23. August 1914

Predigt: Offenbarung 6,4 und Matthäus 10,28

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Offenbarung 6,4
Und es zog hinaus ein feuerfarbenes Pferd, und dem, der darauf saß, ward gegeben, den Frieden hinwegzunehmen von der Erde, und daß sie einander hinschlachten, und ward ihm gegeben ein großes Schwert.
Matthäus 10,28
Und es zog hinaus ein feuerfarbenes Pferd, und dem, der darauf saß, ward gegeben, den Frieden hinwegzunehmen von der Erde, und daß sie einander hinschlachten, und ward ihm gegeben ein großes Schwert.
Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht mögen töten. Fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben mag in der Hölle.2
Liebe Zuhörer!

Das erste dieser Bibelworte steht in einer der schrecklichen Beschreibungen vom kommenden Weltgericht in der Offenbarung des Johannes. Vier fürchterliche Reiter ziehen daher als erste Boten des Gerichts, auf weißem, auf feuerrotem, auf schwarzem, auf gelbem Pferd [vgl. Apk. 6,1–8]. Es ist die Pest, der Krieg, der Hunger und der Tod. Und von ihnen allen heißt es, daß ihnen Macht gegeben, von Gott Macht gegeben wurde, ihr unheilvolles Werk zu tun. Sie dürfen es, sie müssen es. Gottes Gericht fängt an damit. Ich habe aus diesem Abschnitt die Worte herausgenommen, die vom Kriege handeln: Und es zog hinaus ein feuerfarbenes Pferd, und dem, der darauf saß, ward gegeben, den Frieden hinwegzunehmen von der Erde, und daß sie einander hinschlachten, und ward ihm gegeben ein großes Schwert.

Laßt uns heute darüber nachdenken, daß im Kriege Gottes Gericht über uns gekommen ist. Drei Wochen sind es nun her, seit wir den Krieg haben. Die anfängliche Aufregung hat, soviel ich |431 sehe, bei uns einer gewissen Beruhigung Platz gemacht unterdessen. Man fürchtet nicht mehr gleich das Äußerste. Man beginnt hoffentlich, sich gewisser selbstsüchtiger Torheiten zu schämen, die man damals vor drei Wochen begangen hat. Man sucht sich möglichst vernünftig in das Unvermeidliche zu schicken. Man redet auch wieder von anderen Dingen als vom Kriege. Da und dort hört man auch wieder lachen und singen. Diese veränderte Stimmung hat zu einem guten Teil ihren Grund darin, daß wir wieder ein wenig gelernt haben, uns in herzlichem Vertrauen Gott zu übergeben. Es ist viel gebetet worden in diesen Wochen, und Gott hat viele Gebete erhört. Es ist nicht umsonst gewesen, wo noch eine bedrängte Seele aus der Tiefe zu ihm gerufen hat: Herr, dein Wille geschehe [Mt. 6,10]! Wir sind stärker geworden durch vermehrtes Vertrauen und innigeres Beten. Darum können wir jetzt auch wieder ruhiger sein. Wollte Gott, das wäre der einzige Grund dieser Beruhigung, die über uns gekommen ist! Dann würde sie immer zunehmen, immer tiefer und fester werden. Dann könnten wir immer getroster und zuversichtlicher allem Kommenden entgegensehen. Aber das ist nicht der einzige Grund. Ich weiß es, und ihr wißt es auch. Wir wollen ganz ehrlich sein. Wenn es bloß vom Gottvertrauen und Beten abhinge, so würden wir uns jetzt nicht so ruhig und sicher fühlen. Aber wir haben im Lauf dieser Wochen die Entdeckung gemacht, daß der Krieg gar nichts so Schreckliches sei, wie wir am Anfang gedacht hatten. Wir haben zwar in der Zeitung von einigen blutigen Gefechten gelesen, aber es war nichts an diesen Nachrichten, was uns tiefer hätte erregen können, als was wir früher etwa aus anderen weiter von uns entfernten Kriegen hörten. Und vor allen Dingen: wir selbst haben vom Krieg noch wenig zu spüren bekommen. Wir leben ja noch wie mitten im Frieden. Unsere Soldaten sind fort, und das Geld ist etwas knapp geworden. Das ists, was wir spüren. Aber wir haben ja gottlob guten Bericht von unseren Lieben an der Grenze, und Vieles scheint daraufhinzudeuten, als ob unser Land nicht direkt in Mitleidenschaft gezogen werden solle. Auch die Not im Inneren ist nicht so arg, |432 wie wir es befürchtet hatten. Und darum sind wir jetzt ruhiger, darum können wir jetzt wieder von Anderem reden, wieder lachen, nicht nur wegen unserem starken Gottvertrauen!! Nicht wahr?

