Liebe und Liebe in Freiheit. Des Menschen
mögliche Liebe ist Eros. Die dem Menschen mögliche Gerechtigkeit
ist justitia civilis. Auch das dem Menschen mögliche Beten ist
(vide Heiler!) Überschwang eines
Gefühls70, das ein Gefühl wie andere und nicht
einmal ein sehr sympathisches ist. Zur Realisierung des sittlichen Objekts, des
Ziels der Geschichte ist der Bestand der menschlichen Möglichkeiten vom
gewöhnlichen Schlafen bis zur mystischen Versenkung einfach nicht geeignet. Dieser
Bestand ist gewiß in sich sehr entwicklungs- und verbesserungsfähig, aber zum
Endzweck verhält er sich immer wie 1: ∞. Der Mensch will eben leben, das ist’s. Und dieses Lebenwollen läßt sich grundsätzlich weder
vergeistigen, noch verklären, noch, wie man sagt: «in den Dienst Gottes stellen».
Es ist eben, was es ist. Es stempelt den Menschen zur Kreatur.
Und daß jeder Mensch sterben muß, offenbar einer nach dem
andern, ohne das Ziel der Geschichte gesehen zu haben, ist das aufgedrückte
Siegel. Er kann mit der wirklichen Antwort auf die ethische Frage nichts anfangen.
Er kann nur immer wieder einsehen, daß er gar nicht in der Lage ist, nach dieser
Antwort zu fragen. Was sich aus dem Begriff des sittlichen Objekts gewinnen läßt,
das ist die Erkenntnis dessen, was die Bibel schildert als den aller Geschichte
vorausgehenden und alle Geschichte determinierenden Sündenfall
[vgl. Gen. 3,1–7].
Und auch von der Antwort, der er nicht gewachsen ist, kann der Mensch offenbar
nicht leben. Oder doch? Etwa indem er, um der Erkenntnis der Sünde auszuweichen,
die Gemeinheit wählt, den Kompromiß, die Kapitulation – indem er es lernt, ein
Auge zuzudrücken. Oder sonstwie?
130 146 Es ist nun an der Zeit, uns die bereits einmal kurz gestreifte Gedankenreihe in
Erinnerung zu rufen, die sich angesichts der eben geschilderten Situation aus der
Dialektik des
Gottesgedankens ergibt. Es ist der Weg des Paulus, Luthers und Calvins, mit dem ich aber auch den Weg
Platos auf weite
Strecken parallel gehen sehe, den ich im folgenden, aber, soweit es geht, in
meiner eigenen Sprache, darstellen möchte. Dieser Weg fängt an mit der unbedingten
Bejahung des soeben auf doppelte Weise gewonnenen Ergebnisses, daß der Mensch
durch die Frage nach dem Guten sich selbst zum Tode verurteilt, weil die einzige
sichere Antwort die ist, daß er, der Mensch, nicht gut,
unmöglich ist. Aber, hören wir, eben diese Einsicht, diese umfassende kritische
Negation, unter die wir uns und unsre ganze Welt stellen, dieser Todesschrecken
des ganz aufrichtig gewordenen Gewissens, in den wir uns mit dieser Einsicht
begeben, eben das ist der schmale Weg und die enge Pforte [vgl. Mt. 7,14] zur Wahrheit, zu der
wirklichen, der erlösenden Antwort. Erste Forderung: es gilt dieser Einsicht
standzuhalten, ins Gesicht zu sehen, ihr nicht auszuweichen weder dadurch, daß wir den Ernst und den Radikalismus der uns gestellten
Frage abschwächen, noch dadurch, daß wir an der Reinheit und
Erhabenheit der Voraussetzung und des Gegenstandes eines wirklich sittlichen Tuns
etwas abmarkten lassen, noch dadurch, daß wir uns, zwischen
Skylla und Charybdis geraten, über unser eigenes wirkliches Vermögen Illusionen
machen. Es gilt, die volle Unerträglichkeit der menschlichen Lage einzusehen, sich
zu ihr zu bekennen, sie auf sich zu nehmen. Es gilt, sich rückhaltlos unter das im
Problem der Ethik sich offenbarende Gericht zu beugen. Eben in
der unentrinnbaren Schärfe dieses Gerichts stoßen wir auf die Wirklichkeit Gottes. Gerade sie ist die Bestätigung dafür, daß das Problem der
Ethik, indem es uns gestellt ist, unsre Beziehung zu Gott bedeutet. Bedenken wir,
daß wir sterben müssen, so werden wir klug [vgl. Ps. 90,12], so brechen wir gerade damit vor zu dem,
was uns und der ganzen Welt nicht nur graduell, sondern prinzipiell überlegen ist.
