Brief Nr. 16 · 9. Januar 1924

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Daß Siegm.-Sch.1 ebenso wie manche Hörer seines hiesigen Vortrags etwas in Erregung geraten ist, erscheint mir noch als die beste Wirkung dieses Vortrags, der ziemlich schwach war und nur in seinem 1. Teil, in dem S.-Sch. von seinen Erfahrungen und seiner Arbeit berichtete, eindrucksvoll. Im 2. Teil, der zunächst von den Widerständen gegen die soziale Arbeit der Kirche handelte, traten die Anhänger K. Barths neben den Gemeinschaftsleuten auf als solche, die sich von den sozialen Pflichten emanzipieren. Dabei sagte S.-Sch. in der Tat, er hielte solche Berufung auf Sie für ein Mißverständnis. Dieses Mißverständnis wurde nun zwar nicht als solches erwiesen, sondern einfach behauptet, d. h. S.-Sch. ging in keiner Weise auf die hier liegende Problematik ein, aus der ein solches ‹Mißverständnis› erwachsen kann. S.-Sch. hat freilich selbst offenbar diese Problematik nicht erfaßt, sondern für ihn ist es ausgemacht, daß die Kirche auch zu sozialer Arbeit verpflichtet ist; und so sehr er selbst vermutlich widersprechen würde, so sehr lag doch — unbeleuchtet und ungeklärt — seinen Ausführungen der Gedanke zu Grunde, daß ‹um der Kirche und ihrer Existenz willen› sie soziale Arbeit treiben muß, wenn sie nicht ganz untergehen will. — Als sich nun zunächst niemand zur Debatte meldete, ergriff ich das Wort, um im Anschluß an manche Besprechungen mit meinen Studenten jenen Punkt etwas zu klären, d. h. in seiner Problematik erscheinen zu lassen. Ich sagte einmal, daß soziale Arbeit nicht als eine Nebenarbeit und ein Herumkurieren an allerlei sozialen Schäden betrieben werden könne, sondern daß sie nur möglich sei auf Grund wirklicher Sachkenntnis, und daß sie ein klares Programm dessen, was werden soll, also ein politisches und wirtschaftliches Programm voraussetze, und daß man sich nicht über den Ernst und die Verantwortung der sozialen Arbeit betrügen dürfe, indem man sich dies verschleiere. Dann sagte ich, daß Aufgabe der Kirche nur die Wortverkündigung sein könne, daß das verkündigte Wort das Wort von Gericht und Gnade sei und mit einem sozialen Ideal unmittelbar nichts zu tun habe, daß auch das beste soziale |30 Programm und der idealste soziale Zustand der menschlichen Gesellschaft nicht das Reich Gottes sei, sondern auch ‹unter der Krisis› stehe. — Ich sagte endlich, daß auch [der] Theologe allen Anlaß habe, die sozialen Probleme2 ernst zu nehmen, einmal weil er als Mitglied der menschlichen societas einfach dazu verpflichtet sei wie jeder andere auch; dann weil ‹das Wort verkündigen› nicht heiße: in leeren Großstadtkirchen eine sonntägliche Predigt zu halten, sondern da und so das Wort verkündigen, daß es gehört werde, wozu denn eben auch eine Teilnahme an der sozialen Problematik erforderlich sei. Aber auf alle Fälle bleibe es dabei: soziale Arbeit als solche sei nicht das Amt der Kirche.

Die Diskussion erhielt nun ihren erregten Charakter dadurch, daß nach mir Rade und Niebergall3 sprachen. Jener halb entrüstet über meine Ausführungen, halb jammernd, daß der Kirche nun alles genommen werden solle, nachdem sie in der modernen Welt schon so viel verloren habe; nun wolle man sie auf das Wort beschränken!(!!). Niebergall mit bösen Witzen über Sünde und Gnade; das sei ein bequemes Christentum, das den Menschen heute in Sünde und morgen in Gnade stellte. Rade sprach, als habe er nie Troeltschs Soziallehren4 gelesen und als ahne er nichts von der Problematik; Niebergall, als habe er nie weder das Neue Testament noch Luther gelesen. — S.-Sch. entgleiste in seinem Schlußwort völlig, indem er es für eine Roheit erklärte, daß man einer hungernden Arbeiterfrau eine Predigt halten wolle etc.

Sie sehen also: ich habe keinem Quietismus das Wort geredet, sondern nur versucht, die Wortverkündigung als das einzige Amt der Kirche deutlich zu machen; ich habe den Ernst der sozialen Arbeit nicht nur betont, sondern in seinem ganzen Umfang zu beleuchten versucht. Ich meine freilich, in den Grundgedanken dabei mit Ihnen einig zu sein.

Daß die Affäre Strunck so gelaufen ist, scheint mir für ihn und die Conviktsleute das Beste zu sein. Er erzählte mir übrigens, daß er Aussicht habe, als Famulus von Wernle5 angestellt zu werden.

31 Von der Theologenschaft aufgefordert werde ich demnächst einen Vortrag halten über Barth-Gogarten und die liberale Theologie (Formulierung des Themas noch unbestimmt).6 Als Quelle für die lib. Th. dienen mir u. a. die ‹Morgenandachten› der Christl. Welt; Sie sehen also, daß ich es nicht gut vorhabe mit der lib. Th. — Im übrigen schlummert auch meine Kritik an Ihrem Römerbrief nicht, den ich jetzt für mein Kolleg7 wieder durchlese. Ich habe positiv und negativ manches anders zu sagen als ehemals in der Christl. Welt und habe mir auch vorgenommen, meine Gedanken zusammenzufassen zu einem Aufsatz, den ich Ihnen gern für Zw.d.Z. schicken möchte. Ich möchte es aber nicht übers Knie brechen, und es kann noch eine Weile dauern.8 Vielleicht berichte ich Ihnen von meinem Vortrag.

Mit herzlichen Grüßen und Wünschen für das neue Jahr
Ihr
Rudolf Bultmann

Sachfußnoten

1
Siegmund-Schultze; s. Nr. 15, Anm. 1 und 2. ↩
2
Mskr.: «Pflichten» durchgestrichen, statt dessen «Probleme» darübergeschrieben.↩
3
Friedrich Niebergall; s. Nr. 9, Anm. 9.↩
4
E. Troeltsch, Die Soziallehren der christlichen Kirchen und Gruppen (Gesammelte Schriften, Bd. I), Tübingen 1912 u. ö. 📖 ↩
5
Paul Wernle (1.5.1872–11.4.1939), 1897 Privatdozent für Neues Testament in Basel, seit 1900 ebd. Ordinarius für Neues Testament, seit 1901 für Kirchengeschichte. ↩
6
Siehe Nr. 15, Anm. 6. ↩
7
«Erklärung der Briefe an die Galater und Römer», 4stündig (Wintersemester 1923/24).↩
8
R. Bultmann, Das Problem einer theologischen Exegese des Neuen Testaments, in: ZdZ, Jg. 3 (1925), S. 334–357 📖 (= Anfänge II, S. 47–72 📖).↩