Meine Freunde! Es ist nicht meine Sache, euch angst zu machen. Wohl aber ist es meine Sache, euch zu warnen, daß wir uns jetzt ja nicht durch den Gedanken: es ist nicht so gefährlich! einschläfern lassen. Denn dieser Gedanke gibt uns keinen sicheren Halt; wenn wir uns jetzt damit beruhigen wollen, dann wird die alte Aufregung wieder da sein, ärger als zuvor, wenn nur das Blatt sich einmal wenden sollte. Spüren wir es nicht, wie schon jetzt hinter unserer äußerlichen Beruhigung die bleiche Angst verborgen ist: ja, aber was könnte noch alles kommen? Von einer solchen verborgenen Angst wüßten wir nichts, wenn wir unsere Hoffnung ganz auf Gott setzen würden. Und meine Freunde, das Blatt könnte sich noch wenden und wird sich ganz sicher noch wenden. Wir stehen nicht am Ende, sondern ganz am Anfang dieser Kriegszeit. Und diese Zeit ist eine der allerernstesten der ganzen Weltgeschichte. Wir würden sicher Unrecht tun, sie gedankenlos zu verschlafen, auch wenn wir persönlich gar nicht davon berührt würden. Was sind alle Kriege, die wir erlebt haben, neben dem Krieg, der nun entbrannt ist? Was sind selbst die Feldzüge Napoleons und der Dreißigjährige Krieg in Deutschland neben dem ungeheuren Völkerzusammenstoß, der sich jetzt vorbereitet? Man muß schon zurückgehen auf die Zeiten der großen Völkerwanderung, um sich an Ereignisse von ähnlicher Bedeutung und Tragweite zu erinnern. Das muß schon ein ganz jämmerlicher kleinlicher Mensch sein, der sich bei dem allen trösten kann: das ist weit weg und geht mich nichts an! Der das alles nicht miterlebt mit wachem Herzen und Gewissen. Auch wir selber werden übrigens auf alle Fälle von diesen Ereignissen noch mehr zu spüren bekommen als bisher. Es hat nicht den Anschein, als ob dieser Krieg sich sehr rasch abwickeln wolle, und wir tun gut, uns auf eine lange Trennung von denen, die an die Grenze gezogen sind, wenigstens gefaßt zu machen. Vergessen wir nicht, daß wir jetzt in der günstigsten Jahreszeit stehen. Aber nach|433her kommt der Winter, und wir werden es dann erfahren müssen, was das heißt, wenn das ganze wirtschaftliche Leben stockt. Was werden wir für eine Weihnacht erleben, wie wird es um Ostern mit uns aussehen? Es dürfte bis dahin manchem das Lachen vergehen, der sich jetzt damit beruhigt, es sei für uns nicht so gefährlich, statt seine Zuversicht auf Gott zu setzen. Ich wiederhole: ich begehre nicht, euch angst zu machen, ich freue mich mit euch über jeden Tag, den wir in Sicherheit und Ruhe verleben können, aber es graut mir vor einem gewissen Leichtsinn, der jetzt, nach der ersten Aufregung, unter uns Platz greifen möchte. Dieser Leichtsinn ist eine Torheit und ein Frevel. Ich möchte, daß wir alle den Dingen klar ins Gesicht sehen. Ich möchte, daß wir alle die Zeichen der Zeit verstehen. Es ist eine Gotteszeit, wie nur je eine. Eine Gerichtszeit sondergleichen. Aber eben darum auch eine ganz besondere Gnadenzeit. Wohl denen, die jetzt Ohren haben zu hören.

