Einem kleinen Volk mitten unter großen Kriegsmächten hat einst dieses Wort vom
Stillesein und Hoffen gegolten. Es war das Königreich Juda, das sich aus der Stadt
Jerusalem und einigen Landstrichen in ihrer Umgebung zusammensetzte, kaum in der
Größe einiger Schweizerkantone. Das nördliche Bruderreich Israel mit seiner
Hauptstadt Samaria war bereits durch die Assyrer erobert und besetzt worden, und nun
stand diese unersättliche Weltmacht fast vor den Toren der Davidsstadt. Im Süden aber
begann bald die Interessensphäre und der Machtbereich des alten Afrikanerreiches
Ägypten, das eifersüchtig hinüberblickte zu dem assyrischen Nebenbuhler, bereit,
seinen Ansprüchen mit aller Macht und mit dem Ernst eines alten, in sich gefestigten
Staatswesens entgegenzutreten. Zwischen den beiden Großen und ihren immer neuen
Kriegsgelüsten und Kriegen drin das kleine Juda, ganz auf seine eigene Kraft
angewiesen, auf seine Klugheit und — auf seinen Gott! Als ein Gotteswort in ungeheuer
schwieriger und gefährlicher Weltlage hat ihm der Prophet Jesaia einmal dieses Wort
gesagt: durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Es ist merkwürdig, zu
sehen, wieviel Ähnlichkeit besteht zwischen der damaligen Lage dieses kleinen
Königreiches in Palästina und der heutigen ernsten Situation, in der sich unser
liebes Schweizerland befindet, inmitten der längst machtgierigen und eifersüchtigen
und nun auf einmal in offene Feindschaft geratenen großen Kriegsmächte Europas. Und
sofort müssen wir auch die Ähnlichkeit verspüren, wenn wir etwas tiefer nachdenken,
zwischen dem, was dort Gott durch den Propheten von
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jenem Volke verlangte, und was für uns, für uns Schweizer, in der heutigen Weltlage
göttlich recht und notwendig ist. Wir dürfen das Wort vom Stillesein und Hoffen, wenn
wir es recht verstehen, ohne Weiteres auf uns anwenden. Es ist vielleicht mehr als
eins unter uns, das schon in schwerer Lebenslage in diesem freundlichen, lichten Wort
Trost und Halt gefunden hat. Aber wohl noch gar nie hat es so sehr in seinem
ursprünglichen Sinn auf uns alle und das, was uns not tut, zugetroffen wie gerade
jetzt. Es soll uns nun helfen, uns über den Willen Gottes mit unserem Volk und Land
in dieser schweren Zeit gründlich Rechenschaft zu geben.
Stillesein, das ist das Erste, was der Prophet vom Volk und von den
Regierenden in Jerusalem forderte. Das «Stillesein», das er meint, ist nichts Anderes
als das, was man heutzutage mit einem Fremdwort «Neutralität» nennt. Sie sollten sich
hüten vor Parteinahme, sie sollten weder der einen noch der anderen der Großmächte um
sie her an die Seite treten, sondern für sich bleiben und abwarten. Diese Mahnung war
nötig. Es gab eine starke Partei, die dazu drängte, man solle sich, um sich vor
Assyrien zu schützen, Ägypten in die Arme werfen. Man hatte in Jerusalem großen
Respekt vor dem starken Heer der Ägypter, besonders vor ihrer Reiterei und ihren
Kriegswagen, und Viele erwarteten Wunders viel von einem solchen Bundesgenossen.
Jesaja war nüchtern genug, sich nicht blenden zu lassen. Ägypten ist Mensch und nicht
Gott! rief er solchen Politikern zu — und ihre Rosse sind Fleisch und nicht Geist.
