Predigt: Offenbarung 6,4 und Matthäus 10,28
Das erste dieser Bibelworte steht in einer der schrecklichen Beschreibungen vom
kommenden Weltgericht in der Offenbarung des
Laßt uns heute darüber nachdenken, daß im Kriege Gottes Gericht
über uns gekommen ist. Drei Wochen sind es nun her, seit wir den Krieg haben. Die
anfängliche Aufregung hat, soviel ich
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sehe, bei uns einer gewissen Beruhigung Platz gemacht unterdessen. Man fürchtet
nicht mehr gleich das Äußerste. Man beginnt hoffentlich, sich gewisser
selbstsüchtiger Torheiten zu schämen, die man damals vor drei Wochen begangen hat.
Man sucht sich möglichst vernünftig in das Unvermeidliche zu schicken. Man redet auch
wieder von anderen Dingen als vom Kriege. Da und dort hört man auch wieder lachen und
singen. Diese veränderte Stimmung hat zu einem guten Teil ihren Grund darin, daß wir
wieder ein wenig gelernt haben, uns in herzlichem Vertrauen Gott zu übergeben. Es ist
viel gebetet worden in diesen Wochen, und Gott hat viele Gebete erhört. Es ist nicht
umsonst gewesen, wo noch eine bedrängte Seele aus der Tiefe zu ihm gerufen hat: Herr,
dein Wille geschehe [
Meine Freunde! Es ist nicht meine Sache, euch angst zu machen. Wohl aber ist es meine
Sache, euch zu warnen, daß wir uns jetzt ja nicht durch den Gedanken: es ist nicht so
gefährlich! einschläfern lassen. Denn dieser Gedanke gibt uns keinen sicheren Halt;
wenn wir uns jetzt damit beruhigen wollen, dann wird die alte Aufregung wieder da
sein, ärger als zuvor, wenn nur das Blatt sich einmal wenden sollte. Spüren wir es
nicht, wie schon jetzt hinter unserer äußerlichen Beruhigung die bleiche Angst
verborgen ist: ja, aber was könnte noch alles kommen? Von einer solchen verborgenen
Angst wüßten wir nichts, wenn wir unsere Hoffnung ganz auf Gott setzen würden. Und
meine Freunde, das Blatt könnte sich noch wenden und wird sich ganz sicher noch
wenden. Wir stehen nicht am Ende, sondern ganz am Anfang dieser Kriegszeit. Und diese
Zeit ist eine der allerernstesten der ganzen Weltgeschichte. Wir würden sicher
Unrecht tun, sie gedankenlos zu verschlafen, auch wenn wir persönlich gar nicht davon
berührt würden. Was sind alle Kriege, die wir erlebt haben, neben dem Krieg, der nun
entbrannt ist? Was sind selbst die Feldzüge
Als eine bittere unvermeidliche Notwendigkeit ist der Krieg gegen uns herangezogen,
über uns hereingebrochen wie jener eine unwiderstehliche Reiter in der Offenbarung.
«Ihm ward gegeben, den Frieden hinwegzunehmen von der Erde, und daß sie einander
hinschlachten!» Noch jetzt ist es doch etwas ganz Unbegreifliches,
wie binnen weniger Wochen unser ganzes
Ich sage, als eine unerbittliche Notwendigkeit ist diese
Weltkatastrophe über uns gekommen. Machtlos waren alle die Kräfte, von denen man eine
Erhaltung des Friedens hätte erwarten können. Sie konnten es nicht verhindern, daß
Aber auch die Sozialdemokraten haben den Krieg nicht verhindern können. Ich bin in
diesen Wochen ein paarmal von solchen, die für diese Richtung nicht viel übrig haben,
gefragt worden, ob denn die Sozialisten noch nicht stark genug seien, um sich gegen
den Krieg zu wehren? Nein, mußte ich antworten, sie sind noch nicht stark genug, und
da mag sich nun jeder selbst fragen, warum sie nicht stark genug waren. Der Wille
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und die Absicht waren wohl da gewesen bei Millionen unter den arbeitenden Klassen,
aber die Macht war nicht da. Es hätte gar nichts genützt, wenn sie sich gewehrt
hätten [da]gegen. Sie konnten schließlich nichts tun, als sich unter die Fahnen ihrer
Nationen zu stellen und gegeneinander in den Krieg zu ziehen wie alle [Anderen] auch,
und sie werden nun für lange Zeit nur noch unter Erröten von der Verbrüderung aller
Menschen reden können. Eine ernste Mahnung auch an uns: warum haben wir die Kräfte
des Friedens nicht stärker werden lassen in den Zeiten der Ruhe, wir sind nun
mitschuldig daran, daß wir versagt haben in der Zeit der Not. Eine Mahnung aber auch:
Verlasset euch nicht auf Menschen [vgl.
