Anhang Nr. 10 · 21. Juli 1928

Friedrich Gogarten an Karl Barth

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Anhang 10

[Brief von Privatdozent D. Friedrich Gogarten, Dorndorf, an K. Barth (Orig. im Karl Barth-Archiv):]

Lieber Barth!

Ich kann verstehen, daß Dich der Aufsatz von Müller1 einigermaßen verwundern muß. Die Situation hier in Jena hat sich seit etwa einem Jahr ziemlich gewandelt. Grisebach und ich sind ziemlich auseinander gekommen. Es ist fast unmerklich geschehen. Müller übernahm Grisebachs Fragen und in dem Maß, als ich die Fragen Grisebachs als unfruchtbar erkannte, bin ich auch auf Müllers Fragen nicht mehr eingegangen, zumal sie bei ihm aus zweiter Hand kamen, und mir außerdem daran lag, meine Diskussion mit Grisebach nicht durch eine Diskussion mit seinen Schülern oder Anhängern zu verwirren. Das hat |230 Müller mir, wie es scheint, übelgenommen, oder es jedenfalls zum Anlaß genommen, sich mir gegenüber selbständig zu machen, bei dem er nicht nur leiblich, sondern auch theologisch so gut wie zu Hause war. Das Traurige ist nur, daß Müller ein unselbständiger und unproduktiver Mensch ist und nun das macht, was er mit diesem Aufsatz gemacht hat. Das heißt, daß er mit fremden Gedanken den Überlegenen spielt. «Hinter» diesem Aufsatz stehen die Gedanken, die er von Grisebach hat; er nimmt augenblicklich teil an Grisebachs Übungen über Religionsphilosophie, wo wohl hauptsächlich Przywara behandelt wird. Ich habe mich immer gegen Bultmanns Meinung über Müller gewehrt, der M. von Marburg her kennt und ihn für einen Mann hielt, der andere aushorcht und sie dann gegen einander ausspielt. Ich muß ihm aber jetzt recht geben in dieser Meinung.2

231 Was sich Schmidt bei der Sache denkt3, weiß ich nicht. Ich konnte bisher nicht mit ihm über die Sache sprechen, will es aber noch tun.

Schmidt muß auch wissen, daß Müller nicht mit eigenen Gedanken operiert. Ich habe ihm auch, als er in der vorigen Nummer der Theol. Blätter zwei kleine Besprechungen von Müller gebracht hatte4, gesagt, er solle doch Müller vor diesem von gewissen Privatdozenten geübten Klugreden und alles besser Wissen, bevor sie auch nur das Geringste geleistet haben, bewahren.

