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        <title type="volume" n="vol-01">Karl Barth – Rudolf Bultmann. Briefwechsel 1911–1966</title>
        <title type="formal">Brief Nr. 75</title>
        <title type="content">Rudolf Bultmann an Karl Barth</title>
        <title type="citation_line_1">Rudolf Bultmann an Karl Barth, 14. Juni 1931</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/1077 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Karl Barth – Rudolf Bultmann. Briefwechsel 1911–1966, hrsg. v. Jaspert, Bernd (Gesamtausgabe, Abt. V), Zürich 1994, S. 119–122.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Karl Barth – Rudolf Bultmann. Briefwechsel 1911–1966</title>
          <title type="text">Brief Nr. 75: Rudolf Bultmann an Karl Barth</title>
          <author ref="kbga-actors-512">Bultmann, Rudolf</author>
          <editor>Jaspert, Bernd</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1994</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 119-122</biblScope>
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe V.1, Karl Barth Rudolf Bultmann Briefwechsel 1911-1966, letter 75</title>
          <author ref="kbga-actors-512">Bultmann, Rudolf</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Rudolf Bultmann an Karl Barth, 14. Juni 1931. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/17874">KBA 9125.266</ref>. </bibl>
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        <head>75</head>
        <opener>
          Bultmann
          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-41">Marburg</placeName>, <date when="1931-06-14">14.VI.1931</date>
                    </dateline>
          <salute>Lieber Herr <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName>!</salute>
        </opener>
        <p>Dafür, daß Sie mir so ausführlich geschrieben haben, danke ich Ihnen herzlich. Der Inhalt
          Ihres Briefes hat mich freilich schmerzlich bewegt.</p>
        <p>1.) Bei Ihrem Verhalten in der Frage des Kirchenvertrags hat mir eben gerade das den
          Anstoß gegeben, daß Sie die Sache «nicht eben aus großer Nähe» betrachtet haben. Wenn uns
          Ihr Münsterer Kollege <persName ref="kbga-actors-364">Schmidt</persName><note xml:id="n01">
                        <persName ref="kbga-actors-364">Friedrich Wilhelm Schmidt</persName>.</note> richtig
          informiert hat, haben Sie als Münsterer
            Dekan<note xml:id="n02">
                        <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> war im Wintersemester 1929/30 Dekan der
            <orgName ref="kbga-actors-5258">Ev.-Theol. Fakultät in Münster</orgName> und gab
            dieses Amt offiziell am <date when="1930-04-15">15.4.1930</date> an <persName ref="kbga-actors-364">Friedrich Wilhelm Schmidt</persName> ab.</note> Ihre <orgName ref="kbga-actors-5258">Fakultät</orgName> nicht einmal von der
          Korrespondenz und dem Stand der Dinge unterrichtet, sodaß dieser (<persName ref="kbga-actors-364">Schmidt</persName>) völlig ahnungslos nach <placeName ref="kbga-places-179">Breslau</placeName><note xml:id="n03">Zum <orgName ref="kbga-actors-8295">Fakultätentag der Ev.-Theol. Fakultäten Deutschlands</orgName> am
              <date when="1930-10-09">9.10.1930</date>.</note> kam.<note xml:id="n04">Randanstreichung und
            Fragezeichen mit Rotstift von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> bei diesem Satz.</note> Daß Sie selbst nicht über
          den Stand der Dinge unterrichtet waren, zeigt mir in Ihrem Briefe wieder, was Sie über den
          von uns vorgeschlagenen außerordentlichen <orgName ref="kbga-actors-8295">Fakultätentag</orgName> schreiben. Denn wenn wir dort natürlich auch unsere Marburger
            Stellungnahme<note xml:id="n05">Siehe <ref type="pub" target="1076#fn_n05">Nr. 74, Anm. 5</ref>.</note> hätten theologisch begründen müssen, so war
          sein Sinn doch keineswegs der einer theologischen Diskussion. Wir wollten einmal die auf
          dem Breslauer <orgName ref="kbga-actors-8295">Fakultätentag</orgName> von <date when="1930">1930</date> zu
          Unrecht ignorierten oder verletzten Beschlüsse des vorhergehenden Marburger Tages (von 1929, wenn ich nicht irre<note xml:id="n06">
                        <date when="1929-09-16">16.9.1929</date>.</note>) wieder zur Geltung bringen, und wollten sodann die
          anderen Fakultäten informieren, da diese fast durchweg gar nicht wußten, wie die
          kirchenpolitische Lage in [der] Provinz <placeName ref="kbga-places-611">Hessen</placeName> war und welchen Sinn unsere Beschlüsse hatten. Sie haben unsern
          «Kirchenaustritts»-Entschluß als «Drohung» aufgefaßt; es ist klar, daß er so wirken konnte
          und vielleicht auf Außenstehende so wirken mußte. Er war nicht so gedacht, und darüber war
          den Instanzen, denen er mitgeteilt war, kein Zweifel gelassen. Sie wußten außerdem gar
          nicht, was mit unserm «Kirchenaustritt» gemeint war, <pb xml:id="p120" ed="pga"/> und ich
          habe jetzt auch nicht die Absicht, Sie darüber aufzuklären. — Wenn <persName ref="kbga-actors-367">K. L. Schmidt</persName> Ihnen etwa unsern Briefwechsel gezeigt
          hat, so werden Sie wissen, daß <persName ref="kbga-actors-367">K. L. Schmidt</persName>
          über wichtige (wenigstens für uns wichtige) Vorgänge auch nicht unterrichtet war und mir
          in einigen Briefen<note xml:id="n07">Briefe bisher nicht aufzufinden.</note>
          hintereinander Dinge vorwarf, die wir getan oder unterlassen haben sollten, — was eben nur
          infolge von Unkenntnis geschehen konnte. Wir wünschten, alle Kollegen genau zu
          unterrichten; es wurde uns durch die Ablehnung des <orgName ref="kbga-actors-8295">Fakultäten-Tages</orgName> unmöglich gemacht.
