Brief Nr. 15 · 8. Januar 1924

Karl Barth an Rudolf Bultmann

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15

Lieber Herr Bultmann!

Darf ich Ihnen vertraulich den beiliegenden Brief1 unterbreiten mit der Frage, was sich da wohl in Marburg abgespielt hat, das S.-Sch.2 so erregt zu haben scheint. Ich habe mir zwar von Studenten (worunter wieder einmal der unvermeidliche Strunck3) erzählen lassen von der betr. Diskussion, würde aber doch gerne zuerst ein Wort von Ihnen hören, bevor ich auf diese Interpellation antworte.

Gestern hatten wir übrigens Vorstandssitzung des Convikts. Struncks Anmeldung lag vor — mit einer glänzenden Empfehlung durch … Otto!4 Worauf ich Ihren letzten Brief5 aus dem Busen zog und entrollte, mit solchem Erfolg, daß der arme Strunck spurlos in der Versen|28kung verschwand und ein Anderer gewählt wurde. Was ist das für ein Vortrag, den Sie (und wann?) demnächst in Marburg halten werden? Rade deutete mir brieflich etwas davon an.6 Wollen Sie nicht das Kritische, das Sie zu uns anzumerken haben, einmal gesammelt in Zw[ischen] d[en] Z[eiten]niederlegen?

Mit herzlichen Grüßen und nachträglichen Neujahrswünschen
Ihr
Karl Barth

Strunck erfährt selbstverständlich nichts von Ihrem Brief.

Sachfußnoten

1
Brief von Fr. Siegmund-Schultze (Berlin) vom 5.1.1924 an K. Barth; s. Anh. 1.↩
2
Friedrich Siegmund-Schultze (14.6.1885–11.7.1969), 1914 Mitbegründer des Weltbundes für internationale Freundschaftsarbeit der Kirchen sowie des Internationalen Versöhnungsbundes, nach Tätigkeit in der Inneren Mission seit 1926 Honorar-Professor für Jugendkunde und Jugendwohlfahrt in der Philosophischen Fakultät der Berliner Universität, 1933 Emigration in die Schweiz, von dort aus in der Flüchtlingshilfe tätig, 1948 Direktor des Dortmunder Sozialpädagogischen Seminars, 1959 Gründer und Leiter des Ökumenischen Archivs in Soest/ Westfalen. Seit 1913 war er mehrere Jahrzehnte Herausgeber verschiedener ökumenischer Zeitschriften und Buchreihen.↩
3
Siehe Nr. 11, Anm. 3; Nr. 13-14.↩
4
Rudolf Otto (25.9.1869–6.3.1937), nach akademischer Lehrtätigkeit in Göttingen und Breslau 1917–1929 Ordinarius für Systematische Theologie in Marburg. ↩
5
Bultmanns Brief vom 31.10.1923; s. Nr. 13.↩
6
Martin Rade (Marburg) schrieb am 31.12.1923 an K. Barth (K. Barth / M. Rade, Briefwechsel [s. Nr. 12, Anm. 3], S. 196 📖): «Überhaupt sehe ich mit innerster Teilnahme Deine Wirkung unter den Studierenden. Unter den hiesigen hast Du Deinen festen, freudigen Kreis. Ein wenig droht ihm die Gefahr der Clique, woran auch Bultmann nicht unschuldig ist. Aber ich unterstreiche: sie droht nur. Ich bin gespannt auf Bultmanns angekündigten Vortrag. Kann mir nicht denken, daß Du auch nur in allem Wesentlichen mit ihm gehst. Was wiederum nichts gegen Bultmann Gesagtes sein soll. Unsereiner verdaut u. versteht viel — was in Deinen Augen kein Lob ist.» Bultmanns Vortrag: Die liberale Theologie und die jüngste theologische Bewegung, in: ThBl, Jg. 3 (1924), Sp. 73–86 📖 (= GuV I S. 1–25 📖). Barth schrieb in seinem Rundbrief vom 4.3.1924 darüber: «Habe ich über den plötzlichen Ausflug nach Marburg am 6. Februar noch berichtet? ich glaube nicht: Also dort hielt Bultmann einen Vortrag über uns […], in dem die bisherige Marburger Theologie u. a. an Hand der ‹Morgenandachten für die Freunde der Chr. Welt 📖› (die mit den Produkten der Stoa verglichen wurden!!) wirklich schlecht und die gute Sache wirklich gut wegkam. Ich fuhr mit zwölf Studenten incognito hinüber und hörte mir den Zauber an, um am folgenden Morgen mit Bultmann zusammen im theologischen Seminar (wobei wir als die zwei Rabbis in einsamer Würde pfeifenrauchend ‹obenan› saßen) weitere Auskünfte zu erteilen […]. Marburg ist nun wirklich wieder zu einem der Punkte auf der mitteleuropäischen Karte geworden, auf denen das Auge befriedigt ruhen kann. Rade freilich hält Bultmann für einen historisch Ungläubigen, der sich, verzweifelnd an Allem, in unsere Arme gestürzt habe und mit dem wir nicht viel Ehre einlegen könnten.» (Bw.Th. II, S. 231 📖).↩