Mit herzlichen Grüßen
Dein
F. Gogarten

Sachfußnoten

1
Siehe Brief Nr. 57, Anm. 1.↩
2
Noch deutlicher heißt es in einem Brief Gogartens vom 21.7.1928 an Georg Merz (Abschrift im Karl Barth-Archiv): «Die Sache ist die, daß M[üller] ein unselbständiger Mensch resp. Theologe ist und bis auf den heutigen Tag noch nichts anderes gesagt und geschrieben hat, als was er von Grisebach, Barth und mir gelernt hat. Jetzt ist ihm offenbar daran gelegen, das zu verwischen. Er hat keine guten Erfahrungen damit gemacht, daß er gegen Holl eine These vertreten hat, die er von mir hatte [scil. H. M. Müller, Der christliche Glaube und das erste Gebot. Ein Beitrag zum Verständnis von Luthers Rechtfertigungslehre in Auseinandersetzung mit Karl Holls Lutherdarstellung, in: ThBl, Jg. 6 (1927), Sp. 269–281 📖]. Dazu kommt das Aufhören, um nicht zu sagen der Bruch der Diskussion zwischen Grisebach und mir, und daß Grisebach neuerdings nicht nur Barth, sondern auch mich für einen Theologen hält, der in Wahrheit eine verkappte Philosophie treibt. Müller bezieht aber heute seine Gedanken von Grisebach. Auch sein Aufsatz gegen Barth ist mit dem geschrieben, was er bei Grisebach gehört hat, bis in einzelne Wendungen hinein. Auch seine Abneigung gegen Bultmann, der Müller übrigens immer für einen Interviewer gehalten hat, vertritt er mit Grisebachschen Gründen. Du wirst nun verstehen, warum mir Dein Briefwechsel resp. Müllers Brief an Dich so interessant ist. Denn ich lese doch wohl richtig aus Deinem Brief an Müller, daß er den Versuch gemacht hat, uns, das heißt die Leute um ZZ [«Zwischen den Zeiten»] auseinander zu bringen. Das wäre nun in der Tat nichts anderes als die Arroganz eines Mannes, der sich wichtig machen und zugleich die Spuren seines Weges, der eben bisher jedenfalls nicht sein Weg war, verwischen will. Ich bin umso froher, daß Du ihm so geantwortet hast, wie Du es getan hast. Du weißt aus manchem Gespräch darüber, wie ich über die Gemeinschaft zwischen ZZ und mir denke. Daß ich viele und sachliche Gegensätze sehe, daß ich aber trotzdem gegenüber allem, was es heute sonst in der Theologie gibt, mich mit Barth u.s.w. einig weiß. Daran ändern auch die Bemerkungen nichts, die Barth in seiner Dogmatik gegen mich gemacht hat, ohne mich zu nennen, und die ich sachlich für wichtiger halte, als er selbst sie zu halten scheint.» (Zu Barths impliziter Kritik an Gogarten in seiner «Christlichen Dogmatik im Entwurf» s. Brief Nr. 54, Anm. 3.) Merz hatte am 19.7.1928 Müller einen kritischen Brief zu dessen Besprechung von Barths Dogmatik geschrieben (Durchschlag im Karl Barth-Archiv). Darin hält er ihm vor, er scheine «Barth gegenüber die nämliche Polemik einzuschlagen», die er Barth gegenüber Gogarten vorwerfe. «Was nun das Methodische Deines Aufsatzes anlangt, so ist es mir einfach leid, daß Du in solcher Weise auftrittst», schreibt Merz. «Dies muß ja auch den freundlichsten und aufgeschlossensten Leser bedenklich stimmen. Hat schon die siegreiche Art, mit der Du mit Hilfe von Barth die übrige Theologie, dann mit der von Gogarten Barth, dann mit Hilfe Bultmanns Gogarten schlägst, um gleichzeitig anzudeuten, daß Du als letzte Waffe auch noch den Grisebachschen Degen in Deinem Arsenal hast, etwas Peinliches an sich, so ist die Art, mit der Du die angebliche Uneinigkeit der dialektischen Theologie an die Öffentlichkeit trägst, durchaus peinlich. Sie machte mir diesen Eindruck umso mehr, als ich eben mit Bultmann über diesen Punkt einen ausgezeichneten Briefwechsel hatte, der mir nicht nur seine persönliche Vornehmheit, sondern auch seine unbedingte Sachlichkeit wieder von neuem zeigt. Solange nun gerade ein Mann wie er die Solidarität mit uns durchaus anerkennt, hat nämlich niemand ein Recht, sie zu bestreiten. Dein Wort in dieser Sache erinnert infolgedessen nicht an den verantwortungsbewußten Bericht eines Historikers, der auf dem chinesischen Kriegsschauplatz weilt, sondern an den sensationellen Bericht eines Reporters, der um jeden Preis den europäischen Zuschauern etwas verraten will, was er in der Etappe gehört hat.»↩
3
Siehe Anh. 9, Anm. 5.↩
4
In der Juni-Nummer des Jg. 7 (1928) der ThBl 📖 erschienen auf Sp. 158f. Rezeptionen von H. M. Müller über Th. L. Haitjema, Karl Barths «kritische Theologie», Leipzig 1926 📖, und A. Oepke, Karl Barth und die Mystik, Leipzig 1928 📖.↩