7. Juni 1914

Predigt: Psalm 8,5-10 und Matthäus 16,26

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Psalm 8,5–10
… Du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott … Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk; alles hast du unter seine Füße getan …
Matthäus 16,26
… Du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott … Du hast ihn zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk; alles hast du unter seine Füße getan …
Was hälfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele? …
Liebe Freunde!

Denkt, ich möchte heute über die Schweizerische Landesausstellung in Bern mit euch reden! Wer die beiden vorgelesenen Bibel|288texte aufmerksam mit angehört hat, der weiß eigentlich jetzt schon, was ich darüber sagen werde. Aber es könnten doch auch andere da sein, die zum Voraus mit mir unzufrieden sind. Die Landesausstellung! Das ist doch so etwas Weltliches. Davon hört und liest man in den Zeitungen, in der Wirtschaft, in der Eisenbahn. Dafür mögen sich die Geschäftsleute interessieren und etwa die, die das Geld und die Zeit dazu haben, allen Vergnügungen nachzugehen! Aber was soll uns das hier in der Kirche?, wie sollen uns von der Landesausstellung Sonntagsgedanken kommen, Trost und Freudigkeit und Kraft für die kommende Woche? Was hat uns die Landesausstellung von Gott zu sagen?

Nun, ich glaube, man kann das auch ein wenig von einer anderen Seite aus ansehen. Das ist freilich wahr: etwas durch und durch Weltliches, Menschliches, Natürliches ist diese Ausstellung, die jetzt so viel von sich reden macht. Da wollen die Leute mit Befriedigung und Stolz zeigen, was sie geleistet haben. Da hoffen sie, Aufträge zu bekommen aus dem Inland und aus dem Ausland und fortan noch bessere Geschäfte zu machen als bisher. Da werden Viele hingehen, um Anregungen zu bekommen, um das Eine oder Andere vielleicht den Konkurrenten abzugucken und nachzumachen zum eigenen Vorteil. Da wird auch die bloße törichte Neugier und die noch törichtere, oberflächliche Vergnügungssucht auf ihre Rechnung zu kommen suchen. Da hofft jetzt die ganze Stadt Bern und Umgebung, gewaltige Einnahmen zu machen von der Menschenmasse, die da von allen Seiten zusammenkommt, und manch einer macht sich jetzt parat, sein Netz auszuspannen, um auch etwas von dem großen Fünfliberstrom2 zu erwischen. Was für eine Menge von verschiedenen Gedanken und Absichten und Nebenabsichten bei dieser Ver|289anstaltung, und alle, alle weltlich, natürlich, menschlich, kein Zweifel, daß es so ist.

Und das wird nun nicht besser dadurch, daß in einer Ecke dieses großen Jahrmarktes auch eine Kirche aufgestellt ist mit einer Orgel und schönen Bildern und Büchern und Abendmahlskelchen und Anderem, was so zu kirchlichem Wesen gehört. Ich habe mir zum Schluß des Rundgangs, den ich letzte Woche durch die Ausstellung machen durfte, auch diesen Teil angesehen, und er kam mir genauso weltlich vor wie alles Übrige. Auch da sind eben Menschen, die zeigen wollen: seht da, wir sind auch noch da mit unserem Kirchenwesen, und wieder Andere, die mit dem Kirchenwesen ihr Geschäft machen wollen, und Reklame und Geschäft ist nun einmal weltlich und menschlich, auch wenn die Sache sich Kirche nennt. Es wäre vielleicht sogar besser, wenn diese Ausstellungskirche samt Inhalt nicht aufgerichtet worden wäre, sie kann doch nur falsche Begriffe erwecken von dem, was Religion und Christentum in Wirklichkeit ist. Ich möchte alle die von euch, die diesen Sommer nach Bern pilgern werden, bitten, euch in jener Ecke unter den kirchlichen Siebensachen ja keiner besonderen Rührung hinzugeben. Vom lebendigen Gott ist dort gerade so wenig oder so viel wahrzunehmen wie etwa beim großen Dieselmotor der Gebrüder Sulzer3 in der Maschinenhalle. Ich persönlich ziehe sogar den Motor vor. Also es ist wirklich eine weltliche Sache, diese Ausstellung in Bern, weltlich von A bis Z, weltlich in den Absichten und in den Wirkungen.

