46
30
Hoffentlich geht bei Ihnen alles gut. Wir haben oft an Sie, Ihre Frau und den kleinen J. J.1 gedacht. — Heute ist der Anlaß meines Schreibens freilich ein anderer, ein doppelter.
1.) Ich soll Sie im Namen des Pforta-Kreises2 bitten, an der Tagung vom 3. — 6. August3 teilzunehmen und einen Vortrag zu halten. Das Gesamt-Thema ist das «Volkstum». Am 1. Tag soll das Volkstum als geschichtliche Erscheinung behandelt werden, wofür als Redner Mei|47necke4 (Berlin) und Tillich5 erkoren sind. Am 2. Tag gilt es: Volkstum und Religion; dafür soll als erster Hauer6 (Tübingen) auftreten, und als zweiter werden Sie gebeten. Ich kann meinerseits nur sagen, daß Sie sich durch Übernahme dieses Auftrags ein großes Verdienst um die PfortaSache erwerben würden. Ich habe dabei das besondere Interesse, daß Ihr Auftreten eine Klärung herbeiführen würde, und zwar ganz abgesehen vom speziellen Thema. Die Sachlage ist die, daß ein Teil des Pforta-Kreises durch Sie, Gogarten und auch mich stark bestimmt oder bewegt ist, und ein anderer unsere Gedanken nicht nur als solche ablehnt, sondern am liebsten auch ihre Diskussion abweisen möchte. Ich bin der Meinung, daß man die Entscheidung herausfordern muß, ob dieser zentrifugale Kreis überhaupt weiterexistieren kann, und die bisherigen Kompromisse sind nicht nach meinem Geschmack. Kommen Sie, so wird man der Entscheidung nicht ausweichen können. — Außerdem erweisen Sie den Vielen, die von Ihnen lernen möchten, einen großen Dienst. — Stark zureden kann ich Ihnen nicht; die Teilnahme an der Tagung ist immer ein großes Opfer, und überhaupt ist es eine zweifelhafte Sache mit solchen Tagungen. Immerhin, es war das vorigemal trotz vieler Mißklänge befriedigend und hat schon einen guten Sinn. — Also erwägen Sie den Gedanken wohlwollend, und geben Sie mir recht bald Nachricht!
2.) Wir — d. h. die Marburger Fakultät und die Hessische Pfarrerschaft — veranstalten am 27.-29. April einen Ferienkurs; Gesamtthema auf Wunsch der Pfarrer: Eschatologie. Es sind 4 Vorträge, deren jeder mit Aussprache einen halben Tag zur Verfügung hat: 1.) Daniel (Baumgartner)7, 2.) Eschatologie und Apokalyptik im Urchristentum (Bult|48mann)8, 3.) Apokalyptische Sekten in Mittelalter und Gegenwart (Hermelink)9, 4.) Eschatologie in Glauben und Lehre.
Für den 4. Vortrag haben der Reihe nach sämtliche Gefragten abgelehnt, und aus unserer Fakultät ist niemand (aus verschiedenen Gründen) in der Lage, ihn zu übernehmen. Auch Frick-Gießen10 und einige Pfarrer haben abgesagt. Nun regte Pfarrer Schafft11 (Cassel) an, Sie zu bitten. Ich tue das auf meine Verantwortung als Dekan.12 Ich weiß, wie mißlich das ist, Sie mit dieser Bitte 8 Tage vorher zu überfallen. Ich hoffe immerhin, daß Sie einfach Ihr Kapitel aus der Dogmatik13 zu diesem Zweck verwenden können. Und im Vertrauen darauf bitte ich Sie dringend, uns diesen Dienst zu erweisen. Fahrtkosten werden ersetzt, für Wohnung etc. wird gesorgt. Es bedarf natürlich eines schnellen Entschlusses und sofortiger Antwort. Wenn Sie nicht können, wäre mir ein Telegramm das liebste.
49 Mein «Jesus»14 ist nun fertig. Was Sie dazu sagen werden? mir ist bange
Ihnen und Ihrer Frau herzliche Grüße von uns!