Was ist denn diese unerbittliche Scheide, dieser unüberbrückbare Abgrund, vor dem
uns da Halt! geboten wird, anderes als die Grenze, die scheidet und scheiden muß
zwischen Gott und Welt, Schöpfer und Geschöpf, dem Heiligen und den Sündern, der
überhimmlischen Idee des Guten71 und allen ihren als sol|131chen
notwendig gebrochenen und unendlich unvollkommenen Erscheinungen? Wäre Gott Gott,
wenn er uns 147 anders begegnete? Wäre ein
Ursprung alles Seienden, ein Schöpfer aller Dinge72, wenn nicht, gemessen an ihm, alles Seiende sich selbst disqualifizieren
müßte als Nicht-Seiendes, alle Dinge als entfremdet und herausgefallen aus Gottes
allein gutem und vollkommenem Leben? Und gäbe es eine Beziehung des Menschen zu
ihm anders als durch das Todes- und Höllentor der Erkenntnis seiner eigenen
Entfernung, Verdammnis und Unmöglichkeit? Ist aber dieses Gericht der Felsen
unvergänglicher Wahrheit und unsre Unterwerfung unter dieses
Gericht die Rettung aus dem Meer des Scheins und Trugs auf
diesen Felsen, dann muß die erschütternde Negation, unter die wir gestellt sind,
auch ihre positive Kehrseite haben. Daß Gott nicht von uns läßt und wir von Gott
nicht lassen können73, das ist der Sinn unsrer Lage. Weil
Gott selbst, Gott
allein74 unsre Lebensmöglichkeit ist, darum ist es uns so unmöglich
gemacht, zu leben. Weil Gott Ja zu uns sagt, darum müssen wir so
radikal, so unentrinnbar im Nein stehen. Weil Gott die Antwort
ist, Gottes Tun an uns, darum können wir uns über unser Tun nur
Antworten geben, die sich sofort wieder in Fragen verwandeln oder denen wir sofort
nicht gewachsen sind. Weil das unsterbliche Leben Gottes unser
wahres Teil ist, darum erinnert uns unser Sterbenmüssen so unerbittlich an die
sündige Beschränktheit unsres Le|132benwollens.
So erscheint im Gericht das, was über dem Gericht ist, Gottes
Liebe, in der Erkenntnis der Sünde die Vergebung, im Tod und Ende aller Dinge der Anfang des neuen, des ursprünglichen
Lebens. So findet den Menschen gerade in seiner Gottesferne Gottes Barmherzigkeit.