Als eine bittere unvermeidliche Notwendigkeit ist der Krieg gegen uns herangezogen, über uns hereingebrochen wie jener eine unwiderstehliche Reiter in der Offenbarung. «Ihm ward gegeben, den Frieden hinwegzunehmen von der Erde, und daß sie einander hinschlachten!» Noch jetzt ist es doch etwas ganz Unbegreifliches, wie binnen weniger Wochen unser ganzes Europa, ja die ganze Erde ein anderes Gesicht bekommen hat. Abgebrochen auf einmal all die Millionen Fäden eines fieberhaft lebhaften Geschäftslebens, die zwischen den Völkern hin- und herliefen. Abgeschnitten die tausenderlei Quellen von Wohlstand und Reichtum. Unterdrückt all die wissenschaftlichen, künstlerischen und religiösen Interessen, die die fernsten Menschen bewegten und miteinander verbanden. Zu Ende ist es auf einmal mit all den falschen oder aufrichtigen Höflichkeits- und Freundschaftsbegegnungen, mit all den menschlichen Beziehungen von Volk zu Volk; eisiges Schweigen oder Anklagen und Verleumdungen sind an ihre Stelle getreten. Waffenstarrend, zum Äußersten entschlossen zieht sich auf einmal jedes Volk auf sich selbst zurück und hat kein anderes Interesse mehr als das: werden wir schnell |434 und gewandt und gut ausgerüstet und zahlreich genug sein, um den Gegner, den Feind da drüben, mit dem uns gar nichts mehr verbindet als der gegenseitige Haß, niederzuringen? Vergessen ist alles Andere über der Forderung: Wir müssen uns wehren! Wir wollen und wir müssen und wir werden siegen. Und nun wird die gegenseitige Vernichtung anheben. Was bis jetzt geschehen ist, sind nur unbedeutende Vorspiele gewesen. Sie haben uns doch schon einen Begriff geben können von dem, was nun kommen wird. Noch nie ist Töten und Zerstören so planmäßig, so technisch und geschäftsmäßig exakt betrieben worden wie heute. Eine riesige geistige Arbeit steckt in der Vorbereitung und Leitung der gewaltigen Armeen mit all ihren Hilfsmitteln, die nun im Felde stehen. Der Tod wird aller Voraussicht nach eine Ernte halten unter der europäischen Menschheit wie noch nie. Millionen von Familien werden ihre Liebsten betrauern und in tiefe Not geraten. Was alles zerstört werden wird an Erwerbsmitteln und Kunstwerken, was Europa wirtschaftlich einbüßen wird durch die Konkurrenz Amerikas, die sich nun auf einmal und für lange Zeit frei entfalten kann auf unsere Kosten, wieviel die europäischen Völker an Macht und Respekt verlieren können bei den anderen Rassen, in Afrika und vor Allem in Asien, bei all den wilden und halbwilden Völkern, die nur darauf gewartet haben, um sich einmal von dem verhaßten Europa freizumachen — das alles läßt sich jetzt noch gar nicht absehen. Und dann vor Allem der furchtbare geistige und moralische Rückschritt, den ein solcher Krieg für alle Beteiligten bedeutet, dieses Erwachen der nationalen Leidenschaften, dieses fanatischen barbarischen Bewußtseins: Wir Deutsche! Wir Franzosen!, über dem die große Wahrheit, daß alle Menschen Brüder sind, zerflattern muß wie ein armseliger Nebel. Diese Oberherrschaft der brutalen, äußerlichen, materiellen Gewalt über alle anderen Mächte im Menschenleben, diese losgelassenen Triebe, zu hassen, zu töten, zu zerstören. Was für eine heillose Katastrophe ist da über uns hereingebrochen! Ihr erinnert euch vielleicht noch, wie wir hier vor kaum zwei Monaten über |435 unsere Landesausstellung redeten3 und über die großen Gaben und Kräfte, die Gott uns Menschen anvertraut hat. Wir hatten damals den Text aus dem 8. Psalm, wo es vom Menschen heißt: … du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott, und mit Schmuck und Ehre hast du ihn gekrönt [Ps. 8,6]! Wo sind wir nun hingekommen? Wo ist nun die Herrlichkeit des Menschen, über die wir uns damals dankbar freuen konnten? Nun können wir nichts tun, als in schweigender Verehrung hören, wie Gott auf einmal ganz anders mit uns redet, ganz ein anderes Bild der Menschheit, unserer selbst uns zeigt als das, das wir damals bewunderten.

