Anhang Nr. 9 · 16. Juli 1928

Karl Barth an Friedrich Gogarten

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Anhang 9

[Brief von K. Barth, Münster, an Privatdozent D. Friedrich Gogarten, Dorndorf (Durchschlag im Karl Barth-Archiv):]

Lieber Gogarten!

Magst du mir ein Wort schreiben, wie du wohl zu dem Hans Michael Müller, deinem jenenser Kollegen, stehst, der sich soeben in den Theo|228logischen Blättern so arg weit herauswagt?1 Ich las seine Sachen bis jetzt immer recht gern, aber die Art, wie er nun dies gemacht hat, dieses Ausspielen von mir gegen dich und dann von Bultmann gegen mich, die Sache mit den chinesischen Generalen usw.2 scheint mir nun doch (von allem zur Sache selbst zu Bemerkenden ganz abgesehen) von einem Mann, der doch sichtlich bisher unser Brot gegessen hat, reichlich ungezogen — wenn nämlich das Gewicht dessen, was er selbst zu sagen hat, nachdem er uns Alle in die Tasche gesteckt hat, ihn nicht nachträglich legitimieren sollte. Das ist’s, was ich, bevor ich irgendetwas unternehme oder auch nicht unternehme, von dir wissen wollte: wie es sich nach deiner Schätzung mit dem spezifischen Gewicht dieses Mannes verhält. Mir kommt er vorderhand vor wie ein richtiger leichtfertiger Wustmacher, der freilich unverkennbar gescheit genug ist, um das Geschirr, das ihm unter die Hände kommt, mit anerkennenswerter Gründlichkeit zu zerbrechen. Die Geschichte mit dem «Fall Gogarten» Sp. 1743 ist eine richtige kleine Teufelei. Und was mag sich eigentlich K. L. Schmidt dabei denken, wenn er hintereinander den Trauergesang Petersons auf Scheler4 und dann dies zum Ausdruck bringt?5 — Ich |229 weiß, daß du nicht gerne Briefe schreibst und noch ungerner Betrachtungen zur geistesgeschichtlichen «Lage» anstellst. Aber ich wäre doch nachgerade froh, wieder einmal zu wissen oder doch angedeutet zu bekommen, wie sich die Dinge derzeit von Jena-Dorndorf aus gesehen darstellen.

Mit herzlichem Gruß
Dein Karl Barth

Sachfußnoten

1
Siehe Brief Nr. 57, Anm. 1; Anh. 7, Anm. 5.↩
2
Siehe Brief Nr. 58, Anm. 9.↩
3
H. M. Müller, a.a.O. (Brief Nr. 57, Anm. 1), Sp. 174 📖: «Wer sich dann allerdings dem letzten Überbotenwerden, der bestimmten complexio oppositorum sub specie Karl Barths widersetzt, der wird [scil, in Barths «Christlicher Dogmatik im Entwurf» 📖] mit rücksichtsloser Polemik, ob Gegner oder Freund bisher, abgewiesen. Das geschieht am eklatantesten in dem Falle Gogarten.»↩
4
E. Peterson, Zum Gedächtnis von Max Scheler, in: ThBl, Jg. 7 (1928), Sp. 165–167. 📖↩
5
Karl Ludwig Schmidt, der Herausgeber der «Theologischen Blätter», berichtet Barth am 25.7.1928 in einem vier Seiten langen, per Eilpost zugestellten Brief (im Karl Barth-Archiv) von mehreren spontanen Äußerungen zu Müllers Aufsatz, darunter einem Brief Bultmanns vom 24.7.1928, aus dem er zitiert: «Über die letzte gehaltvolle Nummer der Theol. Bl. habe ich mich wieder gefreut. Auch über M. Müllers Barth-Besprechung, sofern sie inhaltlich ist und Wesentliches trifft. Aber geärgert habe ich mich über sie doch als ganze. Denn m. E. ist sie stellenweise in einem Ton gehalten, den Müller Barth gegenüber nicht anschlagen durfte, und außerdem erfüllt sie die m. E. notwendige Aufgabe einer positiven Kritik nicht, die echt-theol. Intentionen Barths ans Licht zu stellen und gerade gegenüber seinen Fehlern hervorzuziehen, um ihm selbst weiter zu helfen […]» Auf Grund dieser «spontanen Stimmen» bittet Schmidt Barth herzlich und dringend um «eine kurze Anti-Müller-Äußerung» für «die bereits zusammengestellte August-Nummer» oder um eine ausführliche Stellungnahme in der September-Nummer. Er schreibt: «Ich brauche wohl nicht besonders zu betonen, daß ich persönlich dem Müller’schen Elaborat nicht zustimme. Insbesondere halte ich nichts von dem Grisebach-Rezept. Ich habe von vornherein damit gerechnet, daß Müller eins auf den Hut bekommen muß. Sehr genau habe ich mir überlegt, ob ich den Aufsatz überhaupt bringen sollte. Wenn ichs nicht getan hätte, so wäre er wo anders erschienen. Mancherlei habe ich dabei dem Müller noch abgerungen, dem ich leider nicht recht klar machen konnte, daß sein Ton Sie nicht zu einem Gelächter oder zu einem — Fußtritt veranlassen dürfe. Bei alldem habe ich die Meinung, daß es besser ist, wenn die Grisebach-Adepten ihre Meinung schwarz auf weiß kenntlich machen, als daß sie im Kolleg gegen Gogarten an Ort und Stelle polemisieren und so unser theol. Gespräch vergiften.»↩