30. August 1914

Predigt: Jesaia 30,15

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Jesaia 30,15
Durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein.
Liebe Freunde!

Einem kleinen Volk mitten unter großen Kriegsmächten hat einst dieses Wort vom Stillesein und Hoffen gegolten. Es war das Königreich Juda, das sich aus der Stadt Jerusalem und einigen Landstrichen in ihrer Umgebung zusammensetzte, kaum in der Größe einiger Schweizerkantone. Das nördliche Bruderreich Israel mit seiner Hauptstadt Samaria war bereits durch die Assyrer erobert und besetzt worden, und nun stand diese unersättliche Weltmacht fast vor den Toren der Davidsstadt. Im Süden aber begann bald die Interessensphäre und der Machtbereich des alten Afrikanerreiches Ägypten, das eifersüchtig hinüberblickte zu dem assyrischen Nebenbuhler, bereit, seinen Ansprüchen mit aller Macht und mit dem Ernst eines alten, in sich gefestigten Staatswesens entgegenzutreten. Zwischen den beiden Großen und ihren immer neuen Kriegsgelüsten und Kriegen drin das kleine Juda, ganz auf seine eigene Kraft angewiesen, auf seine Klugheit und — auf seinen Gott! Als ein Gotteswort in ungeheuer schwieriger und gefährlicher Weltlage hat ihm der Prophet Jesaia einmal dieses Wort gesagt: durch Stillesein und Hoffen würdet ihr stark sein. Es ist merkwürdig, zu sehen, wieviel Ähnlichkeit besteht zwischen der damaligen Lage dieses kleinen Königreiches in Palästina und der heutigen ernsten Situation, in der sich unser liebes Schweizerland befindet, inmitten der längst machtgierigen und eifersüchtigen und nun auf einmal in offene Feindschaft geratenen großen Kriegsmächte Europas. Und sofort müssen wir auch die Ähnlichkeit verspüren, wenn wir etwas tiefer nachdenken, zwischen dem, was dort Gott durch den Propheten von |444 jenem Volke verlangte, und was für uns, für uns Schweizer, in der heutigen Weltlage göttlich recht und notwendig ist. Wir dürfen das Wort vom Stillesein und Hoffen, wenn wir es recht verstehen, ohne Weiteres auf uns anwenden. Es ist vielleicht mehr als eins unter uns, das schon in schwerer Lebenslage in diesem freundlichen, lichten Wort Trost und Halt gefunden hat. Aber wohl noch gar nie hat es so sehr in seinem ursprünglichen Sinn auf uns alle und das, was uns not tut, zugetroffen wie gerade jetzt. Es soll uns nun helfen, uns über den Willen Gottes mit unserem Volk und Land in dieser schweren Zeit gründlich Rechenschaft zu geben.

Stillesein, das ist das Erste, was der Prophet vom Volk und von den Regierenden in Jerusalem forderte. Das «Stillesein», das er meint, ist nichts Anderes als das, was man heutzutage mit einem Fremdwort «Neutralität» nennt. Sie sollten sich hüten vor Parteinahme, sie sollten weder der einen noch der anderen der Großmächte um sie her an die Seite treten, sondern für sich bleiben und abwarten. Diese Mahnung war nötig. Es gab eine starke Partei, die dazu drängte, man solle sich, um sich vor Assyrien zu schützen, Ägypten in die Arme werfen. Man hatte in Jerusalem großen Respekt vor dem starken Heer der Ägypter, besonders vor ihrer Reiterei und ihren Kriegswagen, und Viele erwarteten Wunders viel von einem solchen Bundesgenossen. Jesaja war nüchtern genug, sich nicht blenden zu lassen. Ägypten ist Mensch und nicht Gott! rief er solchen Politikern zu — und ihre Rosse sind Fleisch und nicht Geist. Und der Herr könnte seine Hand ausstrecken, daß der Helfer strauchle und der, dem geholfen wird, falle und alle miteinander umkommen [Jes. 31,3]! Ihr habt Besseres zu tun, wollte er ihnen sagen, als euch in diesen Streit zu mischen und dabei womöglich selber zu Grunde zu gehen. Ihr könnt jetzt inmitten der hadernden Weltmächte das Volk des lebendigen Gottes sein. Vertraut ihm und dient ihm in jeder Beziehung, dann habt ihr eine sichere Zukunft vor euch, dann erfüllt ihr einen besonderen Beruf unter den Völkern, dann werdet ihr stark und rein und groß aus der gegenwärtigen |445 schweren Lage hervorgehen. Stillesein sei jetzt euer hohes Recht und eure unbedingte Pflicht.