Aber darum hätten wir doch nicht recht, wenn wir als Christenmenschen sagen wollten: sie geht uns nichts an, und es ist schade um die Zeit, eine Sonntagspredigt auf sie zu verwenden. Was heißt denn «weltlich»? Weltlich ist doch einfach alles das, wonach wir Menschen trachten und streben, außer dem verborgenen und oft so schwachen Zug unseres Herzens, der nach dem Reiche Gottes geht. Weltlich ist der weitaus größte Teil unseres inneren Lebens, und ich nehme niemand von uns aus, wenn ich das sage. |290 Wäre es nicht eine Heuchelei, uns zu wehren und zu sagen: ich will von dem Weltlichen, das mich bewegt, nichts wissen und nichts hören in der Kirche? Was da? Wer so redet, der hat gewöhnlich Angst, er könnte im Weltlichen gestört werden durch das Göttliche. Darum will er nur vom Göttlichen hören. Das ist aber Heuchelei. Wenn wir vorwärts kommen wollen im Trachten nach dem Reiche Gottes, dann müssen wir dem Weltlichen ganz klar ins Gesicht sehen: es ist nun einmal da, es füllt uns fast völlig aus, das müssen wir uns gestehen, wenn wir ehrlich sind. Gerade wenn wir das Weltliche recht deutlich sehen und begreifen, gehen uns auch so recht die Augen auf für den Weg zum Reiche Gottes, fühlen wir so recht die Aufgabe und die Freudigkeit, diesen Weg zu gehen.

Und nun seht: so fasse ich die Ausstellung auf: sie muß uns so recht klar und deutlich zeigen, was weltlich, menschlich, natürlich, irdisch ist. Und das tut sie denn auch. Alles menschliche Wesen: Reichtum und Herrlichkeit, Wohlsein und Bequemlichkeit, äußere Ordnung und Schönheit, Arbeit und Geschicklichkeit und Freude, das alles findet da seinen vollendeten Ausdruck, in das alles kann man sich da für einige Stunden völlig hineinleben, wenn man sonst vielleicht nicht so Gelegenheit dazu hat. Ich versichere euch, daß man da zunächst ganz überwältigt ist von der Größe und Herrlichkeit des weltlichen Wesens in allen seinen Äußerungen, daß man Mühe hat, an Gott zu denken inmitten all dieser Dinge, die von nichts Anderem reden als von menschlicher Klugheit und Energie, von menschlichen Fortschritten und Genüssen. Was soll Gott in dieser wundervoll eingerichteten Menschenwelt?! Ich glaube, das tut uns gut, uns Christenmenschen, wenn uns das weltliche Wesen einmal so recht gewaltig vor Augen tritt. Die Ausstellung kann uns dazu verhelfen: da zeigt jetzt unser ganzes Volk, was es ist und was es will. Da wird darum auch jedem Einzelnen der Spiegel vorgehalten: sieh einmal, so steht es auch bei dir, so gewaltig groß ist auch bei dir das Trachten nach dem, was drunten ist, denn du meinst doch hoffentlich nicht, daß du persönlich so ganz anders seist als das ganze |291 Volk, das da sich selbst ausstellt? Nein, nein, so ist der Mensch, so bist du auch, so voll von Welt, von lauter prächtiger, gescheiter, schöner Welt. Da in der Ausstellung kann jeder die Erfahrung machen, wieviel Zweifel eigentlich in ihm sind, wieviel Unglaube, wieviel Bedürfnis und Liebe zu dem, was bloß menschlich ist. Denn da kann man das Menschliche wirklich in seinem vollen Glanze sehen. Ich wünsche euch, daß recht Viele von euch dieses Erlebnis der Unsicherheit machen möchten, wenn sie dorthin kommen.

