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        <title type="volume" n="vol-05">Predigten 1914</title>
        <title type="content">Predigt: Offenbarung 6,4 und Matthäus 10,28</title>
        <title type="citation_line_1">Barth, Karl: Predigt: Offenbarung 6,4 und Matthäus 10,28, 23. August 1914</title>
        <title type="citation_line_2">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5040 (Stand: 25. August 2026)</title>
        <title type="citation_line_3">Druck: Karl Barth, Predigten 1914, hrsg. v. Fähler, Ursula / Fähler, Jochen (Gesamtausgabe, Abt. I), Zürich 1999, S. 430–442.</title>
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      <editionStmt>
        <edition>Digitale Karl Barth-Gesamtausgabe</edition>
        <sponsor>Schweizerische Akademie der Geistes- und Sozialwissenschaften (SAGW)</sponsor>
        <sponsor>Schweizerischer Nationalfonds (SNF)</sponsor>
        <sponsor>Karl Barth-Stiftung</sponsor>
      </editionStmt>
      <publicationStmt>
        <publisher>Karl Barth-Archiv</publisher>
        <pubPlace>Basel</pubPlace>
        <date when="2026">2026</date>
        <availability>
          <licence target="https://creativecommons.org/licenses/by-sa/4.0/">Creative Commons BY-SA 4.0</licence>
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        <idno type="url">https://kbga.karl-barth.ch/texts/5040</idno>
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        <!-- The printed Gesamtausgabe -->
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          <title type="volume">Predigten 1914</title>
          <title type="text">Predigt: Offenbarung 6,4 und Matthäus 10,28</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>Fähler, Ursula</editor>
          <editor>Fähler, Jochen</editor>
          <pubPlace>Zürich</pubPlace>
          <publisher>Theologischer Verlag</publisher>
          <date type="publication">1999</date>
          <biblScope unit="page">Pp. 430-442</biblScope>
          <!--position within a volume-->
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        <!-- The first digital edition (data from xml and database) -->
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          <title type="edition">Princeton Barth Project edition</title>
          <title type="text">electronic edition of Karl Barth, Gesamtausgabe I.5, Predigten 1914, sermon 235</title>
          <author ref="kbga-actors-2151">Barth, Karl</author>
          <editor>James R. Adair, Jr.</editor>
          <editor>Timothy J. Finney</editor>
          <editor>Christian Kelm</editor>
          <pubPlace>Princeton</pubPlace>
          <publisher>Alexander Street Press</publisher>
          <date type="publication">2001</date>
        </bibl>
        <!-- Data from KBA (https://kba.karl-barth.ch) -->
        <bibl xml:id="A" type="source">A (Vorlage der Edition): Barth, Karl, Predigt: Offb 6,4 und Mt 10,28, 23. August 1914. <ref target="https://kba.karl-barth.ch/objects/1675">KBA 1213</ref>. </bibl>
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        <date type="creation" when="1914-08-23">23. August 1914</date>
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        <language ident="ger">German</language>
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          <term>sermon</term>
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                        <idno>235</idno>
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          <dateline>
                        <placeName ref="kbga-places-54">Safenwil</placeName>, Sonntag, den <date when="1914-08-23">23. August 1914</date><note xml:id="n01">Zu dieser und der folgenden Predigt vgl. <bibl corresp="kbga-bibls-931">
                                <hi rend="italic"><persName ref="kbga-actors-2151">K. Barth</persName> / <persName ref="kbga-actors-403">E. Thurneysen</persName>, Briefwechsel</hi>, Bd. 1,
                              1913–1921, Zürich 1973 (in Reihe V dieser Ausgabe), <ref type="pub" target="3010#p010">S. 10</ref></bibl>.</note>
                    </dateline>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.6.4">Offenbarung 6,4</ref>
              <quote>Und es zog hinaus ein feuerfarbenes Pferd, und dem, der darauf saß, ward
                        gegeben, den Frieden hinwegzunehmen von der Erde, und daß sie einander
                        hinschlachten, und ward ihm gegeben ein großes Schwert.</quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <epigraph>
            <cit>
              <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.10.28">Matthäus 10,28</ref>
              <quote>Fürchtet euch nicht vor denen, die den Leib töten und die Seele nicht
                        mögen töten. Fürchtet euch aber vielmehr vor dem, der Leib und Seele
                        verderben mag in der Hölle.<note xml:id="n02">Die Anregung zur Textwahl
                           dürfte zurückgehen auf die Meditation von <bibl corresp="kbga-bibls-1553">
                                        <persName ref="kbga-actors-329">M. Rade</persName>
                                         <hi rend="italic">Gottes Wille im Krieg</hi> in: CW, Jg. 28 (1914), Sp. 769f. (Nr. 33 vom
                          15. August 1914)</bibl>.</note>
                     </quote>
            </cit>
          </epigraph>
          <salute>Liebe Zuhörer!</salute>
        </div>
        <div type="main">
        <p>Das erste dieser Bibelworte steht in einer der schrecklichen Beschreibungen vom
               kommenden Weltgericht in der Offenbarung des <persName ref="kbga-actors-1073">Johannes</persName>. Vier fürchterliche Reiter
               ziehen daher als erste Boten des Gerichts, auf weißem, auf feuerrotem, auf schwarzem,
               auf gelbem Pferd [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Apk.6.1 Apk.6.8">Apk. 6,1–8</ref>]. Es ist die Pest, der Krieg, der Hunger und der Tod. Und von ihnen
               allen heißt es, daß ihnen Macht gegeben, von Gott Macht gegeben wurde, ihr
               unheilvolles Werk zu tun. Sie dürfen es, sie müssen es. Gottes Gericht fängt an
               damit. Ich habe aus diesem Abschnitt die Worte herausgenommen, die vom Kriege
               handeln: Und es zog hinaus ein feuerfarbenes Pferd, und dem, der darauf saß, ward
               gegeben, den Frieden hinwegzunehmen von der Erde, und daß sie einander hinschlachten,
               und ward ihm gegeben ein großes Schwert.</p>
        <p>Laßt uns heute darüber nachdenken, daß <hi rend="italic">im Kriege Gottes Gericht</hi>
               über uns gekommen ist. Drei Wochen sind es nun her, seit wir den Krieg haben. Die
               anfängliche Aufregung hat, soviel ich
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                sehe, bei uns einer gewissen Beruhigung Platz gemacht unterdessen. Man fürchtet
               nicht mehr gleich das Äußerste. Man beginnt hoffentlich, sich gewisser
               selbstsüchtiger Torheiten zu schämen, die man damals vor drei Wochen begangen hat.