Und der Herr könnte seine Hand ausstrecken, daß der Helfer strauchle und der, dem
geholfen wird, falle und alle miteinander umkommen [Jes. 31,3]! Ihr habt Besseres zu tun, wollte er ihnen
sagen, als euch in diesen Streit zu mischen und dabei womöglich selber zu Grunde zu
gehen. Ihr könnt jetzt inmitten der hadernden Weltmächte das Volk des lebendigen
Gottes sein. Vertraut ihm und dient ihm in jeder Beziehung, dann habt ihr eine
sichere Zukunft vor euch, dann erfüllt ihr einen besonderen Beruf unter den Völkern,
dann werdet ihr stark und rein und groß aus der gegenwärtigen
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schweren Lage hervorgehen. Stillesein sei jetzt euer hohes Recht und eure unbedingte
Pflicht.
Damit haben wir eigentlich ganz genau gehört, was unsere schweizerische
Neutralität im gegenwärtigen Weltkrieg ist und sein soll. Als dieser Krieg
vor vier Wochen entbrannte, da hat sich unser Bundesrat beeilt, bei den
Kriegführenden die Erklärung abzugeben: die Schweiz bleibt neutral, sie stellt sich
freundschaftlich zu beiden Teilen und kann und wird darum keine Partei ergreifen. Um
diese unsere unabhängige und überlegene Stellung zu sichern, ist unsere Armee an die
Grenzen gezogen, und wir dürfen das gute Vertrauen haben, daß sie diese ihre Pflicht
unter allen Umständen erfüllen wird. Aber damit, meine Freunde, ist die Sache nicht
erledigt. Die schweizerische Neutralität ist durchaus nicht nur eine Angelegenheit
der Politik und des Militärs. Sondern hinter unseren höchsten Behörden, die zum Glück
in diesem Stück einsichtiger sind als die Könige von Juda, und hinter unseren
Soldaten muß ein Volk stehen, das völlig einig und entschlossen ist in dem Willen,
stille zu sein, nicht Partei zu ergreifen für oder gegen, sondern abzuwarten. Und
hier fehlt es. Es mögen zwar ganz Wenige im Schweizervolk, ein paar junge Offiziere
vielleicht, sein, die den Wunsch haben, wir möchten doch auch direkt in den tobenden
Sturm hineingerissen werden. Die ungeheure Mehrzahl ist ganz einverstanden damit, daß
unser Land und unsere Soldaten von der Teilnahme an diesem Krieg verschont bleiben
möchten. Aber das ist nicht genug, wenn wir diesen Wunsch haben. Wir sollten uns viel
klarer sein, als wir es sind, daß wir als Schweizer im gegenwärtigen Moment das
Recht, aber auch die Pflicht haben, uns auch innerlich, auch in unseren Gedanken und
Gefühlen neutral zu halten. Wir begehen ein großes Unrecht, meine Freunde, und wir
berauben uns des besten Segens, den wir in dieser Zeit haben können, wenn wir jetzt
nicht die Einsicht haben: dieser Krieg da draußen geht uns nichts, aber auch gar
nichts an!, wenn wir uns statt dessen mit törichten Gedanken und noch törichterem
Schwatzen auf die eine oder die andere Seite stellen. Es ist durchaus nicht
gleichgültig,
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mit was für Gedanken wir jetzt die Zeitungen lesen, wie wir innerlich auf all die
Nachrichten, die jetzt kommen, antworten, wie wir uns darüber äußern im
Privatgespräch, in der Familie, auf der Gasse oder sonstwo. Es ist nicht
gleichgültig, denn von unserem jetzigen inneren Verhalten hängt der Ertrag dieses
Krieges sehr wesentlich mit ab. Unsere jetzige Gesinnung könnte weitertragende Folgen
haben, als wir uns jetzt vorstellen. Durch Stillesein werdet ihr stark sein. Es wird
viel darauf ankommen, daß wir in diesen unglückseligen Ereignissen, und noch mehr,
wenn sie einmal vorüber sein werden, stark sind, gerade wir Schweizer. Unser kleines
Volk und Land könnte noch eine große Aufgabe und Zukunft haben in dem armen
zerrissenen Europa. Wenn wir stark sein wollen, müssen wir aber jetzt ehrlich und in
der Tiefe stille sein, kühl bis ans Herz hinan2 müssen wir diesem Kampf zusehen und keiner Partei den Sieg wünschen. Gott
wirds machen, daß die Sachen gehen, wie es heilsam ist!3
Warum das alles? Der gegenwärtige Krieg ist zu einem guten Teil ein
Rassenkampf. Der alte Gegensatz von deutscher und französischer
Art ist wieder einmal zum offenen Ausbruch gekommen. Diese Völker meinen jetzt, ihre
natürliche Verschiedenheit und Eifersucht könne nur noch durch Töten und Zerstören
zum Austrag kommen. Und auf der anderen Seite, im Osten Europas, steht Deutschtum
gegen Slawentum. Dieser Rassenhaß und Rassenkampf, meine Freunde, geht uns nichts an.