Auch das Christentum, die christlichen Kirchen wenigstens, haben versagt gegenüber
dem Krieg, der da gekommen ist. Wo ist die Kraft des Evangeliums geblieben? Warum ist
sie nicht in Tausenden so lebendig geworden, daß diese Greuel verhindert wurden? Wie
kommt es, daß jetzt 2000 Jahre nach Christus diese sogenannten christlichen Völker,
die das Licht der Welt sein sollten [vgl.
Der Krieg ist Gottes Gericht über uns. Jedes Unglück ist ein solches Gericht. Aber je größer ein Unglück ist, desto gewaltiger |438 das Gericht, das Gott damit übt. Und gerade das Unbegreifliche und Unvermeidliche an den jetzigen Ereignissen bedeutet uns, daß ein großer Gerichtstag angebrochen ist. Gericht! Das heißt, daß Gott uns jetzt wieder einmal sagen will, daß wir unrecht haben, daß er nicht mit uns zufrieden ist. Er sagt es uns, indem er unser gewohntes Wesen und Treiben in so unerhörter Weise unterbricht, indem er mitten hinein in unser Leben eine Tatsache stellt, so hart und unerbittlich, daß wir sie beachten und stillwerden müssen vor ihm. Wir meinten, wir seien auf guten Wegen, wir europäischen Menschen. Es kam uns als ganz selbstverständlich vor, daß wir die Spitze und die edelste Blüte der Menschheit seien. Wir waren so emsig darauf bedacht, unseren Wohlstand und unser Wohlsein zu vermehren. Wir hatten ein so kluges System ersonnen, wie mans zu etwas bringen könne in der Welt, viel weiter als unsere Großväter. Wir waren so stolz auf die Bildung, die wir uns angeeignet hatten. Wir wußten so viele Mittel und Wege, das verdiente Geld dann auch wieder nützlich und angenehm zu verwenden. Wir konnten so tief hinuntersehen auf die rohen, uncivilisierten Bewohner anderer Erdteile, auf unsere eigenen Vorfahren. Wir fühlten uns so sicher. Wir waren so ganz überzeugt, auf dem guten Weg zu sein. Nun kommt Gott und sagt uns schroff und hart: Nein! Ihr seid nicht auf gutem Weg!, indem er uns auf einmal den unerbittlichen Reiter auf rotem Roß schickt, der mit seinem großen Schwert den Frieden wegnimmt von der Erde. Nein! sagt uns Gott, indem er uns den Krieg schickt. Er schickt ihn uns nicht von den Sternen herunter. Der Krieg ist kein Wunder, so plötzlich und unerwartet er nun auch gekommen ist, so gespensterhaft er plötzlich dasteht mitten drin in unserer ahnungslosen Welt. Er ist gekommen als die natürliche Folge von dem, was wir gewesen sind und getan haben. Auf unseren Wegen, die wir für so gut hielten, stand er eines Augenblicks da. Wir hätten es vorher wissen können; wir müssen nun ernten, was wir gesät haben.
