Denkt, ich möchte heute über die Schweizerische Landesausstellung in
Bern mit euch reden! Wer die beiden vorgelesenen Bibel|288texte aufmerksam mit angehört hat, der weiß eigentlich jetzt schon, was ich darüber
sagen werde. Aber es könnten doch auch andere da sein, die zum Voraus mit mir
unzufrieden sind. Die Landesausstellung! Das ist doch so etwas Weltliches. Davon hört
und liest man in den Zeitungen, in der Wirtschaft, in der Eisenbahn. Dafür mögen sich
die Geschäftsleute interessieren und etwa die, die das Geld und die Zeit dazu haben,
allen Vergnügungen nachzugehen! Aber was soll uns das hier in der Kirche?, wie sollen
uns von der Landesausstellung Sonntagsgedanken kommen, Trost und Freudigkeit und
Kraft für die kommende Woche? Was hat uns die Landesausstellung von Gott zu
sagen?
Nun, ich glaube, man kann das auch ein wenig von einer anderen Seite aus ansehen. Das
ist freilich wahr: etwas durch und durch Weltliches, Menschliches,
Natürliches ist diese Ausstellung, die jetzt so viel von sich reden macht. Da wollen
die Leute mit Befriedigung und Stolz zeigen, was sie geleistet haben. Da hoffen sie,
Aufträge zu bekommen aus dem Inland und aus dem Ausland und fortan noch bessere
Geschäfte zu machen als bisher. Da werden Viele hingehen, um Anregungen zu bekommen,
um das Eine oder Andere vielleicht den Konkurrenten abzugucken und nachzumachen zum
eigenen Vorteil. Da wird auch die bloße törichte Neugier und die noch törichtere,
oberflächliche Vergnügungssucht auf ihre Rechnung zu kommen suchen. Da hofft jetzt
die ganze Stadt Bern und Umgebung, gewaltige Einnahmen zu machen von der
Menschenmasse, die da von allen Seiten zusammenkommt, und manch einer macht sich
jetzt parat, sein Netz auszuspannen, um auch etwas von dem großen Fünfliberstrom2 zu erwischen. Was für eine Menge
von verschiedenen Gedanken und Absichten und Nebenabsichten bei dieser Ver|289anstaltung, und alle, alle weltlich, natürlich, menschlich, kein Zweifel, daß es so
ist.
Und das wird nun nicht besser dadurch, daß in einer Ecke dieses großen Jahrmarktes
auch eine Kirche aufgestellt ist mit einer Orgel und schönen Bildern und Büchern und
Abendmahlskelchen und Anderem, was so zu kirchlichem Wesen gehört. Ich habe mir zum
Schluß des Rundgangs, den ich letzte Woche durch die Ausstellung machen durfte, auch
diesen Teil angesehen, und er kam mir genauso weltlich vor wie alles Übrige. Auch da
sind eben Menschen, die zeigen wollen: seht da, wir sind auch noch da mit unserem
Kirchenwesen, und wieder Andere, die mit dem Kirchenwesen ihr Geschäft machen wollen,
und Reklame und Geschäft ist nun einmal weltlich und menschlich, auch wenn die Sache
sich Kirche nennt. Es wäre vielleicht sogar besser, wenn diese Ausstellungskirche
samt Inhalt nicht aufgerichtet worden wäre, sie kann doch nur falsche Begriffe
erwecken von dem, was Religion und Christentum in Wirklichkeit ist. Ich möchte alle
die von euch, die diesen Sommer nach Bern pilgern werden, bitten, euch in jener Ecke
unter den kirchlichen Siebensachen ja keiner besonderen Rührung hinzugeben. Vom
lebendigen Gott ist dort gerade so wenig oder so viel wahrzunehmen wie etwa beim
großen Dieselmotor der Gebrüder Sulzer3 in der Maschinenhalle. Ich persönlich ziehe sogar den Motor
vor. Also es ist wirklich eine weltliche Sache, diese Ausstellung in Bern, weltlich
von A bis Z, weltlich in den Absichten und in den Wirkungen.