Nur auf die Demut, die ihm seine Ehre wieder gibt, die er keinem andern lassen
kann [vgl. Jes. 48,11],
nur auf die Buße, in der sich der Mensch auf Gnade und Ungnade in seine
Gefangenschaft stellt, nur auf die «desperatio fiducialis»75, die gestroste Verzweiflung, in der sich der Mensch freudig verloren gibt,
freudig, weil er den Sinn dieses Verlorenseins begriffen hat, nur darauf hat ja
Gott gewartet – wenn man von einem Warten Gottes überhaupt reden kann –, um nun
erst recht die Beziehung zu ihm in ihrer positiven Bedeutung, d. h. eben als
Liebe, Vergebung, Leben, Barmherzigkeit, als Gnade zu
realisieren. Steht es nun so, dann fällt von der ethischen Frage aus, gerade von
dort, wo sie ganz vernichtend wird, ein neues Licht auf alles
das, was wir innerhalb ihres dunkeln Schattens tatsächlich tun. Wird gerade in
jener letzten Krisis in ihrer ganzen negativen Wucht die ursprüngliche, die
positive Beziehung des 148 Menschen zu Gott
sichtbar, dann nimmt in der durch jene Krisis bedingten
Gebrochenheit offenbar das ganze Tun des Menschen teil an der Rechtfertigung, an
der Verheißung, an der heilvollen Bedeutsamkeit, die das Dasein des Menschen in
diesem Tale des Todes76 gewonnen hat. Wohlverstanden: um ein Teilnehmen handelt
es sich, bei dem der unendliche Abstand von Gottes- und Menschengerechtigkeit nicht aufgehoben, sondern in dem seine Unendlichkeit nur immer
tiefer erkannt wird, um Verheißung, nicht um Erfüllung, um Bedeutsamkeit, nicht um
Gegebenheit, um Gerechterklärung, nicht um Gerechtmachtung. Wie jene neue
Schöpfung des Menschen selbst justificatio forensis77, justificatio impii [vgl. Röm. 4,5] ist, ein Anderswerden des nicht anderswerdenden Menschen,
eine Paradoxie sondergleichen, so auch die positive |133
Beziehung Gottes zu des Menschen Tun. Es ist und bleibt sein Wille unfrei78, er steht und wird stehen bis an das
Ende seiner Tage unter der vernichtenden Wirkung des Sündenfalls, heterogen seine
Zwecke vom niedrigsten bis zum höchsten, böse sein Tun, nicht nur unvollkommen,
sondern verkehrt sein Vollbringen. Es ist und bleibt aber darum auch das Gesetz
aufgerichtet in untrennbarer Einheit mit dem Evangelium, m. a. W. die ethische
Frage mit ihrem verpflichtenden und fordernden Ernst ungeschwächt bleibt gestellt. Kein Entrinnen aus der Problematik des Lebens, kein
Schlummerkissen für das getröstete Gewissen, keine Sicherheit, auch keine
religiöse Sicherheit. Bedenklich die Lehre älteren und neueren Luthertums, daß es
nun sog. Ämter gebe, eine Hierarchie geheiligter Funktionen vom Vater- und
Mutteramt über das Pfarramt bis zum gottbegnadeten Königsamt, die aus einer
angeblichen Schöpfungsordnung79 zu übernehmen seien und innerhalb derer dann das Tun der Menschen
in besonderer Weise gerechtfertigt wäre. Was ist das alles |134 als ein Ausweichen vor der Frage: Was sollen wir tun?, der man, weil
die Rechtfertigung des Sünders unzertrennbar mit ihr verbunden ist, nicht ausweichen darf. In der Erkenntnis der Gnade Gottes wird es erst
ganz ernst mit dieser Frage. Erst wenn wir wissen, wie barmherzig Gott ist, wissen
wir, wie heilig er ist, wie furchtbar in seiner Heiligkeit. Wie sollte vor ihm
gerade der religiöse Mensch mit seiner mehr als fragwürdigen
«Gewißheit»80 in
besonderer Weise gerechtfertigt sein, als ob nicht gerade er die justificatio
impii am nötigsten hätte? Und wie sollten vor ihm jene irrational begründeten
Lebensverhältnisse als solche einen Vorzug haben vor den rational zu begründenden?
