16. August 1914

Predigt: Johannes 15,14-15

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Johannes 15,14–15
Ihr seid meine Freunde, so ihr tut, was ich euch gebiete. Ich sage hinfort nicht, daß ihr Knechte seid; denn ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut. Euch aber habe ich gesagt, daß ihr Freunde seid; denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan.
Liebe Zuhörer!

Alle Menschen stehen unter dem Willen Gottes. Alle Menschen sind Geschöpfe des ewigen Vaters und können nichts Anderes tun, als seine heiligen Pläne ausführen helfen. Alle Menschen vermögen schließlich mit Allem, was sie denken, sagen und machen, nichts Anderes, als Gottes Gedanken vollstrecken zu bestimmter Zeit und an bestimmtem Ort. Es gibt keine wirkliche Auflehnung gegen Gott. Kein Mensch kann Gott tatsächlich entlaufen. Und keiner kann tatsächlich und wirksam Gottes Feind sein. Gott kann nicht zu Schanden werden unter den Menschen. Nichts Menschliches geschieht ohne ihn. Wenn er etwas will, so geschieht es, und wenn er gebietet, so steht es da [vgl. Ps. 33,9].

Und nun gibt es doch zweierlei Arten Menschen, zweierlei Arten, sich zu Gottes Willen zu stellen. Die Einen sind unbewußte Werkzeuge Gottes. Sie wissen nicht, wem sie dienen und gehorsam sind. Sie werden einfach gebraucht. Wie im Traum oder seufzend und traurig oder in beständiger Hast und Unruhe oder zähneknirschend und wütend müssen sie es sich einfach gefallen |420 lassen, daß Gottes Wille an ihnen und durch sie geschieht, ob sie wollen oder nicht. Die Anderen sind wach und lebendig und freudig mit dabei. Sie erkennen den Willen Gottes, und sie wollen gerne auch, was Gott will. Sie müssen auch gehorchen, aber sie begehren es auch gar nicht anders, sie haben ihre Seligkeit darin gefunden, sich ganz in diesen Gehorsam hinzugeben. Auch in der ernsten Zeit, die wir jetzt erleben, sind diese zwei Arten von Menschen deutlich zu unterscheiden. Alle Menschen stehen unter Gottes Willen, heute so gut wie immer. Auf all den merkwürdigen traurigen Wegen, die wir in diesem für alle Zeiten unvergeßlichen Jahr 1914 gehen müssen, vollstrecken wir alle irgendwie Gottes Gedanken und Absichten, so gut wie die Sterne, die Winde, das Wasser seit Milliarden von Jahren die Bahnen gegangen sind, die er ihnen vorgezeichnet hat. Was für ein Trost, was für eine Freude könnte diese Tatsache für uns sein mitten im Dunkel und in der Sorge dieser Tage! Wie könnten wir voll Freude und Seligkeit sein in aller Unruhe, wenn wir fest und sicher auf das Eine schauen würden: Gott will es!

Aber warum ist das tatsächlich für so Viele kein Trost und keine Freude, warum ist so wenig von dem Frieden und der Seligkeit in uns, die in uns sein könnten? Weil auch jetzt die Einen Gottes Willen nur unbewußt, nur im Schlaf gleichsam tun. Sie gehen ihre eigenen bösen, selbstsüchtigen, krummen Wege. Sie haben durch ihre Geldgier und Herrschsucht und ihren gegenseitigen blinden Haß die Scheite zusammengetragen zu dem furchtbaren Brand, der jetzt entstanden ist. Sie sind nicht mutig[?] und ernsthaft und wachsam gewesen, um diese Katastrophe zu verhindern, noch bevor sie ausgebrochen war. Sie haben mit ihren Leidenschaften noch ins Feuer geblasen. Und nun ist auf der einen Seite das wilde Tier im Menschen los von seiner Kette und auf der anderen Seite die bleiche jämmerliche Furcht. Voll von Haß- und Rachegedanken stehen sie einander gegenüber da draußen an den Grenzen der Weltreiche oder auch voll Stumpfsinn, gleichgültig und verzweifelt ihre Pflicht erfüllend. Und im Inneren der Länder, auch unseres Landes, wieviel kleinmütige Angst und Auf|421regung, wieviel von der törichten, gedankenlosen Meinung: jeder ist sich selbst der Nächste, wieviel oberflächliches Schwatzen und Räsonnieren hin und her! Und doch führt Gott auch alle diese Menschen. Er verwendet ihre Leidenschaft, ihre Schwachheit, ihre kleinlichen Gedanken zu seinen großen Zwecken, wie er den Blitz und den Hagel, die Kröten und Schlangen verwendet in dem großen Haushalt der Natur. Sie wissen nichts von der Ordnung, unter der sie stehen, und von dem Ziel, dem auch sie dienen müssen. Wenn sie es wüßten, dann dürften sie eine ganz andere Stellung einnehmen in den Plänen Gottes. Nicht auf der Schattenseite des Bösen und Schwachen müßten sie dann sein, sondern auf der Lichtseite, wo man gute Gedanken haben und gute Taten tun darf in Gottes Dienst. Und nicht trostlos müßten sie dastehen inmitten des Traurigen und Schrecklichen, was um sie her und vielleicht mit ihnen geschieht, sondern als solche, die eine Hoffnung haben, die nicht zu Schanden wird [vgl. Röm. 5,5].