Wir dürfen und können und wollen uns nicht, auch nicht in unseren Gedanken und
Wünschen, auf diese oder jene Seite stellen. Wir hier sind zwar auch deutschen,
alemannischen Stammes, und insofern stehen uns selbstverständlich unsere deutschen
Nachbarn von den kämpfenden Parteien am nächsten. Aber was soll uns der deutsche
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Hochmut und Haß gegen die Franzosen, gegen die Russen? Wir haben keinen Anlaß, diese
Stimmungen auch nur im geringsten mitzumachen. Sind nicht die Waadtländer, die
Genfer, die Tessiner unsere schweizerischen Brüder? Und es sind doch Franzosen,
Italiener, fremde Völker, wenn man so will. Aber wir anerkennen das nun einmal nicht,
wir Schweizer, daß zwischen fremden Völkern Haß und Krieg sein müsse, wir haben uns
zusammengetan, drei «fremde» Völker, und zueinander gesagt: wir wollen sein ein einig
Volk von Brüdern.4 Diese unsere Einigkeit
muß sich jetzt bewähren, aber nicht nur nach innen, auch in unserem Urteil über das
Ausland. Wir begreifen das nicht und wollen das nicht begreifen, wir Schweizer, daß
Deutsche und Franzosen jetzt einander vernichten müssen. Wir können, ob wir nun
Deutschschweizer oder Welschschweizer sind, dabei nur den einen Gedanken haben, daß
dieser Rassenkampf nicht notwendig, sondern abscheulich ist. Calvin und Rousseau sind
Franzosen gewesen, ich denke auch an den edlen russischen Grafen und Schriftsteller
Leo Tolstoj, ich denke an die Männer, die Deutschland uns geschenkt hat: Goethe,
Schiller, Kant und so manche andere, und an alles das, was die Menschheit diesen
Männern verdankt. Es besteht kein ernsthafter Grund, weshalb die Völker, die solche
Männer hervorgebracht, einander hassen und bekämpfen müßten. Jedenfalls haben wir
Schweizer, und wenn wir noch so lange deutsche Schweizer sind, keinen Grund, uns auch
nur in Gedanken gegen das Volk Calvins, gegen das Volk Tolstojs einnehmen zu lassen.
Nicht mitzuhassen, mitzulieben sind wir da.5 Es ist das hohe
Vorrecht unserer schweizerischen Freiheit und Unabhängigkeit, daß wir das Gute und
Edle an allen Völkern ruhig und unparteiisch sehen und anerkennen, daß wir jetzt in
dieser Zeit der Leidenschaft die Brüderlichkeit aller Völker hochhalten dürfen. Wir
wollen dieses Vorrecht nicht verscherzen durch törichte Partei|448nahme. Die Zeit könnte kommen, wo man froh ist über ein solches unparteiisches,
wahrhaftes, internationales Volk, wie wir es durch Gottes Gnade sein dürfen.