Die Würde des 149 nicht zu begründenden, nur in
sich selbst Begründeten kann nur Einem zukommen, nie und
nirgends dem Geschöpf, sondern allein dem Schöpfer. Nein, hier
darf und kann es keine Rettungen, keine Sicherheiten geben außer der einen, der
göttlichen Vergebung, mit der die Sünde der Frommen und der Unfrommen, die Sünde
aller Lebensverhältnisse, die Sünde, die die Voraussetzung
des ganzen Systems menschenmöglicher Zwecke ist, bedeckt wird. Daß die Vergebung nur bei Gott zu finden
ist, Gott aber nur in der Not, in die der Mensch durch das
Problem der Ethik gestürzt wird, diese heilsame Not aber nur dort, wo im Ernst
darum gerungen wird, das sichert diesen Gedanken vor der
Verwechslung mit einem wohlfeilen Quietismus; das macht jene Annahme besonderer,
von oben in das Leben der Menschen eingesenkter Ämter grund|135sätzlich überflüssig, denn das sichert die fortbestehende,
nun erst recht bestehende relative Würde und Gültigkeit jenes durchaus profan,
durchaus von unten, vom gefallenen Menschen aus zu begründenden Systems
menschlicher Zwecke, aber auch die Berechtigung und
Notwendigkeit des Kampfes um relativ höhere Zwecke, sagen wir also z. B. um
politischen oder sozialen Fortschritt, ohne oder, wenn es nicht anders sein kann,
auch mit Revolution. Der unsichere81
Zusammenhang zwischen dem Licht der Vergebung und dem Schattenreich der Ethik
sichert m. e. W. die ungebrochene Kontinuität der sittlichen Arbeit82, gebrochen nur durch das, was sie auch aufrecht erhält. Bedeckt
von der Vergebung (die immer Vergebung der Sünde ist!) gibt es
also ein gerechtfertigtes Tun des Menschen. Es gibt einen Heiligungsgehorsam, der freilich, anders als die Moralisten meinen, damit
anhebt, daß wir von allen Höhen, und zwar von der höchsten zuerst,
heruntersteigen, als Erstes also religiöse und moralische Abrüstung treiben und ja
nicht das Gegenteil. Es gibt eine werktätige Bruderliebe, deren
«Helfen» zwar am andern Ende anfangen wird als das der bekannten christlichen
Carität, nämlich damit, daß wir – mit leeren Händen! – unsern Schuldnern vergeben,
wie auch uns vergeben ist [vgl. Mt. 6,12]. Es gibt schlechtere und bessere Zwecke, ein bewußtes Auswählen und ein ernstes Sich-Einsetzen für
die besseren. Es gibt eine Mitarbeit an den Aufgaben der technischen,
wissenschaftlichen, künstlerischen, politischen und sogar religiösen Kultur. Ihre eigene Würde – nicht als manifeste Schöpfungsordnung,
sondern als Zeugnis, als gänzlich im Diesseits liegender Abglanz der jetzt und hier für uns ver150lorenen und verborgenen Schöpfungs|136ordnung ist ja eingesehen, eingesehen auch das, daß sie
einer besonderen Verchristlichung nicht bedarf und nicht fähig ist. Es gibt also
die Möglichkeit, und diese Möglichkeit ist Notwendigkeit, nicht nur zu der ethischen Frage, sondern zu ethischen Antworten trotz, nein wegen ihrer Fraglichkeit,
trotzdem, nein weil wir der entscheidenden ethischen Frage nicht
gewachsen sind, ein von Pessimismus und Skepsis unangekränkeltes Ja zu sagen, so
gewiß das Nein, unter dem zunächst alles steht, nicht aus Pessimismus und Skepsis,
sondern aus Erkenntnis geboren ist.
Ich sehe in diesen im wesentlichen paulinisch-reformatorischen Gedanken ganz
grundsätzlich, unter Vorbehalt besserer Formulierungen und vielleicht noch
reichhaltigerer dialektischer Entfaltungen im einzelnen, auch in der Gegenwart,
gerade in der Gegenwart die einzige Möglichkeit, um der
Schwere des Problems der Ethik, wie es unsere Zeitgenossenschaft bedrückt, gerecht
zu werden. Wenn ich eine Hoffnung habe für Kirche und Theologie, so ist es die, es
möchten diese Gedanken, an denen das Christentum schon mehr als einmal aufs neue
seiner selbst bewußt geworden ist, auch heute wieder lebendig und wirksam werden.
Ich glaube mich nicht zu irren, wenn ich sage: Unzählige unter den Christen und
Heiden unsrer Tage warten darauf, daß ihnen das endlich wieder einmal gesagt
werde.