So ist es immer mit Gottes Gerichten. Sie kommen nicht als Naturwunder. Sie kommen als die natürliche Folge unseres eigenen |439 Tuns. Plötzlich wird uns die Rechnung vor Augen gehalten. Plötzlich müssen wir einsehen: dahin sind wir gekommen, da ist das Unglück, das wir selber angerichtet haben. So ist es auch diesmal. Tiefer sehende Menschen haben es schon lange gesagt: Es kann so nicht weitergehen. Wir treiben auf diese Weise einer Katastrophe entgegen. In unserem ganzen bisherigen Tun und Wesen ist zuviel Widergöttliches, als daß Gott es sich auf die Länge gefallen lassen könnte. Zuviel Unnatur und Sünde ist verborgen in unserer europäischen Kultur, auch in dem, was man so gewöhnlich und offiziell Christentum nennt, als daß sie auf die Länge bestehen könnten. Man hat auf diese Stimmen nicht gehört. Man hatte nicht Zeit dazu, man mußte seinen Geschäften und seinen Vergnügen nachgehen. Man hörte lieber auf die, die Alles schön und gut fanden, auf die, die mitmachten, leben und leben ließen. Gott hat lange gewartet. Nun ist das Gericht gekommen. Wir selber sind unaufhaltsam ins Gericht hineingelaufen. Nun ist die Abrechnung da, und sie lautet nicht gut. Ja, wir sind gescheiter und mächtiger als die Wilden, als unsere Vorfahren, aber unsere ganze Kultur war kein Eigentum und kein Werk von Brüdern, sondern selbstsüchtig, neidisch standen wir nebeneinander, gierig suchte ein Jeder sich in die Höhe zu arbeiten, böser Zündstoff sammelte sich an zwischen den selbstsüchtigen Massen, die man Völker nennt, immer weiter trieben wirs, immer mächtiger wollte jeder werden, bis nun schließlich diese Explosion des Bösen kommen mußte. Es kann gar nicht anders sein bei einer Welt, die auf den Konkurrenzkampf, auf das Recht des Stärkeren aufgebaut ist; eine solche Welt kann nicht anders als mit Krieg enden, mit gegenseitigem Morden und Zerstören. Und wenn wir nach dem Kriege wieder in der bisherigen Weise weiterfahren sollten, dann werden uns über kurz oder lang andere noch fürchterlichere Ereignisse belehren, daß es nicht geht auf diesen Wegen, daß es einfach nicht geht. Wir stehen jetzt da und klagen über das hereingebrochene Übel, wie die Kinder, die ein Geschirr zerbrochen haben, stehen wir da und suchen nach Ausreden. Wir sollten uns nicht beklagen: Wir haben das Übel geschaffen. Der Hochmut und |440 die Selbstsucht und das trotzige Pochen auf das eigene Recht und die eigene Macht, die in unserer gerühmten stolzen Kultur verborgen waren, sie haben jetzt ihre Frucht gezeitigt. Die einzelnen Menschen waren davon erfüllt, und die Völker waren davon erfüllt. Der Friede, den wir hatten, war kein Friede, er war ein heimlicher, heuchlerisch verhüllter Krieg. Er konnte keinen Bestand haben. Es hat nicht an Warnungen gefehlt. Aber wir haben sie überhört. Wir antworteten: es hat keine Gefahr! Wir würden auch jetzt noch ums Leben gern antworten können: es hat keine Gefahr — wenn wir nur könnten. Nun ist die Stunde der Ehrlichkeit gekommen. Nun ist der längst verborgene, vorhandene Krieg auf einmal an den Tag getreten. Nun ist Einer offen der Feind des Anderen. Nun hat unsere Kultur, unser Menschenwesen diesen gewaltigen, vielleicht unheilbaren Stoß bekommen. Er kam nicht von außen, sondern von innen. So straft uns Gott, meine Freunde. Er läßt keine Blitze zucken vom Himmel und läßt uns einfach machen, bis wir eines Tages so weit sind, daß wir uns durch unser eigenes Tun selbst strafen.