Das tut uns gut, denn gerade wenn uns das alles so recht klar wird, können wir dann auch davon frei werden. Wenn wir so deutlich zu sehen bekommen, was die Welt ist und das weltliche Wesen, in dem wir leben, dann verstehen wir auch wieder im Unterschied davon, wer und was Gott ist; Glaube, Liebe und Hoffnung werden uns lebendig als die Lebensgüter, die über aller Vernunft und aller Kultur stehen. Wir werden dann frei davon auch in dem Sinn, daß wir das Weltliche wieder ganz ruhig ansehen können, ohne Angst und Haß. Wir können dann das Gute ruhig würdigen, das sicher auch im Weltlichen verborgen ist. Wir hören dann auf das, was Gott uns zu sagen hat auch durch das Weltliche, denn durch die Welt macht er uns manchmal von der Welt frei. Wie hat es denn Jesus gehalten? Er hat es ganz klar ausgesprochen: Mein Reich ist nicht von dieser Welt [Joh. 18,36]! Was die Menschen nötig haben, das steht über Macht und Pracht — und doch weiß er, daß die ganze Welt Gottes ist und daß in der ganzen Fülle der Erscheinungen, im Großen wie im Kleinen, im Guten wie im Bösen, Gottes Gesetze und Wege verborgen sind für den, der Augen hat, sie zu lesen. Er fand Gott bei den Blumen auf dem Feld [vgl. Mt. 6,28–30] und beim habsüchtigen Kaufmann [vgl. Mt. 13,45f.]. Alles Vergängliche wurde ihm ein Gleichnis.4 Gerade weil er so ganz frei war von allem Weltlichen, |292 konnte er Alles ansehen, über Alles nachdenken, von Allem reden — und in Allem das Göttliche, das Ewige suchen und finden. Auch so eine Landesausstellung mit all dem durch und durch Weltlichen, Irdischen, Menschlichen, was sie will und bezweckt, kann uns zum Gleichnis werden, warum denn nicht? Gerade weil da die Menschenart und das Weltwesen sich selbst den Spiegel vorhält, wollen wir getrost hinsehen und die Gelegenheit benützen und hören, was uns Gott durch das Bild im Spiegel zu sagen hat. Ich meine zweierlei: das Eine ist wichtig und das Andere ist noch wichtiger. Das Eine ist aus dem Alten Testament und das Andere aus dem Neuen Testament. Aber wir müssen Beides hören.

Wir wollen die Ausstellung zuerst ansehen mit den Augen des Mannes, der den 8. Psalm gedichtet hat. Voll Bewunderung und Freude redet er von der Größe, die Gott den Menschen gegeben hat. Ihm ists aufgegangen, wie wunderbar das eigentlich ist, daß der kleine, schwache Mensch so inmitten der unendlichen Natur leben und sie durch seinen Geist beherrschen darf. Er sieht die ungeheuren Kräfte der Natur vor sich: das Meer und die Sterne, die Tierwelt und die Pflanzenwelt, und sie sind alle gebändigt und in Dienst gestellt durch das Denken und die Arbeit. Welch ein Schauspiel! Da wird ihm Gott so recht groß, wie er darüber nachdenkt, das muß der ewige Schöpfer und Vater aller Dinge selbst sein, der dem Menschen solche Gewalt verliehen, nicht aus sich selber hätte er es nehmen können. Was ist der Mensch, daß du seiner gedenkst, und des Menschen Kind, daß du sich seiner annimmst, wie kommt der Mensch zu solch außerordentlicher Stellung, so nahe der Ähnlichkeit mit dir, mit Gott selbst? Du hast ihn ja wenig niedriger gemacht, als du selbst bist! Ist er nicht auch ein Schöpfer und Regierer, ruft er nicht auch Werke heraus aus dem Nichts und lenkt sie nach seinem Willen? Ist er nicht ein zweiter Gott hier auf der Erde? Du hast ihn ja zum Herrn gemacht über deiner Hände Werk, Alles hast du unter seine Füße getan, Schafe und Ochsen allzumal, dazu auch die wilden Tiere, die Vögel unter dem Himmel und die Fische im Meer und was im Meer gehet, Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen! So |293 jauchzte und jubelte dieser Sänger vor Tausenden von Jahren, ein hohes Lied auf die Herrlichkeit des Menschen, nein, auf die Herrlichkeit Gottes, die sich im Geist und in der Arbeit des Menschen offenbart.