Damit haben wir eigentlich ganz genau gehört, was unsere schweizerische Neutralität im gegenwärtigen Weltkrieg ist und sein soll. Als dieser Krieg vor vier Wochen entbrannte, da hat sich unser Bundesrat beeilt, bei den Kriegführenden die Erklärung abzugeben: die Schweiz bleibt neutral, sie stellt sich freundschaftlich zu beiden Teilen und kann und wird darum keine Partei ergreifen. Um diese unsere unabhängige und überlegene Stellung zu sichern, ist unsere Armee an die Grenzen gezogen, und wir dürfen das gute Vertrauen haben, daß sie diese ihre Pflicht unter allen Umständen erfüllen wird. Aber damit, meine Freunde, ist die Sache nicht erledigt. Die schweizerische Neutralität ist durchaus nicht nur eine Angelegenheit der Politik und des Militärs. Sondern hinter unseren höchsten Behörden, die zum Glück in diesem Stück einsichtiger sind als die Könige von Juda, und hinter unseren Soldaten muß ein Volk stehen, das völlig einig und entschlossen ist in dem Willen, stille zu sein, nicht Partei zu ergreifen für oder gegen, sondern abzuwarten. Und hier fehlt es. Es mögen zwar ganz Wenige im Schweizervolk, ein paar junge Offiziere vielleicht, sein, die den Wunsch haben, wir möchten doch auch direkt in den tobenden Sturm hineingerissen werden. Die ungeheure Mehrzahl ist ganz einverstanden damit, daß unser Land und unsere Soldaten von der Teilnahme an diesem Krieg verschont bleiben möchten. Aber das ist nicht genug, wenn wir diesen Wunsch haben. Wir sollten uns viel klarer sein, als wir es sind, daß wir als Schweizer im gegenwärtigen Moment das Recht, aber auch die Pflicht haben, uns auch innerlich, auch in unseren Gedanken und Gefühlen neutral zu halten. Wir begehen ein großes Unrecht, meine Freunde, und wir berauben uns des besten Segens, den wir in dieser Zeit haben können, wenn wir jetzt nicht die Einsicht haben: dieser Krieg da draußen geht uns nichts, aber auch gar nichts an!, wenn wir uns statt dessen mit törichten Gedanken und noch törichterem Schwatzen auf die eine oder die andere Seite stellen. Es ist durchaus nicht gleichgültig, |446 mit was für Gedanken wir jetzt die Zeitungen lesen, wie wir innerlich auf all die Nachrichten, die jetzt kommen, antworten, wie wir uns darüber äußern im Privatgespräch, in der Familie, auf der Gasse oder sonstwo. Es ist nicht gleichgültig, denn von unserem jetzigen inneren Verhalten hängt der Ertrag dieses Krieges sehr wesentlich mit ab. Unsere jetzige Gesinnung könnte weitertragende Folgen haben, als wir uns jetzt vorstellen. Durch Stillesein werdet ihr stark sein. Es wird viel darauf ankommen, daß wir in diesen unglückseligen Ereignissen, und noch mehr, wenn sie einmal vorüber sein werden, stark sind, gerade wir Schweizer. Unser kleines Volk und Land könnte noch eine große Aufgabe und Zukunft haben in dem armen zerrissenen Europa. Wenn wir stark sein wollen, müssen wir aber jetzt ehrlich und in der Tiefe stille sein, kühl bis ans Herz hinan2 müssen wir diesem Kampf zusehen und keiner Partei den Sieg wünschen. Gott wirds machen, daß die Sachen gehen, wie es heilsam ist!3