Das sind die Anderen, die den Gott erkannt und liebgewonnen haben, die, die ihm nicht nur ohne daß sie es wissen und wollen, ihnen selber zum Trotz, gehorchen müssen, sondern aus freiem freudigem Einverständnis. Das sind die, die ihre Augen und Gedanken zu Gott erhoben haben, noch bevor das große Unrecht und Unglück da war. Die auf den Sieg des Guten gehofft und dafür gebetet und gearbeitet haben, solange man noch konnte. Die bis zuletzt sich gewehrt haben gegen das kommende Unheil. Und das sind die, die nun, wo das Unheil da ist, ihre Pflicht aufnehmen und erfüllen, tapfer und gern, wie sie ihnen unter diesen besonderen Umständen nun einmal auferlegt ist. Das sind die, die jetzt im Felde draußen mit schwerem Herzen, aber auch mit festem, unentwegtem Mut entschlossen sind, für ihr Vaterland mit ihrem Leben einzustehen, wenn es denn nun so sein soll. Oder die zu Hause nun vor Allem mit kräftiger Liebe Schwachen helfen, Wunden verbinden, Lücken ausfüllen möchten. Oder die doch ihr eigenes Geschick, und wäre es noch so dunkel und schwer, mannhaft und ohne Klagen zu tragen entschlossen sind. Das sind die Anderen in dieser heutigen Zeit. Auch sie müssen sich blind|422lings von Gott führen und gebrauchen lassen nach seiner Absicht und Ordnung. Aber sie sind zufrieden damit, sie wollen nichts Anderes als auch in dieser Lage, mitten in diesem Triumph des Bösen, mitten in diesem Unglück, das die Menschheit selbst über sich gebracht hat, Gott helfen, Gottes Gedanken zu ihren eigenen Gedanken machen. Vielleicht mit tüchtigen Worten und Taten, vielleicht bloß mit stillem Sinnen und Beten, vielleicht mit der Waffe in der Hand, vielleicht mit irgendeiner schlichten, bescheidenen Arbeit des Friedens, die doch jetzt so nötig ist wie nur jemals — vielleicht auch durch ihr Leiden und Sterben. Aber Alles mit Gott und für Gott. Und weil sie sich so stellen können, so stehen sie jetzt bei diesem dunklen, unbegreiflichen Werk Gottes doch auf der Lichtseite, wo man nicht nur das Gute tut, sondern wo es einem trotz Allem auch gut geht, wo man unter Sorgen und Tränen sich doch freuen kann von einem Tag auf den anderen. Sie kennen eben das Ziel aller Menschenwege, und sie wissen, daß sie nach diesem Ziel unterwegs sind.