          (Die nachher vom Minister nach <placeName ref="kbga-places-8">Berlin</placeName> gerufene
            Zusammenkunft<note xml:id="n08">Unklar, welche Zusammenkunft gemeint ist, da zwei
            Besprechungen des Ministers <orgName ref="kbga-actors-8245">für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung</orgName> bzw. der
            Ministerialdirektoren mit den fünf Marburger
            Professoren stattfanden: <date when="1931-01-12">12.1.</date> und <date when="1931-01-27">27.1.1931</date>.</note> hatte ja
          einen ganz andern Zweck, der ihr eben vom Minister gegeben war.)</p>
        <p>War es uns und besonders mir schmerzlich, daß Sie eine Sache leicht nahmen, die uns ernst
          war, und habe ich schon das nicht verstanden, daß Sie, der Sie <foreign xml:lang="lat">Quousque tandem</foreign><note xml:id="n09">Siehe <ref type="pub" target="1066#fn_n01">Nr. 64, Anm. 1</ref>.</note> geschrieben hatten, keine Notiz davon nahmen, <hi rend="italic">wie</hi>
          sich die Kirchenleitungen in der Vertrags-Sache benommen haben, — nun, so war das Ihre
          Sache. Was ich aber vollends nicht verstand (und weshalb ich denn auch mich verwundert
          fragte, warum Sie nicht einmal eine Frage an mich richteten), ist dies, daß Sie, wie ich
          durch <persName ref="kbga-actors-367">K. L. Schmidt</persName> erfuhr<note xml:id="n10">Die Worte «wie ich … erfuhr» von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> rot unterstrichen.</note>, derjenige waren, der
          sich in der <orgName ref="kbga-actors-8207">Bonner Fakultät</orgName> am schärfsten
          gegen uns ausgesprochen hatte und der den Brief, der die Ablehnung unserer Wünsche
          enthielt, geschrieben hatte in einer scharfen Form, die <persName ref="kbga-actors-367">K.
            L. Schmidt</persName> (nach dessen Mitteilung) noch milderte.<note xml:id="n11">Brief
            vom <date when="1931-01-28">28.1.1931</date>; s. <ref type="pub" target="1131">Anh. 19 II;</ref> vgl. <ref type="pub" target="1076#fn_n06">Nr. 74, Anm. 6</ref>. — Die Worte «die <persName ref="kbga-actors-367">K.
              L. Schmidt</persName> … milderte» von <persName ref="kbga-actors-2151">Barth</persName> rot unterstrichen. Außerdem
            Randanstreichung ab «wie ich durch <persName ref="kbga-actors-367">K. L.
              Schmidt</persName> erfuhr» bis Satzende.</note>
        </p>
        <p>2.) Was die <orgName ref="kbga-actors-8270">Marburger Oktober-Zusammenkunft</orgName>
          betrifft, so meinte ich keinen Zweifel daran gelassen zu haben, daß wir Sie zunächst zur
          Diskussion mit unserm Marburger Kreis
          einluden, und ich meinte, Sie hätten das auch verstanden, wenn Sie mir am <date when="1930-02-17">17.