Aber! – Ja gibt es hier noch ein Aber? Sind, indem wir die
paulinischreformatorische Dialektik entfaltet haben, nicht letzte Worte gefallen? Ich bin auch der Meinung: ja, letzte Worte. Es ist möglich und notwendig, sie viel tiefer und
umfassender auszuschöpfen, als wir es eben getan haben, aber immer wird es sich um
diese große Umkehrung handeln: vom Ende zum Anfang, von der Sünde zur Gnade, vom
Gericht zur Gerechtigkeit, vom Tode zum Leben, vom Menschen zu Gott, von der Zeit
zur Ewigkeit. Aber muß es uns nicht beunruhigen, daß das Letzte, womit wir dem
Problem der Ethik noch heute zu begegnen wissen, Worte, und zwar
im besten Fall diese Worte sind? Ich habe gerade im vergangenen
Jahr viele Einwände hören müssen gegen die hier vertretene Anschauung. Die meisten
davon haben mir keinen Eindruck gemacht, weil sie offenkundig auf einem Mißhören
oder Mißverstehen an irgendeinem Punkte beruhten – und an welchem Punkte wäre hier
Mißhören und Mißverstehen nicht naheliegend für die vielen, denen diese ganze
Gedankenreihe, obwohl das Neue Testament und eine Luther-Ausgabe ge|137wiß auch
unter ihren 151 Büchern steht, fabelhaft neu83 ist? Andre haben mich veranlaßt, auf dem betretenen Weg behutsam einen
Schritt und wieder einen Schritt weiterzugehen. Schwer aber, unüberwindlich schwer
gibt mir der Einwand zu schaffen, der von allen der
naheliegendste, der banalste, um nicht zu sagen der dümmste ist, nämlich der, hier
möchte es sich im Grunde doch nur um ein großes intellektuelles Spiel handeln, das
von Hegel und seinesgleichen längst
viel schöner gespielt worden sei und das uns in der wirklichen Problematik der
Lage keinen Schritt weiter führe.84 Was steckt hinter diesem Einwand? Grundsätzliche
Denkfaulheit, die, sobald der Weg um die zweite Ecke geht, ermüdet zurückbleibt,
um sich dann scheinbar von oben herab mit Anti-Intellektualismus herauszureden:
«Nicht Lehre, Leben…»? Man kennt ja die ganze Melodie schon an den
Initialen!?85 Oder gar grundsätzliche |138 Gottlosigkeit,
ἀγνωσία θεοῦ [vgl. 1.Kor. 15,34], die nach dem
schreit, was Kierkegaard als «direkte
Mitteilung» verpönt hat86, nach
übersichtlichen Tröstungen und Ermahnungen, die man zuhanden nehmen kann, ohne den
Gedanken Gott und Ewigkeit zu denken? Aber woher nähmen wir das Recht und die
Sicherheit, einem Mitmenschen diese zweite oder, wenn es sich nicht gerade um
einen in flagranti ertappten Studenten handelt, auch nur die erste Anklage an den
Kopf zu werfen, und wenn die «theologia irregenitorum»87 dem Widerredner aus allen Löchern seines Mantels guckte? Könnte er nicht
trotz allem irgendwie recht haben gegen uns, gegen die
paulinisch-reformatorische Dialektik in unserm Munde? Könnte es
nicht sein, daß sie in unserm Munde mindestens ebensosehr
theologia irregenitorum ist wie seine, des andern Dürftigkeiten? Und könnte uns
nicht sogar das ärgerliche Phänomen seiner Denkfaulheit darauf aufmerksam machen,
daß unser Weg uns hart an die Grenze unsres und vielleicht nicht nur unsres
Denkens geführt hat? Gegen den Vorwurf, es möchten das alles eben doch «nur Worte»
sein, dürfen wir uns jedenfalls nicht verteidigen mit dem Hinweis auf die
Göttlichkeit des Logos; denn daß das, was wir sagen, und wenn es
wörtlich das Wort des Paulus oder
Luthers wäre, nicht der göttliche
Logos ist, das geht schon daraus hervor, daß es uns beständig auseinanderbricht in
eine Vielheit von Logoi, zunächst in zwei, dann aber sofort in ein ins Unendliche
gehendes System von Paradoxa, die wir nur durch fortwährende Umkehrungen und offen
gestanden oft nur im Schweiß unsres Angesichts [vgl. Gen. 3,19] so zusammenhalten können,
|139 daß sie auf ein Einziges und Ganzes wenigstens
hinweisen. Welcher noch so 152 stramme Pauliner
könnte dem entgehen? Was mutet uns der Römerbrief in dieser Beziehung beständig
zu, aber wahrhaftig auch Luther fast
auf jeder Seite, aber auch Calvin (lesen
Sie einmal das Kapitel De fide, Instit. III 2, das für sich allein ein wahres Meer
von Paradoxien ist), um von dem Meister dieser Dialektik im 19. Jahrhundert,
Kierkegaard, nicht zu reden. Das
Wort Gottes aber ist freilich ein zweischneidig Schwert [Hebr. 4,12], aber seine
Zweischneidigkeit bedeutet doch gerade, daß es nicht erst umgekehrt zu werden
braucht, um auch nach der andern Seite zu schneiden, wie es bei unsern, auch bei
unsern vermeintlich letzten Worten, auch bei dem Worte «Gott», und wenn wir es
noch so emphatisch aussprächen, der Fall ist. Den Schein, als ob
alles «nur Worte» seien, als ob hier gespielt werde (mit einem Fußballspiel ist
die Sache sogar ausdrücklich verglichen worden88), diesen Schein müssen wir auf alle Fälle auf uns nehmen.