Jesus nennt in unserem Textwort die eine Art von Menschen Knechte, die andere Freunde. Er beschreibt die Knechte mit den Worten: Ein Knecht weiß nicht, was sein Herr tut! Es gibt freilich uns zum Glück auch Knechte und Mägde, die zugleich Freunde ihrer Herren sind. Die sind hier nicht gemeint. Aber auf die, die nur dienen, weil sie müssen, oder nur um des Lohnes willen, auf die trifft diese Beschreibung zu. Die Sache ihres Herrn ist ihnen im tiefsten Grunde gleichgültig. Sie leben ihr eigenes Leben für sich, haben ihre besonderen Interessen, ihre geheimen Privatwege. Sie stellen sich innerlich nicht neben ihren Herrn, sondern abseits von ihm, wenn nicht feindselig ihm gegenüber. Ihre Verbindung mit ihm ist ihnen nicht mehr als eine äußerlich zufällige Notwendigkeit. Wenn sie gehorchen müssen gegen ihre Meinung und Absicht, so tun sie es zwar, weil sie nicht anders können, aber innerlich grollend, weil sie sich ja nicht einen Augenblick in die Stellung ihres Herrn versetzen, die Sache von seinem Standpunkt aus betrachten mögen. Beim nächsten Anlaß werden sie wieder ihren eigenen Kopf durchsetzen. Sie haben keine Liebe |423 zu dem, dem sie gehorchen müssen, und weil sie keine Liebe haben, haben sie auch kein Vertrauen, und weil sie kein Vertrauen haben, können sie ihn auch nicht verstehen, und wenn sie es schon können, wollen sie es nicht. Sie gehören äußerlich zu ihrem Herrn und stehen ihm doch ganz fern, sie müssen es wissen und alle Tage spüren, daß er über ihnen ist, und sie sind doch im Herzen todunglücklich darüber. Ihr ganzes Leben wird eine beständige Reibung, eine andauernde Unzufriedenheit. Ihr Herr muß darunter leiden und sie selbst am allermeisten. Es gibt genug solche Knechte und Mägde zu Stadt und Land.

So können wir uns nun auch zu Gott stellen, wir können, wenn wir wollen, seine gezwungenen, verdrossenen, unzufriedenen Knechte sein. Auch da gibts Knechte, die zugleich Gottes Freunde sind. Die alten Propheten Israels bezeichneten sich gern mit diesem Namen, und auch Jesus wird an einigen Stellen des Neuen Testaments der Knecht Gottes genannt. Diese stellen wir jetzt auf die Seite: wir reden von denen, die nur in der Knechtschaft Gottes stehen, die nur seine Sklaven oder Lohnsklaven sind. Wie schlimm sind die dran durch ihre eigene Schuld! Sie wissen im Grunde nichts von Gottes Sache, nichts von Wahrheit, Recht und Liebe, nichts von den hohen Lebenszielen, denen wir entgegenwandern dürfen, nichts von der großen Zukunft und Hoffnung, die Gott dem Menschengeschlecht gegeben hat. Sie haben ihren eigenen Sinn und Kopf, sie gehen ihre Privatwege, wie ein solcher Knecht es macht, sooft er nur kann. Sie suchen ihr Wohlergehen und ihre Behaglichkeit, das, was ihnen Vergnügen verspricht und ihren Ehrgeiz kitzelt, sie lieben und pflegen im Grunde nur ihr eigenes Wesen. Nun wissen sie freilich recht gut, daß ein Höherer da ist, dem sie gehorchen müßten. Das Ahnen ihres Herzens und das Mahnen ihres Gewissens weist sie hin auf den, der sie geschaffen hat und dem sie gehören. Sie hören von Jugend an und immer wieder sein Wort, das ihnen sagt, was recht ist und was er von ihnen fordert. Sie merken, daß es eine Schande ist und daß man sich selber unglücklich macht, wenn man der Stimme des Niedrigen in uns, wenn man seiner Selbstsucht folgt. Sie kommen in |424 Lebenslagen, wo sie, und wenn sie auch noch so gern wollten, nicht anders können als eben ihre Pflicht erfüllen. Sie müssen manchmal auch ganz ehrlich sein, sie müssen manchmal sich selbst bemeistern und überwinden, sie müssen in vielen Fällen gerecht und billig sein, sie müssen da und dort sogar ein wenig Liebe und Barmherzigkeit üben. Aber sie müssen nur. Sie wollen eigentlich nicht. Sie stehen dem allen so furchtbar fern und fremd gegenüber. Grollend und bitter fügen sie sich in das Unvermeidliche. Sie denken bei Allem nur: wann kann ich wohl wieder entschlüpfen? wann kann ich wohl wieder sein und denken und reden und tun, so wie es mir selber ums Herz ist und gefällt, wie ein Schulkind, das sich den ganzen Morgen nur freut auf den Augenblick, wo die Glocke Schluß läutet. Wie Vieles, was vor den Augen der Menschen als Bravheit und Rechtschaffenheit gilt, ist im Grunde nichts als eine solche Knechtschaft, eine solche Unzufriedenheit mit Gott, der so viel von uns verlangt, ein solches Warten auf den Moment, wo man wieder sein eigener Herr sein kann!

