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4. September 1914
Lieber Freund!
Entschuldige, daß ich die Rücksendung der Naumannsachen so lange versäumt habe. Hier sind sie mit Dank zurück. Ich bin sehr froh, daß ich mich diesen Sommer noch damit beschäftigt habe. Der geistige Zustand unserer deutschen Freunde ist mir nun viel verständlicher, wenn auch um nichts sympathischer. Ich habe ein ausführliches, sorgfältig redigiertes Manifest gegen diesen Zu|10stand an Rade erlassen.1 Er hatte scheints die Naivität, zu meinen, wir müßten doch selbstverständlich deutschfreundlich (und nicht neutral) gesinnt sein. Es ist, wie Ragaz sagen würde, «von symptomatischer Bedeutung», daß ein Mann wie Rade so völlig den Kopf verlieren kann in dieser Lage. Die absoluten Gedanken des Evangeliums werden einfach bis auf weiteres suspendiert, und unterdessen wird eine germanische Kampfreligion in Kraft gesetzt, christlich verbrämt durch viel Reden von «Opfer» etc. Beweis genug, daß die ersteren schon vorher bei diesem Christlichen-Welt-Christentum mehr Firnis als innerlicher Besitz waren. Traurig ist’s doch! Marburg und die deutsche Kultur verliert in meinen Augen etwas, und zwar für immer, durch diesen Zusammenbruch. — Loew sei übrigens erst angemeldet als Freiwilliger, und auch die Nottrauung mit Liese war Projekt für den Fall […]
Hier hast du zwei Predigten, es sind einfach die zwei letzten. […] Du wirst sie nicht vom Standpunkt der Leistung aus betrachten, sondern eben als Versuche. An Versuchen sind wir ja jetzt eigentlich alle, jeder auf seine Weise und jeden Sonntag wieder auf eine andere Weise, des grenzenlosen Problems einigermaßen für uns und zu Handen unsrer jetzt so überaus eifrig gewordener Kirchgänger Meister zu werden. Dei providentia —hominum confusio, darum drehen wir uns jetzt Sonntag für Sonntag und müssen es. Ich habe wie du zuerst eine Reihe von Predigten über das erste Moment gehalten, nun betone ich mehr das andere. Aber ich möchte immer mehr beides zusammensehen. Manchmal gelingt’s besser, manchmal weniger gut. Die Art, wie du den «Zorn Gottes» positiv fruchtbar machst, ist einleuchtend. Die Formel: «Gott will den Krieg nicht» ist vielleicht irreführend, obwohl im Zusammenhang wohl verständlich. Gott will den Egoismus nicht. Er will aber, daß der Egoismus sich im Krieg offenbare und so sich selbst zum Gericht werde. Dieser Gerichtswille Gottes ist dann auch nichts anderes als Liebe: Offenbarwerden und Stärkerwerden der göttlichen Gerechtigkeit. Ich würde den Zorn Gottes vielleicht noch bestimmter auf das «gottlose Wesen» selbst beziehen und soziales Unrecht, Krieg etc. als |11 Symptom oder Konsequenz des letzteren auffassen. Man kommt dann dem Einklang mit Röm. 8,28 näher, ohne doch in lutherische […] Gemütlichkeit zu verfallen. Aber das weißt du alles so gut wie ich und hast es sicher in andern Predigten auch ausdrücklich gesagt. […] Dank für die Kutterpredigt, die Deinige sagt mir aber noch mehr.
Herzlich