Münster,
Himmelreichalle 43, 16.VII.1928
Magst du mir ein Wort schreiben, wie du wohl zu dem Hans Michael Müller, deinem jenenser Kollegen, stehst, der sich soeben in den Theo|228logischen Blättern so arg weit herauswagt?1 Ich las seine Sachen bis jetzt immer recht gern, aber die Art, wie er nun dies gemacht hat, dieses Ausspielen von mir gegen dich und dann von Bultmann gegen mich, die Sache mit den chinesischen Generalen usw.2 scheint mir nun doch (von allem zur Sache selbst zu Bemerkenden ganz abgesehen) von einem Mann, der doch sichtlich bisher unser Brot gegessen hat, reichlich ungezogen — wenn nämlich das Gewicht dessen, was er selbst zu sagen hat, nachdem er uns Alle in die Tasche gesteckt hat, ihn nicht nachträglich legitimieren sollte. Das ist’s, was ich, bevor ich irgendetwas unternehme oder auch nicht unternehme, von dir wissen wollte: wie es sich nach deiner Schätzung mit dem spezifischen Gewicht dieses Mannes verhält. Mir kommt er vorderhand vor wie ein richtiger leichtfertiger Wustmacher, der freilich unverkennbar gescheit genug ist, um das Geschirr, das ihm unter die Hände kommt, mit anerkennenswerter Gründlichkeit zu zerbrechen. Die Geschichte mit dem «Fall Gogarten» Sp. 1743 ist eine richtige kleine Teufelei. Und was mag sich eigentlich K. L. Schmidt dabei denken, wenn er hintereinander den Trauergesang Petersons auf Scheler4 und dann dies zum Ausdruck bringt?5 — Ich |229 weiß, daß du nicht gerne Briefe schreibst und noch ungerner Betrachtungen zur geistesgeschichtlichen «Lage» anstellst. Aber ich wäre doch nachgerade froh, wieder einmal zu wissen oder doch angedeutet zu bekommen, wie sich die Dinge derzeit von Jena-Dorndorf aus gesehen darstellen.
Mit herzlichem Gruß