Aber darum hätten wir doch nicht recht, wenn wir als Christenmenschen sagen wollten:
sie geht uns nichts an, und es ist schade um die Zeit, eine Sonntagspredigt auf sie
zu verwenden. Was heißt denn «weltlich»? Weltlich ist doch einfach alles das, wonach
wir Menschen trachten und streben, außer dem verborgenen und oft so
schwachen Zug unseres Herzens, der nach dem Reiche Gottes geht. Weltlich ist der
weitaus größte Teil unseres inneren Lebens, und ich nehme niemand von uns aus, wenn
ich das sage.
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Wäre es nicht eine Heuchelei, uns zu wehren und zu sagen: ich will von dem
Weltlichen, das mich bewegt, nichts wissen und nichts hören in der Kirche? Was da?
Wer so redet, der hat gewöhnlich Angst, er könnte im Weltlichen gestört werden durch
das Göttliche. Darum will er nur vom Göttlichen hören. Das ist aber Heuchelei. Wenn
wir vorwärts kommen wollen im Trachten nach dem Reiche Gottes, dann müssen wir dem
Weltlichen ganz klar ins Gesicht sehen: es ist nun einmal da, es füllt uns fast
völlig aus, das müssen wir uns gestehen, wenn wir ehrlich sind. Gerade wenn wir das
Weltliche recht deutlich sehen und begreifen, gehen uns auch so recht die Augen auf
für den Weg zum Reiche Gottes, fühlen wir so recht die Aufgabe und die Freudigkeit,
diesen Weg zu gehen.
Und nun seht: so fasse ich die Ausstellung auf: sie muß uns so recht klar und
deutlich zeigen, was weltlich, menschlich, natürlich, irdisch ist. Und das tut sie
denn auch. Alles menschliche Wesen: Reichtum und Herrlichkeit, Wohlsein und
Bequemlichkeit, äußere Ordnung und Schönheit, Arbeit und Geschicklichkeit und Freude,
das alles findet da seinen vollendeten Ausdruck, in das alles kann man sich da für
einige Stunden völlig hineinleben, wenn man sonst vielleicht nicht so Gelegenheit
dazu hat. Ich versichere euch, daß man da zunächst ganz überwältigt ist von der Größe
und Herrlichkeit des weltlichen Wesens in allen seinen Äußerungen, daß man Mühe hat,
an Gott zu denken inmitten all dieser Dinge, die von nichts Anderem reden als von
menschlicher Klugheit und Energie, von menschlichen Fortschritten und Genüssen. Was
soll Gott in dieser wundervoll eingerichteten Menschenwelt?! Ich glaube, das tut uns
gut, uns Christenmenschen, wenn uns das weltliche Wesen einmal so recht gewaltig vor
Augen tritt. Die Ausstellung kann uns dazu verhelfen: da zeigt jetzt unser ganzes
Volk, was es ist und was es will. Da wird darum auch jedem Einzelnen der Spiegel
vorgehalten: sieh einmal, so steht es auch bei dir, so gewaltig groß ist auch bei dir
das Trachten nach dem, was drunten ist, denn du meinst doch hoffentlich nicht, daß du
persönlich so ganz anders seist als das ganze
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Volk, das da sich selbst ausstellt? Nein, nein, so ist der Mensch, so bist du auch,
so voll von Welt, von lauter prächtiger, gescheiter, schöner Welt. Da in der
Ausstellung kann jeder die Erfahrung machen, wieviel Zweifel eigentlich in ihm sind,
wieviel Unglaube, wieviel Bedürfnis und Liebe zu dem, was bloß menschlich ist. Denn
da kann man das Menschliche wirklich in seinem vollen Glanze sehen. Ich wünsche euch,
daß recht Viele von euch dieses Erlebnis der Unsicherheit machen möchten, wenn sie
dorthin kommen.
