Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie
DAS WORT GOTTES ALS AUFGABE DER THEOLOGIE
Im Jahre 1886 war die in der Folgezeit weitverbreitete und als Hauptorgan des liberalen
Protestantismus in Deutschland geltende Wochenschrift «
Am 1. Oktober 1920 hatte die Mitgliederversammlung der FCW in
Eisenach beschlossen, sich mit anderen regionalen liberal-protestantischen Vereinigungen
zu einem Verband zusammenzuschließen5, «der als
Ende Juli lud der
Dort waren dann «300–400
Die spätere Bitte Barths, das stillschweigend der
Die zwischen senkrechten Strichen in den Text eingefügte Originalpaginierung ist die des
Wiederabdrucks in W. G. Th.
Das Wort Gottes als Aufgabe der Theologie
I.
Wir Theologen sind durch unsern Beruf in eine Bedrängnis versetzt, in der wir uns
vielleicht vertrösten, aber sicher nicht trösten lassen können. Wir ahnten es ja schon als
Studenten dunkel, daß es so kommen werde; wir wurden älter, und es war schwerer, als wir
je geahnt hatten. Wir sind Pfarrer, oder wir sind Dozenten; es ist immer die gleiche
Bedrängnis, die Einen können ihr so wenig ausweichen wie die Andern. Ich wundere mich, daß
es noch Theologen gibt, die in katholische Kirchen und wer weiß noch wohin gehen, um das
sogenannte Numinose29 kennen zu lernen, als ob es nicht um uns wäre, sehr uninteressant, aber dafür
real, wenn wir an unserm Schreibtisch sitzen, wenn wir uns niederlegen und wieder
aufstehen, bevor wir wieder einmal unseres Amtes walten und nachdem es wieder einmal
geschehen ist, einfach und ohne alle weitern Erlebnisse kraft der Tatsache, daß wir
Theologen sind. Die Bedrängnis, die aus dieser Tatsache kommt, ist von den Umständen, in
denen wir uns befinden mögen, ganz unabhängig. Sie ist, um das gleich vorwegzunehmen, mit
den Mitteln der Psychologie sicher zu illustrieren, aber von daher so wenig zu erklären
wie die allen Menschen durch ihren sicher bevorstehenden Tod irgendwie in die Seele
geschriebene Frage. Das seltsame Schaukelspiel des seelischen Lebens, dem wir Theologen
natürlich unterworfen sind so gut oder so schlimm wie jedermann, geht neben unsrer
Bedrängnis her seinen eigenen Weg und hat mit ihr30 wesentlich nichts zu tun. Aber auch die Problematik der
mechanischen Seite unsres Berufes geht ihr wohl immer zur Seite und ist doch nicht ihre
Ursache. Das theologische System z. B. ist nun schon reichlich oft verbessert und gänzlich
umgebaut worden, die theologische Praxis gleichfalls, und auch an Variationen in der
persönlichen Stellung zu unserm Beruf ist wohl längst versucht und erprobt worden, 157 |149 was da überhaupt zu versuchen ist. Bedeutet das Alles etwa
mehr, als wenn man einen Kranken zur Abwechslung von der einen auf die andere Seite legt?
Haben wir noch nicht gemerkt, in der Kirche wie auf der Universität, daß, was gestern uns
Ruhe war, morgen sicher uns Unruhe sein wird, daß vom Wechsel der Methoden und
Orientierungen, so unvermeidlich er uns immer wieder wird, eine Beseitigung dessen, was
uns bedrängt, jedenfalls nicht zu erwarten ist? Es kann sich auch wirklich nicht etwa um
eine eigentümliche Verlegenheit gerade der Gegenwart handeln. Darum nicht, weil die
Theologen so ziemlich jeder Zeit gemeint haben, gerade zu ihrer Zeit sei es besonders
schwer, diesen Beruf zu versehen. Von unserer Zeit wäre sogar zu sagen, daß es heute
insofern leichter ist, Theologe zu sein, als vor zehn Jahren und hier in
Sie liegt in der Sache, in der uns gestellten Aufgabe. Wie weit sie von Diesem und Jenem empfunden wird, ist eine Frage für sich. Über unsre Situation möchte ich mich mit Ihnen unterhalten, und das sollte möglich sein, gleichviel ob wir so oder anders empfinden. Ich möchte diese unsre Situation in folgenden drei Sätzen charakterisieren: Wir sollen als Theologen von Gott reden. Wir sind aber Menschen und können als solche nicht von Gott reden. Wir sollen Beides, unser Sollen und unser Nicht-Können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben. Das ist unsre Bedrängnis. Alles Andre ist daneben Kinderspiel. Ich will versuchen, Eines nach dem Andern zu erläutern.
II.
