Brief Nr. 30 · 21. April 1925

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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30

Lieber Herr Barth!

Hoffentlich geht bei Ihnen alles gut. Wir haben oft an Sie, Ihre Frau und den kleinen J. J.1 gedacht. — Heute ist der Anlaß meines Schreibens freilich ein anderer, ein doppelter.

1.) Ich soll Sie im Namen des Pforta-Kreises2 bitten, an der Tagung vom 3. — 6. August3 teilzunehmen und einen Vortrag zu halten. Das Gesamt-Thema ist das «Volkstum». Am 1. Tag soll das Volkstum als geschichtliche Erscheinung behandelt werden, wofür als Redner Mei|47necke4 (Berlin) und Tillich5 erkoren sind. Am 2. Tag gilt es: Volkstum und Religion; dafür soll als erster Hauer6 (Tübingen) auftreten, und als zweiter werden Sie gebeten. Ich kann meinerseits nur sagen, daß Sie sich durch Übernahme dieses Auftrags ein großes Verdienst um die PfortaSache erwerben würden. Ich habe dabei das besondere Interesse, daß Ihr Auftreten eine Klärung herbeiführen würde, und zwar ganz abgesehen vom speziellen Thema. Die Sachlage ist die, daß ein Teil des Pforta-Kreises durch Sie, Gogarten und auch mich stark bestimmt oder bewegt ist, und ein anderer unsere Gedanken nicht nur als solche ablehnt, sondern am liebsten auch ihre Diskussion abweisen möchte. Ich bin der Meinung, daß man die Entscheidung herausfordern muß, ob dieser zentrifugale Kreis überhaupt weiterexistieren kann, und die bisherigen Kompromisse sind nicht nach meinem Geschmack. Kommen Sie, so wird man der Entscheidung nicht ausweichen können. — Außerdem erweisen Sie den Vielen, die von Ihnen lernen möchten, einen großen Dienst. — Stark zureden kann ich Ihnen nicht; die Teilnahme an der Tagung ist immer ein großes Opfer, und überhaupt ist es eine zweifelhafte Sache mit solchen Tagungen. Immerhin, es war das vorigemal trotz vieler Mißklänge befriedigend und hat schon einen guten Sinn. — Also erwägen Sie den Gedanken wohlwollend, und geben Sie mir recht bald Nachricht!

2.) Wir — d. h. die Marburger Fakultät und die Hessische Pfarrerschaft — veranstalten am 27.-29. April einen Ferienkurs; Gesamtthema auf Wunsch der Pfarrer: Eschatologie. Es sind 4 Vorträge, deren jeder mit Aussprache einen halben Tag zur Verfügung hat: 1.) Daniel (Baumgartner)7, 2.) Eschatologie und Apokalyptik im Urchristentum (Bult|48mann)8, 3.) Apokalyptische Sekten in Mittelalter und Gegenwart (Hermelink)9, 4.) Eschatologie in Glauben und Lehre.

Für den 4. Vortrag haben der Reihe nach sämtliche Gefragten abgelehnt, und aus unserer Fakultät ist niemand (aus verschiedenen Gründen) in der Lage, ihn zu übernehmen. Auch Frick-Gießen10 und einige Pfarrer haben abgesagt. Nun regte Pfarrer Schafft11 (Cassel) an, Sie zu bitten. Ich tue das auf meine Verantwortung als Dekan.12 Ich weiß, wie mißlich das ist, Sie mit dieser Bitte 8 Tage vorher zu überfallen. Ich hoffe immerhin, daß Sie einfach Ihr Kapitel aus der Dogmatik13 zu diesem Zweck verwenden können. Und im Vertrauen darauf bitte ich Sie dringend, uns diesen Dienst zu erweisen. Fahrtkosten werden ersetzt, für Wohnung etc. wird gesorgt. Es bedarf natürlich eines schnellen Entschlusses und sofortiger Antwort. Wenn Sie nicht können, wäre mir ein Telegramm das liebste.