Was sollen wir nun tun in dieser Stunde des Gerichts? Herr erbarme dich unser! möchten wir rufen aus tiefster Seele. Ja, das müssen wir tun, das wollen wir tun, das ist das Einzige, was wir tun können. Da hilft nun nichts, als daß wir einsehen: es hat so kommen müssen durch unsere eigene Schuld. Daß wir anbetend bekennen: Gott hat gesprochen und hat uns wieder einmal an den Früchten unseres Tuns gezeigt, daß er der allein Mächtige ist. Daß wir uns beugen bedingungslos und ohne Murren, beugen unter seinen Richterspruch und seine starke Hand, die uns jetzt züchtigt. Daß wir ihn anflehen um das Einzige: Herr, verlaß uns nicht!
Unser zweites Textwort, ein Wort Jesu, soll uns zeigen, in welchem Sinn wir jetzt so
zu Gott rufen müssen in der Stunde des Gerichts. Fürchtet euch nicht vor denen, die
den Leib töten und die die Seele nicht vermögen zu töten, sagt er uns, fürchtet euch
vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben mag in der Hölle. Es gibt eine Art,
vor den Gerichten Gottes zu zittern, die
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trägt nichts ab, die führt uns nur tiefer ins Gericht, ins Verderben hinein, will er
damit sagen. Solange wir bloß das sehen in solchen außerordentlichen Zeiten, was uns
äußerlich menschlich betrifft und vielleicht leiden macht, solange haben wir die
Hauptsache noch nicht gesehen. Solange wir uns bloß davon bewegen und erregen lassen,
solange sind wir noch blind für die Zeichen der Zeit. Das ist nicht das Gericht
Gottes, daß jetzt Menschen umkommen, Städte und Dörfer zerstört werden, Geldverluste,
Hunger und Elend drohen. Das ist bloß das Äußere. Wer bloß davon weiß, bloß davor
sich fürchtet, ist blind. Das Gericht ist das, was Gott uns mit allen diesen Zeichen
sagt: eure Wege sind nicht meine Wege, und eure Gedanken sind nicht meine Gedanken
[vgl.
Aber das wäre furchtbar, wenn Gott uns mit dem allen sagen wollte: ich scheide mich
von euch, ich will nichts mehr von euch wissen, ich kann euch nicht mehr brauchen.
Das wäre furchtbar, wenn Gott uns, die wir so beharrlich unsere eigenen unguten Wege
gegangen sind, nun mit Leib und Seele verderben wollte in der Hölle, wenn wir jetzt
sein Nein! hören müßten, das uns nicht nur zurückhielte auf unseren Wegen, sondern
das uns auch endgültig zu einem verlorenen, innerlich unseligen Leben verurteilte.
Das sollen wir fürchten in der Stunde des Gerichts, meine Freunde. Die Gefahr ist
ungeheuer groß unter uns, daß wir bloß das Andere tun. Ich komme damit noch einmal
auf den gewissen Leichtsinn, der jetzt unter uns eingerissen scheint. Am Anfang haben
wir uns viel zu eifrig und aufgeregt mit den äußeren Gefahren beschäftigt, mit denen,
die den Leib töten, wie Jesus sagt. Wir ließen uns damals gerne trösten aus Gottes
Wort, daß wir uns nicht fürchten sollen vor ihnen, weil sie die Seele nicht
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vermögen zu töten, weil Gottes Liebe uns gewiß bleibt, solange wir an ihm hängen.
Und dabei wollen wir bleiben. Die äußere Gefahr ist nun vorläufig etwas
zurückgetreten, und nun meinen offenbar Manche, nun sei überhaupt nichts mehr zu
fürchten. Da muß ich euch nun an das Andere erinnern: Fürchtet euch vor dem, der Leib
und Seele verderben mag in der Hölle! Ja, fürchtet euch vor dem lebendigen Gott, der
uns jetzt im Walten dieser Weltkatastrophe sagt, daß er nicht mit uns zufrieden ist,
und der seiner sicher nicht spotten läßt [vgl.
Dann würden wir mitten in der Furcht vor ihm, dem Heiligen und Gerechten, der uns
ernten läßt, was wir gesät haben [vgl.