Und der gegenwärtige Krieg ist zum anderen Teil ein Machtkampf.
Jahrzehntelang schon hat er sich vorbereitet, dieser Kampf um die Entscheidung, wer
der Erste oder die Ersten sein sollen in Europa, in der Welt. Der Krieg zwischen
England und Deutschland z. B. hat keinen anderen Hintergrund als diese Machtfrage.
Wirtschaftliche Gründe spielen dabei mit. Die Völker wollen jedes einen möglichst
großen und schönen «Platz an der Sonne»,6 wie sie sagen, für ihren Welthandel. Aber auch der ganz
persönliche nationale Ehrgeiz ist stark beteiligt. Frankreich kann es nicht
vergessen, was es zur Zeit Ludwigs XIV. und Napoleons gewesen ist, England hat sich
fast ein Jahrhundert lang in allen Weltteilen als die eigentliche Weltmacht
aufgespielt, und nun ist seit einigen Jahrzehnten Deutschland gekommen mit den
gleichen Parolen: Deutschland in der Welt voran! Am deutschen Wesen muß die Welt
genesen!7 Wir Deutschen fürchten niemand als Gott!8 So eins nach dem anderen,
bis auf das ferne Japan. Kein Volk hat dem anderen viel vorzuwerfen, sie haben alle
gewetteifert in großen Redensarten und in drohenden Rüstungen, das eine gegen das
andere. Nun ist der heimliche Machtkampf offenbar geworden. Wir Schweizer können auch
da nur wieder sagen: dieser Machtkampf geht uns nichts an! Wir haben durchaus keinen
Anlaß, uns auf die eine oder die andere Seite zu stellen. Wir glauben einfach
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nicht daran, daß ein Volk das erste und stärkste sein müßte auf Unkosten aller
übrigen. Wir glauben nicht daran und wollen nicht daran glauben, daß dem Wohl der
Völker damit gedient sei, daß man ihnen immer wieder vorsagt: die Anderen dort drüben
sind eure Feinde! Es gibt genug Plätze an der Sonne, die Alle genießen könnten, wenn
Alle ihrer Selbstsucht und ihrem Hochmut einmal etwas Einhalt gebieten würden, wenn
Alle sich als Brüder, statt als Konkurrenten und Gegner fühlen und benehmen würden.
Wir können in diesem ganzen Machtkampf nur einen furchtbaren Wahnsinn erblicken, und
darum können wir weder der einen noch der anderen Partei einfach den Sieg wünschen,
denn wenn jetzt eine der beiden Parteien siegen sollte, dann wird dadurch die
Selbstsucht und der Hochmut, die an allem Unheil schuld sind, nicht gebrochen,
sondern erst recht gestärkt werden. Auf Seiten der Sieger wird dann der Übermut und
auf Seiten der Besiegten die trotzige Rachsucht Platz greifen, wie es 18709
der Fall war, und früher oder später muß es dann zu neuen Kriegen, zu neuem Unheil
und Elend kommen. Wir haben nichts zu erwarten von diesem Machtkampf, gleichviel ob
nun die Deutschen oder ihre Gegner triumphierend daraus hervorgehen. Und darum können
wir auch in unseren Gedanken und Wünschen nicht Partei ergreifen, wir können nur
unter herzlichem Bedauern mit all den unschuldigen Opfern zusehen und uns selber und,
soweit es uns möglich ist, unsere Nachbarn befestigen in der Überzeugung, daß dieser
Machtkampf überhaupt eine Verrücktheit und eine Sünde ist, durch die die Menschheit
sich zu Grunde richtet. Wiederum ist es Gottes Gnade, daß wir Schweizer jetzt so
abseits stehen dürfen, daß wir in dieses blind wütende Treiben des Ehrgeizes und der
Eifersucht nicht hineingezogen sind. Wir wollen doch diese Gottesgnade nicht
verspielen. Nur wenn wir still sind, werden wir stark sein, stark in uns selber und
stark, anderen zu
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helfen als ein Volk, das sein Interesse und seine Kraft weder auf diese noch auf
jene Karte gesetzt, sondern durch Alles hindurch an die Einigkeit aller Menschen
geglaubt hat. Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden das Erdreich besitzen
[vgl. Matth. 5,9 u. 5].