Warum das alles? Der gegenwärtige Krieg ist zu einem guten Teil ein Rassenkampf. Der alte Gegensatz von deutscher und französischer Art ist wieder einmal zum offenen Ausbruch gekommen. Diese Völker meinen jetzt, ihre natürliche Verschiedenheit und Eifersucht könne nur noch durch Töten und Zerstören zum Austrag kommen. Und auf der anderen Seite, im Osten Europas, steht Deutschtum gegen Slawentum. Dieser Rassenhaß und Rassenkampf, meine Freunde, geht uns nichts an. Wir dürfen und können und wollen uns nicht, auch nicht in unseren Gedanken und Wünschen, auf diese oder jene Seite stellen. Wir hier sind zwar auch deutschen, alemannischen Stammes, und insofern stehen uns selbstverständlich unsere deutschen Nachbarn von den kämpfenden Parteien am nächsten. Aber was soll uns der deutsche |447 Hochmut und Haß gegen die Franzosen, gegen die Russen? Wir haben keinen Anlaß, diese Stimmungen auch nur im geringsten mitzumachen. Sind nicht die Waadtländer, die Genfer, die Tessiner unsere schweizerischen Brüder? Und es sind doch Franzosen, Italiener, fremde Völker, wenn man so will. Aber wir anerkennen das nun einmal nicht, wir Schweizer, daß zwischen fremden Völkern Haß und Krieg sein müsse, wir haben uns zusammengetan, drei «fremde» Völker, und zueinander gesagt: wir wollen sein ein einig Volk von Brüdern.4 Diese unsere Einigkeit muß sich jetzt bewähren, aber nicht nur nach innen, auch in unserem Urteil über das Ausland. Wir begreifen das nicht und wollen das nicht begreifen, wir Schweizer, daß Deutsche und Franzosen jetzt einander vernichten müssen. Wir können, ob wir nun Deutschschweizer oder Welschschweizer sind, dabei nur den einen Gedanken haben, daß dieser Rassenkampf nicht notwendig, sondern abscheulich ist. Calvin und Rousseau sind Franzosen gewesen, ich denke auch an den edlen russischen Grafen und Schriftsteller Leo Tolstoj, ich denke an die Männer, die Deutschland uns geschenkt hat: Goethe, Schiller, Kant und so manche andere, und an alles das, was die Menschheit diesen Männern verdankt. Es besteht kein ernsthafter Grund, weshalb die Völker, die solche Männer hervorgebracht, einander hassen und bekämpfen müßten. Jedenfalls haben wir Schweizer, und wenn wir noch so lange deutsche Schweizer sind, keinen Grund, uns auch nur in Gedanken gegen das Volk Calvins, gegen das Volk Tolstojs einnehmen zu lassen. Nicht mitzuhassen, mitzulieben sind wir da.5 Es ist das hohe Vorrecht unserer schweizerischen Freiheit und Unabhängigkeit, daß wir das Gute und Edle an allen Völkern ruhig und unparteiisch sehen und anerkennen, daß wir jetzt in dieser Zeit der Leidenschaft die Brüderlichkeit aller Völker hochhalten dürfen. Wir wollen dieses Vorrecht nicht verscherzen durch törichte Partei|448nahme. Die Zeit könnte kommen, wo man froh ist über ein solches unparteiisches, wahrhaftes, internationales Volk, wie wir es durch Gottes Gnade sein dürfen.