Das tut uns gut, denn gerade wenn uns das alles so recht klar wird, können wir dann
auch davon frei werden. Wenn wir so deutlich zu sehen bekommen, was die Welt ist und
das weltliche Wesen, in dem wir leben, dann verstehen wir auch wieder im Unterschied
davon, wer und was Gott ist; Glaube, Liebe und Hoffnung werden uns lebendig als die
Lebensgüter, die über aller Vernunft und aller Kultur stehen. Wir werden dann frei
davon auch in dem Sinn, daß wir das Weltliche wieder ganz ruhig ansehen können, ohne
Angst und Haß. Wir können dann das Gute ruhig würdigen, das sicher auch im Weltlichen
verborgen ist. Wir hören dann auf das, was Gott uns zu sagen hat auch durch das
Weltliche, denn durch die Welt macht er uns manchmal von der Welt frei. Wie hat es
denn Jesus gehalten? Er hat es ganz klar ausgesprochen: Mein Reich ist nicht von
dieser Welt [Joh. 18,36]! Was
die Menschen nötig haben, das steht über Macht und Pracht — und doch weiß er, daß die
ganze Welt Gottes ist und daß in der ganzen Fülle der Erscheinungen, im Großen wie im
Kleinen, im Guten wie im Bösen, Gottes Gesetze und Wege verborgen sind für den, der
Augen hat, sie zu lesen. Er fand Gott bei den Blumen auf dem Feld [vgl. Mt. 6,28–30] und beim
habsüchtigen Kaufmann [vgl. Mt. 13,45f.]. Alles Vergängliche wurde ihm ein Gleichnis.4 Gerade weil er so ganz frei war von allem Weltlichen,
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konnte er Alles ansehen, über Alles nachdenken, von Allem reden — und in Allem das
Göttliche, das Ewige suchen und finden. Auch so eine Landesausstellung mit all dem
durch und durch Weltlichen, Irdischen, Menschlichen, was sie will und bezweckt, kann
uns zum Gleichnis werden, warum denn nicht? Gerade weil da die Menschenart und das
Weltwesen sich selbst den Spiegel vorhält, wollen wir getrost hinsehen und die
Gelegenheit benützen und hören, was uns Gott durch das Bild im Spiegel zu sagen hat.
Ich meine zweierlei: das Eine ist wichtig und das Andere ist noch wichtiger. Das Eine
ist aus dem Alten Testament und das Andere aus dem Neuen Testament. Aber wir müssen
Beides hören.
Wir wollen die Ausstellung zuerst ansehen mit den Augen des Mannes, der den 8. Psalm
gedichtet hat. Voll Bewunderung und Freude redet er von der Größe,
die Gott den Menschen gegeben hat. Ihm ists aufgegangen, wie wunderbar das
eigentlich ist, daß der kleine, schwache Mensch so inmitten der unendlichen Natur
leben und sie durch seinen Geist beherrschen darf. Er sieht die ungeheuren Kräfte der
Natur vor sich: das Meer und die Sterne, die Tierwelt und die Pflanzenwelt, und sie
sind alle gebändigt und in Dienst gestellt durch das Denken und die Arbeit. Welch ein
Schauspiel! Da wird ihm Gott so recht groß, wie er darüber nachdenkt, das muß der
ewige Schöpfer und Vater aller Dinge selbst sein, der dem Menschen solche Gewalt
verliehen, nicht aus sich selber hätte er es nehmen können. Was ist der Mensch, daß
du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, daß du sich seiner annimmst, wie kommt der
Mensch zu solch außerordentlicher Stellung, so nahe der Ähnlichkeit mit dir, mit Gott
selbst? Du hast ihn ja wenig niedriger gemacht, als du selbst bist! Ist er nicht auch
ein Schöpfer und Regierer, ruft er nicht auch Werke heraus aus dem Nichts und lenkt
sie nach seinem Willen? Ist er nicht ein zweiter Gott hier auf der Erde? Du hast ihn
ja zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, Alles hast du unter seine Füße getan,
Schafe und Ochsen allzumal, dazu auch die wilden Tiere, die Vögel unter dem Himmel
und die Fische im Meer und was im Meer gehet, Herr unser Herrscher, wie herrlich ist
dein Name in allen Landen! So
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jauchzte und jubelte dieser Sänger vor Tausenden von Jahren, ein hohes Lied auf die
Herrlichkeit des Menschen, nein, auf die Herrlichkeit Gottes, die sich im Geist und
in der Arbeit des Menschen offenbart.
