18. Mai 1921

Karl Barth an Eduard Thurneysen

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Lieber Eduard!

Vielen Dank für deinen Brief, der meiner absolut geschlagenen Stimmung nur zu sehr entspricht. Ich wundere mich, daß mir in den letzten Tagen keine grauen Haare gewachsen sind, kaputt genug war ich dazu, aber meine Vitalität ist scheints zähe. Göttingen sieht mich, nun der Punkt, wenigstens der vorletzte, aufs i gesetzt ist, noch zehnmal fragwürdiger an als zuvor. Was soll das alles? Und was soll daraus je werden? Sind die Leute eigentlich blind, die mich da nun durch alle Instanzen hindurch wirklich haben wollen? Oder habe ich kirchliche und wissenschaftliche Eigenschaften, die sie an mir sehen, von denen ich aber selbst nichts weiß? Und was soll ich nun eigentlich dort tun, spielen oder reißen? Ich sehe mich so ganz und gar nicht in der Situation und kann mir etwas anderes als ein groteskes Versagen dort eigentlich gar nicht vorstellen. Auf der andern Seite sehe ich nur, wie alles darauf hinweist, daß gerade das nun geschehen muß, gut oder schlecht oder ganz schlecht, aber irgendwie geschehen. Und so stehe ich nun einmal buchstäblich in der Luft, kann nicht rückwärts und weiß nicht, wies vorwärts geht. Dein Schwanken vor der St. Galler Berufung, das ich damals etwas mißbilligte, verstehe ich nun besser, nur daß mein Fall doch wohl noch brenzlicher ist: denn nachdem man zwölf Jahre an der einen Hälfte des sauren theologischen Apfels, am Pfarramt, sich müde gekaut, nun auf einmal die andere, die akademische Hälfte präsentiert zu erhalten, das kann einen schon aus der Fassung bringen. Es ist ein greuliches Glatteis, auf das ich da gehen soll. Und — — wenn ich nur um alles in der Welt etwas mehr wüßte; ich sehe aber bei jedem Blick in ein theologisches Buch 1000 Dinge, die mir «fabelhaft neu» sind, über die ich aber offenbar demnächst erschöpfende Auskunft sollte geben können. Ich sehe erst jetzt, was für ein Sieb mein Kopf ist; ich habe so ziemlich alles, was ich auf der Universität wußte, einfach glatt vergessen und muß irgendwie ganz von vorne anfangen und vor allem höchste Vorsicht |489 walten lassen, um meine unzähligen Blößen nicht zu verraten. Aber sie werden trotzdem an den Tag kommen. Ich werde im Stande sein, gegenüber den einfachsten Daten etwa der Reformationsgeschichte sprachlos zu sein und von gangbarsten Philosophemen und Theologumenen nie etwas gehört zu haben. Kurz, es ist mir manchmal ums Heulen, und dazu hatte ich diese Woche noch einen widrigen Abszeß in der Mundhöhle zu überstehen, wahrscheinlich ein warnendes Zeichen, ich sollte diese Höhle lieber endgültig zutun als noch weiter aufreißen.

[…] Nelly denkt daran, nächste Woche mit dem Säugling nach Göttingen zu reisen zur Besichtigung eines Hauses, das wir dort kaufen sollen. Eine phantastische Möglichkeit reiht sich jetzt an die andere, wir können nur zusehen. Der Gedanke, erst nächsten Frühling in Göttingen anzufangen, lag uns auch schon nahe. Aber noch den ganzen Winter hier zu sein («als die Abreisenden und siehe sie sind immer noch da»), liegt uns nicht, auf eigene Kosten irgendwo leben können wir nicht, Verwandten und Freunden als das Heer, das wir sind, aufsitzen, wollen wir nicht. Es wird doch das Beste sein, die Amputation rasch zu vollziehen. Wir denken auf 1. Oktober.

Wenn nur das Römerbrief 📖-Ungetüm bälder erlegt wäre! Ich knüpple an Röm. 7,14f. herum. Daneben stecke ich aber doch schon gelegentlich die Nase in die «Reden über die Religion 📖» und in die «Glaubenslehre 📖» und finde lauter sehr zu Mißbilligendes in diesen von mir einst hochgeschätzten Büchern. Er [Schleiermacher] bekommt zunächst sofort ein kleines Denkmal in Röm. 7, und wahrscheinlich werde ich mein Lehramt gleich mit einer Kriegserklärung an diesen Kirchenvater und religiösen Virtuosen eröffnen müssen. Vielleicht wähle ich als Material statt der «Kurzen Darstellung 📖» die Einleitung zur «Glaubenslehre 📖», wo ich auf jeder Seite bedenkliche Sätze sehe. Röm. 7 sollte diese Woche fertig werden. […]

Wer ist wohl Karl Ludwig Schmidt?1 Ein geschäftiger deutscher Privatdozent sicher, noch stark vor den falschen Göttern weihräuchernd, aber offenbar nicht ganz ohne Einsicht. Ich habe |490 ihm geschrieben, Jülicher und er2 hätten mich nun Marcion, Köhler3 Caspar Schwenckfeld und Harnack selbst Thomas Münzer zur Seite gestellt; welchem Historiker ich nun glauben müsse? Übrigens scheint Marcion in der Tat einiges gewußt zu haben; ich lasse mir das Buch von Harnack4 kommen. […] Und nun greift also Herpel in breiter Front an.5

Gestern Abend fing ich im dunkeln Baumgarten einen lebenden Igel, der dann aber aus seinem Korb ausbrach und nun bald da bald dort im Haus Spuren seiner Anwesenheit hinterläßt. Vielleicht ein Gleichnis meiner Tätigkeit in Göttingen.

Mit herzlichem Gruß dir und Marguerite
dein mitbedrückter und betrübter
Karl

Sachfußnoten

1
Karl Ludwig Schmidt (1891–1956), Prof. für N. T. in Gießen, Jena, Bonn und — seit 1935, als Emigrant — in Basel, mit Barth und Thurneysen nah verbunden.↩
2
K. L. Schmidt, Marcion und wir. Die Gegenwartsbedeutung von Harnacks Marcion, in: Kartell-Zeitung. Organ des Eisenacher Kartells Akademisch-Theologischer Vereine, Jg. 31 (1920/21), S. 83–85. 📖↩
3
Justinus (Pseudonym für W. Köhler), Zur religiösen Lage der Gegenwart, in: Neue Zürcher Zeitung, 21.10.1920. 📖↩
4
A. v. Harnack, Marcion: das Evangelium vom fremden Gott. Eine Monographie zur Geschichte der Grundlegung der katholischen Kirche, Leipzig 1921. 📖↩
5
Vgl. Anm. 1 zum Brief vom 14.3.1921.↩