Wir sollen von Gott reden. Unser Name sagt es. Aber nicht bloß unser Name. Es wird wohl auch uns Theologen gegenüber erlaubt sein, die schlichte Frage nach dem Zweck unsres Tuns zu stellen. Was hat die Aufmachung, der Betrieb unsres Amtes für einen Sinn? Was für eine Erwartung setzen die Menschen auf uns, sie, die uns als das, was wir sind, haben wollen oder doch gelten lassen? Oder auf was hin weist uns ihr Hohn und ihre Verachtung, wenn sie sich in ihrer Erwartung getäuscht sehen? Natürlich nicht nach ihren ersten besten Motiven werden wir sie fragen dürfen, als ob sie uns so ohne Weiteres sagen könnten, was sie von uns wollen. Um das Motiv ihrer Motive handelt es sich, darum, die Menschen um uns her in ihrer auf uns gerichteten Erwartung besser zu verstehen, als sie sich selbst verstehen35. Ist es nicht so: Unsre Existenz als Theologen ist doch nur zu verstehen auf Grund der Existenznot der andern Menschen. Zum Aufbau ihrer Existenz mit Allem, was dazu gehört, brauchen sie uns nicht. Das besorgen sie ohne unsre Ratschläge, und zwar besser, als wir gewöhnlich denken. Jenseits ihrer Existenz aber und jenseits aller Fragen, die damit verknüpft sind, kennen sie ein großes Was? Wozu? Woher? Wohin?, das ist ein Minus vor der ganzen Klammer36, eine Frage, 159 die alle schon beantworteten Fragen in der Klammer aufs Neue zu Fragen macht. Auf diese Frage aller Fragen wis|152sen sie sich keine Antwort zu geben und sind naiv genug anzunehmen, Andere könnten es, und darum schieben sie uns in unsre merkwürdige Sonderexistenz, darum stellen sie uns auf ihre Kanzeln und Katheder, damit wir daselbst von Gott reden sollen, von der Antwort auf die letzte Frage. Warum suchen sie mit dieser letzten Frage nicht selber fertig zu werden, wie sie es mit allen andern tun? Warum kommen sie zu uns, obwohl sie doch längst die Erfahrung gemacht haben müßten, daß man nicht zu uns kommen kann, wie man zum Rechtsanwalt oder zum Zahnarzt geht, daß wir in dieser Frage nicht mehr wissen, als sie sich selbst sagen können? Ja, so kann man wohl fragen. Offenbar drücken sie mit ihrem Zu-uns-Kommen aus, daß sie irgendwie wissen, daß der Mensch sich die Antwort auf diese Frage nicht selber geben könne und daß, wenn nun Einer mit dieser Frage zum Andern geht, doch auch dies jedenfalls nicht um der Antwort willen geschieht, die dieser Andere selber etwa geben kann.
Aber wie dem auch sei: wir sind gefragt. Und nun gilt es wohl zu beachten, wonach wir gefragt sind. Zum Leben brauchen uns die Menschen offenbar nicht, aber zum Sterben, in dessen Schatten ja ihr ganzes Leben steht, scheinen sie uns brauchen zu wollen. Die Geschichte geht ihren Gang ohne uns; wenn aber die eschatologischen, die letzten Dinge an ihrem Horizont auftauchen – und welches Problem in der Geschichte läge nicht auf der Schwelle zu den letzten Dingen? –, dann sollten wir offenbar da sein und eröffnende, entscheidende Worte zu sprechen haben. Über sich selbst und das, was ihnen möglich und erlaubt ist, sind sie leidlich orientiert; wie es aber mit dem dünnen Faden steht, an dem das ganze Netz dieser Lebensorientierung aufgehängt ist, mit dem messerscharfen Gratweg zwischen Zeit und Ewigkeit, auf dem sie sich manchmal plötzlich wandelnd wissen, nachdem sie es lange vergessen, das wollen sie wunderlicher Weise von uns wissen. An den Grenzen der Humanität37 ist das theologische Problem aufgeworfen38. Die Philosophen wissen das, wir Theologen scheinen es manchmal nicht zu wissen. Denn wohlverstanden: auch über Sittlichkeit und Geistesleben, auch über Religion und Frömmigkeit, auch über allfällig mögliche Erkennt|153nis höherer Welten39 brauchen sie unsre Aufklärungen und Mitteilungen im Grunde nicht. Auch das Alles gehört ja zu ihrer Existenz und ist in die Not ihrer Existenz mit hineingerissen, ob sie es wissen oder nicht. 160 Mögen wir diesem und jenem und vielleicht Hunderten Freude machen und hilfreich sein, wenn wir ihm auf die ihn in diesen Sphären bewegenden Fragen unsre mehr oder weniger nützlichen Anregungen und kompetenten Auskünfte zu geben versuchen. Mögen wir es tun, warum sollten wir nicht? Aber ohne zu vergessen, daß damit die Frage, mit der sie eigentlich zu uns kommen, nicht erledigt ist, daß wir der Kunst, hier antworten zu können, diesen Bedürfnissen zu dienen (ich wiederhole: das religiöse inbegriffen!), unser Amt als Theologen nicht verdanken. Schützen wir nicht zu schnell die Liebe vor! Da fragt sich eben, was die Liebe ist, die wir den Andern schuldig sind? Es könnte sein, daß wir unbarmherzig sind, solange wir meinen, damit barmherzig zu sein, daß wir den Menschen existieren helfen, und wenn Tausende uns für unsre Gaben dankten. Nicht ihre Existenz, sondern das Jenseits ihrer Existenz, Gottes Existenz steht in Frage, wenn sie uns um unsre Hilfe angehen. Als Dorfweise oder Stadtweise aber sind wir im Grunde unerwünscht, überflüssig und lächerlich. Wir haben unser Amt als Theologen nicht verstanden, solange wir es nicht verstanden haben als Exponenten und Wahrzeichen, nein Notzeichen einer Verlegenheit, die über die ganze Skala wirklicher und möglicher menschlicher Zuständlichkeiten sich ausbreitet, in der sich also40 der moralische mit dem unmoralischen, der geistige mit dem ungeistigen, der fromme mit dem unfrommen Menschen, in der sich der Mensch einfach als Mensch befindet. Der Mensch in seiner Menschlichkeit, die als solche Beschränktheit, Endlichkeit, Kreatürlichkeit, Getrenntheit von Gott bedeutet, ob er sich dessen nun mehr oder weniger bewußt sei. Seine Lage ist um so schlimmer, je weniger er sich dessen bewußt ist, je weniger er es uns sagen kann, was ihm fehlt, je leichter ihn die hilfsbereite Mitmenschheit mißversteht.