Ganz besonders dürfen und wollen wir uns in dieser verworrenen Zeit auch dadurch
nicht irre machen lassen, daß jetzt hüben und drüben viel gebetet und von Gott
geredet wird. Ganz besonders aus Deutschland kommen jetzt viel derartige Nachrichten.
Da liest man immer wieder: Wir haben doch recht, wir sind doch unschuldig
angegriffen, Gott muß sich doch zu unserer guten Sache bekennen, und er tut es auch;
er hat uns bereits geholfen, so daß wir schon manche Schlachten gewonnen haben! So
redet der deutsche Kaiser,10 so wird offenbar jetzt von den meisten deutschen Kanzeln geredet, so reden
selbst einsichtige christliche Männer. Eine ganze Welle von religiöser Begeisterung
geht durch Deutschland. In einem angesehenen Blatt war zu lesen, Deutschland habe
seinen Gott wiedergefunden. Und so führen die Deutschen ihren Krieg «mit Gott für
König und Vaterland», wie es auf den Helmen ihrer Soldaten steht.11 Und das hören wir nun und denken: das müssen doch fromme Leute
sein, diese Deutschen, und unwillkürlich meinen wir: mit denen müssen wir es auch
halten, sicher hält es Gott mit ihnen! Ihr glaubt mir hoffentlich, daß ich nichts
gegen, sondern sehr viel für die Deutschen habe. Ich habe in meiner Studienzeit12 geistig so viel empfangen von Deutschen, daß ich nur
in größter Dankbarkeit
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und Verehrung an dieses herrliche und hochbegabte Volk denken kann. Ich habe liebe
Freunde dort, z. T. jetzt auch unter den Waffen, deren Fühlen ich wohl verstehe und
deren Geschick mir nahe ans Herz geht. Aber ich bitte euch, laßt euch durch diese
Reden von der Unschuld und dem Recht Deutschlands in diesem Krieg, von dem Gott, der
den Deutschen helfen müsse und helfen werde, keinen Eindruck machen, so schön und
voll es auch klingen mag. Ganz dasselbe sagen auch die anderen Völker. Sie wollen
auch alle recht haben und unschuldig sein, und sie bitten auch alle Gott, er möge
ihren Heeren beistehen. Nicht nur die rings um uns entfesselte Kriegsleidenschaft,
auch der sonderbare religiöse Taumel, dem sich die Völker nun für den Augenblick
hingeben, kann für uns nur eine ernste Mahnung sein, still zu bleiben, uns von dieser
Aufregung nicht anstecken zu lassen und darauf zu warten, daß Gott sein Recht
hervorbrechen lasse, das ein ganz anderes ist als das der Menschen, das die Menschen
alle oft genug mit Füßen getreten haben, daß Gott sich als Meister zeige, vielleicht
sehr anders, als jetzt von hüben und drüben gebetet wird. Mir scheint es etwas vom
Schmerzlichsten in dieser schweren Zeit, zu sehen, wie man sich jetzt im Brustton der
heiligsten Überzeugung alles mögliche Unrecht vorwirft, wo doch ein jedes Volk so
viel vor seiner eigenen Türe zu wischen hätte, wie jetzt der Name Gottes
hereingezogen wird in das sündliche, leidenschaftliche Treiben der Menschen, als sei
er einer von den alten Kriegsgöttern, zu denen unsere heidnischen Vorfahren
riefen.
