Brief Nr. 68 · 14. Juli 1930

Rudolf Bultmann an Karl Barth

106

68

Lieber Herr Barth!

Ich hätte Ihnen früher schreiben sollen; aber die letzten Wochen waren für mich gehetzt und angreifend. Zu der vielen Arbeit kam die Krankheit meiner Frau, die immer noch in der Klinik liegt, aber hoffentlich in dieser Woche endlich wieder nach Hause kommen kann.

Wie steht es nun mit dem Datum unserer Herbst-Zusammenkunft? Wir können die Tagung «alter Marburger Theologen» nicht anders als auf Ende Oktober ansetzen, wie in den letzten Jahren auch, 1.) wegen der Herbstferien der Religionslehrer, die dazu kommen, 2.) wegen der älteren Studenten, für die die Reise zu unserer Tagung zugleich die Reise ins Semester ist. Dazu kommt in diesem Jahre 3.) daß ich bis gegen Ende Oktober auf Reisen muß.1

107 Wie steht es nun mit Thurneysen und Brunner? Werden diese Ende Oktober kommen können? Sonst müßten wir die Zusammenkunft der στῦλοι2 in den September verlegen. Daß Sie mit diesem Plan umgehen, scheint mir eine Karte von Gogarten zu zeigen, der mich fragte, ob es richtig sei, daß im September die Marburger Zusammenkunft stattfinde. Mir wäre das recht; denn ich bin im September hier. Es ergibt sich daraus nur die Notwendigkeit, die Zusammenkunft der στῦλοι von der der ἐκκλησία3 zu trennen, und das würde für Sie die Notwendigkeit einer zweimaligen Reise nach Marburg bedeuten. Ich hoffe, daß das für Sie keine zu große Zumutung wäre, zumal ich hoffe, daß die ἐκκλησία die Reisekosten für Sie aufbringt. Bitte, schreiben Sie doch bald, wie Sie über die Frage denken.

Herzliche Grüße von Haus zu Haus!
Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
Bultmann fuhr zusammen mit seiner Frau Helene, geb. Feldmann (26.10.1892–1.4.1973), am 28.9.1930 zum 3. deutschen evangelischen Theologentag (5.-8.10.1930) nach Breslau. Dort hielt er am 6. Oktober den Vortrag Der Begriff des Wortes Gottes im Neuen Testament, später veröffentlicht in: GuV I, S. 268–293 📖; vgl. Deutsche Theologie III. Vom Worte Gottes. Bericht über den 3. deutschen Theologentag …, hrsg. von E. Lohmeyer, Göttingen 1931, S. 14–23. 📖 Vom 10. bis 21. Oktober reiste er dann mit seiner Frau zu Vorträgen und Vorlesungen in skandinavische Universitätsstädte. In Uppsala, Oslo und Kopenhagen wiederholte er seinen Breslauer Vortrag und sprach in den beiden erstgenannten Städten außerdem über Die Christologie des Neuen Testaments (= GuV I, S. 245–267) und über Das Urchristentum und die Religionsgeschichte (unveröffentlicht); dies letzte Referat hielt er auch vor der Religionswissenschaftlichen Vereinigung in Stockholm und vor der Theologischen Vereinigung in Lund, wo er auch mit Prof. Erling Eidem, dem späteren Erzbischof von Lund, zusammentraf. Nach der Reise ließ Bultmann durch die ThBl, Jg. 9 (1930), Sp. 308 📖, wissen: «Der nordischen Gastfreundschaft, die dem Vortragenden außer den Kollegen und Pfarrern auch der Erzbischof Dr. Söderblom und die Rektoren der Universitäten Uppsala und Oslo erwiesen, muß besonders dankbar gedacht werden. Für den ausländischen Gast war auch die Teilnahme an der Doktordisputation Dr. R. Asting’s in Oslo und ebendort an der Feier für den klassischen Philologen Dr. G. Rudberg, dessen Bronze-Portrait-Relief in der Universität bei seinem 50. Geburtstag enthüllt wurde, eindrucksvoll und lehrreich.»↩
2
Barth, Brunner, Bultmann, Gogarten und Thurneysen.↩
3
D.h. von der Tagung der «alten Marburger».↩