Ich sage, als eine unerbittliche Notwendigkeit ist diese Weltkatastrophe über uns gekommen. Machtlos waren alle die Kräfte, von denen man eine Erhaltung des Friedens hätte erwarten können. Sie konnten es nicht verhindern, daß Europa aus den Fugen gegangen ist. Der Mammon, das internationale Kapital vermochte es nicht. Viele hatten es erwartet, die Geschäftsinteressen in allen Ländern seien heutzutage zu stark, als daß man es dahin kommen lassen werde. Grausame Enttäuschung, das Geld hat die Menschen nicht verbrüdert, es wird sich wahrscheinlich im Gegenteil zeigen, daß das überspannte Geschäfts- und Geldinteresse, von dem die Völker sich leiten ließen, sie in diesen mörderischen Kampf hineingezogen hat. In einem Fall ist das sogar bereits sicher: all die Tausende von Franzosen, die jetzt sterben müssen, sterben nicht für ihr Vaterland, sondern für die 40 Milliarden Franken, die die französischen Banken in Rußland stehen haben.

Aber auch die Sozialdemokraten haben den Krieg nicht verhindern können. Ich bin in diesen Wochen ein paarmal von solchen, die für diese Richtung nicht viel übrig haben, gefragt worden, ob denn die Sozialisten noch nicht stark genug seien, um sich gegen den Krieg zu wehren? Nein, mußte ich antworten, sie sind noch nicht stark genug, und da mag sich nun jeder selbst fragen, warum sie nicht stark genug waren. Der Wille |436 und die Absicht waren wohl da gewesen bei Millionen unter den arbeitenden Klassen, aber die Macht war nicht da. Es hätte gar nichts genützt, wenn sie sich gewehrt hätten [da]gegen. Sie konnten schließlich nichts tun, als sich unter die Fahnen ihrer Nationen zu stellen und gegeneinander in den Krieg zu ziehen wie alle [Anderen] auch, und sie werden nun für lange Zeit nur noch unter Erröten von der Verbrüderung aller Menschen reden können. Eine ernste Mahnung auch an uns: warum haben wir die Kräfte des Friedens nicht stärker werden lassen in den Zeiten der Ruhe, wir sind nun mitschuldig daran, daß wir versagt haben in der Zeit der Not. Eine Mahnung aber auch: Verlasset euch nicht auf Menschen [vgl. Ps. 146,3], heißen sie, wie sie wollen.