Denkt euch, dieser Mann könnte aus seinem Grabe auferstehen und nach Bern in die
Ausstellung kommen. Das ist ja noch gar nichts, was zu seiner Zeit die Menschen
konnten und wußten. Wie unbeholfen und roh waren die Einrichtungen, die Werkzeuge,
die Wohnungen, die Lebensmittel, derer die Menschen sich damals bedienten — und doch
freut er sich so darüber und dankt Gott, der den Menschen solche Macht verliehen. Wie
ganz anders würde wohl sein 8. Psalm noch jubeln und jauchzen, wenn er sehen könnte,
wie die Menschen heute Meister geworden sind nicht nur über Schafe und Ochsen und
wilde Tiere, sondern über Dampfkraft und Wasserkraft, Magnetismus und Elektrizität,
über die Tiefen der Erde und über die Höhen des Luftreiches, wie ihnen kein
Steingebirge mehr zu hart ist, sie durchbohren es, und kein Metall zu spröde, sie
machen daraus, was sie wollen, mit wunderbarer Genauigkeit und Feinheit. Wenn er die
Maschinen sehen könnte, von Menschen ersonnen und hergestellt, die jetzt in einer
Stunde fertigbringen, woran zu seiner Zeit Hunderte und Tausende tage- und wochenlang
hätten arbeiten müssen, die Schnelligkeit, mit der wir miteinander verkehren können
auf die größten Entfernungen, als ob der trennende Raum gar keine Bedeutung hätte,
die raffinierte Umsicht und Erfindergabe, für die es gar keine Schwierigkeiten mehr
zu geben scheint, die jedem Bedürfnis zu genügen, jedes Hindernis zu bewältigen weiß.
Wie hätte er da erst demütig und begeistert gebetet: Herr unser Herrscher, wie
herrlich ist dein Name in allen Landen!
Nun, er kann es nicht mehr, aber wir können es,
meine Freunde. Und das ist das Erste, was uns gerade eine solche Ausstellung, so
weltlich und menschlich sie ist, zu sagen hat: wie groß ist doch Gott! Wenig war
jenem Psalmsänger gegeben, um ihm die Herrlichkeit Gottes in der Menschenwelt zu
zeigen, uns ist viel gegeben. Denn das ist doch einfach etwas von der Herrlichkeit
Gottes, was
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sich uns auftut, wenn wir an einem solchen Ort wahrnehmen, wie der Mensch vorwärts
gekommen ist, so weit vorwärts gekommen ist in der Beherrschung und Ausnutzung der
Naturkräfte. Seht z. B. so eine elektrische Lokomotive oder so eine von den
wundervollen eisernen Brückenkonstruktionen, mit denen die tiefsten Täler überspannt
werden, oder diese 10 Meter langen Webmaschinen, die fast mit menschlichem Bewußtsein
ihre exakte Arbeit zu tun scheinen — was für eine Summe von Geist und Kraft in diesen
Dingen! ist es nicht wirklich Gott der Schöpfer, Gott, der der Geist und die Kraft
ist, der uns darin entgegentritt, stehen wir nicht staunend davor, so gut wie vor den
Wundern der Natur, und ist doch alles Menschenwerk?! Ja, du hast ihn wenig niedriger
gemacht denn Gott. Ein armer Mensch, der beim Anblick von all dem über das
Menschliche, Weltliche, Äußerliche nicht hinwegkommt, dem das Herz nur an das
Geschäft und die Reklame zu denken vermag, die da getrieben werden, dem das Herz
nicht höher schlägt bei dem Gedanken, was doch die Menschheit zu leisten vermag, wenn
sie ihre Gaben verwendet, wie erfolgreich sie für ihr Leben kämpfen, ihr Leben sich
erleichtern und verschönern kann! Es ist ein Sieg Gottes, eine Erfüllung eines
Gottesgebotes, was wir da zu sehen bekommen. Machet euch die Erde untertan [Gen. 1,28]! hat er ja zu den
Menschen gesagt. Sieh da, wie weit sie es darin schon gebracht haben. Herr unser
Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!
