Brief Nr. 17 · 15. April 1924

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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Lieber Herr Bultmann!

Schönen Dank für die Zusendung Ihrer Götterdämmerung1, die ich zwar samt meiner Frau bereits vorher erfreut zur Kenntnis genommen hatte. Ich vermute stark, daß dieser Stein erhebliche Kreise ziehen wird. Wenn Sie noch ein Exemplar haben, so senden Sie es doch an Wernle, den ich letzthin in Basel besuchte und der sich angelegentlich und sehr kopfschüttelnd nach Ihnen erkundigte. Meine Doublette werde ich für |32 Frau Bousset2 bereitlegen, die sich ebenfalls lebhaft für Sie interessiert. An unser Zusammensein in Marburg3 denke ich noch immer mit Vergnügen, so fragwürdig das Bild der beiden pfeifenschmauchenden Rabbis inmitten der lernbegierigen Adepten vom Himmel aus gesehen sich ausgenommen haben mag. Wie steht’s mit Ihrem Besuch hier in Göttingen? Ich zerbreche mir bei der Lektüre von allerhand unguter Literatur den Kopf darüber, wie man eine Dogmatik macht (ich hoffe, Sie bringen mir entscheidende Ratschläge mit!!)4 und führe daneben einen kleinen Verwaltungsproceß in Berlin gegen die hiesige Fakultät5, die nicht davon lassen will, mir auf der Nase herumzutrampeln. Bis jetzt steht meine Sache nicht schlecht, aber «groß Macht und viel List …»6, und ich weiß nicht, wie es endigen wird. So bin ich auch in dieser Hinsicht trostbedürftig. Schlatter hat mich in Gnaden angenommen, im September mit ihm zusammen ein größeres theologisches Manöver in Bethel durchzuführen.7 Wie finden Sie das? Was macht Ihr Johannescommentar? Wie werden Sie die Diagonale zwischen Walter Bauer8 und mir ziehen und damit die Probe aufs Exempel liefern?!

Mit herzlichem Gruß und Dank
Ihr
Karl Barth

Sachfußnoten

1
Gemeint ist Bultmanns Vortrag vom 6.2.1924 vor der Marburger Theologenschaft: Die liberale Theologie und die jüngste theologische Bewegung 📖; s. Nr. 15, Anm. 6.↩
2
Marie Bousset, Witwe des 1920 verstorbenen Neutestamentlers Wilhelm Bousset.↩
3
Am 6.2.1924; s. Nr. 15, Anm. 6. ↩
4
Vgl. dazu auch Barths Äußerungen über die «Dogmatik» in seinen Briefen an Thurneysen seit 27.12.1923, Bw.Th. II, S. 213ff 📖.↩
5
Vgl. dazu Barths Briefe vom 27.12.1923, 5.2.1924, 4.3.1924, 20.4.1924, 18.5.1924 an Thurneysen, Bw.Th. II, S. 213ff.220ff.231ff.243ff.250ff. 📖 Barth hatte Bultmann wahrscheinlich schon bei seinem Marburg-Besuch am 6.2.1924 über seine Auseinandersetzung mit der Göttinger Theologischen Fakultät wegen des öffentlich anzuzeigenden Titels seiner «Dogmatik»-Vorlesung informiert. Einen Tag zuvor (5.2.1924) gab er Thurneysen einen ausführlichen Bericht über den Stand der Auseinandersetzung. — Vgl. Anh. 2 und 3.↩
6
Aus der 1. Strophe von M. Luthers Lied «Ein feste Burg ist unser Gott» (EKG 201) 🎵.↩
7
Adolf Schlatter (16.8.1852–19.5.1938), 1888 Ordinarius für Neues Testament in Greifswald, 1893 in Berlin, 1898 in Tübingen. Zu seiner Rezension von Barths «Römerbrief» 📖 s. Nr. 3, Anm. 20 und 21. — Die Teilnahme an der Betheler Theologischen Woche zur Trinitätslehre sagte Barth später wieder ab; vgl. Bw.Th. II, S. 236f. 📖 ↩
8
W. Bauer, Das Johannesevangelium (HNT 2/2), Tübingen 1912 (2. völlig neu bearb. Aufl. 1925 [HNT 6] 📖 Vgl. dazu Bultmann Besprechung der 2. Aufl. in: ThLZ, Jg. 51 (1926), Sp. 246f. 📖 Bultmann sah sich «in allen wesentlichen Punkten» der Erklärung des Johannesevangeliums auf dem Hintergrund gnostischer Mythologie mit Bauer «in Übereinstimmung»: R. Bultmann, Das Johannesevangelium in der neuesten Forschung, in: CW, Jg. 41 (1927), Sp. 505. 📖 Zu Barths Position gegenüber Bauer s. K. Barth, Erklärung des Johannes-Evangeliums (Kapitel 1–8). Vorlesung Münster Wintersemester 1925/1926, wiederholt in Bonn, Sommersemester 1933, hrsg. von W. Fürst (Gesamtausgabe, Abt. II), Zürich 1976, Register s. v. Bauer 📖.↩