               Man sucht sich möglichst vernünftig in das Unvermeidliche zu schicken. Man redet auch
               wieder von anderen Dingen als vom Kriege. Da und dort hört man auch wieder lachen und
               singen. Diese veränderte Stimmung hat zu einem guten Teil ihren Grund darin, daß wir
               wieder ein wenig gelernt haben, uns in herzlichem Vertrauen Gott zu übergeben. Es ist
               viel gebetet worden in diesen Wochen, und Gott hat viele Gebete erhört. Es ist nicht
               umsonst gewesen, wo noch eine bedrängte Seele aus der Tiefe zu ihm gerufen hat: Herr,
               dein Wille geschehe [<ref type="can" subtype="bible" target="Mt.6.10">Mt. 6,10</ref>]! Wir sind stärker geworden durch vermehrtes Vertrauen und innigeres Beten.
               Darum können wir jetzt auch wieder ruhiger sein. Wollte Gott, das wäre der einzige
               Grund dieser Beruhigung, die über uns gekommen ist! Dann würde sie immer zunehmen,
               immer tiefer und fester werden. Dann könnten wir immer getroster und zuversichtlicher
               allem Kommenden entgegensehen. Aber das ist nicht der einzige Grund. Ich weiß es, und
               ihr wißt es auch. Wir wollen ganz ehrlich sein. Wenn es bloß vom Gottvertrauen und
               Beten abhinge, so würden wir uns jetzt nicht so ruhig und sicher fühlen. Aber wir
               haben im Lauf dieser Wochen die Entdeckung gemacht, daß der Krieg gar nichts so
               Schreckliches sei, wie wir am Anfang gedacht hatten. Wir haben zwar in der Zeitung
               von einigen blutigen Gefechten gelesen, aber es war nichts an diesen Nachrichten, was
               uns tiefer hätte erregen können, als was wir früher etwa aus anderen weiter von uns
               entfernten Kriegen hörten. Und vor allen Dingen: wir selbst haben vom Krieg noch
               wenig zu spüren bekommen. Wir leben ja noch wie mitten im Frieden. Unsere Soldaten
               sind fort, und das Geld ist etwas knapp geworden. Das ists, was wir spüren. Aber wir
               haben ja gottlob guten Bericht von unseren Lieben an der Grenze, und Vieles scheint
               daraufhinzudeuten, als ob unser Land nicht direkt in Mitleidenschaft gezogen werden
               solle. Auch die Not im Inneren ist nicht so arg,
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                wie wir es befürchtet hatten. Und <hi rend="italic">darum</hi> sind wir jetzt ruhiger,
               darum können wir jetzt wieder von Anderem reden, wieder lachen, nicht nur wegen
               unserem starken Gottvertrauen!! Nicht wahr?</p>
        <p>Meine Freunde! Es ist nicht meine Sache, euch angst zu machen. Wohl aber ist es meine
               Sache, euch zu warnen, daß wir uns jetzt ja nicht durch den Gedanken: es ist nicht so
               gefährlich! einschläfern lassen. Denn dieser Gedanke gibt uns keinen sicheren Halt;
               wenn wir uns jetzt damit beruhigen wollen, dann wird die alte Aufregung wieder da
               sein, ärger als zuvor, wenn nur das Blatt sich einmal wenden sollte. Spüren wir es
               nicht, wie schon jetzt hinter unserer äußerlichen Beruhigung die bleiche Angst
               verborgen ist: ja, aber was könnte noch alles kommen? Von einer solchen verborgenen
               Angst wüßten wir nichts, wenn wir unsere Hoffnung ganz auf Gott setzen würden. Und
               meine Freunde, das Blatt könnte sich noch wenden und wird sich ganz sicher noch
               wenden. Wir stehen nicht am Ende, sondern ganz am Anfang dieser Kriegszeit. Und diese
               Zeit ist eine der allerernstesten der ganzen Weltgeschichte. Wir würden sicher
               Unrecht tun, sie gedankenlos zu verschlafen, auch wenn wir persönlich gar nicht davon
               berührt würden. Was sind alle Kriege, die wir erlebt haben, neben dem Krieg, der nun
               entbrannt ist? Was sind selbst die Feldzüge <persName ref="kbga-actors-292">Napoleons</persName> und der Dreißigjährige Krieg in