Der Mensch als Mensch schreit nach Gott, nicht nach einer Wahrheit, |154 sondern nach der Wahrheit, nicht nach etwas Gutem, sondern nach dem Guten, nicht nach Antworten, sondern nach der Antwort, die unmittelbar eins ist mit seiner Frage. Denn er selbst, der Mensch, ist ja die Frage, so muß die Antwort die Frage sein, sie muß er selbst sein, aber nun als Antwort, als beantwortete Frage. Nicht nach Lösungen schreit er, sondern nach Erlösung. Nicht wiederum nach etwas Menschlichem, sondern nach Gott, aber nach Gott als dem Erlöser seiner Menschlichkeit. Mag man ihn tausendmal darüber belehren, daß er, um in 161 das Unendliche zu schreiten, nur im Endlichen zu gehen habe nach allen Seiten41 – o ja, er tut es ja, er geht ja, und die Herrlichkeit und der Greuel alles dessen, was er auf diesem ihm in der Tat allein möglichen Gang leistet und vollbringt, ist Zeugnis genug für die unheimliche Wucht seines Suchens nach dem Unmöglichen, das ja doch das Bewegende auch dieses Ganges ist. Aber wieder und wieder begnügt er sich einfach nicht – warum kann er nicht? – mit diesem Gang im Endlichen, trotz aller Belehrungen und Zurechtweisungen. Immer wieder wird es ihm unerträglich, daß das Gefundene zu dem Gesuchten sich so offenkundig verhält wie 1: ∞, – wo er doch nicht glauben kann, daß 1 = ∞; wie sollte er das glauben können und dürfen, wo ihm doch vielmehr das ganze Meer von Antwort, über das er verfügt, immer wieder unter den Händen zu einem einzigen Tröpflein wird, das nur noch Frage ist, und diese Frage ist er selbst, seine Existenz, und jenseits, jenseits aller bekannten Meere ist die Antwort, die Realität, auf die alle Beziehungen, in denen er steht, hinweisen, das Subjekt all der Prädikate, der Sinn all der exotischen Buchstaben, der Ursprung all der unechten Anfänge, die zusammen sein bekanntes Leben bilden.
Aber diese Antwort, diese Realität, dieses Subjekt, dieser Sinn, dieser Ursprung ist ja eben dort, nicht hier. Die Antwort ist nicht die Frage. Der dort ist nicht er hier. Nach der Antwort, die als Antwort seine Frage wäre, nach dem Unendlichen, das als Unendliches endlich wäre, nach dem dort, der als der, der er dort ist, er hier wäre, nach Gott, der als Gott Mensch wäre, fragt er, wenn er nach Gott fragt. Ihm angesichts dieser Frage mit Antworten zu begegnen, die Kultur, Geistesleben und Fröm|155migkeit betreffen, oder auch mit einer Kritik aller dieser Größen, heißt das nicht, so gut es gemeint sein mag, ihn dahin wieder zurückschicken, woher er zu uns, zu den Theologen gekommen ist? Wollen wir denn immer wieder das Spiel mit ihm treiben, nie verstehen, wozu, zu welch allerdings unerhörtem Zweck er uns duldet und brauchen zu können meint? Warum sagen wir es ihm nicht offen heraus, wenn das im Stillen unsre Meinung ist, daß wir von Gott nicht reden wollen oder können? Oder wenn wir ernste Gründe haben, dies nicht oder nicht so zu sagen, warum machen wir uns nicht wenigstens seine Frage nach Gott zu eigen, zum zentralen Thema unsres Berufes?