Denn daß mit diesen Worten gescheit und töricht, fromm und unfromm unendlich oft
gespielt worden ist, das kann unmöglich bestritten werden. Aber noch mehr: Wir
werden mit der ernsten89 Möglichkeit zu rechnen haben, daß der Schein auch Wahrheit sein könnte. Wir haben keine, auch nicht die geringste
Sicherheit dagegen. Denn daß dem, was wir sagen, wenn wir die paulinischen
Paradoxien nachsprechen, Realität entspricht, das steht nicht
bei uns, das steht bei Gott. Und über Gott haben wir nicht zu
verfügen, und wenn wir über die Dialektik des Gottesgedankens noch so trefflich
verfügten. Daß die Frage die Antwort sei, Nein Ja, Gericht Gnade, Tod Leben und wie
das alles heißt, daß es eine desperatio fiducialis gibt und auf
ihrem Grund ein gerechtfertigtes Leben in Heiligung und Gehorsam in diesem Tal des
Todes, das doch Gottes Welt ist, das alles wird nicht dadurch wahr, daß wir es
denken und sagen. Das alles steht, täuschen wir uns nicht, als Wirklichkeit logisch auf derselben Stufe wie Kants Postulate Gott, Freiheit,
Unsterblichkeit oder wie das Ideal eines geschichtlichen Zielzustandes. Setzen wir
es als wirklich, so appellieren wir an eine Instanz, an die wir eben nur
appellieren, deren Entscheidung wir aber |140 nicht
erzwingen können. Noch einmal droht uns hier die Versuchung, mit Fichtescher Insolenz an uns zu reißen, was uns nicht
zukommt. Ihr gegenüber ist also noch einmal, und weil wir hier dem brennenden
Busch [vgl. Ex. 3,2] so
nahe sind, mit besonderer Dringlichkeit daran zu erinnern, daß der Mensch nicht in
der Lage ist, das ethische Problem zu lösen, auch nicht durch sein Denken, auch
nicht durch sein Denken der richtigen 153 Lösung.