Es kann gar keine Rede davon sein, daß Gott den Deutschen «hilft» oder den Franzosen
oder den Engländern. Gott «hilft» auch nicht uns Schweizern. Gott hilft dem Recht und
der Liebe. Gott hilft seinem Reiche, und das ist international. Gott ist Geist, und
die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten
[Joh. 4,24]. Die tolle Vermischung von
Vaterlandsliebe, Kriegsbegeisterung und christlichem Glauben könnte einmal zu den
bittersten Enttäuschungen führen. «Der im Himmel wohnet, lachet ihrer, und der Herr
spottet ihrer» [Ps. 2,4]. Wir
wollen nicht mittrinken von diesem Rauschtrank. Wir wollen fest und
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unbeweglich auf den Gott hinsehen, der über allen Völkern ist, der Alle gleich lieb
hat, von dem Alle gleich sehr abgewichen sind und des Ruhmes ermangeln, den sie vor
ihm haben sollten [vgl. Röm. 3,23],
der Alle gleicherweise zu sich ziehen und sammeln möchte unter das
Regiment seines guten und heiligen Willens. Wohl uns noch einmal, daß wir jetzt
stille sein dürfen, stille vor ihm, daß wir abseits stehen dürfen von dem
gefährlichen Taumel, in den jetzt Millionen hineingeraten sind, daß wir ihn sehen
dürfen, wie er ist in seiner ganzen Majestät! Es ist seine Gnade, nicht unser
Verdienst, daß wir das dürfen. Wir können nicht sorgfältig genug umgehen mit dem
kostbaren Gut dieser unabhängigen Stellung, dieses unbestochenen Urteils, die er uns
möglich gemacht hat. Wir können uns nicht deutlich genug sagen, was für eine große
Verantwortlichkeit auf uns ruht, da wir so bevorzugt sind. Große Aufgaben warten auf
uns. Wie müssen wir uns Mühe geben, das uns von Gott Geschenkte, diese Freiheit und
Neutralität im tiefsten innersten Sinn, zu bewahren! Stille zu bleiben in dieser
lärmerfüllten bewegten Zeit, um dereinst stark zu sein!
Kühl bis ans Herz hinan sollen wir zusehen, sagte ich. Wir wünschen niemandem Sieg
oder Niederlage. Sie sind uns alle lieb und wert. Wir hassen niemand, sollen niemand
hassen. Wir hassen nur den Krieg und die Selbstsucht und den Hochmut, die ihn
entzündet haben. Aber mit heißem, brennendem Herzen sollen und wollen wir die Partei
Gottes ergreifen, sollen und wollen wir mit unseren innersten Gedanken und Wünschen,
mit unserem Beten und Denken und Wollen auf seine Seite, auf die Seite der Wahrheit
und des Rechtes und des Friedens treten. Das ist das zweite, was schon Jesaja von den
Leuten in Jerusalem forderte: Hoffen! Jesaja war nicht ein
engherziger Patriot, der nur aus kleinlicher Klugheit seinen Landsleuten geraten
hatte: laßt die Finger von dem Spiel der Großen, da kommt nichts dabei heraus für
euch, da könntet ihr zu Schaden kommen! Seine Warnung hatte einen tieferen Grund. Ihr
seid das Volk des lebendigen Gottes, wollte er ihnen sagen, das Volk, dem es gegeben
ist,
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statt euch in das Getümmel der Welt zu mischen, euch an den zu halten, euch dem ganz
zu unterwerfen und anzuschließen, der über das Getümmel der Welt einmal Meister
werden wird. Ihr dürft das Gefäß sein, in dem in einer rauhen stürmischen Zeit das
Recht und die Liebe aufbewahrt bleibt für eine bessere Zukunft. Haltet euch würdig
dieser hohen Aufgabe! Werft diesen heiligen Beruf nicht weg! Ihr habt diese Zukunft
schon jetzt, wenn ihr treu seid! Durch Hoffen werdet ihr stark sein. In wundervollen