Und nun hör nur genau zu, was dir Gott Alles zu sagen hat durch die Stimmen dieser
Menschenwerke: Sieh da, wie der Mensch fertig werden kann mit der Natur, wenn er sich
anstrengt, wenn er will. Du jammerst so oft über die Natur. Du meinst, du kannst
nicht fertig werden mit deiner Leidenschaft, deiner Schwäche, mit den Hindernissen
und Unvollkommenheiten des Lebens, wir sehen so viele ungute, traurige Verhältnisse.
Was ist denn das alles? Nun eben Natur, und das heißt eine Aufgabe für uns. Sollte
der Mensch siegen über Feuer und Wasser, über Luft und Erde, über Stahl und Stein,
nicht aber über seine eigene Natur und die Hindernisse, die sie ihm bietet? Nicht
doch! Wir werden uns doch
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nicht schämen wollen vor dem ersten besten Motor, der durch den Geist und die Kraft,
die der Mensch ihm gegeben, so Gewaltiges leistet. Du kannst auch Gewaltiges leisten,
wir alle können es, wenn wir nur an den Geist und an die Kraft glauben wollen. Gott
läßt es den Menschen gewinnen über die Natur, geh hin nach Bern und sieh es, wenn du
es nicht glaubst. Und dann sieh weiter, wie den Menschen so verschiedene Gaben
gegeben sind, jedem eine besondere. Wir leiden doch so oft darunter, daß wir einander
nicht verstehen, daß jeder seinen Weg geht, ohne an die Anderen zu denken, ja unter
Verachtung der Anderen. Da zeigt uns so eine Ausstellung einmal etwas Anderes, wenn
wir es noch nicht wußten. Wie verschieden sind die Aufgaben, an denen die Menschen
arbeiten: der mit dem Kopf und der mit der Hand, der mit dem Faden und der mit dem
Hammer, der auf dem Papier und der an der Maschine, der auf der Erdscholle und der im
Bureau, und doch treiben Alle, Alle dasselbe Gotteswerk des Geistes und der Kraft,
und doch sind Alle daran, die Natur in den Dienst des Menschen zu stellen nach Gottes
Gebot. Das scheint mir etwas vom Wichtigsten, was durch eine solche Ausstellung
erreicht werden kann, daß da ein Mensch den anderen kennenlernt, und zwar gerade in
seinem Besten, in seiner Arbeit, der Bauer den Fabrikanten und den Arbeiter und
dieser wieder den Bauern und Beide den Beamten, den Kaufmann usw. Wie eifrig haben
sie jetzt dort alle zusammenstehen müssen, um jenes große Werk zustandezubringen, wie
freundlich sind jetzt dort die Werke Aller nebeneinander zu sehen! Alles Vergängliche
ist nur ein Gleichnis, ja, aber ein Gleichnis, das eine Verheißung hat. Werden wir es
nicht alle einmal einsehen, daß wir das Göttliche in der Arbeit und im Leben der
Anderen anerkennen müssen, statt uns feindselig von ihnen abzuschließen, daß die
Arbeit erst dann ein Segen wird für die Menschen, wenn sie einmal ein Ganzes sein
wird, wenn Alle mit Allen und Alle für Alle arbeiten an der Lösung der großen
Gottesaufgabe, die unserem Geschlecht hier gestellt ist, daß die Macht der
Selbstsucht, die die Menschen voneinander trennte, und ihre unheilvollen Wirkungen
einmal überwunden werden müssen?
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Das wußte freilich der Psalmsänger noch nicht, und das ganze Alte Testament wußte es
noch nicht, und unzählige Menschen wissen es heute noch nicht, aber das Neue
Testament sagt es uns, und eine solche Ausstellung sagt es uns wie eine große
Weissagung, daß die Liebe, die Zusammengehörigkeit, das gegenseitige
Verantwortlichkeitsgefühl einmal Meister werden muß über die menschliche Arbeit,
damit das Göttliche, das darin ist, sich völlig entfalten kann. Möchten doch recht
Viele von denen, die diesen Sommer nach Bern ziehen, Ohren haben, um diese Weissagung
zu hören! Dann wird einmal eine Zeit kommen, wo die Menschen noch viel freudiger und
völliger bekennen können angesichts ihrer Arbeit und ihrer Leistungen: Herr unser
Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!
