Brief Nr. 31 · 19. Juli 1925

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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L. H. B.!

An Herrn Küper1 in Baltrum hatte ich geschrieben und hätte dort auch Quartier bekommen. Aber im letzten Augenblick streikte meine Frau: ich dürfe nicht mit Ihnen zusammen in die Ferien, sonst würde ich der Familie entzogen, triebe nur Theologie und hätte keine Erholung. Ob es so schlimm geworden wäre, weiß ich zwar nicht, aber ich gab nach, und wir fahren also am 4. August nach Langeoog (Haus Biel). Wir sind also in der Nachbarschaft, und ich hoffe dringend, daß wir uns einmal in B[altrum] und L[angeoog] besuchen, denn es ist manches Notwendige zu besprechen. Heute zunächst dies: Hess2 brachte mir ein Manuskript der Prolegomena Ihrer Dogmatik3, das ich ihm vorbehalten Ihre Zustimmung auch abnahm. Ich habe noch nicht darin gelesen und werde es auch ohne Ihre Zustimmung nicht tun. Um diese möchte ich Sie freilich bitten. — Meinen Göttinger Vortrag schickte ich neulich an Merz in etwas gebesserter Form, freilich immer noch recht fragwürdig.4 Nun, er mag ein Stadium der Diskussion markieren. — Sehr erfreut |50 bin ich über Petersons neuste Aufsätze.5 Endlich ein Gegner, mit dem die Diskussion sich lohnt! Wir werden sie von Marburg aus jedenfalls aufnehmen6, und ich hoffe, auch Heidegger mobil zu machen, damit die Phänomenologie dabei auf den rechten Ort gestellt wird. Aber Sie dürfen auch nicht schweigen und werden es ja nicht tun.7 — Ich hätte |51 Lust, noch allerlei zu erzählen, will es aber auf einen schönen Tag an der See verschieben und freue mich recht darauf. Im Kolleg stehe ich jetzt bei 1.Kor 15 und streite mit Ihnen einen schweren Kampf.8 In den Theol. Bl. werde ich davon berichten.

Hoffentlich geht es Ihnen und Ihrer Familie gut! Herzliche Grüße, auch von meiner Frau!
Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
Vermietete Ferienzimmer.↩
2
Hans-Erich Hess studierte im Sommersemester 1923 bei Bultmann, dann bei Barth; später Oberkirchenrat in Darmstadt. ↩
3
Es handelt sich um eine studentische Nachschrift von Barths Vorlesung im Sommer- und Wintersemester 1924/25; vgl. Nr. 21, Anm. 1. Original im Karl Barth-Archiv.↩
4
Zum Druck in «Zwischen den Zeiten», die Georg Merz redigierte, s. Nr. 16, Anm. 8.↩
5
E. Peterson, Der Lobgesang der Engel und der mystische Lobpreis, in: ZdZ, Jg. 3 (1925), S. 141–153 📖; ders., Über die Forderung einer Theologie des Glaubens. Eine Auseinandersetzung mit Paul Althaus, in: ZdZ, Jg. 3 (1925), S. 281–302 📖; ders., Was ist Theologie?, Bonn 1925 (19262) 📖 (= E. Peterson, Theologische Traktate, München 1951, S. 9–43 📖; auch in: Theologie als Wissenschaft. Aufsätze und Thesen, hrsg. von G. Sauter [ThB 43], München 1971, S. 132–151). 📖 ↩
6
Vgl. H. Schlier, Eine Bemerkung zum Verhältnis von Glauben und Mystik, in: ZdZ, Jg. 3 (1925), S. 410–414 📖; R. Bultmann, Die Frage der «dialektischen» Theologie (Eine Auseinandersetzung mit Peterson), in: ZdZ, Jg. 4 (1926), S. 40–59 📖 (= Anfänge II, S. 72–92 📖). Vgl. auch Bultmanns Besprechung von E. Peterson, Was ist Theologie?, in: CW, Jg. 39 (1925), Sp. 1061f. 📖 ↩
7

Barth antwortete Peterson mit seinem Aufsatz: Kirche und Theologie 📖, am 7.10.1925 in Göttingen und am 23.10.1925 in Elberfeld als Vortrag gehalten, veröffentlicht in: ZdZ, Jg. 4 (1926), S. 18–40 (= Th. u. K., S. 302–328 📖, um einige polemische Anmerkungen gekürzt; auch in: Theologie als Wissenschaft. Aufsätze und Thesen, a.a.O., S. 152–175 📖; K. Barth, Vortrage und kleinere Arbeiten 1922–1925, hrsg. von H. Finze [Gesamtausgabe, Abt. III], Zürich 1990, S. 644–682). 📖 Barths und Bultmanns Antworten an Peterson entstanden unabhängig voneinander; vgl. Vorträge und kleinere Arbeiten 1922–1925, a.a.O., S. 650, Anm. b 📖.

Am 11.10.1925, vier Tage nach Barths Göttinger Vortrag, bei dem Peterson zugegen war, schrieb Peterson an Bultmann: «Vor einigen Tagen hat Barth in Göttingen gegen mich geredet. Ich kann nicht finden, daß meine Argumente widerlegt seien. Barth sieht m. E. das Problem noch lange nicht in der Schärfe, in der es gesehen werden muß. Ich will aber erst abwarten, was alles zur Sache gesagt wird, dann will ich mehr sagen. Ich betone nachdrücklich, daß ich kein Heiler bin u. also auch nicht daran denke zu ‹katholisieren›. Die Leute denken, daß wenn man etwas zu e. theol. Problem sagt, das ‹Ausdruck› persönlichen Glaubens u. damit evangelischer Theologie sei. Aber diese Dinge sind viel komplizierter, als daß wir aus der Θεωρία sofort zur πρᾶξις übergehen könnten.

Lesen Sie bitte, was Althaus im Theol. Literaturblatt gegen mich gesagt hat. D.h. sachlich hat er nichts gegen mich gesagt, sondern nur empfohlen, man solle meine Schrift als einen schlechten Witz betrachten, sie aber nicht ernstnehmen.

Aber schließlich habe ich doch nicht Überzeugungen, sondern Gründe vorgebracht u. um diese sachliche Auseinandersetzung drückt sich Althaus ebenso wie Hirsch. Das ist freilich bezeichnend für diese Leute, die nur Politiker sind u. denen Wahrheit nur eine Etikette für ihre kleinen Ziele ist […]

Ich sage noch einmal, es lag mir fern, irgend jemandem persönlich weh zu tun u. ich bedaure, wo das geschehen ist. Barth ist seit seinem Vortrag mit mir ausgesöhnt, in der Diskussion sah er sich genötigt, auf meine Seite zu treten. Mir ist diese ganze Diskussion qualvoll, aber wenn wir aus dem Wirrwarr in der Theologie raus kommen wollen, müssen wir klar u. ruhig reden. Die Freiheit ist jetzt ebenso groß wie die Dummheit […]» (Brief im Bultmann-Nachlaß, Tübingen).↩

8
Bezieht sich auf Barths Monographie: Die Auferstehung der Toten 📖. Siehe Nr. 20, Anm. 2.↩