Ich habe bis jetzt vorwiegend die Verkündigung der Kirche im Auge gehabt; es gilt aber grundsätzlich ganz dasselbe auch für 162 die Universitätstheologie, auch wenn man von ihrer erzieherischen Aufgabe gegenüber den künftigen Pfarrern ganz absehen wollte. Auch als Glied der Universitas literarum ist die Theologie ein Notzeichen, ein Zeichen, daß etwas nicht in Ordnung ist. Es gibt auch eine akademische Existenznot, die natürlich mit der des Menschen überhaupt letztlich eine und dieselbe ist. Gerade die echte Wissenschaft ist bekanntlich ihrer Sache nicht sicher, und zwar nicht nur da und dort, sondern im Grunde, in den letzten Voraussetzungen nicht sicher. Jede einzelne Wissenschaft kennt sehr genau das Minus, das vor ihrer Klammer steht, von dem dann mit jener gedämpften Stimme geredet zu werden pflegt, die verrät, daß es hier freilich um den Nagel gehe, an dem Alles hänge, aber auch um das Fragezeichen, das unvermeidlich hinter das im übrigen methodisch aufgebaute Ganze zu setzen sei. Denke man sich, diese Fragezeichen seien nun wirklich das Letzte, was jede Wissenschaft zu sagen hat, wie offenkundig wäre es dann, daß der vermeintliche akademische Kosmos in Wirklichkeit ein Gewirr von vereinzelten Blättern ist, die über einem Abgrund flattern! Und nun sind diese Fragezeichen tatsächlich das Letzte in allen Wissenschaften. Und darum, um ihres schlechten oder vielmehr um ihres trostbedürftigen Gewissens willen, duldet die Universität die Theologie in ihren Mauern, etwas verdrießlich über die Ungeduld, mit der die Theologen ausgerechnet gerade auf das Letzte, von dem man nicht spricht, den Finger42 legen, und doch – oder täusche ich mich? – |156 auch heimlich froh darüber, daß Jemand sich dazu hergibt, so unwissenschaftlich zu sein und durch lautes, bestimmtes Reden eben von diesem Letzten, von dieser unanschaulichen Mitte, auf die alles hinweist, die Erinnerung wachzuhalten, daß das Ganze, was da getrieben wird, einen Sinn haben möchte. Auch hier ist die Theologie – welches auch die Privatmeinungen dieser und jener nicht-theologischen Akademiker von ihr sein mögen – tatsächlich von der Erwartung umgeben, daß sie ihres Amtes walte und als Antwort vertrete (sehe sie zu, wie sie sich damit abfinde!), was bei den Andern allen, solange sie es verschweigen können und wollen, nur als Fragezeichen im Hintergrund steht, als möglich, was sie alle nur als Grenzbegriff, als das Unmögliche kennen dürfen, daß sie von Gott nicht nur flüstere und munkle, sondern rede, auf ihn nicht nur hinweise, sondern von ihm herkommend ihn bezeuge, ihn nicht irgendwo in den Hintergrund, sondern allen methodischen Voraussetzungen, allen Wissenschaften 163 zum Trotz in den Vordergrund stelle. Wohl verstanden: das Dasein der Theologie auf der Universität läßt sich nicht etwa a priori rechtfertigen und begründen, sondern nur als Notstandsmaßnahme, als eine, da der Notstand vermutlich nicht zu beheben ist, permanente Ausnahme von der Regel. Als solche aber läßt es sich rechtfertigen und begründen, wie das der Kirche in der Gesellschaft, die sich auch nicht aus deren Idee ableiten läßt. Es ist, paradoxer-, aber unvermeidlicherweise, so: gerade als Wissenschaft im Sinn der andern Wissenschaften hat die Theologie auf der Universität kein Daseinsrecht, ist sie eine ganz unnötige Verdoppelung einiger in andre Fakultäten gehöriger Disziplinen. Eine theologische Fakultät, mit der Aufgabe, das zu sagen, was die Andern rebus sic stantibus nicht, oder nur so, daß man es nicht hört, sagen dürfen, als Notsignal wenigstens, daß das durchaus gesagt sein müßte, als lebendige Erinnerung, daß ein Chaos [, sei es] noch so wunderbar, darum kein Kosmos ist, als Frage- und Ausrufzeichen am äußersten Rande, nein im Unterschied zu dem, was ja auch die Philosophie tut: genau jenseits des Randes der wissenschaftlichen Möglichkeiten – das hat einen Sinn. Eine religionswissenschaftliche Fakultät43 dagegen hat wirklich keinen Sinn. Denn so gewiß das Wissen |157 um das Phänomen der Religion dem Historiker, dem Psychologen, dem Philosophen unentbehrlich ist, so gewiß sind alle diese Forscher in der Lage, allein und ohne theologischen Beistand dieses Wissen zu gewinnen und zu pflegen. Oder sollte etwa das sogenannte «religiöse Verständnis» ein Pachtgut des zufällig theologischen Historikers und Psychologen sein, der Profanwissenschaftler die Urkunden der Religion nicht mit derselben Liebe und Sachkunde zu studieren vermögen? Wenn das wirklich unsre Meinung sein sollte, daß Theologie aufzugehen habe in Religionswissenschaft, dann hätten wir das Daseinsrecht auf der Universität jedenfalls verwirkt. Denn Religion ist ein Phänomen so lehrreich, aber auch so fragwürdig wie andre. Zu wissen notwendig und zu wissen möglich, jawohl. Aber gerade darum: indem ich Religion als etwas Wissensmögliches studiere, gestehe ich ein, daß ich mich dabei in derselben Existenznot aller Wissenschaft befinde, wie wenn ich einen Käfer studiere. Neue, besondere, gewiß sehr merkwürdige Fragen mögen mich dann beschäftigen, aber Fragen, wie alle Fragen sind, Fragen, die auf eine letzte, ungelöste Frage zurückweisen, nicht die Frage, die nichts Anderes als die letzte Antwort ist, um deren willen Theologie, 164 einst die Mutter der ganzen Universität, immer noch, wenn auch etwas gesenkten Hauptes, als die erste, als etwas Besonderes neben den andern Fakultäten steht. Nicht den Finger gerührt habe ich zu jenem Wagnis, das die Andern, mögen sie von mir denken, was sie wollen, im Grunde von mir, dem Theologen erwarten.
Eine historische Anmerkung möge hier den Schluß bilden. Die Ahnenreihe, an der wir uns,
wenn die soeben aus dem Wesen der Sache entwickelten Gedanken maßgebend sind, zu
orientieren haben, läuft über
III.
Ich wende mich zu meinem zweiten Satz: Wir sind aber Menschen und können als
solche nicht von Gott reden. Wir denken an das Wort des Ältesten unsrer 166
Gewährsmänner: Ach Herr, Herr, ich tauge nicht zu predigen [
Ich sehe drei Wege, auf denen wir versuchen können, sie doch zu geben, und die alle drei
endigen mit der Einsicht, daß wir sie nicht geben können. Es ist der dogmatische, der
kritische und der dialektische Weg. Wobei zu bemerken ist, daß diese Unterscheidung nur
begrifflich zu vollziehen ist. In Wirklichkeit ist noch nie ein ernstzunehmender Theologe
nur den einen oder andern oder dritten gegangen.
