Dorndorf, den 21. Juli 1928
Ich kann verstehen, daß Dich der Aufsatz von Müller1 einigermaßen verwundern muß. Die Situation hier in
Jena hat sich seit etwa einem Jahr
ziemlich gewandelt. Grisebach und ich sind
ziemlich auseinander gekommen. Es ist fast unmerklich geschehen. Müller übernahm Grisebachs Fragen und in dem Maß, als ich die Fragen Grisebachs als unfruchtbar erkannte, bin ich auch auf
Müllers Fragen nicht mehr eingegangen,
zumal sie bei ihm aus zweiter Hand kamen, und mir außerdem daran lag, meine Diskussion
mit Grisebach nicht durch eine Diskussion mit
seinen Schülern oder Anhängern zu verwirren. Das hat |230
Müller mir, wie es scheint, übelgenommen,
oder es jedenfalls zum Anlaß genommen, sich mir gegenüber selbständig zu machen, bei dem
er nicht nur leiblich, sondern auch theologisch so gut wie zu Hause war. Das Traurige
ist nur, daß Müller ein unselbständiger und unproduktiver Mensch ist und nun das macht,
was er mit diesem Aufsatz gemacht hat. Das heißt, daß er mit fremden Gedanken den
Überlegenen spielt. «Hinter» diesem Aufsatz stehen die Gedanken, die er von Grisebach hat; er nimmt augenblicklich teil an
Grisebachs Übungen über
Religionsphilosophie, wo wohl hauptsächlich Przywara behandelt wird. Ich habe mich immer gegen Bultmanns Meinung über Müller gewehrt, der M. von Marburg her kennt und ihn für einen Mann hielt, der
andere aushorcht und sie dann gegen einander ausspielt. Ich muß ihm aber jetzt recht
geben in dieser Meinung.2
231 Was sich Schmidt bei der Sache denkt3, weiß ich nicht. Ich konnte bisher nicht mit ihm über die Sache
sprechen, will es aber noch tun.
Schmidt muß auch wissen, daß Müller nicht mit eigenen Gedanken operiert. Ich habe
ihm auch, als er in der vorigen Nummer der Theol. Blätter zwei kleine Besprechungen von
Müller gebracht hatte4, gesagt, er solle doch Müller vor
diesem von gewissen Privatdozenten geübten Klugreden und alles besser Wissen, bevor sie
auch nur das Geringste geleistet haben, bewahren.
Mit herzlichen Grüßen