               <placeName ref="kbga-places-151">Deutschland</placeName> neben dem ungeheuren Völkerzusammenstoß, der sich jetzt vorbereitet? Man
               muß schon zurückgehen auf die Zeiten der großen Völkerwanderung, um sich an
               Ereignisse von ähnlicher Bedeutung und Tragweite zu erinnern. Das muß schon ein ganz
               jämmerlicher kleinlicher Mensch sein, der sich bei dem allen trösten kann: das ist
               weit weg und geht mich nichts an! Der das alles nicht miterlebt mit wachem Herzen und
               Gewissen. Auch wir selber werden übrigens auf alle Fälle von diesen Ereignissen noch
               mehr zu spüren bekommen als bisher. Es hat nicht den Anschein, als ob dieser Krieg
               sich sehr rasch abwickeln wolle, und wir tun gut, uns auf eine lange Trennung von
               denen, die an die Grenze gezogen sind, wenigstens gefaßt zu machen. Vergessen wir
               nicht, daß wir jetzt in der günstigsten Jahreszeit stehen. Aber nach<pb xml:id="p433" ed="pga" break="no"/>her kommt der Winter, und wir werden es dann erfahren müssen, was das heißt, wenn
               das ganze wirtschaftliche Leben stockt. Was werden wir für eine Weihnacht erleben,
               wie wird es um Ostern mit uns aussehen? Es dürfte bis dahin manchem das Lachen
               vergehen, der sich jetzt damit beruhigt, es sei für uns nicht so gefährlich, statt
               seine Zuversicht auf Gott zu setzen. Ich wiederhole: ich begehre nicht, euch angst zu
               machen, ich freue mich mit euch über jeden Tag, den wir in Sicherheit und Ruhe
               verleben können, aber es graut mir vor einem gewissen Leichtsinn, der jetzt, nach der
               ersten Aufregung, unter uns Platz greifen möchte. Dieser Leichtsinn ist eine Torheit
               und ein Frevel. Ich möchte, daß wir alle den Dingen klar ins Gesicht sehen. Ich
               möchte, daß wir alle die Zeichen der Zeit verstehen. Es ist eine Gotteszeit, wie nur
               je eine. Eine Gerichtszeit sondergleichen. Aber eben darum auch eine ganz besondere
               Gnadenzeit. Wohl denen, die jetzt Ohren haben zu hören.</p>
        <p>Als eine bittere unvermeidliche Notwendigkeit ist der Krieg gegen uns herangezogen,
               über uns hereingebrochen wie jener eine unwiderstehliche Reiter in der Offenbarung.
               «Ihm ward gegeben, den Frieden hinwegzunehmen von der Erde, und daß sie einander
               hinschlachten!» Noch jetzt ist es doch etwas ganz <hi rend="italic">Unbegreifliches</hi>,
               wie binnen weniger Wochen unser ganzes <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName>, ja die ganze Erde ein anderes Gesicht
               bekommen hat. Abgebrochen auf einmal all die Millionen Fäden eines fieberhaft
               lebhaften Geschäftslebens, die zwischen den Völkern hin- und herliefen. Abgeschnitten
               die tausenderlei Quellen von Wohlstand und Reichtum. Unterdrückt all die
               wissenschaftlichen, künstlerischen und religiösen Interessen, die die fernsten
               Menschen bewegten und miteinander verbanden. Zu Ende ist es auf einmal mit all den
               falschen oder aufrichtigen Höflichkeits- und Freundschaftsbegegnungen, mit all den
               menschlichen Beziehungen von Volk zu Volk; eisiges Schweigen oder Anklagen und
               Verleumdungen sind an ihre Stelle getreten. Waffenstarrend, zum Äußersten
               entschlossen zieht sich auf einmal jedes Volk auf sich selbst zurück und hat kein
               anderes Interesse mehr als das: werden wir schnell <milestone xml:id="m28" unit="page"/>
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                und gewandt und gut ausgerüstet und zahlreich genug sein, um den Gegner, den Feind
               da drüben, mit dem uns gar nichts mehr verbindet als der gegenseitige Haß,
               niederzuringen? Vergessen ist alles Andere über der Forderung: Wir müssen uns wehren!