Auch das Christentum, die christlichen Kirchen wenigstens, haben versagt gegenüber dem Krieg, der da gekommen ist. Wo ist die Kraft des Evangeliums geblieben? Warum ist sie nicht in Tausenden so lebendig geworden, daß diese Greuel verhindert wurden? Wie kommt es, daß jetzt 2000 Jahre nach Christus diese sogenannten christlichen Völker, die das Licht der Welt sein sollten [vgl. Mt. 5,14], einander gegenüberstehen mit dem einzigen Gedanken, sich zu schädigen, womöglich zu vernichten mit aller Kraft, darunter ein Volk mit so viel tiefen ernsten Denkern wie das deutsche und ein so sittenstrenges und missionseifriges wie das englische? Der Papst Pius X., der nun gestorben ist, hat in seiner letzten Lebenswoche noch ein allgemeines Gebet für den Frieden angeordnet.4 Es war wie die Stimme eines Kindes im Gewitter, so macht- und erfolglos, und doch leider der einzige |437 Lichtpunkt: doch eine Stimme wenigstens, die nicht die Stimme eines Kämpfers war, die von einem Standort über den Parteien auf etwas Höheres hinwies. Diese Stimme schweigt nun auch, und sie würde doch nichts ausgerichtet haben. Und die anderen Christen? Die deutschen, die französischen, die russischen, die englischen …? Gott sei Dank, daß er ins Verborgene sieht; das, was an die Öffentlichkeit dringt, ist nicht erhebend: da beten sie nun alle, wofür? für den Sieg ihres Volkes, ihrer Waffen, ein Jeder für die Seinigen! Was sollte werden, wenn Gott so wäre, wie alle diese Christen sich ihn denken? Was würde Jesus sagen, wenn er jetzt wiederkommen und seine Jünger bei diesen sonderbaren Kriegsgebeten finden würde? Seht, so kläglich ist alles menschliche Wesen zusammengebrochen vor dem Reiter auf dem feuerroten Roß, dem das Schwert gegeben ist und die Macht, den Frieden hinwegzunehmen von der Erde, und daß sie einander hinschlachten. Es ist einfach stärker als wir, stärker als das Beste in uns, das, was da über die Menschen gekommen ist. Da rühme sich Keiner eines Menschen [1.Kor. 3,21], denn da ist Keiner, der Gutes tue, nicht einer [vgl. Röm. 3,10], würde jetzt Paulus sagen. Wir Schweizer wären ja auch nicht anders, wir könnten nicht anders sein und denken, wenn wir in der Lage unserer Nachbarn wären. Die Menschen sind jetzt einmal in der Lage, daß sie einander nichts mehr vorzuwerfen haben. Eben darum kann Gott jetzt einmal zu uns reden, so daß wir ihn hören müssen.

Der Krieg ist Gottes Gericht über uns. Jedes Unglück ist ein solches Gericht. Aber je größer ein Unglück ist, desto gewaltiger |438 das Gericht, das Gott damit übt. Und gerade das Unbegreifliche und Unvermeidliche an den jetzigen Ereignissen bedeutet uns, daß ein großer Gerichtstag angebrochen ist. Gericht! Das heißt, daß Gott uns jetzt wieder einmal sagen will, daß wir unrecht haben, daß er nicht mit uns zufrieden ist. Er sagt es uns, indem er unser gewohntes Wesen und Treiben in so unerhörter Weise unterbricht, indem er mitten hinein in unser Leben eine Tatsache stellt, so hart und unerbittlich, daß wir sie beachten und stillwerden müssen vor ihm. Wir meinten, wir seien auf guten Wegen, wir europäischen Menschen. Es kam uns als ganz selbstverständlich vor, daß wir die Spitze und die edelste Blüte der Menschheit seien. Wir waren so emsig darauf bedacht, unseren Wohlstand und unser Wohlsein zu vermehren. Wir hatten ein so kluges System ersonnen, wie mans zu etwas bringen könne in der Welt, viel weiter als unsere Großväter. Wir waren so stolz auf die Bildung, die wir uns angeeignet hatten. Wir wußten so viele Mittel und Wege, das verdiente Geld dann auch wieder nützlich und angenehm zu verwenden. Wir konnten so tief hinuntersehen auf die rohen, uncivilisierten Bewohner anderer Erdteile, auf unsere eigenen Vorfahren. Wir fühlten uns so sicher. Wir waren so ganz überzeugt, auf dem guten Weg zu sein. Nun kommt Gott und sagt uns schroff und hart: Nein! Ihr seid nicht auf gutem Weg!, indem er uns auf einmal den unerbittlichen Reiter auf rotem Roß schickt, der mit seinem großen Schwert den Frieden wegnimmt von der Erde. Nein! sagt uns Gott, indem er uns den Krieg schickt. Er schickt ihn uns nicht von den Sternen herunter. Der Krieg ist kein Wunder, so plötzlich und unerwartet er nun auch gekommen ist, so gespensterhaft er plötzlich dasteht mitten drin in unserer ahnungslosen Welt. Er ist gekommen als die natürliche Folge von dem, was wir gewesen sind und getan haben. Auf unseren Wegen, die wir für so gut hielten, stand er eines Augenblicks da. Wir hätten es vorher wissen können; wir müssen nun ernten, was wir gesät haben.