Und der gegenwärtige Krieg ist zum anderen Teil ein Machtkampf. Jahrzehntelang schon hat er sich vorbereitet, dieser Kampf um die Entscheidung, wer der Erste oder die Ersten sein sollen in Europa, in der Welt. Der Krieg zwischen England und Deutschland z. B. hat keinen anderen Hintergrund als diese Machtfrage. Wirtschaftliche Gründe spielen dabei mit. Die Völker wollen jedes einen möglichst großen und schönen «Platz an der Sonne»,6 wie sie sagen, für ihren Welthandel. Aber auch der ganz persönliche nationale Ehrgeiz ist stark beteiligt. Frankreich kann es nicht vergessen, was es zur Zeit Ludwigs XIV. und Napoleons gewesen ist, England hat sich fast ein Jahrhundert lang in allen Weltteilen als die eigentliche Weltmacht aufgespielt, und nun ist seit einigen Jahrzehnten Deutschland gekommen mit den gleichen Parolen: Deutschland in der Welt voran! Am deutschen Wesen muß die Welt genesen!7 Wir Deutschen fürchten niemand als Gott!8 So eins nach dem anderen, bis auf das ferne Japan. Kein Volk hat dem anderen viel vorzuwerfen, sie haben alle gewetteifert in großen Redensarten und in drohenden Rüstungen, das eine gegen das andere. Nun ist der heimliche Machtkampf offenbar geworden. Wir Schweizer können auch da nur wieder sagen: dieser Machtkampf geht uns nichts an! Wir haben durchaus keinen Anlaß, uns auf die eine oder die andere Seite zu stellen. Wir glauben einfach |449 nicht daran, daß ein Volk das erste und stärkste sein müßte auf Unkosten aller übrigen. Wir glauben nicht daran und wollen nicht daran glauben, daß dem Wohl der Völker damit gedient sei, daß man ihnen immer wieder vorsagt: die Anderen dort drüben sind eure Feinde! Es gibt genug Plätze an der Sonne, die Alle genießen könnten, wenn Alle ihrer Selbstsucht und ihrem Hochmut einmal etwas Einhalt gebieten würden, wenn Alle sich als Brüder, statt als Konkurrenten und Gegner fühlen und benehmen würden. Wir können in diesem ganzen Machtkampf nur einen furchtbaren Wahnsinn erblicken, und darum können wir weder der einen noch der anderen Partei einfach den Sieg wünschen, denn wenn jetzt eine der beiden Parteien siegen sollte, dann wird dadurch die Selbstsucht und der Hochmut, die an allem Unheil schuld sind, nicht gebrochen, sondern erst recht gestärkt werden. Auf Seiten der Sieger wird dann der Übermut und auf Seiten der Besiegten die trotzige Rachsucht Platz greifen, wie es 18709 der Fall war, und früher oder später muß es dann zu neuen Kriegen, zu neuem Unheil und Elend kommen. Wir haben nichts zu erwarten von diesem Machtkampf, gleichviel ob nun die Deutschen oder ihre Gegner triumphierend daraus hervorgehen. Und darum können wir auch in unseren Gedanken und Wünschen nicht Partei ergreifen, wir können nur unter herzlichem Bedauern mit all den unschuldigen Opfern zusehen und uns selber und, soweit es uns möglich ist, unsere Nachbarn befestigen in der Überzeugung, daß dieser Machtkampf überhaupt eine Verrücktheit und eine Sünde ist, durch die die Menschheit sich zu Grunde richtet. Wiederum ist es Gottes Gnade, daß wir Schweizer jetzt so abseits stehen dürfen, daß wir in dieses blind wütende Treiben des Ehrgeizes und der Eifersucht nicht hineingezogen sind. Wir wollen doch diese Gottesgnade nicht verspielen. Nur wenn wir still sind, werden wir stark sein, stark in uns selber und stark, anderen zu |450 helfen als ein Volk, das sein Interesse und seine Kraft weder auf diese noch auf jene Karte gesetzt, sondern durch Alles hindurch an die Einigkeit aller Menschen geglaubt hat. Selig sind die Friedfertigen, denn sie werden das Erdreich besitzen [vgl. Matth. 5,9 u. 5]. Ganz besonders dürfen und wollen wir uns in dieser verworrenen Zeit auch dadurch nicht irre machen lassen, daß jetzt hüben und drüben viel gebetet und von Gott geredet wird. Ganz besonders aus Deutschland kommen jetzt viel derartige Nachrichten. Da liest man immer wieder: Wir haben doch recht, wir sind doch unschuldig angegriffen, Gott muß sich doch zu unserer guten Sache bekennen, und er tut es auch; er hat uns bereits geholfen, so daß wir schon manche Schlachten gewonnen haben! So redet der deutsche Kaiser,10 so wird offenbar jetzt von den meisten deutschen Kanzeln geredet, so reden selbst einsichtige christliche Männer. Eine ganze Welle von religiöser Begeisterung geht durch Deutschland. In einem angesehenen Blatt war zu lesen, Deutschland habe seinen Gott wiedergefunden. Und so führen die Deutschen ihren Krieg «mit Gott für König und Vaterland», wie es auf den Helmen ihrer Soldaten steht.11 Und das hören wir nun und denken: das müssen doch fromme Leute sein, diese Deutschen, und unwillkürlich meinen wir: mit denen müssen wir es auch halten, sicher hält es Gott mit ihnen! Ihr glaubt mir hoffentlich, daß ich nichts gegen, sondern sehr viel für die Deutschen habe. Ich habe in meiner Studienzeit12 geistig so viel empfangen von Deutschen, daß ich nur in größter Dankbarkeit |451 und Verehrung an dieses herrliche und hochbegabte Volk denken kann. Ich habe liebe Freunde dort, z. T. jetzt auch unter den Waffen, deren Fühlen ich wohl verstehe und deren Geschick mir nahe ans Herz geht. Aber ich bitte euch, laßt euch durch diese Reden von der Unschuld und dem Recht Deutschlands in diesem Krieg, von dem Gott, der den Deutschen helfen müsse und helfen werde, keinen Eindruck machen, so schön und voll es auch klingen mag. Ganz dasselbe sagen auch die anderen Völker. Sie wollen auch alle recht haben und unschuldig sein, und sie bitten auch alle Gott, er möge ihren Heeren beistehen. Nicht nur die rings um uns entfesselte Kriegsleidenschaft, auch der sonderbare religiöse Taumel, dem sich die Völker nun für den Augenblick hingeben, kann für uns nur eine ernste Mahnung sein, still zu bleiben, uns von dieser Aufregung nicht anstecken zu lassen und darauf zu warten, daß Gott sein Recht hervorbrechen lasse, das ein ganz anderes ist als das der Menschen, das die Menschen alle oft genug mit Füßen getreten haben, daß Gott sich als Meister zeige, vielleicht sehr anders, als jetzt von hüben und drüben gebetet wird. Mir scheint es etwas vom Schmerzlichsten in dieser schweren Zeit, zu sehen, wie man sich jetzt im Brustton der heiligsten Überzeugung alles mögliche Unrecht vorwirft, wo doch ein jedes Volk so viel vor seiner eigenen Türe zu wischen hätte, wie jetzt der Name Gottes hereingezogen wird in das sündliche, leidenschaftliche Treiben der Menschen, als sei er einer von den alten Kriegsgöttern, zu denen unsere heidnischen Vorfahren riefen.