Denkt euch, dieser Mann könnte aus seinem Grabe auferstehen und nach Bern in die Ausstellung kommen. Das ist ja noch gar nichts, was zu seiner Zeit die Menschen konnten und wußten. Wie unbeholfen und roh waren die Einrichtungen, die Werkzeuge, die Wohnungen, die Lebensmittel, derer die Menschen sich damals bedienten — und doch freut er sich so darüber und dankt Gott, der den Menschen solche Macht verliehen. Wie ganz anders würde wohl sein 8. Psalm noch jubeln und jauchzen, wenn er sehen könnte, wie die Menschen heute Meister geworden sind nicht nur über Schafe und Ochsen und wilde Tiere, sondern über Dampfkraft und Wasserkraft, Magnetismus und Elektrizität, über die Tiefen der Erde und über die Höhen des Luftreiches, wie ihnen kein Steingebirge mehr zu hart ist, sie durchbohren es, und kein Metall zu spröde, sie machen daraus, was sie wollen, mit wunderbarer Genauigkeit und Feinheit. Wenn er die Maschinen sehen könnte, von Menschen ersonnen und hergestellt, die jetzt in einer Stunde fertigbringen, woran zu seiner Zeit Hunderte und Tausende tage- und wochenlang hätten arbeiten müssen, die Schnelligkeit, mit der wir miteinander verkehren können auf die größten Entfernungen, als ob der trennende Raum gar keine Bedeutung hätte, die raffinierte Umsicht und Erfindergabe, für die es gar keine Schwierigkeiten mehr zu geben scheint, die jedem Bedürfnis zu genügen, jedes Hindernis zu bewältigen weiß. Wie hätte er da erst demütig und begeistert gebetet: Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Nun, er kann es nicht mehr, aber wir können es, meine Freunde. Und das ist das Erste, was uns gerade eine solche Ausstellung, so weltlich und menschlich sie ist, zu sagen hat: wie groß ist doch Gott! Wenig war jenem Psalmsänger gegeben, um ihm die Herrlichkeit Gottes in der Menschenwelt zu zeigen, uns ist viel gegeben. Denn das ist doch einfach etwas von der Herrlichkeit Gottes, was |294 sich uns auftut, wenn wir an einem solchen Ort wahrnehmen, wie der Mensch vorwärts gekommen ist, so weit vorwärts gekommen ist in der Beherrschung und Ausnutzung der Naturkräfte. Seht z. B. so eine elektrische Lokomotive oder so eine von den wundervollen eisernen Brückenkonstruktionen, mit denen die tiefsten Täler überspannt werden, oder diese 10 Meter langen Webmaschinen, die fast mit menschlichem Bewußtsein ihre exakte Arbeit zu tun scheinen — was für eine Summe von Geist und Kraft in diesen Dingen! ist es nicht wirklich Gott der Schöpfer, Gott, der der Geist und die Kraft ist, der uns darin entgegentritt, stehen wir nicht staunend davor, so gut wie vor den Wundern der Natur, und ist doch alles Menschenwerk?! Ja, du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott. Ein armer Mensch, der beim Anblick von all dem über das Menschliche, Weltliche, Äußerliche nicht hinwegkommt, dem das Herz nur an das Geschäft und die Reklame zu denken vermag, die da getrieben werden, dem das Herz nicht höher schlägt bei dem Gedanken, was doch die Menschheit zu leisten vermag, wenn sie ihre Gaben verwendet, wie erfolgreich sie für ihr Leben kämpfen, ihr Leben sich erleichtern und verschönern kann! Es ist ein Sieg Gottes, eine Erfüllung eines Gottesgebotes, was wir da zu sehen bekommen. Machet euch die Erde untertan [Gen. 1,28]! hat er ja zu den Menschen gesagt. Sieh da, wie weit sie es darin schon gebracht haben. Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Und nun hör nur genau zu, was dir Gott Alles zu sagen hat durch die Stimmen dieser Menschenwerke: Sieh da, wie der Mensch fertig werden kann mit der Natur, wenn er sich anstrengt, wenn er will. Du jammerst so oft über die Natur. Du meinst, du kannst nicht fertig werden mit deiner Leidenschaft, deiner Schwäche, mit den Hindernissen und Unvollkommenheiten des Lebens, wir sehen so viele ungute, traurige Verhältnisse. Was ist denn das alles? Nun eben Natur, und das heißt eine Aufgabe für uns. Sollte der Mensch siegen über Feuer und Wasser, über Luft und Erde, über Stahl und Stein, nicht aber über seine eigene Natur und die Hindernisse, die sie ihm bietet? Nicht doch! Wir werden uns doch |295 nicht schämen wollen vor dem ersten besten Motor, der durch den Geist und die Kraft, die der Mensch ihm gegeben, so Gewaltiges leistet. Du kannst auch Gewaltiges leisten, wir alle können es, wenn wir nur an den Geist und an die Kraft glauben wollen. Gott läßt es den Menschen gewinnen über die Natur, geh hin nach Bern und sieh es, wenn du es nicht glaubst. Und dann sieh weiter, wie den Menschen so verschiedene Gaben gegeben sind, jedem eine besondere. Wir leiden doch so oft darunter, daß wir einander nicht verstehen, daß jeder seinen Weg geht, ohne an die Anderen zu denken, ja unter Verachtung der Anderen. Da zeigt uns so eine Ausstellung einmal etwas Anderes, wenn wir es noch nicht wußten. Wie verschieden sind die Aufgaben, an denen die Menschen arbeiten: der mit dem Kopf und der mit der Hand, der mit dem Faden und der mit dem Hammer, der auf dem Papier und der an der Maschine, der auf der Erdscholle und der im Bureau, und doch treiben Alle, Alle dasselbe Gotteswerk des Geistes und der Kraft, und doch sind Alle daran, die Natur in den Dienst des Menschen zu stellen nach Gottes Gebot. Das scheint mir etwas vom Wichtigsten, was durch eine solche Ausstellung erreicht werden kann, daß da ein Mensch den anderen kennenlernt, und zwar gerade in seinem Besten, in seiner Arbeit, der Bauer den Fabrikanten und den Arbeiter und dieser wieder den Bauern und Beide den Beamten, den Kaufmann usw. Wie eifrig haben sie jetzt dort alle zusammenstehen müssen, um jenes große Werk zustandezubringen, wie freundlich sind jetzt dort die Werke Aller nebeneinander zu sehen! Alles Vergängliche ist nur ein Gleichnis, ja, aber ein Gleichnis, das eine Verheißung hat. Werden wir es nicht alle einmal einsehen, daß wir das Göttliche in der Arbeit und im Leben der Anderen anerkennen müssen, statt uns feindselig von ihnen abzuschließen, daß die Arbeit erst dann ein Segen wird für die Menschen, wenn sie einmal ein Ganzes sein wird, wenn Alle mit Allen und Alle für Alle arbeiten an der Lösung der großen Gottesaufgabe, die unserem Geschlecht hier gestellt ist, daß die Macht der Selbstsucht, die die Menschen voneinander trennte, und ihre unheilvollen Wirkungen einmal überwunden werden müssen? |296 Das wußte freilich der Psalmsänger noch nicht, und das ganze Alte Testament wußte es noch nicht, und unzählige Menschen wissen es heute noch nicht, aber das Neue Testament sagt es uns, und eine solche Ausstellung sagt es uns wie eine große Weissagung, daß die Liebe, die Zusammengehörigkeit, das gegenseitige Verantwortlichkeitsgefühl einmal Meister werden muß über die menschliche Arbeit, damit das Göttliche, das darin ist, sich völlig entfalten kann. Möchten doch recht Viele von denen, die diesen Sommer nach Bern ziehen, Ohren haben, um diese Weissagung zu hören! Dann wird einmal eine Zeit kommen, wo die Menschen noch viel freudiger und völliger bekennen können angesichts ihrer Arbeit und ihrer Leistungen: Herr unser Herrscher, wie herrlich ist dein Name in allen Landen!