So ist es immer mit Gottes Gerichten. Sie kommen nicht als Naturwunder. Sie kommen als die natürliche Folge unseres eigenen |439 Tuns. Plötzlich wird uns die Rechnung vor Augen gehalten. Plötzlich müssen wir einsehen: dahin sind wir gekommen, da ist das Unglück, das wir selber angerichtet haben. So ist es auch diesmal. Tiefer sehende Menschen haben es schon lange gesagt: Es kann so nicht weitergehen. Wir treiben auf diese Weise einer Katastrophe entgegen. In unserem ganzen bisherigen Tun und Wesen ist zuviel Widergöttliches, als daß Gott es sich auf die Länge gefallen lassen könnte. Zuviel Unnatur und Sünde ist verborgen in unserer europäischen Kultur, auch in dem, was man so gewöhnlich und offiziell Christentum nennt, als daß sie auf die Länge bestehen könnten. Man hat auf diese Stimmen nicht gehört. Man hatte nicht Zeit dazu, man mußte seinen Geschäften und seinen Vergnügen nachgehen. Man hörte lieber auf die, die Alles schön und gut fanden, auf die, die mitmachten, leben und leben ließen. Gott hat lange gewartet. Nun ist das Gericht gekommen. Wir selber sind unaufhaltsam ins Gericht hineingelaufen. Nun ist die Abrechnung da, und sie lautet nicht gut. Ja, wir sind gescheiter und mächtiger als die Wilden, als unsere Vorfahren, aber unsere ganze Kultur war kein Eigentum und kein Werk von Brüdern, sondern selbstsüchtig, neidisch standen wir nebeneinander, gierig suchte ein Jeder sich in die Höhe zu arbeiten, böser Zündstoff sammelte sich an zwischen den selbstsüchtigen Massen, die man Völker nennt, immer weiter trieben wirs, immer mächtiger wollte jeder werden, bis nun schließlich diese Explosion des Bösen kommen mußte. Es kann gar nicht anders sein bei einer Welt, die auf den Konkurrenzkampf, auf das Recht des Stärkeren aufgebaut ist; eine solche Welt kann nicht anders als mit Krieg enden, mit gegenseitigem Morden und Zerstören. Und wenn wir nach dem Kriege wieder in der bisherigen Weise weiterfahren sollten, dann werden uns über kurz oder lang andere noch fürchterlichere Ereignisse belehren, daß es nicht geht auf diesen Wegen, daß es einfach nicht geht. Wir stehen jetzt da und klagen über das hereingebrochene Übel, wie die Kinder, die ein Geschirr zerbrochen haben, stehen wir da und suchen nach Ausreden. Wir sollten uns nicht beklagen: Wir haben das Übel geschaffen. Der Hochmut und |440 die Selbstsucht und das trotzige Pochen auf das eigene Recht und die eigene Macht, die in unserer gerühmten stolzen Kultur verborgen waren, sie haben jetzt ihre Frucht gezeitigt. Die einzelnen Menschen waren davon erfüllt, und die Völker waren davon erfüllt. Der Friede, den wir hatten, war kein Friede, er war ein heimlicher, heuchlerisch verhüllter Krieg. Er konnte keinen Bestand haben. Es hat nicht an Warnungen gefehlt. Aber wir haben sie überhört. Wir antworteten: es hat keine Gefahr! Wir würden auch jetzt noch ums Leben gern antworten können: es hat keine Gefahr — wenn wir nur könnten. Nun ist die Stunde der Ehrlichkeit gekommen. Nun ist der längst verborgene, vorhandene Krieg auf einmal an den Tag getreten. Nun ist Einer offen der Feind des Anderen. Nun hat unsere Kultur, unser Menschenwesen diesen gewaltigen, vielleicht unheilbaren Stoß bekommen. Er kam nicht von außen, sondern von innen. So straft uns Gott, meine Freunde. Er läßt keine Blitze zucken vom Himmel und läßt uns einfach machen, bis wir eines Tages so weit sind, daß wir uns durch unser eigenes Tun selbst strafen.