Der erste ist der dogmatische Weg. Hier werden dem Menschen in richtiger Einsicht seiner Not und Frage, in mehr oder weniger ausdrücklicher Anlehnung an Bibel und Dogma die bekannten christologischen, soteriologischen und eschatologischen Gedanken vor Augen gestellt, die sich aus der einen These: Gott wird Mensch entwickeln lassen. Ich würde es, in Erinnerung an Luthers Predigten etwa, immer noch für besser halten, wenn man sich nicht anders zu helfen weiß, diesen Weg zu gehen, als etwa zurück[zu]kehren dazu, mit Hilfe der Geschichte, und wäre es die biblische Geschichte, Geistesleben und Frömmigkeit zu pflegen und so zu vergessen, wozu uns der Mensch nicht nötig hat, wo|162nach er uns aber in Wirklichkeit fragt, und daß wir als Theologen von Gott reden sollen. Gegen die Orthodoxie ist gewiß Manches zu erinnern; aber in ihr lebt jedenfalls eine kräftige Erinnerung an das, was überflüssig, und an das, was nötig ist, mehr als in manchem ihrer theologischen Gegner. Und das, und wahrhaftig nicht bloß Gewohnheit und Denkträgheit, ist denn auch sicher die Ursache, daß sie immer noch und immer wieder religiös und kirchlich und sogar politisch so wirksam ist. Der Spaten wird eben einfach auf jener Seite tiefer eingesetzt. Ferner ist zu bemerken, daß auch der überzeugteste Nicht-Orthodoxe stellenweise, und zwar gerade dann, wenn er von seinen gewohnten Psychologismen zu entscheidenden Mitteilungen übergehen will, wenn auch er, wenn auch fast wider Willen, statt von Frömmigkeit von Gott reden will, gar nicht 168 anders kann, als in dogmatischen Wendungen sich bewegen. Wenn eben einmal die entscheidende Einsicht gewonnen ist, daß nicht die Vergottung des Menschen, sondern die Menschwerdung Gottes das Thema der Theologie ist, ja wo diese Einsicht auch nur gelegentlich aufblitzt in einem Theologen, da gewinnt er Geschmack gerade an dem Objektiven, nicht als psychischer Vorgang zu Analysierenden in Bibel und Dogma, dann beginnt die ihm vorher als «supranaturalistisch» so verdächtige und mißliche Welt, in der er sich da befindet, allmählich, aber fast mühelos ihm verständlich und sinnvoll zu werden, dann sieht er ihre Gedanken sozusagen von innen oder von hinten, begreift, daß es so und nicht anders geschrieben stehen muß, manchmal bis auf entlegenste Winkel, von denen er sich nicht träumen ließ, daß er da noch heimisch werden könnte, bekommt eine gewisse Freiheit, sich in diesen ungewohnten Räumen zu bewegen, und ist vielleicht zuletzt soweit, das Apostolikum etwa mit allen seinen Härten einfach wahrer, tiefer und sogar geistreicher zu finden als das, was moderne Kurzatmigkeit an seine Stelle setzen möchte.
Aber freilich: von Gott kann man auch in den kräftigsten und lebendigst aufgefaßten
Supranaturalismen nicht reden, wir können auch so nur bezeugen, daß wir es gerne möchten.
Die Schwäche der Orthodoxie ist nicht der sogenannt supranaturalistische Inhalt der Bibel
und des Dogmas, das ist gerade ihre Stärke, wohl aber der Umstand, daß sie, daß wir,
sofern wir alle ein wenig Dogmatiker sind, nicht darüber hinauskommen, diesen Inhalt, und
wäre es auch nur das Wort «Gott», dinglich, gegenständlich, mythologisch-pragmatisch uns
selbst und den |163 Menschen gegenüberzustellen: da, das glaube
nun! Wir sind wohl alle schon bei
Der zweite Weg ist der kritische. Hier wird nun allerdings sehr
deutliche, erschreckend deutliche Anweisung zur Menschwerdung Gottes gegeben. Da wird dem
Menschen empfohlen, er habe, um Gottes teilhaftig zu werden, als Mensch zu sterben, aller
Eigenheit, Selbstheit, Ichheit |164 sich zu begeben52, ganz still, ganz einfach, ganz direkt zu werden, nur noch empfänglich schließlich
zu sein, wie die Jungfrau Maria, als der Engel zu ihr trat: Ich bin des Herrn Magd, mir
geschehe, wie du gesagt hast [
Aber auch so kann man von Gott nicht reden. Denn daß das nun Gott sei, was da den
Menschen, ihn selber vernichtend, erfüllen will, dieser Abgrund, in den der Mensch sich
stürzen, diese Finsternis, in die er sich begeben, dieses Nein, unter das er sich stellen
soll, daß das alles Gott sei, das pflegten die Mystiker und wir alle,
sofern wir auch ein wenig Mystiker sind, mit ihnen zwar zu behaupten,
wir sind aber nicht in der Lage, es zu zeigen. Der Inhalt der Botschaft,
dessen wir sicher sind, das, was wir zeigen können,
das ist immer nur die Negation, die Negativität des Menschen. Und wenn wir nun daran
denken, daß der Mensch von dieser Negativität seiner Existenz, von diesem Fragezeichen
jenseits aller seiner Lebensinhalte ja gerade herkommt, so muß es uns
doch stutzig machen, daß wir auf dem kritischen Wege eigentlich nichts Anderes tun, als
