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Daß Siegm.-Sch.1 ebenso wie manche Hörer seines hiesigen Vortrags etwas in Erregung geraten ist,
erscheint mir noch als die beste Wirkung dieses Vortrags, der ziemlich schwach war und nur
in seinem 1. Teil, in dem S.-Sch. von seinen Erfahrungen und seiner Arbeit berichtete,
eindrucksvoll. Im 2. Teil, der zunächst von den Widerständen gegen die soziale Arbeit der
Kirche handelte, traten die Anhänger K. Barths neben den Gemeinschaftsleuten auf als
solche, die sich von den sozialen Pflichten emanzipieren. Dabei sagte S.-Sch. in der Tat,
er hielte solche Berufung auf Sie für ein Mißverständnis. Dieses Mißverständnis wurde nun
zwar nicht als solches erwiesen, sondern einfach behauptet, d. h. S.-Sch. ging in keiner
Weise auf die hier liegende Problematik ein, aus der ein solches ‹Mißverständnis›
erwachsen kann. S.-Sch. hat freilich selbst offenbar diese Problematik nicht erfaßt,
sondern für ihn ist es ausgemacht, daß die Kirche auch zu sozialer Arbeit verpflichtet
ist; und so sehr er selbst vermutlich widersprechen würde, so sehr lag doch — unbeleuchtet
und ungeklärt — seinen Ausführungen der Gedanke zu Grunde, daß ‹um der Kirche und ihrer
Existenz willen› sie soziale Arbeit treiben muß, wenn sie nicht ganz untergehen will. —
Als sich nun zunächst niemand zur Debatte meldete, ergriff ich das Wort, um im Anschluß an
manche Besprechungen mit meinen Studenten jenen Punkt etwas zu klären, d. h. in seiner
Problematik erscheinen zu lassen. Ich sagte einmal, daß soziale Arbeit nicht als eine
Nebenarbeit und ein Herumkurieren an allerlei sozialen Schäden betrieben werden könne,
sondern daß sie nur möglich sei auf Grund wirklicher Sachkenntnis, und daß sie ein klares
Programm dessen, was werden soll, also ein politisches und wirtschaftliches Programm
voraussetze, und daß man sich nicht über den Ernst und die Verantwortung der sozialen
Arbeit betrügen dürfe, indem man sich dies verschleiere. Dann sagte ich, daß Aufgabe der
Kirche nur die Wortverkündigung sein könne, daß das verkündigte Wort das Wort von Gericht
und Gnade sei und mit einem sozialen Ideal unmittelbar nichts zu tun habe, daß auch das
beste soziale |30 Programm und der idealste soziale Zustand der
menschlichen Gesellschaft nicht das Reich Gottes sei, sondern auch ‹unter der Krisis›
stehe. — Ich sagte endlich, daß auch [der] Theologe allen Anlaß habe, die sozialen
Probleme2 ernst zu nehmen, einmal weil er als Mitglied der menschlichen
societas einfach dazu verpflichtet sei wie jeder andere auch; dann weil ‹das Wort
verkündigen› nicht heiße: in leeren Großstadtkirchen eine sonntägliche Predigt zu halten,
sondern da und so das Wort verkündigen, daß es gehört
werde, wozu denn eben auch eine Teilnahme an der sozialen Problematik erforderlich sei.
Aber auf alle Fälle bleibe es dabei: soziale Arbeit als solche sei nicht das Amt der
Kirche.
Die Diskussion erhielt nun ihren erregten Charakter dadurch, daß nach mir Rade und Niebergall3 sprachen. Jener halb entrüstet über meine Ausführungen, halb jammernd, daß der
Kirche nun alles genommen werden solle, nachdem sie in der modernen Welt schon so viel
verloren habe; nun wolle man sie auf das Wort beschränken!(!!). Niebergall mit bösen Witzen über Sünde und Gnade; das
sei ein bequemes Christentum, das den Menschen heute in Sünde und morgen in Gnade stellte.
Rade sprach, als habe er nie Troeltschs Soziallehren4 gelesen und als ahne er nichts von der Problematik; Niebergall, als habe er nie weder das Neue Testament
noch Luther gelesen. — S.-Sch. entgleiste in
seinem Schlußwort völlig, indem er es für eine Roheit erklärte, daß man einer hungernden
Arbeiterfrau eine Predigt halten wolle etc.
Sie sehen also: ich habe keinem Quietismus das Wort geredet, sondern nur versucht, die
Wortverkündigung als das einzige Amt der Kirche deutlich zu machen; ich habe den Ernst der
sozialen Arbeit nicht nur betont, sondern in seinem ganzen Umfang zu beleuchten versucht.
Ich meine freilich, in den Grundgedanken dabei mit Ihnen einig zu sein.
Daß die Affäre Strunck so gelaufen ist,
scheint mir für ihn und die Conviktsleute das Beste zu sein. Er erzählte mir übrigens, daß
er Aussicht habe, als Famulus von Wernle5
angestellt zu werden.
31 Von der Theologenschaft aufgefordert werde ich demnächst einen Vortrag halten über
Barth-Gogarten und die liberale Theologie (Formulierung des Themas noch
unbestimmt).6 Als Quelle für die lib. Th. dienen mir u. a. die ‹Morgenandachten› der Christl.
Welt; Sie sehen also, daß ich es nicht gut vorhabe mit der lib. Th. — Im übrigen
schlummert auch meine Kritik an Ihrem Römerbrief nicht, den ich jetzt für mein Kolleg7 wieder durchlese. Ich habe positiv und negativ manches
anders zu sagen als ehemals in der Christl. Welt und habe mir auch vorgenommen, meine
Gedanken zusammenzufassen zu einem Aufsatz, den ich Ihnen gern für Zw.d.Z. schicken
möchte. Ich möchte es aber nicht übers Knie brechen, und es kann noch eine Weile
dauern.8 Vielleicht berichte ich Ihnen von meinem Vortrag.
Mit herzlichen Grüßen und Wünschen für das neue Jahr