Was sollen wir nun tun in dieser Stunde des Gerichts? Herr erbarme dich unser! möchten wir rufen aus tiefster Seele. Ja, das müssen wir tun, das wollen wir tun, das ist das Einzige, was wir tun können. Da hilft nun nichts, als daß wir einsehen: es hat so kommen müssen durch unsere eigene Schuld. Daß wir anbetend bekennen: Gott hat gesprochen und hat uns wieder einmal an den Früchten unseres Tuns gezeigt, daß er der allein Mächtige ist. Daß wir uns beugen bedingungslos und ohne Murren, beugen unter seinen Richterspruch und seine starke Hand, die uns jetzt züchtigt. Daß wir ihn anflehen um das Einzige: Herr, verlaß uns nicht!

Unser zweites Textwort, ein Wort Jesu, soll uns zeigen, in welchem Sinn wir jetzt so zu Gott rufen müssen in der Stunde des Gerichts. Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die die Seele nicht vermögen zu töten, sagt er uns, fürchtet euch vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben mag in der Hölle. Es gibt eine Art, vor den Gerichten Gottes zu zittern, die |441 trägt nichts ab, die führt uns nur tiefer ins Gericht, ins Verderben hinein, will er damit sagen. Solange wir bloß das sehen in solchen außerordentlichen Zeiten, was uns äußerlich menschlich betrifft und vielleicht leiden macht, solange haben wir die Hauptsache noch nicht gesehen. Solange wir uns bloß davon bewegen und erregen lassen, solange sind wir noch blind für die Zeichen der Zeit. Das ist nicht das Gericht Gottes, daß jetzt Menschen umkommen, Städte und Dörfer zerstört werden, Geldverluste, Hunger und Elend drohen. Das ist bloß das Äußere. Wer bloß davon weiß, bloß davor sich fürchtet, ist blind. Das Gericht ist das, was Gott uns mit allen diesen Zeichen sagt: eure Wege sind nicht meine Wege, und eure Gedanken sind nicht meine Gedanken [vgl. Jes. 55,8]. Not und Tod, alle Schrecken des Krieges, die Vernichtung unserer ganzen europäischen Kultur, die gelbe und schwarze Gefahr und was immer die Folgen der heutigen Ereignisse sein mögen, die reichen nicht hinein bis ins Innerste des Menschen, die lassen seine Seele unberührt, die können im Glauben, in der Liebe, in der Hoffnung überwunden werden.

Aber das wäre furchtbar, wenn Gott uns mit dem allen sagen wollte: ich scheide mich von euch, ich will nichts mehr von euch wissen, ich kann euch nicht mehr brauchen. Das wäre furchtbar, wenn Gott uns, die wir so beharrlich unsere eigenen unguten Wege gegangen sind, nun mit Leib und Seele verderben wollte in der Hölle, wenn wir jetzt sein Nein! hören müßten, das uns nicht nur zurückhielte auf unseren Wegen, sondern das uns auch endgültig zu einem verlorenen, innerlich unseligen Leben verurteilte. Das sollen wir fürchten in der Stunde des Gerichts, meine Freunde. Die Gefahr ist ungeheuer groß unter uns, daß wir bloß das Andere tun. Ich komme damit noch einmal auf den gewissen Leichtsinn, der jetzt unter uns eingerissen scheint. Am Anfang haben wir uns viel zu eifrig und aufgeregt mit den äußeren Gefahren beschäftigt, mit denen, die den Leib töten, wie Jesus sagt. Wir ließen uns damals gerne trösten aus Gottes Wort, daß wir uns nicht fürchten sollen vor ihnen, weil sie die Seele nicht |442 vermögen zu töten, weil Gottes Liebe uns gewiß bleibt, solange wir an ihm hängen. Und dabei wollen wir bleiben. Die äußere Gefahr ist nun vorläufig etwas zurückgetreten, und nun meinen offenbar Manche, nun sei überhaupt nichts mehr zu fürchten. Da muß ich euch nun an das Andere erinnern: Fürchtet euch vor dem, der Leib und Seele verderben mag in der Hölle! Ja, fürchtet euch vor dem lebendigen Gott, der uns jetzt im Walten dieser Weltkatastrophe sagt, daß er nicht mit uns zufrieden ist, und der seiner sicher nicht spotten läßt [vgl. Gal. 6,7]. Das wäre furchtbar, wenn wir ihn jetzt überhören und uns damit durch eigene Schuld von ihm und seiner Liebe scheiden würden. Er wird uns nicht gleich wieder so nahe treten, wie er es jetzt tut mit diesem großen Ruf, umzukehren und anderen Sinnes zu werden. O, wir wollen einmal innehalten mit diesem Schaukelspiel von Leichtsinn und haltloser Angst und Sorge, in dem wir jetzt drin sind. So können wir nicht zum Frieden kommen. So können wir diese Zeit nicht überstehen. Wir wollen seinen Ruf hören und ihm antworten : Herr, ich habe gesündigt und bin nicht wert, dein Sohn zu heißen [vgl. Lk. 15,19], und ich möchte, ich möchte so gern ein anderer Mensch werden! Ein einziger solcher Seufzer aus der Tiefe eines schuldbewußten Herzens ist jetzt mehr wert als tausend lange Gebete voll von irdischen, äußerlichen Wünschen. O wenn es in uns erwachen würde, dieses Seufzen nach Gott selber, der uns selig machen oder verdammen kann! Wenn jetzt in Millionen Seelen in unserem Lande, in all den armen, geschlagenen Ländern Europas dieses Seufzen erwachen würde! Wenn die Furcht vor Gott die eine große Bewegung all dieser Seelen würde!