Es kann gar keine Rede davon sein, daß Gott den Deutschen «hilft» oder den Franzosen oder den Engländern. Gott «hilft» auch nicht uns Schweizern. Gott hilft dem Recht und der Liebe. Gott hilft seinem Reiche, und das ist international. Gott ist Geist, und die ihn anbeten, müssen ihn im Geist und in der Wahrheit anbeten [Joh. 4,24]. Die tolle Vermischung von Vaterlandsliebe, Kriegsbegeisterung und christlichem Glauben könnte einmal zu den bittersten Enttäuschungen führen. «Der im Himmel wohnet, lachet ihrer, und der Herr spottet ihrer» [Ps. 2,4]. Wir wollen nicht mittrinken von diesem Rauschtrank. Wir wollen fest und |452 unbeweglich auf den Gott hinsehen, der über allen Völkern ist, der Alle gleich lieb hat, von dem Alle gleich sehr abgewichen sind und des Ruhmes ermangeln, den sie vor ihm haben sollten [vgl. Röm. 3,23], der Alle gleicherweise zu sich ziehen und sammeln möchte unter das Regiment seines guten und heiligen Willens. Wohl uns noch einmal, daß wir jetzt stille sein dürfen, stille vor ihm, daß wir abseits stehen dürfen von dem gefährlichen Taumel, in den jetzt Millionen hineingeraten sind, daß wir ihn sehen dürfen, wie er ist in seiner ganzen Majestät! Es ist seine Gnade, nicht unser Verdienst, daß wir das dürfen. Wir können nicht sorgfältig genug umgehen mit dem kostbaren Gut dieser unabhängigen Stellung, dieses unbestochenen Urteils, die er uns möglich gemacht hat. Wir können uns nicht deutlich genug sagen, was für eine große Verantwortlichkeit auf uns ruht, da wir so bevorzugt sind. Große Aufgaben warten auf uns. Wie müssen wir uns Mühe geben, das uns von Gott Geschenkte, diese Freiheit und Neutralität im tiefsten innersten Sinn, zu bewahren! Stille zu bleiben in dieser lärmerfüllten bewegten Zeit, um dereinst stark zu sein!

