Brief Nr. 39 · 3. Dezember 1925

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Bultmann!

Mit Vergnügen erfahre ich soeben, daß auch Sie im Januar nach Danzig kommen werden.1 Sie werden sehen, es ist sehr schön dort, der Bi|61schof Kalweit ist ein vortrefflicher, aufgeschlossener2 Mann, mit dem sich gut reden läßt, und wenn es uns irgendwie gegeben ist, dem Volk gute Speise zu bieten, so müssen das gute Tage werden. Natürlich wollen wir uns dann in Hannover oder Berlin oder an einem andern Kreuzweg treffen3, um uns die weite Reise durch angenehmes Schnacken bei verschiedenen Pfeifen Tabak abzukürzen (vergessen Sie ihre Bremer Importen4 nicht!). Meine Frau war sehr dagegen, daß ich annahm; sie wird nun auch einsehen, daß es sein mußte. — Ich sitze immer noch allein hier. Der verwünschte Häuserhandel ist hier wie in Göttingen noch immer nicht geklärt. Unterdessen exegesiere ich Johannes5, bin aber erst bis zu v 15 vorgedrungen. Die Mandäerparallelen erwähne ich so gewissenhaft als ich kann6, aber ohne Gewinn, weil mir auch hier (der Stein rollt ohne mein Zutun) der Text, wie er einmal dasteht, merkwürdiger ist als alles das Teufelszeug, was wahrscheinlich dahinter steht. Unsere Petersoniaden werden sehr schön beieinander stehen.7 Ich habe zu der meinigen noch die Anmerkung hinzugefügt, die Ihrige und sie seien unabhängig von einander entstanden und nicht miteinander verglichen worden.8

Grüßen Sie Ihre Frau und seien Sie selbst bestens gegrüßt von
Ihrem
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Zu einem theologischen Fortbildungskurs für Pfarrer und Religionslehrer, 4.-8.1.1926, den der Studiendirektor des Posener Evangelischen Predigerseminars, Pastor Schneider, organisierte. Die Leitung hatte an den ersten beiden Tagen der Danziger Generalsuperintendent D. Dr. Kalweit (Barth bezeichnet ihn scherzhaft als «Bischof»), an den übrigen Tagen dessen Posener Amtskollege. Barth referierte über Philipper 3, Bultmann sprach über den Sinn der neutestamentlichen Eschatologie. Diesen Vortrag hatte Bultmann schon im Sommer 1925 unter dem Titel Die Bedeutung der Eschatologie im Neuen Testament in Tübingen gehalten (in gekürzter und überarbeiteter Fassung 1928 veröffentlicht; s. Nr. 51, Anm. 5). Die übrigen Danziger Referate hielten Franz Rendtorff (Leipzig): Die Kirche; Die Taufe; Die Konfirmation, und Hans Schmidt (Gießen): Das Neujahrsfest im Alten Bunde nach den Psalmen; Die Alkoholfrage im Alten Testament; Das Problem des Leides im Alten Testament.↩
2
Von Bultmann mit Bleistift unterstrichen.↩
3
Nach mündlicher Mitteilung Prof. Bultmanns vom 7.5.1970 an den Herausgeber traf er sich «Anfang Januar mit Barth in Berlin, wo wir in einem bekannten Feinschmeckerlokal gut aßen. Barth trank kühles Bier, ich gewärmten Rotwein. Das wolle er mir austragen, sagte er. — Dann fuhren wir gemeinsam nach Danzig.» Vgl. Bw.Th. II, S. 400. 📖↩
4
Zigarren.↩
5
Siehe Nr. 33, Anm. 3.↩
6
Siehe K. Barth, Erklärung des Johannes-Evangeliums a.a.O. (Nr. 33, Anm. 3), S. 417 (Begriffsregister), Stichwort «Mandäismus» 📖.↩
7
Siehe Nr. 38, Anm. 3.↩
8
ZdZ, Jg. 4 (1926), S. 18, Anm. 2 📖: «Die nachfolgende Arbeit von Bultmann ist unabhängig von diesem Vortrag entstanden und vor der Drucklegung nicht mit ihm verglichen worden.»↩