Schloß Elmau, den
6. August 1925
Sehr geehrter Herr Professor!
Als ich Ihre Besprechung meiner Schrift «Jesus, wie ich ihn sehe»1 im Berliner Tageblatt las, war es mir zunächst ganz
unbegreiflich, wie Sie zu dieser Auffassung, Beurteilung und Behandlung kommen konnten.
Seltsamerweise haben sich gerade zu diesem Heft zum ersten Mal in den 27 Jahren des
Bestehens der Grünen Blätter eine große Anzahl hervorragender Persönlichkeiten eingehend
mir gegenüber geäußert, und zwar durchgängig mit höchster Anerkennung und Zustimmung im
wesentlichen, so verschieden sie sonst stehen und sehen: Adolf v. Harnack, Karl Barth, Dr. Kattenbusch, Graf Baudissin,
Chamberlain, Ricarda Huch, Lehrer Flemmig,
Roman Woerner usw.2 Schließlich konnte ich |225 mir das Rätsel nur so
erklären, daß Sie die ersten zwei Seiten der Schrift, das Vorwort, gar nicht gelesen
haben. Denn das macht tatsächlich alles, was Sie darüber und dagegen sagen, hinfällig,
weil das, was ich beabsichtigt und geboten habe, etwas ganz anderes ist, als was Sie
hingerichtet haben. Ich müßte an Ihrer Aufrichtigkeit, Ihrer Gerechtigkeit und Ihrem
Anstand zweifeln, wenn Sie dieses Vorwort gelesen hätten und meine Darstellung, wie ich
Jesus sehe, trotzdem als etwas, was sie gar nicht ist und sein will, dem Hohn und der
Verachtung der Menge preisgegeben hätten. Ich bitte Sie deshalb um die einzige
Genugtuung, diese zwei Seiten nachträglich noch sorgfältig und bedächtig zu lesen. Dann
erübrigt sich der Nachweis meinerseits, daß alle Ihre Streiche mich gar nicht
treffen.
Unbegreiflich bleibt aber dann auch immer noch der Schluß. Wie können Sie mir,
ausgerechnet mir, vorwerfen, daß ich nicht nach dem gefragt hätte, was Jesus zu sagen
hat, nach dem Inhalt seiner Worte und nach den Sachen, auf die seine Worte weisen! Sie
wissen doch, daß ich über drei Jahrzehnte lang mich auf das Intensivste mit den Worten
Jesu beschäftigt habe. Sie kennen doch wohl wenigstens vom Hörensagen mein Buch über die
Bergpredigt und die drei Bände Reden Jesu3, von den zahllosen Aufsätzen über die Worte Jesu in den 26 Bänden der Grünen
Blätter4 werden Sie allerdings kaum etwas wissen. Meine ganze
Lebensarbeit gilt der Sache, von der die Worte Jesu Kunde geben, dem Reiche Gottes als
göttlicher Wirklichkeit. Erst in meinem 61. Jahre habe ich zum ersten Mal den Versuch
gemacht, aus mir herauszustellen, wie Jesus unmittelbar in meinem Bewußtsein lebt, und
auch das nur auf Wunsch meiner Hörer- und Leserschaft und mit der ausdrücklichen
Betonung des ganz persönlichen Charakters dieses Bildes, das ohne mein Zutun in mir aus
der jahrzehntelangen Fühlung mit Jesus entstan|226den
ist. Ich meine deshalb, daß kaum jemandem gegenüber dieser Vorhalt hinfälliger ist als
mir.
Ich hatte Ihnen seinerzeit dieses Heft als Zeichen des Dankes für die mannigfache
Förderung geschickt, die mein ältester SohnMichel bei seinem Studium der Theologie in Marburg von Ihnen empfangen hatte.5
Infolgedessen tut es mir leid, daß Sie es so ungnädig aufgenommen haben, und ich werde
Sie gewiß nicht wieder mit einem Erzeugnis von mir belästigen. Aber ich hoffe, daß Sie
doch vielleicht mit der Zeit gerade diese Schrift noch zu würdigen lernen werden.