daß wir ihm dieses Fragezeichen irgendwie riesengroß machen. Gewiß, das wird immer wieder
gut sein, ihn darüber zu verständigen, daß die Frage, mit der er sich an uns gewandt hat,
noch ganz anders radikal ist, als er sich in den zufälligen Verlegenheiten seines Lebens
einbildete, immer wieder gut, seine Kultur und Unkultur in das blendende Licht des
unendlichen Abstandes von Schöpfer und Geschöpf56 zu rücken und |166 ihm so klar zu machen, was er eigentlich will, wenn er in
seiner Not nach Gott schreit. Aber vergessen wir nicht: keine Negation, die wir ihm
empfehlen können (und wenn wir ihm Selbstmord empfehlen würden!), ist so groß, so
prinzipiell wie die Negation, auf die alles Negieren doch nur hinzielen
kann, die Negation, die unmittelbar erfüllt ist von der Positivität Gottes. Über eine
gewaltige Verschärfung der Frage als Frage kommen wir mit der schärfsten Kritik des
Menschen nicht hinaus. Das heißt nur noch 171 einmal den Ort bezeichnen, richtig
bezeichnen allerdings, den Ort, wo von Gott allenfalls die Rede sein kann, wenn man den
Menschen in Frage stellt. Das heißt aber noch nicht von Gott reden. Das ist’s noch nicht.
Auch der Angriff
Der dritte Weg ist der dialektische. Er ist, nicht nur weil er der
pauli|167nisch-reformatorische ist, sondern wegen
seiner sachlichen Überlegenheit, weitaus der beste. Die großen Wahrheiten des dogmatischen
und des kritischen Weges sind hier vorausgesetzt, aber auch die Einsicht in ihre
Stückhaftigkeit, in ihre bloß relative Zulänglichkeit. Hier ist mit dem positiven
Entfalten des Gottesgedankens einerseits und mit der Kritik des Menschen und alles
Menschlichen andrerseits von vornherein Ernst gemacht; aber beides darf nun nicht
beziehungslos geschehen, sondern unter beständigem Hinblick auf ihre gemeinsame
Voraussetzung, auf die lebendige, selber freilich nicht zu benennende Wahrheit, die in der
Mitte steht und beiden, der Position und der Negation, erst Sinn und Bedeutung gibt. Daß
Gott (aber wirklich Gott!) Mensch (aber wirklich Mensch!) wird, das ist da gleichmäßig
gesehen als jenes Lebendige, als der entscheidende Inhalt eines wirklichen
Von-Gott-Redens. Wie aber soll nun die notwendige Beziehung von beiden Seiten auf diese
lebendige Mitte hergestellt werden? Der echte Dialektiker weiß, daß diese Mitte unfaßlich
und unanschaulich ist, er wird sich also möglichst selten zu direkten Mitteilungen58 darüber hinreißen lassen, wissend,
daß alle direkten Mitteilungen darüber, ob sie nun positiv oder negativ
seien, nicht Mitteilungen darüber, sondern eben immer
entweder Dogmatik 172 oder Kritik sind. Auf diesem
schmalen Felsengrat kann man nur gehen, nicht stehen, sonst fällt man herunter, entweder
zur Rechten oder zur Linken, aber sicher herunter. So bleibt nur übrig, ein
grauenerregendes Schauspiel für alle nicht Schwindelfreien, Beides, Position und Negation,
gegenseitig aufeinander zu beziehen, Ja am Nein zu verdeutlichen und
Nein am Ja, ohne länger als einen Moment in einem starren Ja oder Nein
zu verharren, also z. B. von der Herrlichkeit Gottes in der Schöpfung nicht lange anders zu
reden als (in Erinnerung an
173 Der Zuschauer freilich, ein «Flachlandbewohner»61 wahrscheinlich, |169 steht
verblüfft daneben und merkt von Allem nichts, jammert jetzt über Supranaturalismus62 und jetzt über Atheismus, sieht
jetzt den alten
Ja vielleicht, aber vielleicht auch nicht66, vielleicht nicht einmal dem Zuschauer
gegenüber! Denn auch das dialektische Reden leidet an einer in der Sache liegenden
Schwäche. Sie zeigt sich darin, daß der Dialektiker, wenn er überzeugen will, darauf
angewiesen ist, daß ihm auf Seiten seines Unterredners die Frage nach Gott schon entgegenkommt. Redete er wirklich von 174 Gott, gäbe er also die Antwort,
die zugleich die Frage ist, dann dürfte die Situation nicht eintreten, daß er seinen
Unterredner kopfschüttelnd stehen lassen muß mit dem Bescheid, er habe eben die rechte
Frage noch nicht. Er würde besser über sich selbst den Kopf schütteln, daß er offenbar die rechte Antwort noch nicht habe, die Antwort, die
dann auch die Frage des Unterredners wäre. Sein Reden |171 beruhte
eben auf einer schwerwiegenden Voraussetzung, nämlich auf der Voraussetzung jener
lebendigen, ursprünglichen Wahrheit dort in der Mitte. Sein Reden selbst aber war nicht
ein Setzen dieser Voraussetzung, konnte und durfte es ja auch nicht sein, sondern ein
Bejahen und Verneinen, das sich freilich auf diese Voraussetzung, auf diesen Ursprung
bezog, aber zunächst doch auch das nur in Form einer Behauptung, daß dem
so sei. Eindeutig klang die Behauptung zur Rechten, eindeutig die zur