Worten, ein Seher von Gottes Gnaden, hat Jesaja von dieser besseren Zukunft geredet:
Zu der Zeit wird eine Straße sein von Ägypten nach Assyrien — von einem der jetzt
feindlichen Völker zum anderen —, daß die Assyrer nach Ägypten kommen und die Ägypter
nach Assyrien kommen und die Ägypter samt den Assyrern Gott dienen. Zu der Zeit wird
Israel selbdritt sein mit den Ägyptern und Assyrern, ein Segen mitten auf Erden. Denn
der Herr Zebaoth wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du Ägypten, mein Volk,
und du Assur, meiner Hände Werk, und du Israel, mein Erbe
[Jes. 9,23–25]! Wie stark hätte
dieses Volk sein können, meine Freunde, wenn es getan hätte, was der Prophet im Namen
des lebendigen Gottes von ihm forderte, wenn es gehofft hätte, hingesehen [hätte] auf
diese Zeit, wo die Gegensätze und Rivalitäten zwischen den Völkern zu Ende sind, wo
sie alle, Ägypter und Assyrer und Israeliten, Gott dienen werden in rechtschaffener
Gerechtigkeit und Heiligkeit, wenn es sich gesagt hätte mit allem Ernst: nun kann nur
Eines gelten mitten in der Not und Sorge der Zeit: wir müssen uns rüsten, vorbereiten
auf dieses herrliche Ende, das Gott nach allem Leid kommen läßt, wir müssen für uns
und für die Anderen heilige Wächter dieses heiligen Glaubens sein, damit er sich zum
Segen der ganzen Welt recht bald zur vollen Wirklichkeit entfalten kann.
Seht da, meine Freunde, die Aufgabe auch unseres Schweizervolkes in
dieser Zeit des Eisens und des Blutens. O, wir sollen nicht gleichgültig sein
gegenüber den Ereignissen, die sich jetzt um uns her abspielen. Neutralität heißt
nicht Gleichgültigkeit. Und fern von uns sei auch der erbärmliche pfiffige Geschäfts|454sinn, der uns jetzt vielleicht auch einflüstern könnte: haltet euch hübsch beiseite,
es trägt euch nichts ab, da mitzumachen, nachher, wenn die anderen sich verblutet
haben, werdet ihr umso mehr Profit machen. Pfui, wenn das die schweizerische
Neutralität wäre, dann würde ich die Deutschen und die Franzosen beneiden, die sich
jetzt in blinder Leidenschaft, aber doch für eine große Idee in den gegenseitigen
Vernichtungskampf stürzen. Nicht aus Furcht und nicht aus philisterhafter Klugheit
wollen wir neutral sein, sondern weil wir eine noch größere Idee, ein noch höheres
Gut kennen und leidenschaftlich lieb haben als das, was die Völker da draußen das
«Vaterland» nennen. Wir glauben an eine andere als die gegenwärtige böse Welt. Wir
glauben daran, daß die Menschen trotz aller Stammesverschiedenheiten und
Interessengegensätze als Brüder leben werden auf der Erde, als ein einiges Volk, wie
wir Schweizer es in unserem kleinen Land schon jetzt wollen und können. Wir glauben
daran, daß Gerechtigkeit und Friede möglich sind in der Welt, daß Krieg und
Blutvergießen einmal wie ein böser Traum hinter uns liegen werden, dann, wenn die
Selbstliebe und die Eitelkeit in den Menschen gebändigt, ausgerottet sein werden. Wir
glauben daran, daß Deutsche und Franzosen und Russen sich einmal finden werden als
solche, die zusammengehören, daß eine Straße sein wird von dem Einen zu dem Anderen,
wie Jesaja es von den Völkern der alten Welt geweissagt hat, daß sie alle statt für
ihr Vaterland zu kämpfen, einmal für die brüderlich geeinte Menschheit gemeinsam
arbeiten werden. Wir glauben auch daran, daß Gott durch alle Greuel der Gegenwart
hindurch die Welt diesen Zielen entgegenführt.