            Februar 1930</date> antworteten, daß ich Ihnen «in Bismarckscher Weise ans Portepee gegriffen» habe, und daß Sie nun keine
          andere Wahl hätten, als zuzusagen. Da <persName ref="kbga-actors-137">Gogarten</persName>
          ja auch sein Kommen in Aussicht gestellt hatte, so hielt ich die <pb xml:id="p121" ed="pga"/> Gelegenheit für günstig, zugleich ein Zusammentreffen der <foreign xml:lang="grc" rend="Ell">στῦλοι</foreign><note xml:id="n12">Siehe <ref type="pub" target="1070#fn_n02">Nr. 68, Anm. 2</ref>.</note> zu veranstalten. Daß dieses für Sie die Hauptsache war, nehme ich
          Ihnen natürlich nicht übel; daß Sie aber um deswillen uns Marburger im Stich ließen (als eben aus dem für Sie Wichtigsten nichts
          wurde), habe ich nicht verstanden. Oder vielmehr, ich habe es verstehen zu müssen geglaubt
          aus dem Mißtrauen und der Antipathie, die Sie gegen uns und unsere Arbeit haben. Leider
          wird mir das durch Ihren jetzigen Brief bestätigt. Ich weiß nicht, wodurch wir Sie zu dem
          Mißtrauen gebracht haben, als wollten wir Sie «verhören», und ich finde es unfreundlich,
          unsere Absicht, mit Ihnen ernsthaft zu diskutieren, so zu charakterisieren. Meinen Sie
          nicht, daß es mir ernst damit ist, endlich zu hören, was Sie eigentlich gegen meine Arbeit
          haben? wo eigentlich der Punkt ist, an dem der Gegensatz erwächst, und in dem ich
          möglicher Weise irre? wie Sie die Vorwürfe, die jetzt Ihr Brief ausspricht, eigentlich
          begründen? Und meinen Sie, es sei meinen Schülern und Freunden weniger ernst? Mein
          «eigentümliches Marburger Selbstbewußtsein»
          sagt mir, daß in meinem Marburger Kreis die
          Schul-Orthodoxie die geringste ist. Und ich möchte meinen, daß unser von Ihnen getadeltes
          Selbstbewußtsein darauf beruht, daß wir uns unserer Offenheit und des Forschungscharakters
          theologischer Arbeit bewußt sind. Wir verstehen es deshalb auch nicht, warum Sie meinen,
          ehe Sie zur Diskussion mit uns kommen, müßten Sie sicher sein, mich verstanden zu haben.
          Sollte sich nicht das gegenseitige Verstehen gerade in der Diskussion vollziehen können?
          Wir wenigstens haben Sie deshalb gebeten, damit wir in der Auseinandersetzung mit Ihnen
          Sie (und übrigens auch uns selbst) besser verstehen lernen. — Nun, vielleicht fällt schon
          diese Auffassung eines theologischen Gesprächs unter Ihr <hi rend="italic">sachliches</hi>
          Verdammungsurteil, weil Sie meinen: solche Diskussion sei von vornherein untheologisch.
          Ich weiß es nicht. In der Ablehnung einer «Redeschlacht» sind wir jedenfalls mit Ihnen
          einig, aber wir sehen allerdings nicht ein, daß das Bemühen um echte theologische Begriffe
          nicht ein sachgemäßes theologisches Anliegen sein, sondern in die «Redeschlacht» führen
          soll.</p>
        <p>Kurz: es war uns schmerzlich und ist uns nach Ihrem Briefe doppelt schmerzlich, daß Sie
          nicht zu uns kamen. Ich kann nun nur hoffen, daß Sie Ihre Kritik an uns und Ihre
          Überzeugung von meinem Verrat an der <pb xml:id="p122" ed="pga"/> Theologie <hi rend="italic">öffentlich</hi> aussprechen. Ich glaube, das wäre ein Dienst an der gegenwärtigen
          theologischen Diskussion. Für die Leute, die sich etwa über diesen Streit im eigenen Hause
          der dialektischen Theologie freuen würden, habe ich von vornherein keine Ohren. Aber mir
          scheint alles daran zu liegen, daß der Gegensatz zum Austrag kommt. — Nun, vielleicht
          werden Sie denken, daß ich uns Marburger zu
          ernst nehme. Mag es sein! wir müssen jedenfalls unsern Weg gehen und werden nicht
          aufhören, Sie dabei ernst zu nehmen.</p>
        <closer>
          <salute>Mit herzlichen Grüßen von Haus zu Haus</salute>
          <salute>Ihr</salute>
          <signed>
            <persName ref="kbga-actors-512">Rudolf Bultmann</persName>
          </signed>
        </closer>
        <postscript>
                    <p>Dankbar gedachten wir bei unserer Pfingstwanderung mit den Kindern im unteren <placeName ref="kbga-places-246">Lahntal</placeName> und am <placeName ref="kbga-places-295">Rhein</placeName> Ihrer <rs type="person" ref="kbga-actors-26">Frau</rs>, die im
          vorigen Jahr so freundlich unsere <persName ref="kbga-actors-242">Antje</persName> und
            <persName ref="kbga-actors-94">Gesine</persName> mitnahm!</p>
                </postscript>
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