Kühl bis ans Herz hinan sollen wir zusehen, sagte ich. Wir wünschen niemandem Sieg oder Niederlage. Sie sind uns alle lieb und wert. Wir hassen niemand, sollen niemand hassen. Wir hassen nur den Krieg und die Selbstsucht und den Hochmut, die ihn entzündet haben. Aber mit heißem, brennendem Herzen sollen und wollen wir die Partei Gottes ergreifen, sollen und wollen wir mit unseren innersten Gedanken und Wünschen, mit unserem Beten und Denken und Wollen auf seine Seite, auf die Seite der Wahrheit und des Rechtes und des Friedens treten. Das ist das zweite, was schon Jesaja von den Leuten in Jerusalem forderte: Hoffen! Jesaja war nicht ein engherziger Patriot, der nur aus kleinlicher Klugheit seinen Landsleuten geraten hatte: laßt die Finger von dem Spiel der Großen, da kommt nichts dabei heraus für euch, da könntet ihr zu Schaden kommen! Seine Warnung hatte einen tieferen Grund. Ihr seid das Volk des lebendigen Gottes, wollte er ihnen sagen, das Volk, dem es gegeben ist, |453 statt euch in das Getümmel der Welt zu mischen, euch an den zu halten, euch dem ganz zu unterwerfen und anzuschließen, der über das Getümmel der Welt einmal Meister werden wird. Ihr dürft das Gefäß sein, in dem in einer rauhen stürmischen Zeit das Recht und die Liebe aufbewahrt bleibt für eine bessere Zukunft. Haltet euch würdig dieser hohen Aufgabe! Werft diesen heiligen Beruf nicht weg! Ihr habt diese Zukunft schon jetzt, wenn ihr treu seid! Durch Hoffen werdet ihr stark sein. In wundervollen Worten, ein Seher von Gottes Gnaden, hat Jesaja von dieser besseren Zukunft geredet: Zu der Zeit wird eine Straße sein von Ägypten nach Assyrien — von einem der jetzt feindlichen Völker zum anderen —, daß die Assyrer nach Ägypten kommen und die Ägypter nach Assyrien kommen und die Ägypter samt den Assyrern Gott dienen. Zu der Zeit wird Israel selbdritt sein mit den Ägyptern und Assyrern, ein Segen mitten auf Erden. Denn der Herr Zebaoth wird sie segnen und sprechen: Gesegnet bist du Ägypten, mein Volk, und du Assur, meiner Hände Werk, und du Israel, mein Erbe [Jes. 9,23–25]! Wie stark hätte dieses Volk sein können, meine Freunde, wenn es getan hätte, was der Prophet im Namen des lebendigen Gottes von ihm forderte, wenn es gehofft hätte, hingesehen [hätte] auf diese Zeit, wo die Gegensätze und Rivalitäten zwischen den Völkern zu Ende sind, wo sie alle, Ägypter und Assyrer und Israeliten, Gott dienen werden in rechtschaffener Gerechtigkeit und Heiligkeit, wenn es sich gesagt hätte mit allem Ernst: nun kann nur Eines gelten mitten in der Not und Sorge der Zeit: wir müssen uns rüsten, vorbereiten auf dieses herrliche Ende, das Gott nach allem Leid kommen läßt, wir müssen für uns und für die Anderen heilige Wächter dieses heiligen Glaubens sein, damit er sich zum Segen der ganzen Welt recht bald zur vollen Wirklichkeit entfalten kann.