49 Mein «Jesus»14 ist nun fertig. Was Sie dazu sagen werden? mir ist bange

Ihnen und Ihrer Frau herzliche Grüße von uns!
Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
Siehe Nr. 29, Anm. 1.↩
2
Der Pforta-Kreis (seit 1922: Studententag Pforta) wurde 1921 gegründet und stand im wesentlichen unter der Leitung Wilhelm Heitmüllers. Sinn und Ziel des Kreises formulierte A. Herkenrath in seinem Bericht über das Treffen von 1922, in: CW, Jg. 36 (1922), Sp. 776 📖, so: «Wir wollen uns auf regelmäßigen Tagungen und möglichst in örtlichen Gruppen um die tiefsten Lebensfragen zur Gemeinschaft sammeln. Aber wir wissen uns als Werdende und machen darum keinen Unterschied zwischen Jung und Alt. Darum gründen wir diese Gemeinschaft nicht auf dogmatische Übereinstimmung, sondern auf die Zuversicht, in der persönlichen Berührung wahrhaftiger Menschen das Wirken des lebendigen Gottes zu erfahren und so wechselseitige Vertiefung zu empfangen.»↩
3
1925 auf der Jugendburg Lobeda bei Jena.↩
4
Friedrich Meinecke (30.10.1862–6.2.1954), Historiker, nach akademischer Lehrtätigkeit in Straßburg (seit 1901) und Freiburg i. Br. (seit 1906) 1914–1929 Ordinarius in Berlin, 1948 wesentlich an der Gründung der Freien Universität Berlin beteiligt. ↩
5
Siehe Nr. 27, Anm. 1.↩
6
Jakob Wilhelm Hauer (4.4.1881–18.12.1962), Religionshistoriker und Indologe, später eine Zeitlang führend beteiligt an der 1933 entstandenen «Deutschen Glaubensbewegung». ↩
7
Walter Baumgartner (24.11.1887–31.1.1970), 1916 a. o. Professor für Altes Testament in Marburg, 1920 Ordinarius in Gießen, 1929–1958 in Basel; Freund Bultmanns. — Zum Daniel-Vortrag vgl. W. Baumgartner, Das Buch Daniel, in: CW, Jg. 39 (1925) Sp. 675–677.724–726.776–787.819–828 📖; leicht verändert erschienen als Monographie: Das Buch Daniel (Aus der Welt der Religion 1), Gießen 1926. Zur Apokalyptik s. a.a.O., S. 27ff. 📖 ↩
8
Unveröffentlicht. Später teilweise eingearbeitet in R. Bultmann, Das Urchristentum im Rahmen der antiken Religionen, Zürich 1949 (19865; Taschenbuch-Ausgabe: München 1992) 📖, und ders., Geschichte und Eschatologie, Tübingen 1958 (19793) 📖. Das Thema war Bultmann bereits seit seiner Sammelrezension in: CW, Jg. 28 (1914), Sp. 643–644 📖, und seinem Aufsatz Die Bedeutung der Eschatologie für die Religion des Neuen Testaments, in: ZThK, Jg. 27 (1917), S. 76–87 📖, vertraut. Er griff es dann im Zusammenhang seiner Studien zum paulinischen und Johanneischen Schrifttum seit 1923 bis in seine Kommentare Das Evangelium des Johannes (KEK II), Göttingen 198621 📖, und Die drei Johannesbriefe (KEK XIV), Göttingen 19848 📖, immer wieder auf.↩
9
Heinrich Hermelink (30.12.1877–11.2.1958), nach akademischer Lehrtätigkeit in Kiel und Bonn 1916 Ordinarius für Kirchengeschichte in Marburg. — Hermelinks Vortrag blieb unveröffentlicht.↩
10
Heinrich Frick (2.11.1893–31.12.1952), 1924 Ordinarius für Praktische, 1926 für Systematische Theologie und Religionswissenschaft in Gießen, 1929 in Marburg, hier auch für Missionskunde. ↩
11
Hermann Schafft (2.12.1883–2.6.1959), Herausgeber der Zeitschrift «Neuwerk». ↩
12
Bultmann war damals Dekan der Marburger Theologischen Fakultät.↩
13
Kurz nach diesem Brief begann Barth am 4.5. das Sommersemester 1925 mit der Vorlesung über Dogmatik II: Die Lehre von der Versöhnung, § 27: Die Treue Gottes. Die den eigentlich auf drei Semester angelegten Dogmatik-Zyklus (s. Nr. 12, Anm. 13) abschließende Vorlesung über Eschatologie hielt er (1stündig) erst im Wintersemester 1925/26 in Münster.↩
14
R. Bultmann, Jesus (Die Unsterblichen, Bd. I), Berlin 1926 📖; seither mehrmals nachgedruckt und in mehrere Sprachen übersetzt. Barth berichtete nach Bultmanns Göttinger Vortrag über Das Problem einer theologischen Exegese des Neuen Testaments (6.2.1925) am 15.2.1925 an Thurneysen, Bw.Th. II, S. 307 📖: Bultmann «schreibt an einem kleinen ‹Leben Jesu›, von dem ich eigentlich nichts Gutes erwarte nach dem, was er mir darüber verraten.» Vgl. Nr. 43.↩