71
46
Deuten Sie mir mein hartnäckiges Schweigen doch ja nicht übel! Das tun Sie ja auch nicht, und ich bin Ihnen wirklich dankbar dafür. Sehn Sie, es ist bei mir einfach das, daß ich im Augenblick — der vielleicht auch noch etwas andauert — nicht recht hindurchsehe durch Alles das, was in der Tat zwischen Ihnen, Gogarten und mir in der Luft zu liegen scheint. Daß es in der Luft liegt, das ist mir aus Gogartens Buch1 noch erheblich deutlicher geworden als letzten Herbst aus dem Ihrigen2, und ein Besuch, den ich ihm vor 8 Tagen in Dorndorf3 machte, hat diesen Eindruck, so freundlich die Begegnung verlief, noch verstärkt. Irgendwie werden es schon die alten, nie recht erledigten lutherisch-reformierten Kontroversen sein, die uns ein wenig von beiden Seiten Beschwerden machen und die vielleicht noch einmal in einer großen Explosion innerhalb von
ZdZ zum Ausbruch kommen werden. Aber zunächst habe ich, ganz abgesehen von allen taktischen Gründen, die ja auch sinnvoll sein können, das Bedürfnis, möglichst thetisch weiterzuarbeiten und zugleich auch Ihnen und Gogarten Zeit zu lassen, deutlicher zu entfalten, auf was Sie eigentlich hinauswollen. Nachher wird es zu Auseinandersetzungen, wenn sie etwa unvermeidlich sind, immer noch Zeit sein. Vorläufig möchte ich vor Allem keine dummen Fragen und Einwände vorbringen (wie ich umgekehrt von solchen Ergründungen wie die, die G. Krüger mir gewidmet hat4, wenig Belehrung empfange), sondern meines Weges stracks weiter laufen, wie Sie Alle — Gogarten ja ganz eklatant — es auch tun. Säßen wir am selben Ort, so ließe sich durch mündliche Aussprache gewiß manches erklären bzw. beschleunigen, und ich wollte wirklich auch, es käme bald wieder einmal dazu, daß wir dazu Gelegenheit hätten, obwohl mir der Besuch in Dorndorf |72 gezeigt hat, daß auch eine persönliche Begegnung noch nicht die Garantie dafür ist, daß man einander wirklich begegnet. Die räumliche Entfernung macht es wohl in unserm Fall notwendig, daß wir uns (mit einem gewissen stillen Vertrauen in die oft genug bewährte und offenkundig auf breitesten Linien vorhandene Gemeinschaft) in einander schicken, auch wenn es im Einzelnen ohne einiges Stirnrunzeln hüben und drüben nicht abgeht. Seien Sie also nur ganz gewiß, daß es mir nicht einfällt, Sie «aufgeben» zu wollen, auch wenn ich einmal so lange schweige, wie es diesen Winter — übrigens auch aus nichts zur Sache tuenden Gründen — der Fall gewesen ist. Ich bin ja froh und dankbar, wenn man mich nicht aufgibt!
Haben Sie besten Dank für Ihre Mitteilungen zum Fall Thurneysen. Ich verstehe vollkommen. Meinen Sie, daß es Sinn hätte, noch eine Demarche bei Karl Heim5 zu tun, weil ja in Tübingen diesen Sommer ebenfalls Jubiläum gefeiert wird6 und die üblichen Kränze dort vielleicht noch nicht verteilt sind? Ich möchte es nicht tun, wenn der Versuch nach Ihrer Ansicht vielleicht zum vornherein aussichtslos sein sollte. Es kommt aber, wie Sie wohl durch K. L. Schmidt wissen, darauf an, Th. durch die Doktorierung der dortigen Fakultät7 gegenüber möglichst rasch eine gewisse Position zu schaffen.
Grüßen Sie bitte auch die Ihrigen! Hier ist Alles munter und wohlauf, wenigstens kata sarka, was ja bei einer großen Kinderfamilie auch nichts Verächtliches ist.
Herzlichst
Ich lege wieder einen Festartikel (Der kitschige Titel stammt nicht von mir!!) aus dem Weltblatt bei, das mich für solche Anlässe gechar|73tert hat.8 Es ist ja wirklich sehr fraglich, ob man das tun sollte, besonders wenn das Weltblatt noch so deutsch-national ist!!
Mit Vergnügen las ich das Festgedicht für Rade in den Mitteilungen, und daß auch Sie dort eine Festrede gehalten haben!9