               Wir wollen und wir müssen und wir werden siegen. Und nun wird die gegenseitige
               Vernichtung anheben. Was bis jetzt geschehen ist, sind nur unbedeutende Vorspiele
               gewesen. Sie haben uns doch schon einen Begriff geben können von dem, was nun kommen
               wird. Noch nie ist Töten und Zerstören so planmäßig, so technisch und geschäftsmäßig
               exakt betrieben worden wie heute. Eine riesige geistige Arbeit steckt in der
               Vorbereitung und Leitung der gewaltigen Armeen mit all ihren Hilfsmitteln, die nun im
               Felde stehen. Der Tod wird aller Voraussicht nach eine Ernte halten unter der
               europäischen Menschheit wie noch nie. Millionen von Familien werden ihre Liebsten
               betrauern und in tiefe Not geraten. Was alles zerstört werden wird an Erwerbsmitteln
               und Kunstwerken, was <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> wirtschaftlich einbüßen wird durch die Konkurrenz
               <orgName ref="kbga-actors-8455">Amerikas</orgName>, die sich nun auf einmal und für lange Zeit frei entfalten kann auf unsere
               Kosten, wieviel die europäischen Völker an Macht und Respekt verlieren können bei den
               anderen Rassen, in <placeName ref="kbga-places-786">Afrika</placeName> und vor Allem in <placeName ref="kbga-places-963">Asien</placeName>, bei all den wilden und halbwilden
               Völkern, die nur darauf gewartet haben, um sich einmal von dem verhaßten <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName>
               freizumachen — das alles läßt sich jetzt noch gar nicht absehen. Und dann vor Allem
               der furchtbare geistige und moralische Rückschritt, den ein solcher Krieg für alle
               Beteiligten bedeutet, dieses Erwachen der nationalen Leidenschaften, dieses
               fanatischen barbarischen Bewußtseins: Wir Deutsche! Wir Franzosen!, über dem die
               große Wahrheit, daß alle Menschen Brüder sind, zerflattern muß wie ein armseliger
               Nebel. Diese Oberherrschaft der brutalen, äußerlichen, materiellen Gewalt über alle
               anderen Mächte im Menschenleben, diese losgelassenen Triebe, zu hassen, zu töten, zu
               zerstören. Was für eine heillose Katastrophe ist da über uns hereingebrochen! Ihr
               erinnert euch vielleicht noch, wie wir hier vor kaum zwei Monaten über <pb xml:id="p435" ed="pga"/>
                unsere <orgName ref="kbga-actors-8708">Landesausstellung</orgName> redeten<note xml:id="n03">Vgl. Predigt 224 vom <date when="1914-06-07">7. Juni 1914</date>, <ref type="pub" target="5028#p288">S. 287ff.</ref></note> und über die großen Gaben und Kräfte, die Gott uns Menschen
               anvertraut hat. Wir hatten damals den Text aus dem 8. Psalm, wo es vom Menschen
               heißt: … du hast ihn wenig niedriger gemacht denn Gott, und mit Schmuck und Ehre hast
               du ihn gekrönt [<ref type="can" subtype="bible" target="Ps.8.6">Ps. 8,6</ref>]! Wo
               sind wir nun hingekommen? Wo ist nun die Herrlichkeit des Menschen, über die wir uns
               damals dankbar freuen konnten? Nun können wir nichts tun, als in schweigender
               Verehrung hören, wie Gott auf einmal ganz anders mit uns redet, ganz ein anderes Bild
               der Menschheit, unserer selbst uns zeigt als das, das wir damals bewunderten.</p>
        <p>Ich sage, als eine unerbittliche <hi rend="italic">Notwendigkeit</hi> ist diese
               Weltkatastrophe über uns gekommen. Machtlos waren alle die Kräfte, von denen man eine
               Erhaltung des Friedens hätte erwarten können. Sie konnten es nicht verhindern, daß
               <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> aus den Fugen gegangen ist. Der Mammon, das internationale Kapital vermochte
               es nicht. Viele hatten es erwartet, die Geschäftsinteressen in allen Ländern seien
               heutzutage zu stark, als daß man es dahin kommen lassen werde. Grausame Enttäuschung,
               das Geld hat die Menschen nicht verbrüdert, es wird sich wahrscheinlich im Gegenteil
               zeigen, daß das überspannte Geschäfts- und Geldinteresse, von dem die Völker sich
               leiten ließen, sie in diesen mörderischen Kampf hineingezogen hat. In einem Fall ist
               das sogar bereits sicher: all die Tausende von Franzosen, die jetzt sterben müssen,
               sterben nicht für ihr Vaterland, sondern für die 40 Milliarden Franken, die die
               französischen Banken in <placeName ref="kbga-places-297">Rußland</placeName> stehen haben.</p>
        <p>Aber auch die Sozialdemokraten haben den Krieg nicht verhindern können. Ich bin in
               diesen Wochen ein paarmal von solchen, die für diese Richtung nicht viel übrig haben,
               gefragt worden, ob denn die Sozialisten noch nicht stark genug seien, um sich gegen
               den Krieg zu wehren? Nein, mußte ich antworten, sie sind noch nicht stark genug, und