Es mußte wohl Alles so kommen. Die menschliche Schuld hatte sich so angehäuft, daß es
zu dieser furchtbaren Katastrophe kommen mußte. Aber nach der Schuld und nach der
Strafe kommt in Gottes Ordnung die Erlösung. Dieser Krieg muß, wenn auch unter vielen
Tränen und Unrecht, eine Stufe sein zum kommenden Völkerfrieden und noch höher zum
Gottesfrieden, nach dem sich alle Herzen sehnen. Ob er das werden wird, das hängt nun
von uns ab, ganz besonders von uns Schweizern, die wir uns jetzt
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verhältnismäßig so ruhig, ungestört durch persönliches Unglück und durch nationale
Leidenschaften dieser Hoffnung hingeben dürfen. Wo lebendige Hoffnung ist, da ist
auch immer Gottes Reich und Herrschaft nähergekommen. Noch einmal: wir tragen eine
große Verantwortung, weil wir jetzt so bevorzugt sind. Wir werden einmal Rechenschaft
geben müssen darüber: was habt ihr mit eurem Vorzug gemacht? Seid ihr rechte
lebendige Hoffnungsmenschen, Zukunftsmenschen gewesen, wie ihr es sein konntet in
dieser ernsten Zeit, oder seid ihr gedankenlos, in oberflächlichem Sinn und Schwatzen
durch sie hindurchgegangen? Seid ihr ein Licht der Welt, ein Salz der Erde [vgl.
Mt. 5,13f.] geblieben, oder seid
ihr innerlich geworden, wie diese Welt ist?
Was werden wir für Antwort geben? O meine Freunde, wir werden nur dann eine
befriedigende Antwort geben können, wir werden nur dann stark sein, wir werden nur
dann dastehen als rechte Schweizer, die die Neutralität ihres lieben Vaterlandes
verstanden haben — wenn wir rechte Christen sind. Stillesein und hoffen kann nur, wer
ein Christ ist. Wer bei Jesus das Leben kennengelernt hat, das wertvoller ist als
Alles, was die Eitelkeit und Selbstsucht uns verspricht, wer bei Jesus den lebendigen
Gott erfahren hat, der über allen deutschen, französischen und schweizerischen Volks-
und Kriegsgöttern steht, wer von Jesus sich hat mit der Zuversicht erfüllen lassen,
daß Gottes Reich kommt und daß auch alles Unrecht und Übel der Welt schließlich
seinem Kommen dienen muß. Sind wir rechte Schweizer?
Sind wir rechte Christen? möchten wir jetzt fragen. Ist es nicht wunderbar, daß unser
Volk jetzt eigentlich berufen ist, mit seiner Neutralität das Evangelium, ja
wahrhaftig das Evangelium zu predigen in dieser unruhigen, zerrissenen Menschheit!?
Aber es ist nicht damit getan, daß unsere Soldaten an der Grenze stehen. Sie muß zu
unserem inneren Besitz werden, sie muß uns in Fleisch und Blut übergehen, diese
unsere Neutralität, dieses Stillesein und Hoffen, durch das wir stark sein und durch
das wir Schwache stark machen werden, wenn einmal der Tag dazu gekommen ist. Der
Geist Jesu muß in uns lebendig werden, aus dem jetzt allein
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der rechte Schweizergeist hervorgehen kann. Und den suche nun ein jeder von uns, wie
er zu finden ist. Den lasse er demütig und freudig einziehen in sein Herz, das so
wenig von Liebe und Freude weiß. Den erbitte er sich alle Tage neu von Gott. Dann
sind wir stark. Dann haben wir eine große Zukunft vor uns. Denn dem Aufrichtigen läßt
es der Herr gelingen [Spr. 2,7].