Es gibt keinen Weg zu Gott von uns aus, auch keine via negativa90, auch keine via dialectica oder paradoxa. Der Gott, der am Ende eines
menschlichen Weges stünde, wäre, auch wenn es sich um diesen Weg handelte, schon
darum nicht Gott. Die vermeintlich richtige Lösung könnte, von
uns aus gesehen, immer auch bloß die Feststellung der Unlösbarkeit des ethischen
Problems sein. Sie könnte, von uns aus gesehen, auch
Feuerbachisch gedeutet werden. Die Verheißung, die wir im Scheitelpunkt der Krisis
hoffnungsvoll zu ergreifen meinen, könnte, von uns aus gesehen,
auch eine tolle Fata Morgana sein. Es könnte von uns aus gesehen
auch so sein, daß sie in dem Augenblick, wo wir uns vertrauend an Gott verloren
geben, unsre eigene Verdammung zum ewigen Tod unterschreiben, daß Verzweiflung –
nicht getroste Verzweiflung, sondern einfach Verzweiflung nun nicht unser letztes
Wort, sondern unsre letzte Wirklichkeit, unser Schicksal wäre. Jawohl, wir stoßen
mit dem ethischen Problem unweigerlich auf die Wirklichkeit Gottes – in seinem Gericht nämlich. Es ist ein gefährliches nautisches Manöver, was
Goethe in den zwei letzten Versen
des Tasso beschreibt: «So klammert sich der Schiffer endlich noch am Felsen fest,
an dem er scheitern sollte.»91 Wir rechnen mit
Gottes Gnade. Aber liegt es denn in unsrer Macht, mit Gottes
Gnade zu rechnen? Und daran hängt alles! Gottes Gnade wird sich
wohl nicht einfach durch eine dialektische Umkehrung beschaffen lassen. Er ist und
er bleibt frei, sonst wäre er nicht Gott. «Wessen er will, dessen erbarmt er sich, und wen er will, den verstockt er» [Röm. 9,18]. Das ist’s: der Begriff der ewigen doppelten Prädestination, was wir auch vom Gipfel der paulinischen Dialektik aus
|141 allem wirklich zu fassen bekommen. Das Wissen, daß
wir nicht verworfen, sondern erwählt sind, m. a. W. das Wissen
um die Realität, die unsren letzten Worten entspricht, das
Wissen, daß wir es wagen dürfen, an diese letzten Worte uns
haltend, zu leben, es ist auch auf diesem Weg nicht zu gewinnen.
Und nun würde ich hier am liebsten abbrechen oder Ihnen zum Schluß meiner
Ausführungen die Geschichte von der Auferweckung des Lazarus aus Joh. 11[,1–44] vorlesen, um
Ihnen so zu sagen, was jetzt noch gesagt werden müßte. Aber ich möchte Sie nicht
mit einem Rätsel entlassen, sondern Ihnen wenigstens sagen, daß ich weiß, was ich
getan habe, wenn ich Sie bis auf diesen auswegslosen 154 Punkt führte. Nur können Sie nicht von mir erwarten,
daß ich Ihnen nun noch eine sog. «positive Ergänzung»92
biete. Nein, hier gibt’s nichts zu ergänzen. Der Kreis einer Betrachtung über die
Frage: Was sollen wir tun? muß an dieser Stelle offen bleiben. Was jetzt noch
gesagt werden müßte, steht in einem andern Buch. Ich meine das nicht als
Ausflucht. Es ist einfach so. Nur punktieren möchte ich noch die Kurve eines ganz
andern Kreises, von dem jener Kreis an dieser Stelle überschnitten wird.
Zwei zentrale Begriffe der paulinisch-reformatorischen Dialektik habe ich vorhin
mit Absicht nicht genannt, weil sie, obwohl selber auch dialektisch, bereits der
Kurve jenes andern Kreises angehören, auf ein anderes Zentrum hinweisen, die
beiden Worte «Glaube» und «Offenbarung». Was Glaube ist, würde
ich jener Stelle im Evangelium entneh|142men,
wo es heißt: «Ich glaube, lieber Herr, hilf meinem Unglauben!» [Mk. 9,24], und was Offenbarung ist, einem Worte Luthers: «Ich weiß und verstehe es nicht,
aber ich höre, daß von oben herab schallet und in meine Ohren klinget, welches
kein Mensch je erdacht hat» (E. A. 20,133).93 Glaube und Offenbarung sind die ausdrückliche Leugnung, daß es einen Weg
vom Menschen zu Gottes Gnade, Liebe und Leben gibt. Beide Worte besagen, daß hier
ausschließlich der Weg Gottes zum Menschen in Betracht komme.