Damit haben wir eigentlich bereits gesagt, daß wir uns nicht
begnügen dürfen, in die Freudentöne des 8. Psalms über die Größe des Menschen
und seiner Werke einzustimmen angesichts des Spiegelbildes, das unser Volk sich in
seiner Ausstellung gegenwärtig selber vorhält. So wahr es ist, was er uns zu sagen
hat, so sehr wir uns mit ihm freuen dürfen, so sicher wäre es ganz einfach eine
Unwahrheit, ein Unrecht, dabei nun stehen zu bleiben. Gott sei Dank, daß er uns durch
das Neue Testament unseres Herrn Jesus noch tieferen Einblick gibt in unser Leben und
in das, was wir nötig haben. Und dieses andere Gotteswort wollen wir nun auch hören.
Was würde Jesus zu einer solchen Ausstellung sagen? Wir wissen es: er würde sagen:
was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an
seiner Seele, und was kann ein Mensch geben, daß er seine Seele wieder löse? Und
darüber nachzudenken ist nun noch wichtiger als der Jubel des Psalms über die
menschliche Herrlichkeit. Der Psalmsänger ist das fröhliche, zuversichtliche Kind,
Jesus ist der reife, erfahrene, kraftvolle Mann. Beide haben recht. Und doch müssen
wir danach trachten, das weltliche Wesen, wie es in dieser Ausstellung so vollkommen
zum Vorschein kommt, nun auch mit den reifen, ruhigen Augen Jesu anzusehen.
Was hülfe es dem Menschen …! Ja, gibt es denn eine Gefahr
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für unsere Seele bei all dem herrlichen Geistesstreben und
Arbeiten, bei all der Entfaltung von Wissenschaft und Kunst, Technik und Industrie,
die unsere Zeit kennzeichnet?, so möchten wir fragen. Jawohl, diese Gefahr ist
wirklich da, und es ist tatsächlich so, daß bei all dem, was wir vorhin bewundert und
gerühmt haben, Unzählige Schaden an ihrer Seele leiden. Woher kommt denn das? Seht,
das wäre ja wundervoll, wenn die Menschen wirklich nichts Anderes täten als alle
gemeinsam jeder nach seinen Gaben und jeder an seiner Stelle arbeiten, mitarbeiten an
der Beherrschung der Natur durch den Geist. Dann könnten wir uns rückhaltlos freuen
an der Größe des Menschen und an den gewaltigen Fortschritten, die er in seinem
Können gemacht hat. Aber dem ist nun nicht so. Das Bild im Spiegel zeigt uns einen
gewaltigen, tiefen Schatten. Neben dem freudigen, schönen Schaffen und
Vorwärtsschreiten zeigt es uns auch riesengroß die menschliche Selbstsucht, die Gier
zu besitzen, die Gier zu genießen, die Gier zu herrschen. Gewaltig ist diese Kraft
des Bösen in unserem Weltwesen und Menschenwesen, gewaltig kommt sie auch in der
schönen Berner Ausstellung zum Vorschein für jeden, der sehen kann. Fast könnte einem
das ganze Bild durch diesen Schatten verleidet und verdorben werden. Warum erfüllen
die Menschen nicht rein und völlig ihre Bestimmung? Warum genießen sie nicht den
Segen, der auf all ihrem Arbeiten und Fortschreiten ruhen sollte? Es ist etwas
zwischenhineingekommen: die Sucht, die Gier, die Unruhe, der Haß, — die Sünde mit
einem Wort, und die macht nun, daß die Menschen unglücklich, schlecht, unfriedlich
untereinander, innerlich uneinig und zerrissen sind, daß sie Schaden leiden an ihrer
Seele auch heute noch, ja gerade heute, trotzdem sie daran sind, die ganze Welt zu
gewinnen. Unbegreiflich, nicht wahr? Ja wirklich unbegreiflich, gerade bei einer
solchen prächtigen Entfaltung des menschlichen Wesens wie der Ausstellung möchte man
sich fragen: woher kommt das Böse in all die Herrlichkeit hinein? Wir können jetzt