               da mag sich nun jeder selbst fragen, warum sie nicht stark genug waren. Der Wille
               <pb xml:id="p436" ed="pga"/>
                und die Absicht waren wohl da gewesen bei Millionen unter den arbeitenden Klassen,
               aber die Macht war nicht da. Es hätte gar nichts genützt, wenn sie sich gewehrt
               hätten [da]gegen. Sie konnten schließlich nichts tun, als sich unter die Fahnen ihrer
               Nationen zu stellen und gegeneinander in den Krieg zu ziehen wie alle [Anderen] auch,
               und sie werden nun für lange Zeit nur noch unter Erröten von der Verbrüderung aller
               Menschen reden können. Eine ernste Mahnung auch an uns: warum haben wir die Kräfte
               des Friedens nicht stärker werden lassen in den Zeiten der Ruhe, wir sind nun
               mitschuldig daran, daß wir versagt haben in der Zeit der Not. Eine Mahnung aber auch:
               Verlasset euch nicht auf Menschen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Ps.146.3">Ps. 146,3</ref>], heißen sie, wie sie wollen.</p>
        <p>Auch das Christentum, die christlichen Kirchen wenigstens, haben versagt gegenüber
               dem Krieg, der da gekommen ist. Wo ist die Kraft des Evangeliums geblieben? Warum ist
               sie nicht in Tausenden so lebendig geworden, daß diese Greuel verhindert wurden? Wie
               kommt es, daß jetzt 2000 Jahre nach Christus diese sogenannten christlichen Völker,
               die das Licht der Welt sein sollten [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Mt.5.14">Mt. 5,14</ref>], einander gegenüberstehen mit dem einzigen
               Gedanken, sich zu schädigen, womöglich zu vernichten mit aller Kraft, darunter ein
               Volk mit so viel tiefen ernsten Denkern wie das deutsche und ein so sittenstrenges
               und missionseifriges wie das englische? Der <persName ref="kbga-actors-1391">Papst Pius X.</persName>, der nun gestorben ist, hat
               in seiner letzten Lebenswoche noch ein allgemeines Gebet für den Frieden
                  angeordnet.<note xml:id="n04">
                            <p>
                                <bibl corresp="kbga-bibls-1554">
                                    <hi rend="italic">Mahnwort an die Katholiken der ganzen Welt</hi> vom
                              2. August 1914, in: AAS Bd. VI
                              (1914), S. 373</bibl>:</p>
                            <p rend="center">
                                <foreign xml:lang="lat">Ad universos orbis catholicos hortatio</foreign>
                            </p>
                            <p>
                                <foreign xml:lang="lat">Dum <placeName ref="kbga-places-204">Europa</placeName> fere omnis in anfractus abripitur funestissimi belli cuius quae
                     pericula, quas clades, quem exitum qui paullulum reputaverit, is profectu luctu
                     atque horrore se confici sentiat, non possumus non gravissime et Ipsi affici,
                     non angi animo moerore acerbissimo, quum simus de tot civium, de tot populorum
                     salute ac vita solliciti. In tanta rerum omnium perturbatione ac discrimine
                     plane sentimus atque intelligimus hoc a Nobis paternam caritatem, hoc
                     apostolicum ministerium postulare, ut christifidelium omnium animos eo
                     convertamus impensius <hi rend="italic">unde venit auxilium</hi>, ad Christum,
                     dicimus, <hi rend="italic">principem pacis et Dei atque hominum mediatorem</hi>
                     potentissimum. Huius igitur thronum gratiae ac misericordiae adeant omnes,
                     hortamur, quotquot sunt per orbem catholici in primisque viri e clero; quorum
                     insuper erit, iussu episcoporum in unaquaque paroecia publicas peragere
                     supplicationes, ut misericors Deus, quasi piorum precibus defatigatus, funestas
                     belli faces amoveat quantocius detque benignus iis qui publicae rei praesunt
                        <hi rend="italic">cogitare cogitationes pacis et non afflictionis</hi>
                                </foreign>.</p>
                            <p rend="center">
                                <foreign xml:lang="lat">Ex aedibus Vaticanis, die II augusti MCMXIV. <lb/>PIUS PP. X</foreign>
                            </p>
                            <p>
                                <persName ref="kbga-actors-1391">Pius X.</persName> starb am <date when="1914-08-20">20. August 1914</date>.</p>
                        </note> Es war wie die Stimme eines Kindes im Gewitter, so macht- und erfolglos, und
               doch leider der einzige
               <pb xml:id="p437" ed="pga"/>
                Lichtpunkt: doch <hi rend="italic">eine</hi> Stimme wenigstens, die nicht die Stimme
               eines Kämpfers war, die von einem Standort <hi rend="italic">über</hi> den Parteien auf