Zwischen diesen beiden Worten aber stehen – und das ist der innerste Kern der
paulinisch-reformatorischen Theologie – noch zwei andre Worte. Sie heißen Jesus Christus. Auch diese beiden Worte sind dialektisch. Sie
waren es schon für Paulus. Eine Sündflut von Erwägungen und Wiedererwägungen ist
über sie gezogen. Wie sollte hier nicht auch für uns Problem auf Problem sich
türmen? Wir werden mit keinen Worten auf jenes
andre Ufer hinüberfahren, wo keine Problematik mehr ist, auch nicht mit diesen
beiden Worten. Wir können nur sagen: Mit diesen beiden Worten meinte Paulus und
meinten Luther und Calvin zuletzt und am
deutlichsten hinüberzuzeigen auf jenes andre Ufer, auf den andern Kreis, der den
Kreis des ethischen Problems überschneidet, auf den Weg Gottes zum Menschen, der
die Realität ist alles Positiven, was sie über das Wollen und Tun des Menschen auf
seinen Wegen meinten sagen zu dürfen. Jesus Christus selbst meinten sie, wenn ich töricht reden darf [vgl. 2.Kor. 11,23], wenn sie
die Wende vom Nein zum Ja, vom Gericht zur Gnade, vom Tode zum Leben und damit die
Gewißheit der Lösung des ethischen Problems verkündigten, eine Gewißheit, die mit
der sog. «religiösen Gewiß155heit» gar nichts zu tun hat, denn sie ist nicht unsre, sondern Gottes Gewißheit. Gewißheit der Lösung, weil Gewißheit der Erlösung, der Erlösung des Menschen, des Fleisches, der Kreatur, der
gefangenen, verlorenen Schöpfung Gottes. Erlösung, weil Anwesenheit des neuen
Menschen von oben, des neuen Himmels und der neuen Erde [vgl. Jes. 65,17 u. ö.], des Reiches
Gottes, nicht hereingebrochen, nicht zu schauen ohne zu |143 glauben [vgl. 2.Kor. 5,7], sonst brauchte es wahrlich keiner Worte, keiner Dialektik mehr, aber
unendlich nahe herbeigekommen [vgl. Mt. 4,17], zu glauben und im Glauben zu schauen. Von
daher ihr Zeugnis, als Menschenwort gebrechlich wie jedes andre,
als Zeugnis von Gottes Wort die Wahrheit. Von daher ihre
Verkündigung von der Vergebung der Sünde, dieser Kardinalantwort auf die ethische
Frage. Aber wohl zu merken: Vom Weg Gottes zu den Menschen her
das alles, in keinem Sinn anderswoher. Und wohl zu merken: es gibt keinen Weg zu
diesem Weg, sondern der Weg ist selber der Weg zu diesem Weg. Ich bin der Weg! [Joh. 14,6]. Alle unsre Wege führen anderswohin. Jesus
Christus ist nicht der krönende Schlußstein im Gewölbe unsres Denkens. Jesus Christus ist nicht ein
supranaturales Mirakel, das wir für wahr zu halten unternehmen könnten. Jesus
Christus ist nicht das Ziel, das wir am Ende unsrer Herzens-,
Gewissens- und Bekehrungsgeschichten vorfinden würden. Jesus Christus ist nicht eine Figur unsrer Historie, zu der wir ein «Verhältnis»
gewinnen könnten. Und Jesus Christus ist am allerwenigsten ein
Gegenstand religiöser und mystischer Erlebnisse. Sofern er uns etwa das alles auch
ist, ist er nicht Jesus Christus. Er ist Gott, der Mensch wird, der Schöpfer aller
Dinge94, der als Kindlein in der
Krippe liegt [vgl. Lk. 2,12–16]. Aber dieses Wort interpretiert durch das andre: er ist der
Gekreuzigte, Gestorbene, Begrabene, Niedergefahrene zur Hölle, der auferstanden
ist von den Toten.95 Paulus und die übrigen jedenfalls haben das gemeint,
wenn sie Jesus Christus sagten, und nichts anderes. Von daher
haben sie von Lösung, denn von daher haben sie von Erlösung geredet. Wenn wir es nicht wieder lernen werden, auch das zu meinen, wird uns ihre Theologie in der Gegenwart so wenig
helfen wie irgendeine andre. Aber auch wenn wir das meinen, ist uns nur geholfen
dadurch, daß Jesus Christus das ist, bevor wir anfangen, etwas
über ihn zu meinen.
Und nun möchte ich doch mit einem Wort aus der Lazarusgeschichte schließen. Wenn
Sie können, so fassen Sie diesen Schluß nicht als erbaulich auf.
«Wer da lebet und glaubet an mich, der wird nimmermehr sterben.» Und dazu die
Frage: «Glaubest du das?» [Joh. 11,26].