Damit haben wir eigentlich bereits gesagt, daß wir uns nicht begnügen dürfen, in die Freudentöne des 8. Psalms über die Größe des Menschen und seiner Werke einzustimmen angesichts des Spiegelbildes, das unser Volk sich in seiner Ausstellung gegenwärtig selber vorhält. So wahr es ist, was er uns zu sagen hat, so sehr wir uns mit ihm freuen dürfen, so sicher wäre es ganz einfach eine Unwahrheit, ein Unrecht, dabei nun stehen zu bleiben. Gott sei Dank, daß er uns durch das Neue Testament unseres Herrn Jesus noch tieferen Einblick gibt in unser Leben und in das, was wir nötig haben. Und dieses andere Gotteswort wollen wir nun auch hören. Was würde Jesus zu einer solchen Ausstellung sagen? Wir wissen es: er würde sagen: was hülfe es dem Menschen, wenn er die ganze Welt gewönne und nähme doch Schaden an seiner Seele, und was kann ein Mensch geben, daß er seine Seele wieder löse? Und darüber nachzudenken ist nun noch wichtiger als der Jubel des Psalms über die menschliche Herrlichkeit. Der Psalmsänger ist das fröhliche, zuversichtliche Kind, Jesus ist der reife, erfahrene, kraftvolle Mann. Beide haben recht. Und doch müssen wir danach trachten, das weltliche Wesen, wie es in dieser Ausstellung so vollkommen zum Vorschein kommt, nun auch mit den reifen, ruhigen Augen Jesu anzusehen.