               etwas Höheres hinwies. Diese Stimme schweigt nun auch, und sie würde doch nichts
               ausgerichtet haben. Und die anderen Christen? Die deutschen, die französischen, die
               russischen, die englischen …? Gott sei Dank, daß er ins Verborgene sieht; das, was an
               die Öffentlichkeit dringt, ist nicht erhebend: da beten sie nun alle, wofür? für den
               Sieg <hi rend="italic">ihres</hi> Volkes, <hi rend="italic">ihrer</hi> Waffen, ein Jeder für
               die Seinigen! Was sollte werden, wenn Gott so wäre, wie alle diese Christen sich ihn
               denken? Was würde Jesus sagen, wenn er jetzt wiederkommen und seine Jünger bei diesen
               sonderbaren Kriegsgebeten finden würde? Seht, so kläglich ist alles menschliche Wesen
               zusammengebrochen vor dem Reiter auf dem feuerroten Roß, dem das Schwert gegeben ist
               und die Macht, den Frieden hinwegzunehmen von der Erde, und daß sie einander
               hinschlachten. Es ist einfach stärker als wir, stärker als das Beste in uns, das, was
               da über die Menschen gekommen ist. Da rühme sich Keiner eines Menschen [<ref type="can" subtype="bible" target="1.Kor.3.21">1.Kor. 3,21</ref>], denn da ist
               Keiner, der Gutes tue, nicht einer [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Röm.3.10">Röm. 3,10</ref>], würde jetzt <persName ref="kbga-actors-313">Paulus</persName> sagen. Wir Schweizer wären
               ja auch nicht anders, wir könnten nicht anders sein und denken, wenn wir in der Lage
               unserer Nachbarn wären. Die Menschen sind jetzt einmal in der Lage, daß sie einander
               nichts mehr vorzuwerfen haben. Eben darum kann Gott jetzt einmal zu uns reden, so daß
               wir ihn hören müssen.</p>
        <p>Der Krieg ist <hi rend="italic">Gottes Gericht</hi> über uns. Jedes Unglück ist ein
               solches Gericht. Aber je größer ein Unglück ist, desto gewaltiger
               <pb xml:id="p438" ed="pga"/>
                das Gericht, das Gott damit übt. Und gerade das Unbegreifliche und Unvermeidliche an
               den jetzigen Ereignissen bedeutet uns, daß ein großer Gerichtstag angebrochen ist.
               Gericht! Das heißt, daß Gott uns jetzt wieder einmal sagen will, daß wir unrecht
               haben, daß er nicht mit uns zufrieden ist. Er sagt es uns, indem er unser gewohntes
               Wesen und Treiben in so unerhörter Weise unterbricht, indem er mitten hinein in unser
               Leben eine Tatsache stellt, so hart und unerbittlich, daß wir sie beachten und
               stillwerden müssen vor ihm. Wir meinten, wir seien auf guten Wegen, wir europäischen
               Menschen. Es kam uns als ganz selbstverständlich vor, daß wir die Spitze und die
               edelste Blüte der Menschheit seien. Wir waren so emsig darauf bedacht, unseren
               Wohlstand und unser Wohlsein zu vermehren. Wir hatten ein so kluges System ersonnen,
               wie mans zu etwas bringen könne in der Welt, viel weiter als unsere Großväter. Wir
               waren so stolz auf die Bildung, die wir uns angeeignet hatten. Wir wußten so viele
               Mittel und Wege, das verdiente Geld dann auch wieder nützlich und angenehm zu
               verwenden. Wir konnten so tief hinuntersehen auf die rohen, uncivilisierten Bewohner
               anderer Erdteile, auf unsere eigenen Vorfahren. Wir fühlten uns so sicher. Wir waren
               so ganz überzeugt, auf dem guten Weg zu sein. Nun kommt Gott und sagt uns schroff und
               hart: Nein! Ihr seid nicht auf gutem Weg!, indem er uns auf einmal den unerbittlichen
               Reiter auf rotem Roß schickt, der mit seinem großen Schwert den Frieden wegnimmt von
               der Erde. Nein! sagt uns Gott, indem er uns den Krieg schickt. Er schickt ihn uns
               nicht von den Sternen herunter. Der Krieg ist kein Wunder, so plötzlich und
               unerwartet er nun auch gekommen ist, so gespensterhaft er plötzlich dasteht mitten
               drin in unserer ahnungslosen Welt. Er ist gekommen als die natürliche Folge von dem,
               was wir gewesen sind und getan haben. Auf unseren Wegen, die wir für so gut hielten,
               stand er eines Augenblicks da. Wir hätten es vorher wissen können; wir müssen nun
               ernten, was wir gesät haben.</p>
        <p>So ist es immer mit Gottes Gerichten. Sie kommen nicht als Naturwunder. Sie kommen
               als die natürliche Folge unseres eigenen
               <pb xml:id="p439" ed="pga"/>
                Tuns. Plötzlich wird uns die Rechnung vor Augen gehalten. Plötzlich müssen wir
               einsehen: dahin sind wir gekommen, da ist das Unglück, das wir selber angerichtet
               haben. So ist es auch diesmal. Tiefer sehende Menschen haben es schon lange gesagt:
               Es kann so nicht weitergehen. Wir treiben auf diese Weise einer Katastrophe entgegen.