Und nun seht: in solchen Zeiten, wie wir sie jetzt durchmachen, da kommt dann solche Knechtschaft zum Vorschein. Da zeigt sichs ja bei Jedem, was er ist, und bei Vielen zeigt sichs: er ist eben ein Knecht, ein armer Knecht Gottes. Nun verlangt Gott viel, sehr viel von ihm, nun wird sein Glaube, seine Liebe, seine Hoffnung auf eine harte, schwere Probe gestellt. Nun sollte er blindlings annehmen können, was Gott ihm schenkt, im festen Vertrauen: der Herr weiß es und macht es schon recht. Dann käme er sicher und selig auch durch diese Zeit hindurch. Aber das kann er nun nicht. Er hat ja im Grunde keinen Herrn. Er hat ihn nur äußerlich gehabt. Er weiß nichts von seinen Gedanken und Absichten. Armer Mensch, nun bleibt nichts für ihn übrig als Unruhe und Aufregung, nun sind bloß seine bösen und schwachen Instinkte da und beherrschen ihn vollständig. Er überläßt sich seiner Leidenschaft oder seinem Stumpfsinn oder seiner Angst. Er folgt dem Trieb seiner Selbstsucht, der ja immer der stärkste in ihm war. Noch regt sich da und dort etwas Anderes in ihm, |425 Vertrauen, Güte, Pflichtgefühl, das Göttliche in ihm will nicht zum Schweigen kommen. Aber wie von einem Strom bei Hochwasser wird er weggerissen, und er muß untergehen in seiner Bosheit oder Schwachheit, er wird hoffnungslos hinübergeschwemmt auf die andere Seite, auf die Schattenseite, wo freilich auch Gott waltet, wo man auch nichts gegen ihn und ohne ihn machen kann, wo auch Alles geschieht, so wie er es haben will, aber nicht mehr zum Heil, sondern zum Verderben der Menschen, die sich selbst auf diese Seite gestellt haben. Wieviel Düsterkeit und Verzweiflung, wieviel kopflose, selbstsüchtige Handlungen, wie sie in den letzten Wochen vorgekommen sind, wieviel Mißtrauen und Kleinmut im Hinblick auf die Zukunft haben nur in diesem Knechtswesen ihren Grund! Wer bloß ein Knecht Gottes ist, wer ihm innerlich fern und fremd bleiben will und ihm nur gehorcht, weil er muß, der kann es freilich nicht anders machen. Ein Knecht weiß eben nicht, was sein Herr tut. Er weiß es ganz besonders nicht in solchen Zeiten der Prüfung und Läuterung.

Nun aber ist da die andere Art Menschen, die Jesus Freunde nennt. Wie ganz anders tönt schon dieses Wort. O wenn wir doch Freunde Gottes sein könnten! Freunde sind zwei, die nicht aus Zwang, sondern aus eigener freier Wahl sich miteinander verbunden fühlen. Freunde sind zwei, die aus eigener freier Entscheidung zueinander gesagt haben: wir wollen das gleiche, und darum wollen wir zueinander halten, einander helfen. Wenn wir jemandes Freund sind, dann heißt das, daß wir innerlich neben ihm stehen, daß wir mit ihm fühlen und denken, daß wir ihn verstehen, daß wir uns an seine Stelle versetzen können jeden Augenblick. Je inniger und aufrichtiger eine Freundschaft ist, desto weniger kann etwas zwischen die Freunde hineinkommen, desto weniger kann es Mißverständnisse geben zwischen ihnen, desto mehr werden sie, wie man so schön sagt, ein Herz und eine Seele sein. Da ist man ganz aufrichtig miteinander, was sollte man sich auch zu verstecken haben? Da rechnet man nicht miteinander, man hat ja gemeinsame Sachen. Da traut keiner dem Anderen Böses zu, er würde ja damit sich selber mißtrauen, sich selber |426 schädigen. Wo die rechte Freundschaft ist zwischen zweien, da macht sich alles Äußerliche ganz von selbst: man will eben einfach Einer das, was dem Anderen gut ist. Vielleicht, daß man manchmal fragen muß: ja, warum machst du das nun so? aber auch wenn mans nicht sofort ganz klar einsieht, bleibt man doch ruhig, weil man weiß: er meints sehr gut, und es wird sich ja Alles weisen. Der Kern und das Wesen von Allem ist immer die Liebe, wie der Kern und das Wesen der Knechtschaft die Selbstsucht ist. Die Freundschaft ist überhaupt in Allem das direkte Gegenteil der Knechtschaft.