Linken, und zweideutig, sehr zweideutig die zusammenfassende Behauptung,
daß mit Behauptung links und Behauptung rechts schließlich dasselbe behauptet sei. Wie kommt es dazu, daß menschliches Reden in notwendiger, in zwingender Weise
bedeutsam, zeugniskräftig wird?, das ist das Problem, das sich auf dem Boden der
dialektischen Methode darum besonders lebhaft stellt, weil hier alles getan ist, was getan
werden konnte, um es bedeutsam und zeugniskräftig zu machen. Denn wenn
dialektisches Reden sich als bedeutsam und zeugniskräftig erwies – und an einigen
Unterrednern
Aber diese Möglichkeit, die Möglichkeit, daß Gott selbst spricht, wo von ihm gesprochen wird, liegt nicht auf dem dialektischen Weg als solchem, sondern dort, wo auch dieser Weg abbricht. Den Behauptungen des Dialektikers kann man sich, wie der Augenschein lehrt, auch entziehen. Der Dialektiker als solcher ist nicht besser dran als der Dogmatiker und der Kritiker. Ihre eigentliche 175 Schwäche, ihr Unvermögen, wirklich von Gott zu reden, ihr Zwang, immer von etwas Anderem reden zu müssen, das alles erscheint sogar beim Dialektiker potenziert: gerade weil er alles sagt und alles im Hinblick auf die lebendige Wahrheit selbst, muß ihm die unvermeidliche Abwesenheit dieser lebendigen Wahrheit in seinem Alles-Sagen nur um so schmerzlicher zum Bewußtsein kommen. Und auch wenn nun jenseits seines Alles-Sagens das ge|172schehen sollte, was Allem erst Sinn und Wahrheit gibt, auch wenn nun Gott selbst seinem Unterredner das Eine sagen sollte, sein eigenes Wort, auch dann, ja gerade dann ist er, der Dialektiker, als solcher ins Unrecht gesetzt und kann nur bekennen: Wir können nicht von Gott reden. Denn daß Gott selbst spricht, das kann auch jenseits dessen geschehen, was die Andern, der Dogmatiker und der Kritiker und vielleicht noch viel primitivere Gottesredner sagen. Es ist ja nicht einzusehen, wieso etwa gerade die dialektische Theologie vorzüglicherweise in der Lage sein sollte, auch nur bis unmittelbar vor diese nur von innen zu eröffnende Pforte zu führen. Wenn sie etwa wähnen sollte, eine besondere Höhe zu bedeuten, wenigstens als Vorbereitung auf das, was Gott tut, so möge sie sich klar machen, daß ein simples direktes Wort des Glaubens und der Demut dazu denselben Dienst tun kann wie sie mit ihren Paradoxien. Im Verhältnis zum Reiche Gottes kann alle Pädagogik gut und alle schlecht sein – ein Schemel hoch genug und die längste Leiter zu kurz, um das Himmelreich zu stürmen.
Und wer das Alles nun etwa eingesehen, die Möglichkeiten aller dieser Wege (ich nannte nur die, die ernsthaft in Betracht kommen) durchprobiert haben sollte – und klar oder unklar hat jeder Theologe diese Einsicht und Erfahrung –, sollte der nicht in Bedrängnis sein?
IV.
Mein dritter Satz lautet: Wir sollen Beides, daß wir von Gott reden sollen und nicht können, wissen und eben damit Gott die Ehre geben. Zu diesem Satz ist nicht viel zu bemerken. Er kann nur als Schlußstrich dastehen und bedeuten, daß alles so gemeint ist, wie es gesagt ist.
Das Wort Gottes ist die ebenso notwendige wie unmögliche Aufgabe der Theologie. Das ist das Ergebnis des Bisherigen, und das Bisherige ist das Ganze, was ich zu diesem Thema zu sagen 176 habe. Was nun, angesichts dieses Ergebnisses? Zurückkehren in die Niederungen, wo man scheinbar Theologe und in Wirklichkeit etwas ganz Anderes ist, etwas, was die Anderen auch sein könnten und wozu sie uns im Grunde nicht brauchen? Ich fürchte, auch wenn wir eines solchen Gewaltakts fähig wären, die Logik der Sache würde uns bald eben dahin zurückführen, wo wir stehen. Oder vom redenden zur Abwechslung zum schweigenden Dienst67 übergehen? Als ob es etwa leichter und möglicher wäre, |173 vor Gott (wirklich vor Gott) zu schweigen, als von ihm zu reden! Was soll das Spiel? Oder der Theologie Valet sagen, unser Amt an den Nagel hängen und irgend etwas von dem werden, was die glücklichen Andern sind? Aber die Andern sind nicht glücklich, sonst wären wir nicht da. Die Bedrängnis unsrer Aufgabe ist nur das Zeichen der Bedrängnis aller menschlichen Aufgaben. Wenn wir es nicht wären, müßten eben andere Theologen sein unter denselben Umständen. Die Frau kann auch nicht von den Kindern weglaufen und der Schuster nicht von seinem Leisten, und wir können überzeugt sein, daß die Dialektik etwa der Kinderstube nicht minder angreifend ist als die Dialektik unsrer theologischen Studierstube. Die Theologie aufgeben hat so wenig Sinn wie sich das Leben zu nehmen; es wird nichts, gar nichts anders dadurch. Also ausharren, nichts weiter. Wir sollen eben Beides, die Notwendigkeit und die Unmöglichkeit unsrer Aufgabe wissen. Was heißt das?
