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19. Februar 1920
[…] Ich will dir gleich das Nötigste über München-Zürich melden. Es waren gute wohlausgefüllte Tage voll Kampfgewühl und Gesichtern. Schade daß ihr nicht mehr mit waret, wir haben eure Abwesenheit an diesem für uns ergiebigsten Teil der Reise mehr als einmal beklagt.
Die Reise Göppingen-München im II. Klasse-Coupé gab gute Beziehungen zum deutschen Bürgertum; wir hörten Drohendes von einem Berliner Polizeioffizier, Problematisches von allerlei Kaufleuten, in der letzten Reisestunde kam ich in den Fall, ein kleines Privatissimum über Schweizergeschichte nach J. Schaffner1 zu lesen.
In München rauschender Empfang von Kriegsgefangenen. Mitten darin Pfarrer Merz2 mit — hocherhobenem Römerbrief
📖 als Kennzeichen. Gut, nicht? Leider verfehlten wir ihn trotzdem und fanden erst nach langer Irrfahrt unser Heim.
Merz ist sehr gut, kennt den Römerbrief besser als ich. Er kommt von Rittelmeyer3 und hat noch einige entsprechende Residuen, war aber die ganze Zeit über höchst aufgeschlossen, unermüdlich in Fragen, menschlich überaus sympathisch […], kann erquickend lachen und erzählen, hält seinen Vorortposten, wie ich mich in seiner Predigt überzeugen konnte, vortrefflich und vielversprechend, dirigiert überdies den Verleger Lempp4 in theologischer Hinsicht sehr intelligent. Ein Abend mit Friedrich |368 Heiler5 Nicht gut. Gescheites Theolöglein (28jährig), ganz historisch orientiert, mit verdächtiger Vorliebe für «evangelische Frömmigkeit». Wir betasteten uns vom ersten Augenblick an entschieden feindselig und kamen zu keinem Ziel. Der Mann wird noch Schaden anrichten! (Es ergab sich, daß in derselben Viertelstunde bei Lempp von ihm der «Römerbrief
📖» und von mir «Das Gebet
📖» [das Hauptwerk F. Heilers] gekauft wurde.)
Alexander Münch, […] wie Heiler vom Katholizismus kommend, fein beweglich zitternde Seele, hin und her zwischen Revolution und Reaktion, preist seufzend «die Liebe» und das Urchristentum, wird wahrscheinlich eines Tages kopfschüttelnd in irgendein feineres Lager als das unsrige übergehen, könnte aber vielleicht auch noch gut werden. Sogar aufs «Kgl. Dekanat» wurde ich zitiert und empfing dort von einem milden alten Pfarrer, der aber über «die verfluchten Juden» wenig christlich denkt und redet, viele «Gott segne Sie» auf den Weg.
Ein Nachmittag bei Artur Bonus6 in Taufkirchen. Trefflicher mürrisch-vergnügter Einsiedler in einer Bauernhütte, wahrscheinlich mit allerlei uns verwandten Gedanken und Einsichten, ließ sich die Overbeck-Rezension7 vorlesen und war sehr freundlich. Am letzten Abend großes «Simultan-Schachspiel» mit etwa 30 Einberufenen (Pfarrer, Studenten, Architekten ‹gut!›, ob nicht auch ein Konsul da war? Jedenfalls Kurt Eisners8 Tochter, was doch wohl erheblich ist!). Ich las eine Predigt vor, und dann gab es unter Merzens gewandter Leitung ein zweistündiges mächtiges Fragen von allen Seiten besonders über Pfarrer und Gemeinde, Reich Gottes und Politik. «Des ischt mir alles fabelhaft neu», bekannte der wackere Lempp zum Schluß. Es gab aber ein gutes allgemeines Aufmerken, Einlenken und fragend Auseinandergehen, wie wir es lieben, zum Schluß, und München darf nun als ein wichtiger besetzter Punkt auf unsrer Landkarte vermerkt werden. — Pinakotheken etc. wurden natürlich auch besichtigt.
Von der Heimreise ist zu sagen, daß wir sogar I. Klasse fahren mußten, […] daß ich von Romanshorn bis Zürich noch ein nützliches Gespräch mit einem deutschen Arzt hatte.
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Zürich. Hier trefflich aufgenommen bei Pestalozzis. […] Heute Morgen war ich bei — — Ragaz. Ja wahrhaftig, ich ging hin und ließ das ganze Zorngefäß noch einmal über mich ausschütten: Der Römerbrief
📖 sei das Schlimmste, was ihm überhaupt in seinem Leben angetan worden sei, ich sei von schlimmstem Hochmut erfüllt, ferner von Haß und Verachtung gegen ihn, Ragaz […]. Ich saß ganz demütig da und ließ mir alles sagen, bis die Zornkraft sichtlich erlahmte, dann gab ich mit ruhigster Stimme zu erkennen, ich lasse mich durchaus von ihm zur Buße rufen, hingegen sei im Römerbrief und in meiner Polemik etwas, was davon auf alle Fälle nicht betroffen werde. Seine peinliche Überraschung über meine Haltung sei die direkte Folge davon, daß er nie ernsthaft sich auf unsere Probleme eingelassen habe, wir seien gewöhnt, das Persönliche nicht so wichtig zu nehmen. Sobald er auf die Sache eintreten werde, werde er auch erkennen, daß von der Ruchlosigkeit meines Angriffs eigentlich wenig übrig bleibe. Und siehe, es trat eine gewisse Entspannung ein. Er war mir in dieser Aufregung und Hilflosigkeit auf einmal in gewissem Sinn sympathisch, und er seinerseits eröffnete wenigstens die Aussicht auf Versöhnung, fand es sehr schön, daß ich gekommen sei, und lud mich sogar — zur Mitarbeit an den «Neuen Wegen» ein!! Allerdings unter der Proklamation, mein Intellektualismus sei vielleicht sein demnächst zu bekämpfender «größter Feind». «Schön so!», fuhr es mir heraus; er solle nur kommen, das sei besser als die Sphäre persönlicher Stimmungen, in die jetzt Alles zwischen uns gehüllt sei. Er könnte ja [seinen Mitarbeiter] Lejeune vorschicken, schlug ich ihm vor, weil er sagte, er finde einfach die Zeit (!) nicht, Kutter und uns einmal gründlich zu erlegen. Es war ein Präliminarfriede nicht ohne Aussichten. Ich war zum ersten Mal lieber an der Gloria- als an der Zollikerstraße gewesen.9; Nachher war ich noch eine Stunde bei Fueter, dem ich klar zu machen suchte, wir erwarteten von dem Kanzeln und Katheder beherrschenden System Hadorn-Benz bessere Leistungen als seine Rezensionen. […]
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So ist unsre seltsame Reise auch meinerseits nun zum Abschluß gekommen. Seltsam nur schon wegen ihrer Tiefpunkte, […] seltsam wegen des vieldeutigen Höhepunktes München, seltsam wegen all des Klingenkreuzens, das uns wieder einmal passiert ist und dessen Erträgnisse nun abzuwarten sind. […]
Das Aarauer Zentralkomitee findet meine Formulierung10 «kraftlos». Ich habe ihnen einiges über Dynamis mitgeteilt und neu vorgeschlagen: «Die Frage der Bibel an die Gegenwart.» […]
Herzlichen Gruß euch beiden
P. S. Merz erklärte mir, unsre «Botschaft» an die Pfarrer lasse sich auch zusammenfassen in das Gebot: Hütet euch vor dem Kitsch und heiratet die entsprechenden Frauen!