               In unserem ganzen bisherigen Tun und Wesen ist zuviel Widergöttliches, als daß Gott
               es sich auf die Länge gefallen lassen könnte. Zuviel Unnatur und Sünde ist verborgen
               in unserer europäischen Kultur, auch in dem, was man so gewöhnlich und offiziell
               Christentum nennt, als daß sie auf die Länge bestehen könnten. Man hat auf diese
               Stimmen nicht gehört. Man hatte nicht Zeit dazu, man mußte seinen Geschäften und
               seinen Vergnügen nachgehen. Man hörte lieber auf die, die Alles schön und gut fanden,
               auf die, die mitmachten, leben und leben ließen. Gott hat lange gewartet. Nun ist das
               Gericht gekommen. Wir selber sind unaufhaltsam ins Gericht hineingelaufen. Nun ist
               die Abrechnung da, und sie lautet nicht gut. Ja, wir sind gescheiter und mächtiger
               als die Wilden, als unsere Vorfahren, aber unsere ganze Kultur war kein Eigentum und
               kein Werk von Brüdern, sondern selbstsüchtig, neidisch standen wir nebeneinander,
               gierig suchte ein Jeder sich in die Höhe zu arbeiten, böser Zündstoff sammelte sich
               an zwischen den selbstsüchtigen Massen, die man Völker nennt, immer weiter trieben
               wirs, immer mächtiger wollte jeder werden, bis nun schließlich diese Explosion des
               Bösen kommen mußte. Es kann gar nicht anders sein bei einer Welt, die auf den
               Konkurrenzkampf, auf das Recht des Stärkeren aufgebaut ist; eine solche Welt kann
               nicht anders als mit Krieg enden, mit gegenseitigem Morden und Zerstören. Und wenn
               wir nach dem Kriege wieder in der bisherigen Weise weiterfahren sollten, dann werden
               uns über kurz oder lang andere noch fürchterlichere Ereignisse belehren, daß es nicht
               geht auf diesen Wegen, daß es einfach nicht geht. Wir stehen jetzt da und klagen über
               das hereingebrochene Übel, wie die Kinder, die ein Geschirr zerbrochen haben, stehen
               wir da und suchen nach Ausreden. Wir sollten uns nicht beklagen: Wir haben das Übel
               geschaffen. Der Hochmut und
               <pb xml:id="p440" ed="pga"/>
                die Selbstsucht und das trotzige Pochen auf das eigene Recht und die eigene Macht,
               die in unserer gerühmten stolzen Kultur verborgen waren, sie haben jetzt ihre Frucht
               gezeitigt. Die einzelnen Menschen waren davon erfüllt, und die Völker waren davon
               erfüllt. Der Friede, den wir hatten, war kein Friede, er war ein heimlicher,
               heuchlerisch verhüllter Krieg. Er konnte keinen Bestand haben. Es hat nicht an
               Warnungen gefehlt. Aber wir haben sie überhört. Wir antworteten: es hat keine Gefahr!
               Wir würden auch jetzt noch ums Leben gern antworten können: es hat keine Gefahr —
               wenn wir nur könnten. Nun ist die Stunde der Ehrlichkeit gekommen. Nun ist der längst
               verborgene, vorhandene Krieg auf einmal an den Tag getreten. Nun ist Einer offen der
               Feind des Anderen. Nun hat unsere Kultur, unser Menschenwesen diesen gewaltigen,
               vielleicht unheilbaren Stoß bekommen. Er kam nicht von außen, sondern von innen. So
               straft uns Gott, meine Freunde. Er läßt keine Blitze zucken vom Himmel und läßt uns
               einfach machen, bis wir eines Tages so weit sind, daß wir uns durch unser eigenes Tun
               selbst strafen.</p>
        <p>Was sollen wir nun tun in dieser Stunde des Gerichts? Herr erbarme dich unser!
               möchten wir rufen aus tiefster Seele. Ja, das müssen wir tun, das wollen wir tun, das
               ist das Einzige, was wir tun können. Da hilft nun nichts, als daß wir einsehen: es
               hat so kommen müssen durch unsere eigene Schuld. Daß wir anbetend bekennen: Gott hat
               gesprochen und hat uns wieder einmal an den Früchten unseres Tuns gezeigt, daß er der
               allein Mächtige ist. Daß wir uns beugen bedingungslos und ohne Murren, beugen unter
               seinen Richterspruch und seine starke Hand, die uns jetzt züchtigt. Daß wir ihn
               anflehen um das Einzige: Herr, verlaß uns nicht!</p>
        <p>Unser zweites Textwort, ein Wort Jesu, soll uns zeigen, in welchem Sinn wir jetzt so
               zu Gott rufen müssen in der Stunde des Gerichts. Fürchtet euch nicht vor denen, die
               den Leib töten und die die Seele nicht vermögen zu töten, sagt er uns, fürchtet euch
               vielmehr vor dem, der Leib und Seele verderben mag in der Hölle. Es gibt eine Art,
               vor den Gerichten Gottes zu zittern, die
               <pb xml:id="p441" ed="pga"/>
                trägt nichts ab, die führt uns nur tiefer ins Gericht, ins Verderben hinein, will er
               damit sagen. Solange wir bloß das sehen in solchen außerordentlichen Zeiten, was uns
               äußerlich menschlich betrifft und vielleicht leiden macht, solange haben wir die
               Hauptsache noch nicht gesehen. Solange wir uns bloß davon bewegen und erregen lassen,
               solange sind wir noch blind für die Zeichen der Zeit. Das ist nicht das Gericht
               Gottes, daß jetzt Menschen umkommen, Städte und Dörfer zerstört werden, Geldverluste,
               Hunger und Elend drohen. Das ist bloß das Äußere. Wer bloß davon weiß, bloß davor
               sich fürchtet, ist blind. Das Gericht ist das, was Gott uns mit allen diesen Zeichen
               sagt: eure Wege sind nicht meine Wege, und eure Gedanken sind nicht meine Gedanken
               [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Jes.55.8">Jes. 55,8</ref>]. Not und
               Tod, alle Schrecken des Krieges, die Vernichtung unserer ganzen europäischen Kultur,
               die gelbe und schwarze Gefahr und was immer die Folgen der heutigen Ereignisse sein
               mögen, die reichen nicht hinein bis ins Innerste des Menschen, die lassen seine Seele
               unberührt, die können im Glauben, in der Liebe, in der Hoffnung überwunden
               werden.</p>
        <p>Aber das wäre furchtbar, wenn Gott uns mit dem allen sagen wollte: ich scheide mich
               von euch, ich will nichts mehr von euch wissen, ich kann euch nicht mehr brauchen.
