Brief Nr. 32 · 29. Juli 1925

Rudolf Bultmann an Karl Barth

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Lieber Herr Barth!

Für Ihre Karte1 vielen Dank! Ich hoffe also auch auf gute Stunden am Strand. Heute nur einen herzlichen Glückwunsch zum Ruf nach Münster.2 Es kann doch nur die Professur Smends3 sein? Und ich bin ge|52spannt, ob Sie sich in die praktische Theologie hinüberschieben lassen. Ich würde es bedauern (zum mindesten, wenn Sie nicht daneben Dogmatik und NT lesen). Aber auf alle Fälle wird Ihnen der Ruf von Wert sein, und ich wünschte, er könnte Ihnen dienen, sich in G[öttingen] zu verbessern!4 Hoffentlich höre ich bald, wie die Sachen stehn!

Herzliche Grüße!
Ihr
R. Bultmann

Sachfußnoten

1
Bisher nicht aufgefunden.↩
2
Am 20.7.1925 hatte das Preußische Ministerium für Wissenschaft, Kunst und Volksbildung Barth zum 1.10.1925 an die Evangelisch-Theologische Fakultät der Universität Münster berufen. Am 26.7. unterzeichnete er eine Vereinbarung mit dem Ministerium darüber, am 16.9. wurde die Ernennungsurkunde ausgefertigt. Kurz zuvor hatte Barth vor einer anderen Entscheidung gestanden. Der Kirchenpflege- (d. h. Kirchenvorstands-) Präsident der Gemeinde Neumünster in Zürich, Nigg, hatte über Thurneysen bei Barth anfragen lassen, ob er eventuell im Frühjahr 1926 die dortige Pfarrstelle übernähme, die bisher der in der religiös-sozialen Bewegung führende und Barth wie Thurneysen nahestehende Pfarrer Hermann Kutter innehatte (Brief Thurneysens vom 11.6.1925 an Barth, Bw.Th. II, S. 337f. 📖). Diese Anfrage sowie Briefe von Hermann Kutter (16.6.1925; in der 1. Aufl. dieses Bandes Anh. 5, jetzt in: Hermann Kutter in seinen Briefen, hrsg. von M. Geiger und A. Lindt, München 1983, S. 457f. 📖 vom 13.6. und 2.7.1925 sowie S. 481f. Brief Kutters an Barth vom 5.7.1925) und Rudolf Schlunck (s. Anh. 5) haben Barth dann veranlaßt, den Göttinger Universitäts-Kurator offen zu fragen, «was die preußische Unterrichtsverwaltung in Bezug auf meine Person für Absichten habe». Am 23.6.1925 berichtete er über dieses Gespräch an Thurneysen (Bw.Th. II, S. 344): «Er sagte mir vertraulich sofort (du mußt es auch vertraulich behandeln), sie habe durchaus Absichten, ‹man› wisse längst von der Berner Möglichkeit [d. h. einer Berufung nach Bern, die damals in Aussicht stand], wolle mich nicht ‹verlieren›, und eine ‹ehrenvolle› Berufung nach Münster stehe unmittelbar vor der Türe, er gehe dieser Tage nach Berlin und werde dort ‹Vortrag› halten und mir Bescheid bringen. Diesen Bescheid möchte ich nun noch abwarten […].» Am 22.7.1925 meldete Barth (Bw.Th. II, S. 359): «Nachricht aus Berlin: Ich soll schon diesen Herbst als persönlicher Ordinarius auf eine ‹planmäßige außerordentliche Professur› nach Münster gehen und muß mich bis zum 1. August entscheiden. Eine böse Geschichte. Unser schönes Haus hier! Und die weite, weite Entfernung von der Schweiz! Und die ganz unbekannte Welt in Münster! Aber da wird kaum viel zu machen sein. Die finanzielle Verbesserung, die ich für meine fünf Unerzogenen brauche, ist erheblich. Die Reliktenversorgung ist auch etwas wert und der Ordinarius erst recht. Ich verhandle noch wegen des Lehrauftrags, der noch nicht bestimmt ist, werde aber wohl sicher annehmen, nicht ohne den Hintergedanken, daß dies nicht unsere letzte Station sein wird.» Barth wollte Thurneysen dann gerne als seinen Nachfolger nach Göttingen haben, vgl. seine Schreiben vom 23., 25. und 28.7.1925 an Thurneysen und dessen Antworten vom 29. und 30.7.1925, Bw.Th. II, S. 360–364. ↩
3
Julius Smend, seit 1914 Ordinarius für Praktische Theologie in Münster, wurde erst 1926 emeritiert. Barth erhielt (mit dem Lehrauftrag «Dogmatik und neutestamentliche Exegese») ein planmäßiges Extraordinariat, das vorher ein Kirchenhistoriker innehatte. 1927 wurde er als Nachfolger Georg Wehrungs zum Ordinarius ernannt.↩
4
Bultmann rechnete also damit, daß die Göttinger Universität auf Grund des Rufes aus Münster dem zuständigen Minister vorschlagen würde, Barths bisherige Stellung (Honorarprofessur) zur ordentlichen Professur aufzubessern, um ihn in Göttingen zu halten.↩