Seht da, meine Freunde, die Aufgabe auch unseres Schweizervolkes in dieser Zeit des Eisens und des Blutens. O, wir sollen nicht gleichgültig sein gegenüber den Ereignissen, die sich jetzt um uns her abspielen. Neutralität heißt nicht Gleichgültigkeit. Und fern von uns sei auch der erbärmliche pfiffige Geschäfts|454sinn, der uns jetzt vielleicht auch einflüstern könnte: haltet euch hübsch beiseite, es trägt euch nichts ab, da mitzumachen, nachher, wenn die anderen sich verblutet haben, werdet ihr umso mehr Profit machen. Pfui, wenn das die schweizerische Neutralität wäre, dann würde ich die Deutschen und die Franzosen beneiden, die sich jetzt in blinder Leidenschaft, aber doch für eine große Idee in den gegenseitigen Vernichtungskampf stürzen. Nicht aus Furcht und nicht aus philisterhafter Klugheit wollen wir neutral sein, sondern weil wir eine noch größere Idee, ein noch höheres Gut kennen und leidenschaftlich lieb haben als das, was die Völker da draußen das «Vaterland» nennen. Wir glauben an eine andere als die gegenwärtige böse Welt. Wir glauben daran, daß die Menschen trotz aller Stammesverschiedenheiten und Interessengegensätze als Brüder leben werden auf der Erde, als ein einiges Volk, wie wir Schweizer es in unserem kleinen Land schon jetzt wollen und können. Wir glauben daran, daß Gerechtigkeit und Friede möglich sind in der Welt, daß Krieg und Blutvergießen einmal wie ein böser Traum hinter uns liegen werden, dann, wenn die Selbstliebe und die Eitelkeit in den Menschen gebändigt, ausgerottet sein werden. Wir glauben daran, daß Deutsche und Franzosen und Russen sich einmal finden werden als solche, die zusammengehören, daß eine Straße sein wird von dem Einen zu dem Anderen, wie Jesaja es von den Völkern der alten Welt geweissagt hat, daß sie alle statt für ihr Vaterland zu kämpfen, einmal für die brüderlich geeinte Menschheit gemeinsam arbeiten werden. Wir glauben auch daran, daß Gott durch alle Greuel der Gegenwart hindurch die Welt diesen Zielen entgegenführt.

Es mußte wohl Alles so kommen. Die menschliche Schuld hatte sich so angehäuft, daß es zu dieser furchtbaren Katastrophe kommen mußte. Aber nach der Schuld und nach der Strafe kommt in Gottes Ordnung die Erlösung. Dieser Krieg muß, wenn auch unter vielen Tränen und Unrecht, eine Stufe sein zum kommenden Völkerfrieden und noch höher zum Gottesfrieden, nach dem sich alle Herzen sehnen. Ob er das werden wird, das hängt nun von uns ab, ganz besonders von uns Schweizern, die wir uns jetzt |455 verhältnismäßig so ruhig, ungestört durch persönliches Unglück und durch nationale Leidenschaften dieser Hoffnung hingeben dürfen. Wo lebendige Hoffnung ist, da ist auch immer Gottes Reich und Herrschaft nähergekommen. Noch einmal: wir tragen eine große Verantwortung, weil wir jetzt so bevorzugt sind. Wir werden einmal Rechenschaft geben müssen darüber: was habt ihr mit eurem Vorzug gemacht? Seid ihr rechte lebendige Hoffnungsmenschen, Zukunftsmenschen gewesen, wie ihr es sein konntet in dieser ernsten Zeit, oder seid ihr gedankenlos, in oberflächlichem Sinn und Schwatzen durch sie hindurchgegangen? Seid ihr ein Licht der Welt, ein Salz der Erde [vgl. Mt. 5,13f.] geblieben, oder seid ihr innerlich geworden, wie diese Welt ist?

Was werden wir für Antwort geben? O meine Freunde, wir werden nur dann eine befriedigende Antwort geben können, wir werden nur dann stark sein, wir werden nur dann dastehen als rechte Schweizer, die die Neutralität ihres lieben Vaterlandes verstanden haben — wenn wir rechte Christen sind. Stillesein und hoffen kann nur, wer ein Christ ist. Wer bei Jesus das Leben kennengelernt hat, das wertvoller ist als Alles, was die Eitelkeit und Selbstsucht uns verspricht, wer bei Jesus den lebendigen Gott erfahren hat, der über allen deutschen, französischen und schweizerischen Volks- und Kriegsgöttern steht, wer von Jesus sich hat mit der Zuversicht erfüllen lassen, daß Gottes Reich kommt und daß auch alles Unrecht und Übel der Welt schließlich seinem Kommen dienen muß. Sind wir rechte Schweizer?