Dann würden wir mitten in der Furcht vor ihm, dem Heiligen und Gerechten, der uns ernten läßt, was wir gesät haben [vgl. Gal. 6,7], erfahren, daß er die Liebe ist. Daß auch sein jetziges furchtbares Gericht eine Tat seiner Gnade ist. Dann — aber auch nur dann dürfen wir ganz ruhig sein in der Gewißheit, daß er in diesem allen seine Hand nicht von uns abziehen wird, weil wir sein sind.

Amen.

Sachfußnoten

1
Zu dieser und der folgenden Predigt vgl. K. Barth / E. Thurneysen, Briefwechsel, Bd. 1, 1913–1921, Zürich 1973 (in Reihe V dieser Ausgabe), S. 10 📖.↩
2
Die Anregung zur Textwahl dürfte zurückgehen auf die Meditation von M. Rade Gottes Wille im Krieg in: CW, Jg. 28 (1914), Sp. 769f. (Nr. 33 vom 15. August 1914) 📖.↩
3
Vgl. Predigt 224 vom 7. Juni 1914, S. 287ff.↩
4
Mahnwort an die Katholiken der ganzen Welt vom 2. August 1914, in: AAS Bd. VI (1914), S. 373 📖: Ad universos orbis catholicos hortatio Dum Europa fere omnis in anfractus abripitur funestissimi belli cuius quae pericula, quas clades, quem exitum qui paullulum reputaverit, is profectu luctu atque horrore se confici sentiat, non possumus non gravissime et Ipsi affici, non angi animo moerore acerbissimo, quum simus de tot civium, de tot populorum salute ac vita solliciti. In tanta rerum omnium perturbatione ac discrimine plane sentimus atque intelligimus hoc a Nobis paternam caritatem, hoc apostolicum ministerium postulare, ut christifidelium omnium animos eo convertamus impensius unde venit auxilium, ad Christum, dicimus, principem pacis et Dei atque hominum mediatorem potentissimum. Huius igitur thronum gratiae ac misericordiae adeant omnes, hortamur, quotquot sunt per orbem catholici in primisque viri e clero; quorum insuper erit, iussu episcoporum in unaquaque paroecia publicas peragere supplicationes, ut misericors Deus, quasi piorum precibus defatigatus, funestas belli faces amoveat quantocius detque benignus iis qui publicae rei praesunt cogitare cogitationes pacis et non afflictionis. Ex aedibus Vaticanis, die II augusti MCMXIV.
PIUS PP. X
Pius X. starb am 20. August 1914. ↩