5.I.1924
Soziale Arbeitsgemeinschaft Berlin-Ost
Fruchtstraße 64 II
Fernruf Königstadt 2349
Verehrter Herr Professor!
Verzeihen Sie, wenn ich, vielleicht ein völlig Unbekannter für Sie, einige Zeilen an
Sie zu richten wage.
Anlaß ist mir eine Diskussion in Marburg,
in der man sich, unter Berufung auf Sie, gegen jede soziale Arbeit erklärte und meine
These, daß sich ein gewisser Quietismus nur mißverständlicherweise auf Sie berufen
könnte, zu widerlegen suchte. Tatsache ist auch, daß manche soziale Arbeitskreise, die
in Ihre Schriften eindringen, nicht mehr weiter arbeiten wollen, sondern «das Warten»
predigen. Die Erschütterung der Selbstsicherheit ethisch-sozialer Arbeit ist mir jedoch
immer als Bundesgenossenschaft erschienen. Meine Frage besteht jetzt
nur in einer neuerdings bei mir selbst eingetretenen Unsicherheit, ob Sie, wie ich früher annahm, dieselbe Empfindung unserer Arbeitsgemeinschaft
gegenüber haben.
Diese Frage, die ich selbst wegen meiner mit einer kaum überstandenen Krankheit
zusammenhängenden Arbeitsbelastung nur so kurz stellen kann, erwartet schon deshalb
keine Antwort. Ich hatte nur das Gefühl, ich müßte Ihnen meine Beobachtungen, da sie
seit der Marburger Aussprache nicht mehr im
kleinsten Kreis geblieben sind, aussprechen.
Stets mit Ihnen verbunden
Ihr ergebenerF. Siegmund-Schultze