nicht darauf antworten. Wir können nur das ganz bestimmt sagen: das Böse ist da und
kämpft gegen Gottes Herrlichkeit und verwirrt und verdirbt die Menschen, so daß so
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aus ihrer Gottähnlichkeit nichts wird trotz der Verheißung. Was hilft es nun dem
Menschen, wenn er wenig niedriger ist als Gott, wenn ihm Alles unter seine Füße getan
ist, und er nimmt doch Schaden an seiner Seele, und er ist bei aller Kultur und allem
Glanz ein armes, gottfernes Wesen, weil er das Seine sucht und nicht das, was Gottes
und was seines Bruders ist? Können z. B. diese wundervollen Maschinen der Neuzeit
nicht fast ein teuflisches Gesicht bekommen, wenn wir denken, daß ihre
bewunderswürdigen Leistungen schließlich nicht dazu bestimmt [sind], allem Volk
wirklich das Leben zu erleichtern und zu verschönern, sondern das Kapital einiger
Weniger zu vermehren, während Unzählige durch sie zu müden, gehetzten Sklaven, selber
zu Maschinen werden? Die Maschine, die dem Menschen helfen sollte zu herrschen, frei
zu sein, wird zum Mittel, durch das Einer den Anderen ausnützt. Wir gehen durch die
Räume mit all den Herrlichkeiten von Möbeln, Kleidern, Kunstgegenständen — wieviel
von dieser Herrlichkeit kommt denen zugute, die daran gearbeitet haben? wie groß wird
die Zahl derer sein, die derartige Dinge zu genießen bekommen gegenüber der Anzahl
derer, die das Nötige und vielleicht das Nötigste, Luft und Licht und gesunde Nahrung
entbehren müssen, auch in unserem Lande? Und wie groß wird schließlich die Zahl derer
sein, die wirklich Freude erleben an all diesen Gütern, gegenüber den zahlreichen
Anderen, die alles haben, was sie begehren, und doch unglücklich, unzufrieden und in
Ewigkeit unruhig sind? Wir gehen durch die Abteilungen, die uns das Armenwesen, die
Wohltätigkeit und Fürsorge, die Abstinenzbewegung usw. darstellen. Prächtig in der
Tat, was da für Fortschritte gemacht sind. Aber was soll man davon denken, wenn man
dann wieder in einer anderen Halle die ebenso vortrefflich eingerichteten
Eisenbahnwagen für den Transport von Wein und Bier sieht, die luxuriös eingerichteten
Restaurants in der Ausstellung selbst, die mannigfachen Reizmittel, durch die sie das
Publikum anzulocken wissen, wenn man überhaupt sieht, wie die Genußsucht und
Verschwendung auf jede Art und Weise geweckt und genährt wird mit eben demselben
Eifer wie auf der
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anderen Seite all die guten und lobenswerten Anstrengungen von Staat, Gemeinde und
Vereinen zur Hebung des Volkes? Streicht da nicht eines das andere durch? Ist das
nicht ein Schöpfen in ein Faß ohne Boden? Oder noch etwas: da ist ein Saal, in dem
einem gar anschaulich die Tätigkeit und die Hilfsmittel der Militärsanität gezeigt
wird, der Ärzte und Krankenpfleger im Kriege. Da sieht man alle Arten von Tragbahren
und Betten und Verbänden und alle die Einrichtungen, die den Verwundeten ihr Los
erleichtern sollen. Sehr schön, daß heutzutage so gut für diese Unglücklichen gesorgt
wird, denkt man. Ja, sehr schön, nur ist leider dieser Saal nur ein kleines Anhängsel
einer großen Halle, und diese Halle ist voll von Geschützen, Bomben, Granaten,
Patronen, Gewehren, Säbeln und Bajonetten und allen erdenklichen Mordinstrumenten.
Wirklich prächtig: hier vernimmt man, wie man Menschen mit allen Mitteln moderner
Erfindungen umbringt und verstümmelt, und dort, wie man den Schaden wieder gut macht,
wenn er nicht allzu groß ist.