Den Blick fest und unverwandt auf das richten, was von uns erwartet ist, da wir nun einmal dahingestellt sind, wo wir stehen. Was daraus wird und ob man mit uns zufrieden ist, sind keine Fragen. Einordnen läßt sich unsre Aufgabe in das Ganze des bekannten Menschenlebens, in Natur und Kultur nur dort, wo die Frage entsteht, wie sich dieses Ganze etwa seinerseits in die Welt und Schöpfung Gottes einordne. Diese Frage kann vom Menschen aus gesehen immer nur eine Frage sein. Einordnen läßt sich also unsre Aufgabe nur als das Nichteinzuordnende. Von daher die Logik, der kategorische Imperativ der Sachlichkeit68, der unserm Beruf innewohnt so gut wie jedem Beruf, der nun aber für unsern Beruf diesen Inhalt hat. Mehr kann nicht von uns verlangt werden, als daß wir diesen kategorischen Imperativ starr ins Auge fassen, wie z. B. jeder Eisenbahnbeamte es auch tun muß. Das aber ist von uns verlangt.
Und ebenso genau ist zu bedenken, daß es mit unsrer Aufgabe so steht, daß von Gott nur
Gott selber reden kann. Die Aufgabe 177 der Theologie ist das Wort
Gottes. Das bedeutet die sichere Niederlage aller Theologie und aller Theologen. Auch hier gilt es, dem, was zu sehen ist, nicht
auszuweichen, nicht links noch rechts auszublicken nach einer von den vielen erbaulichen
oder unerbaulichen Verschleierungen und |174 Bemäntelungen des
Tatbestandes, die allerdings möglich sind. Wir müssen uns klar sein darüber, daß wir, und
wenn wir
Dreierlei möchte ich zum Schluß noch sagen.
1. Fast wage ich es nicht und wage es nun doch zu hoffen, daß Niemand nachher komme und mich frage: Ja, was sollen wir denn nun tun? wie denkst du dir’s nun, was in der Kirche und auf der Universität zu geschehen hätte, wenn das die Situation ist? Ich habe Ihnen keine Vorschläge zu unterbreiten, weder über die Reform des Pfarramts noch über die Reform des theologischen Wissenschaftsbetriebes. Es handelt sich nicht darum. Es scheint mir, daß wir nicht darüber reden sollten, was zu tun ist, wenn unsre Situation die ist, sondern darüber, ob wir anerkennen wollen, daß unsre Situation die ist, die hier gezeichnet wurde. Auf Grund dieser Anerkennung würde dann vielleicht in der Kirche und auf der Universität Einiges anders zu machen sein, als es gemacht wird. Vielleicht auch nicht. Nur auf Grund jener Anerkennung wäre ein Gespräch darüber möglich und nützlich. Aber noch einmal: es kommt jetzt nicht darauf an.
2. Unsere Bedrängnis ist auch69 unsre Verheißung. Wenn ich das sage, so ist es ein dialektischer Satz wie ein andrer. Und wir wissen nun,
wie es mit der Dialektik steht. Da kann Jeder sagen: ich danke für eine Verheißung, die
ich nur als Bedrängnis erfahren kann!, und ich kann ihm nicht antworten. Aber es könnte ja
sein, daß nicht nur ich das sage, daß unsre Bedrängnis unsre Verheißung
ist. Es könnte ja sein, daß das die lebendige Wahrheit wäre, die über Ja und Nein ist, die
Wirklichkeit Gottes, über die 178 ich nicht zu verfügen habe mit einer dialektischen Um|175kehrung, in der es aber aus eigener Macht und Liebe
verfügt sein könnte, daß Verheißung eingegangen ist in unsre Bedrängnis, daß das Wort, das
Wort Gottes, das wir nie sprechen werden, angenommen hat unsre Schwachheit und
Verkehrtheit, so daß unser Wort in seiner Schwachheit
und Verkehrtheit fähig geworden wäre, wenigstens Hülle und irdenes Gefäß [vgl.
3. Ich habe das eigentliche Thema meiner Darlegungen einigemal berührt, aber nie ausdrücklich genannt. Alle meine Gedanken kreisten um den einen Punkt, der im Neuen Testament Jesus Christus heißt. Wer «Jesus Christus» sagt, der darf nicht sagen: «es könnte sein», sondern: es ist. Aber wer von uns ist in der Lage, «Jesus Christus» zu sagen? Wir müssen uns vielleicht begnügen mit der Feststellung, daß Jesus Christus gesagt ist von seinen ersten Zeugen. Auf ihr Zeugnis hin zu glauben an die Verheißung und also Zeugen von ihrem Zeugnis zu sein, also Schrifttheologen, das wäre dann unsre Aufgabe. Mein Vortrag ist alttestamentlich gemeint und reformiert. Ich habe ja als Reformierter – und nach meiner Meinung natürlich nicht nur als das – die Pflicht, gegenüber dem lutherischen est70 wie gegenüber der lutherischen Heilsgewißheit71 eine gewisse letzte Distanz zu wahren. Ob die Theologie über die Prolegomena zur Christologie je hinauskommen kann und soll? Es könnte ja auch sein, daß mit den Prolegomenen Alles gesagt ist.