               Das wäre furchtbar, wenn Gott uns, die wir so beharrlich unsere eigenen unguten Wege
               gegangen sind, nun mit Leib und Seele verderben wollte in der Hölle, wenn wir jetzt
               sein Nein! hören müßten, das uns nicht nur zurückhielte auf unseren Wegen, sondern
               das uns auch endgültig zu einem verlorenen, innerlich unseligen Leben verurteilte.
               Das sollen wir fürchten in der Stunde des Gerichts, meine Freunde. Die Gefahr ist
               ungeheuer groß unter uns, daß wir bloß das Andere tun. Ich komme damit noch einmal
               auf den gewissen Leichtsinn, der jetzt unter uns eingerissen scheint. Am Anfang haben
               wir uns viel zu eifrig und aufgeregt mit den äußeren Gefahren beschäftigt, mit denen,
               die den Leib töten, wie Jesus sagt. Wir ließen uns damals gerne trösten aus Gottes
               Wort, daß wir uns nicht fürchten sollen vor ihnen, weil sie die Seele nicht
               <pb xml:id="p442" ed="pga"/>
                vermögen zu töten, weil Gottes Liebe uns gewiß bleibt, solange wir an ihm hängen.
               Und dabei wollen wir bleiben. Die äußere Gefahr ist nun vorläufig etwas
               zurückgetreten, und nun meinen offenbar Manche, nun sei überhaupt nichts mehr zu
               fürchten. Da muß ich euch nun an das Andere erinnern: Fürchtet euch vor dem, der Leib
               und Seele verderben mag in der Hölle! Ja, fürchtet euch vor dem lebendigen Gott, der
               uns jetzt im Walten dieser Weltkatastrophe sagt, daß er nicht mit uns zufrieden ist,
               und der seiner sicher nicht spotten läßt [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>]. Das wäre furchtbar, wenn wir ihn jetzt überhören
               und uns damit durch eigene Schuld von ihm und seiner Liebe scheiden würden. Er wird
               uns nicht gleich wieder so nahe treten, wie er es jetzt tut mit diesem großen Ruf,
               umzukehren und anderen Sinnes zu werden. O, wir wollen einmal innehalten mit diesem
               Schaukelspiel von Leichtsinn und haltloser Angst und Sorge, in dem wir jetzt drin
               sind. So können wir nicht zum Frieden kommen. So können wir diese Zeit nicht
               überstehen. Wir wollen seinen Ruf hören und ihm antworten : Herr, ich habe gesündigt
               und bin nicht wert, dein Sohn zu heißen [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Lk.15.19">Lk. 15,19</ref>], und ich möchte, ich möchte so gern ein anderer
               Mensch werden! Ein einziger solcher Seufzer aus der Tiefe eines schuldbewußten
               Herzens ist jetzt mehr wert als tausend lange Gebete voll von irdischen, äußerlichen
               Wünschen. O wenn es in uns erwachen würde, dieses Seufzen nach Gott selber, der uns
               selig machen oder verdammen kann! Wenn jetzt in Millionen Seelen in unserem Lande, in
               all den armen, geschlagenen Ländern <placeName ref="kbga-places-204">Europas</placeName> dieses Seufzen erwachen würde! Wenn die
               Furcht vor Gott die eine große Bewegung all dieser Seelen würde!</p>
        <p>Dann würden wir mitten in der Furcht vor ihm, dem Heiligen und Gerechten, der uns
               ernten läßt, was wir gesät haben [vgl. <ref type="can" subtype="bible" target="Gal.6.7">Gal. 6,7</ref>], erfahren, daß er die Liebe ist. Daß auch sein
               jetziges furchtbares Gericht eine Tat seiner Gnade ist. Dann — aber auch <hi rend="italic">nur</hi> dann dürfen wir ganz ruhig sein in der Gewißheit, daß er in diesem allen
               seine Hand nicht von uns abziehen wird, weil wir <hi rend="italic">sein</hi> sind.</p>
      </div>
      <div type="closer">
          <salute>Amen.</salute>
      </div>
    </div>
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