Was hülfe es dem Menschen …! Ja, gibt es denn eine Gefahr |297 für unsere Seele bei all dem herrlichen Geistesstreben und Arbeiten, bei all der Entfaltung von Wissenschaft und Kunst, Technik und Industrie, die unsere Zeit kennzeichnet?, so möchten wir fragen. Jawohl, diese Gefahr ist wirklich da, und es ist tatsächlich so, daß bei all dem, was wir vorhin bewundert und gerühmt haben, Unzählige Schaden an ihrer Seele leiden. Woher kommt denn das? Seht, das wäre ja wundervoll, wenn die Menschen wirklich nichts Anderes täten als alle gemeinsam jeder nach seinen Gaben und jeder an seiner Stelle arbeiten, mitarbeiten an der Beherrschung der Natur durch den Geist. Dann könnten wir uns rückhaltlos freuen an der Größe des Menschen und an den gewaltigen Fortschritten, die er in seinem Können gemacht hat. Aber dem ist nun nicht so. Das Bild im Spiegel zeigt uns einen gewaltigen, tiefen Schatten. Neben dem freudigen, schönen Schaffen und Vorwärtsschreiten zeigt es uns auch riesengroß die menschliche Selbstsucht, die Gier zu besitzen, die Gier zu genießen, die Gier zu herrschen. Gewaltig ist diese Kraft des Bösen in unserem Weltwesen und Menschenwesen, gewaltig kommt sie auch in der schönen Berner Ausstellung zum Vorschein für jeden, der sehen kann. Fast könnte einem das ganze Bild durch diesen Schatten verleidet und verdorben werden. Warum erfüllen die Menschen nicht rein und völlig ihre Bestimmung? Warum genießen sie nicht den Segen, der auf all ihrem Arbeiten und Fortschreiten ruhen sollte? Es ist etwas zwischenhineingekommen: die Sucht, die Gier, die Unruhe, der Haß, — die Sünde mit einem Wort, und die macht nun, daß die Menschen unglücklich, schlecht, unfriedlich untereinander, innerlich uneinig und zerrissen sind, daß sie Schaden leiden an ihrer Seele auch heute noch, ja gerade heute, trotzdem sie daran sind, die ganze Welt zu gewinnen. Unbegreiflich, nicht wahr? Ja wirklich unbegreiflich, gerade bei einer solchen prächtigen Entfaltung des menschlichen Wesens wie der Ausstellung möchte man sich fragen: woher kommt das Böse in all die Herrlichkeit hinein? Wir können jetzt nicht darauf antworten. Wir können nur das ganz bestimmt sagen: das Böse ist da und kämpft gegen Gottes Herrlichkeit und verwirrt und verdirbt die Menschen, so daß so |298 aus ihrer Gottähnlichkeit nichts wird trotz der Verheißung. Was hilft es nun dem Menschen, wenn er wenig niedriger ist als Gott, wenn ihm Alles unter seine Füße getan ist, und er nimmt doch Schaden an seiner Seele, und er ist bei aller Kultur und allem Glanz ein armes, gottfernes Wesen, weil er das Seine sucht und nicht das, was Gottes und was seines Bruders ist? Können z. B. diese wundervollen Maschinen der Neuzeit nicht fast ein teuflisches Gesicht bekommen, wenn wir denken, daß ihre bewunderswürdigen Leistungen schließlich nicht dazu bestimmt [sind], allem Volk wirklich das Leben zu erleichtern und zu verschönern, sondern das Kapital einiger Weniger zu vermehren, während Unzählige durch sie zu müden, gehetzten Sklaven, selber zu Maschinen werden? Die Maschine, die dem Menschen helfen sollte zu herrschen, frei zu sein, wird zum Mittel, durch das Einer den Anderen ausnützt. Wir gehen durch die Räume mit all den Herrlichkeiten von Möbeln, Kleidern, Kunstgegenständen — wieviel von dieser Herrlichkeit kommt denen zugute, die daran gearbeitet haben? wie groß wird die Zahl derer sein, die derartige Dinge zu genießen bekommen gegenüber der Anzahl derer, die das Nötige und vielleicht das Nötigste, Luft und Licht und gesunde Nahrung entbehren müssen, auch in unserem Lande? Und wie groß wird schließlich die Zahl derer sein, die wirklich Freude erleben an all diesen Gütern, gegenüber den zahlreichen Anderen, die alles haben, was sie begehren, und doch unglücklich, unzufrieden und in Ewigkeit unruhig sind? Wir gehen durch die Abteilungen, die uns das Armenwesen, die Wohltätigkeit und Fürsorge, die Abstinenzbewegung usw. darstellen. Prächtig in der Tat, was da für Fortschritte gemacht sind. Aber was soll man davon denken, wenn man dann wieder in einer anderen Halle die ebenso vortrefflich eingerichteten Eisenbahnwagen für den Transport von Wein und Bier sieht, die luxuriös eingerichteten Restaurants in der Ausstellung selbst, die mannigfachen Reizmittel, durch die sie das Publikum anzulocken wissen, wenn man überhaupt sieht, wie die Genußsucht und Verschwendung auf jede Art und Weise geweckt und genährt wird mit eben demselben Eifer wie auf der |299 anderen Seite all die guten und lobenswerten Anstrengungen von Staat, Gemeinde und Vereinen zur Hebung des Volkes? Streicht da nicht eines das andere durch? Ist das nicht ein Schöpfen in ein Faß ohne Boden? Oder noch etwas: da ist ein Saal, in dem einem gar anschaulich die Tätigkeit und die Hilfsmittel der Militärsanität gezeigt wird, der Ärzte und Krankenpfleger im Kriege. Da sieht man alle Arten von Tragbahren und Betten und Verbänden und alle die Einrichtungen, die den Verwundeten ihr Los erleichtern sollen. Sehr schön, daß heutzutage so gut für diese Unglücklichen gesorgt wird, denkt man. Ja, sehr schön, nur ist leider dieser Saal nur ein kleines Anhängsel einer großen Halle, und diese Halle ist voll von Geschützen, Bomben, Granaten, Patronen, Gewehren, Säbeln und Bajonetten und allen erdenklichen Mordinstrumenten. Wirklich prächtig: hier vernimmt man, wie man Menschen mit allen Mitteln moderner Erfindungen umbringt und verstümmelt, und dort, wie man den Schaden wieder gut macht, wenn er nicht allzu groß ist.