Solche Rätsel und unbegreiflichen Widersprüche finden sich noch viele in der
Ausstellung. Ich nenne sie nicht, um zu kritteln. Die Ausstellung ist sehr schön, den
Spiegel wird kein Vernünftiger tadeln können, er ist ohne Fehler — aber das Bild, das
er zeigt, ist bedauerlich. Er zeigt uns die moderne Menschheit, zu der wir auch
gehören, diese rastlose, erfinderische, arbeitsame Menschheit als eine Herde, die
keinen Hirten hat, ganz wie einst das Volk von Galiläa, von dem Jesus das sagte [vgl.
Mt. 9,36]. Wir sind krank
an unserer Seele. Wir wissen nicht, wollen wir hier hinaus streben oder dorthinaus.
Wir folgen mit halben Herzen den guten Geistern der Wahrheit, des Rechtes, der
Bruderliebe, mit halben Herzen aber auch dem Dämon der schrankenlosen Gier, des
Genusses, des Unfriedens. Seht, das heißt: Schaden leiden an seiner Seele, fern sein
vom lebendigen Gott, wenn man so Alles halb ist. Und nun möchte ich euch das
wünschen, daß recht Viele von denen, die die Ausstellung besuchen oder davon lesen
und hören, auch etwas spüren von dieser entsetzlichen Halbheit, von diesem
fürchterlichen Widerspruch, der durch unsere ganze Kultur hin|300durchgeht trotz all ihrer Feinheit und all ihres Glanzes. Spüren müssen wirs: ja,
das ist wohl gut, Alles, was sich da vor uns ausbreitet an Fortschritten und
erreichten Zielen, aber was hilft es uns, alles dieses Äußerliche, was helfen sie uns
alle, diese eisernen, steinernen, hölzernen, goldenen und silbernen Fortschritte,
wenn wir bei dem Allen geplagt sind von den Dämonen unserer Sünde, wenn bei dem Allen
diese Dämonen vielleicht noch größere Fortschritte machen als das Gute, Göttliche,
das ja zweifellos auch in unserer Kultur verborgen ist! Seht, diese Fragen muß uns
der Besuch der Ausstellung ins Herz brennen, wenn wir nur bewundernd Ach und Oh rufen
und auf die Knie fallen vor der Herrlichkeit des Menschen, dann sind wir umsonst dort
gewesen. Wenn sie uns aber diese Fragen recht klar und lebendig macht, dann hat sie
uns einen großen Dienst getan, den uns vielleicht manche Predigt des Pfarrers daheim
nicht tun konnte.
Sie kann und soll uns unser Welt- und Menschenwesen zeigen in
seiner Größe — denn es ist groß und herrlich, von Gott stammt ja der Menschengeist,
der das alles zustande gebracht und der noch viel mehr zustande bringen kann — aber
auch in seinem Jammer, denn dieser Menschengeist geht immer wieder in die Irre, heute
vielleicht bei aller Höhe unserer Kultur mehr als je. Und indem sie uns dieses unser
eigenes Wesen zeigt, die Landesausstellung, hilft sie uns, darüber
hinaus zu kommen. Sie weckt in uns die Sehnsucht, den Glauben und die
Hoffnung nach einer neuen Menschheit, in der alles Weltliche ganz und völlig von
göttlichem Geist und von göttlicher Kraft durchdrungen sein wird, in der die großen
Gaben, die Gott der Menschheit gegeben, frei und ungehindert zur Entfaltung kommen
werden, in der sie ihre großen Aufgaben lösen wird, rein und vollkommen und ohne die
störende Einwirkung der bösen Geister, von denen wir jetzt geplagt sind. Und darüber
hinaus die Sehnsucht und den Glauben und die Hoffnung auf Gott selbst, der unser Ziel
und unsere Heimat ist und der jedes Einzelne von uns, die wir jetzt noch mitten drin
stehen in dieser unruhigen und zerrissenen Welt, verklären will in das vollkommene
Bild seines Sohnes [vgl. 2.Kor. 3,18]. Er will
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uns gesund machen. Er will den Schaden unserer Seele gut machen, und er tut es. Er
ist unser Licht und unser Friede. Sein ist die Herrschaft und die Kraft im Äußeren
und im Inwendigen, im Gegenwärtigen und im Zukünftigen, in der Zeit und in der
Ewigkeit.