Sind wir rechte Christen? möchten wir jetzt fragen. Ist es nicht wunderbar, daß unser Volk jetzt eigentlich berufen ist, mit seiner Neutralität das Evangelium, ja wahrhaftig das Evangelium zu predigen in dieser unruhigen, zerrissenen Menschheit!? Aber es ist nicht damit getan, daß unsere Soldaten an der Grenze stehen. Sie muß zu unserem inneren Besitz werden, sie muß uns in Fleisch und Blut übergehen, diese unsere Neutralität, dieses Stillesein und Hoffen, durch das wir stark sein und durch das wir Schwache stark machen werden, wenn einmal der Tag dazu gekommen ist. Der Geist Jesu muß in uns lebendig werden, aus dem jetzt allein |456 der rechte Schweizergeist hervorgehen kann. Und den suche nun ein jeder von uns, wie er zu finden ist. Den lasse er demütig und freudig einziehen in sein Herz, das so wenig von Liebe und Freude weiß. Den erbitte er sich alle Tage neu von Gott. Dann sind wir stark. Dann haben wir eine große Zukunft vor uns. Denn dem Aufrichtigen läßt es der Herr gelingen [Spr. 2,7].

Amen.

Sachfußnoten

1
Nachbardorf von Safenwil. Barth vertrat den dortigen Pfarrer Traugott Haller.↩
2
Aus dem Anfang von J. W. von Goethes Ballade Der Fischer 📖:
Das Wasser rauscht’, das Wasser schwoll,
Ein Fischer saß daran,
Sah nach dem Angel ruhevoll,
Kühl bis ans Herz hinan.
↩
3
Anfang der 1. Strophe von Lied 271 von J. D. Herrnschmidt (1675–1723). 🎵 ↩
4
Fr. von Schiller, Wilhelm Tell II, 2 (Vers 1448) 📖: Wir wollen sein ein einzig Volk von Brüdern.↩
5
Sophokles, Antigone, Vers 523. 📖 ↩
6
Ihren spezifisch deutsch-nationalistischen Sinn hatte die Redewendung vom «Platz an der Sonne» gewonnen durch eine Rede von Bernhard Graf (später Fürst) von Bülow, Staatssekretär des Äußeren (später Reichskanzler) am 6. Dezember 1897 im deutschen Reichstag anläßlich der Okkupation von Kiautschou durch Deutschland: «Wir wollen niemand in den Schatten stellen, aber wir verlangen auch unseren Platz an der Sonne.»↩
7
Gebräuchliches ungenaues Zitat aus dem Gedicht Deutschlands Beruf (1861) von E. Geibel (1815–1884). Original 📖:
Und es mag am deutschen Wesen
Einmal noch die Welt genesen.
↩
8
«Wir Deutsche fürchten Gott, aber sonst nichts in der Welt.» So O. von Bismarck in einer Reichstagsrede vom 6. Februar 1888.↩
9
Deutsch-französischer Krieg von 1870/71, der zum Sturz des französischen Kaisertums und zur Gründung des deutschen Reiches führte (Versailles 18. Januar 1871). Durch die Annektion von Elsaß-Lothringen wurde das deutsch-französische Verhältnis schwer belastet.↩
10
Vgl. den Erlaß Wilhelms II. zum Bettag am 5. August 1914, Wortlaut dieses Aufrufs vom 2.8.1914 in: Allgemeines Kirchenblatt für das evangelische Deutschland 63, 1914, S. 386. 📖 ↩
11
«Jeder Landwehrmann wird als solcher durch ein Kreuz von weißem Blech mit der Inschrift ‹Mit Gott für König und Vaterland› bezeichnet, welches vorn an der Mütze angeheftet wird.» Aus der Verordnung König Friedrich Wilhelms III. von Preußen vom 17. März 1813 über die Organisation der Landwehr, Beilage III, Abs. 5.↩
12
Barths Studium in Deutschland: WS 1906/07: Berlin; WS 1907/08: Tübingen; SS 1908: Marburg. Von Herbst 1908 bis Herbst 1909 war er als Hilfsredakteur der «Christlichen Welt» wiederum in Marburg.↩