Solche Rätsel und unbegreiflichen Widersprüche finden sich noch viele in der Ausstellung. Ich nenne sie nicht, um zu kritteln. Die Ausstellung ist sehr schön, den Spiegel wird kein Vernünftiger tadeln können, er ist ohne Fehler — aber das Bild, das er zeigt, ist bedauerlich. Er zeigt uns die moderne Menschheit, zu der wir auch gehören, diese rastlose, erfinderische, arbeitsame Menschheit als eine Herde, die keinen Hirten hat, ganz wie einst das Volk von Galiläa, von dem Jesus das sagte [vgl. Mt. 9,36]. Wir sind krank an unserer Seele. Wir wissen nicht, wollen wir hier hinaus streben oder dorthinaus. Wir folgen mit halben Herzen den guten Geistern der Wahrheit, des Rechtes, der Bruderliebe, mit halben Herzen aber auch dem Dämon der schrankenlosen Gier, des Genusses, des Unfriedens. Seht, das heißt: Schaden leiden an seiner Seele, fern sein vom lebendigen Gott, wenn man so Alles halb ist. Und nun möchte ich euch das wünschen, daß recht Viele von denen, die die Ausstellung besuchen oder davon lesen und hören, auch etwas spüren von dieser entsetzlichen Halbheit, von diesem fürchterlichen Widerspruch, der durch unsere ganze Kultur hin|300durchgeht trotz all ihrer Feinheit und all ihres Glanzes. Spüren müssen wirs: ja, das ist wohl gut, Alles, was sich da vor uns ausbreitet an Fortschritten und erreichten Zielen, aber was hilft es uns, alles dieses Äußerliche, was helfen sie uns alle, diese eisernen, steinernen, hölzernen, goldenen und silbernen Fortschritte, wenn wir bei dem Allen geplagt sind von den Dämonen unserer Sünde, wenn bei dem Allen diese Dämonen vielleicht noch größere Fortschritte machen als das Gute, Göttliche, das ja zweifellos auch in unserer Kultur verborgen ist! Seht, diese Fragen muß uns der Besuch der Ausstellung ins Herz brennen, wenn wir nur bewundernd Ach und Oh rufen und auf die Knie fallen vor der Herrlichkeit des Menschen, dann sind wir umsonst dort gewesen. Wenn sie uns aber diese Fragen recht klar und lebendig macht, dann hat sie uns einen großen Dienst getan, den uns vielleicht manche Predigt des Pfarrers daheim nicht tun konnte.