Und nun sagt uns Jesus, daß wir Freunde, Freunde Gottes sein dürfen. Denkt auch was das sagen will: Menschen, die sich aus Freiheit, aus eigenem Willen, aus Liebe Gott hingegeben haben, Menschen, die nicht nur unter Gott stehen, sondern unter ihm stehen wollen, Menschen, die von Gott etwas ganz Anderes wissen, als daß er der da droben ist, der so viel von uns verlangt und dessen Hand oft so schwer auf uns liegt, nein: er ist der, mit dem wir einig sind, dessen Sache unsere eigene teuerste Sache ist, die uns mehr angeht als alles Andere, der, der auch mit uns einig ist, mit dem wir verbunden sind zu Schutz und Trutz! Denkt auch, wie wir dran wären in gewöhnlichen und in solchen außerordentlichen Zeiten, wenn wir Gottes Freunde wären! Ein Freund Gottes ist einer, der weiß, wozu wir Menschen bestimmt sind, und der nun nicht seufzt: ach so viel wird von uns verlangt, sondern der sich darüber freut, daß er so hoch steigen darf. Eine neue Pflicht, wie sie das Leben oft unvermutet bringt, drückt ihn nicht nieder, er denkt nicht: ach du lieber Gott, jetzt das noch, nun wirds genug sein!, sondern er denkt: So, also auch das noch! Gut, ich wills versuchen und in Gottes Namen dran hin, ich tu gern, was ich kann! Für ihn ist überhaupt das Gute nicht so etwas, das da irgendwo drohend über uns schwebt, jeden Augenblick neue Forderungen auf uns regnend oder hagelnd wie eine böse Wolke, sondern eine Kraft ist es ihm, die ihn von innen heraus treibt. Er muß das Gute tun, er steht auch unter einem Zwang, wenn man will, aber unter einem inneren Zwang, unter seinem |427 eigenen Zwang. Die Notwendigkeit, der er gehorcht, ist nicht ein fernes fremdes Ungeheuer, dem man am liebsten entrinnen möchte, sie wohnt in seiner Seele, in seinem tiefsten Herzen. Er selber hat sich da hinüber gestellt, er selber befiehlt sich und beherrscht sich. Es ist seine Sache, seine Herzenssache, wenn er sagt: ich kann nicht anders, ich muß — ich muß der Wahrheit folgen, ich muß tun, was recht ist, ich muß Liebe üben.

Die Menschen sind dann gut dran auch in der gegenwärtigen Zeit. Was sie ihnen bringt und bringen wird, das ist für sie nicht ein Schicksal, sondern etwas, das jedenfalls von ihrem Freund kommt, der es ja gut mit ihnen meint. Sie können darum gar nicht klagen und aufbegehren, sie haben einfach das Vertrauen, daß das nun gerade so in der Ordnung sei, wie es ist, und fragen nach nichts Anderem als danach: was ist nun meine Pflicht für den nächsten Tag? Und sie werden so ganz sicher wunderbar behütet und gesegnet durch diese Zeiten hindurchkommen. Sie sind einig mit dem, der sie führt nach seinem Willen, und er wiederum schützt und schirmt sie, sodaß ihre Füße nicht gleiten oder straucheln können [vgl. Ps. 73,2], komme es, wie es wolle. Sie werden immer auf der Lichtseite stehen, dort, wo auch der Wille Gottes geschieht und geschehen muß, wie er bei den Bösen und Schwachen geschieht, aber hier sagt man freudig und dankbar ja zu dem, was man dort gar nicht kennt, oder wogegen man sich dort aufbäumt. Und darum ist hier Leben und Friede und Seligkeit.

Gott sei Dank, es kommt auch viel Gutes zum Vorschein bei den Menschen in dieser dunklen Zeit. Viel todesmutige Tapferkeit von Männern und Frauen, viel ernste Pflichterfüllung, viel aufopfernde Liebe und Hilfsbereitschaft — viel inniges gottergebenes Beten haben diese furchtbaren Ereignisse schon zu Tage gefördert. Wir können uns darauf verlassen, wo jetzt etwas Gutes geschieht, wo Menschen sich wirklich bewähren, wo etwas Besseres aus ihnen hervorleuchtet als in gewöhnlichen Zeiten, dann hat das seinen Grund und seine Ursache in einer solchen vielleicht tiefverborgenen Freundschaft mit Gott. Es kanns Man|428cher und Manche nicht so zeigen in gewöhnlichen Zeiten, man rechnet sie nicht zu den Frommen, sieht nichts Besonderes hinter ihnen, aber in der Tiefe ihrer Herzen besteht jene Einigkeit mit Gott. Sie haben sich frei und freudig dem übergeben, der die Quelle alles Guten ist, und nun in der schweren Zeit können sie ganz selbstverständlich und natürlich sich so stellen, wie es eben ein Mensch kann, der mit Gott einig ist. Sie tun ihre Pflicht, sie tragen, was zu tragen ist, sie brechen nicht zusammen, sie haben die Hoffnung in sich, daß auf die Finsternis das Licht kommen muß. Wenn wir es doch auch könnten!