Sie kann und soll uns unser Welt- und Menschenwesen zeigen in seiner Größe — denn es ist groß und herrlich, von Gott stammt ja der Menschengeist, der das alles zustande gebracht und der noch viel mehr zustande bringen kann — aber auch in seinem Jammer, denn dieser Menschengeist geht immer wieder in die Irre, heute vielleicht bei aller Höhe unserer Kultur mehr als je. Und indem sie uns dieses unser eigenes Wesen zeigt, die Landesausstellung, hilft sie uns, darüber hinaus zu kommen. Sie weckt in uns die Sehnsucht, den Glauben und die Hoffnung nach einer neuen Menschheit, in der alles Weltliche ganz und völlig von göttlichem Geist und von göttlicher Kraft durchdrungen sein wird, in der die großen Gaben, die Gott der Menschheit gegeben, frei und ungehindert zur Entfaltung kommen werden, in der sie ihre großen Aufgaben lösen wird, rein und vollkommen und ohne die störende Einwirkung der bösen Geister, von denen wir jetzt geplagt sind. Und darüber hinaus die Sehnsucht und den Glauben und die Hoffnung auf Gott selbst, der unser Ziel und unsere Heimat ist und der jedes Einzelne von uns, die wir jetzt noch mitten drin stehen in dieser unruhigen und zerrissenen Welt, verklären will in das vollkommene Bild seines Sohnes [vgl. 2.Kor. 3,18]. Er will |301 uns gesund machen. Er will den Schaden unserer Seele gut machen, und er tut es. Er ist unser Licht und unser Friede. Sein ist die Herrschaft und die Kraft im Äußeren und im Inwendigen, im Gegenwärtigen und im Zukünftigen, in der Zeit und in der Ewigkeit.

Amen.

Sachfußnoten

1
Eine überarbeitete Fassung dieser Predigt wurde veröffentlicht: K. Barth, Landesausstellung, in: Neue Wege. Blätter für religiöse Arbeit (Redaktion: J. Matthieu, L. Ragaz, L. Stückelberger), Basel, Jg. 8 (1914), S. 304–313 📖. Wiedergabe dieser überarbeiteten Fassung S. 301ff.↩
2
Fünfliber = Fünffrankenstück.↩
3
Große Maschinenfabrik in Winterthur.↩
4
Vgl. J. W. v. Goethe, Faust II, V. 12104f. 📖:
Alles Vergängliche
Ist nur ein Gleichnis.
↩