Ja, was sind wir denn nun eigentlich, Knechte oder Freunde? Wir haben jetzt diese beiden Arten, uns zu Gott zu stellen, einander scharf gegenübergestellt. Aber es ist nicht so, daß man nun etwa von einem jeden von uns sagen könnte: Das ist ein Knecht, und das ist ein Freund. Ja, bei Keinem von uns könnte man das so sagen: entweder — oder! Bei Keinem von all den Millionen Menschen, für die jetzt in diesen entscheidenden Wochen und Monaten so viel, zum Teil Alles darauf ankommt, wie sie sich nun zu Gott stellen. Wir sind nicht das Eine oder das Andere, sondern wir haben von Beidem ein wenig etwas in uns, vom Knecht und vom Freund. Oder geht es euch nicht auch so: sie kommen uns Beide gar bekannt vor? Wir unterwerfen uns manchmal Gott nur, weil wir müssen, zähneknirschend und mit Hintergedanken, und erleben dann all die Höllenqual, die ein solches Verhalten mit sich bringt. Und dann haben wir wieder Freude an seinem Willen und können gern annehmen, was er uns schenkt. Auch in diesen Wochen haben wir es sicher gespürt, wie Beides sich in uns regte: die Knechtsseele, die vor Gott zittert, und die Freundesseele, die ihn loben und verherrlichen möchte für Alles, was er an uns tut. Aber wir dürfen uns nicht dabei beruhigen, Beides nebeneinander und aufs Mal zu sein, Knechte und Freunde. Wir können es auch nicht auf die Länge. Es geht entweder vorwärts mit uns oder rückwärts. Entweder wir sinken immer tiefer hinein in das Knechtswesen, in das unwahre, furchtsame, rebellische Verhältnis zu unserem Vater, durch das wir uns selbst unglücklich machen. |429 Oder wir werden immer mehr Gottes Freunde, wir steigen aufwärts zur Erkenntnis seines Willens und zur Freude daran, zum bewußten eifrigen Gehorsam gegen seine Gebote in allen Lebenslagen, in die er uns führen mag. Was wollen wir nun, wollen wir steigen oder wollen wir fallen? Wollen wir Knechte sein und an der Schattenseite des Lebens schließlich innerlich zu Grunde gehen, oder Freunde, Kinder des Lichtes, die nun auch nicht anders als im Lichte wandeln können [vgl. Eph. 5,9].

Vor diesem Entweder — Oder trifft uns das Wort Jesu: Euch aber habe ich gesagt, daß ihr Freunde seid, denn alles, was ich von meinem Vater gehört habe, habe ich euch kundgetan. Ja, das ist die große Botschaft, die Jesus uns Menschen allen auszurichten hat, daß wir Freunde seien. Jesus zeigt uns in seinem Leben und Sterben Gott und seine Liebe so deutlich, er bringt uns ihn so nahe, daß wir gar nicht anders können als uns ihm übergeben, als aus freiem freudigem eigenem Entschluß heraus auf seine Seite hinüberzutreten. Wir brauchen bloß auf ihn zu hören: wer ihn siehet, der siehet den Vater [vgl. Joh. 14,9], und der muß auch des Vaters Freund werden. Der muß merken, daß es mit dem zitternden, aufgeregten, selbstsüchtigen Knechtswesen nicht geht. Das Alte ist vergangen, siehe, es ist Alles neu geworden [2.Kor. 5,17].

Die Not der Zeit zwingt uns alle, die Augen aufzutun und zu merken, daß wir vor diesem Entweder — Oder stehen, ob wir ganze Knechte oder ganze Freunde Gottes werden wollen. Möchte es uns allen gegeben sein, daß wir das erlösende Wort Jesu hören: Ihr seid Freunde! Möchten wir alle etwas spüren von der Kraft, die von ihm ausgeht, die diese Verheißung wahr macht, die uns still, aber sicher aufwärts führt, die uns wahrhaftig und wirklich zu dem werden läßt, was wir werden sollen, zu Freunden Gottes, die nichts mehr irre machen und nichts mehr erschrecken kann!

Amen.