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Herzlichen Dank für Ihre Zeilen. Ich hatte mich sofort nach Lektüre des Müllerschen Aufsatzes direkt an Gogarten gewendet1, allerdings keinen Augenblick in der merkwürdigerweise auch von Peterson vertretenen Ansicht, daß er, Gogarten, dahinter stehe, was ja durch den giftigen Tenor gerade der ihn betreffenden Stelle des Aufsatzes2 ausgeschlossen war, sondern um ihn um Informationen über diesen hoffnungsvollen jungen Mann zu bitten. Es steht ja allerhand Gescheites in dem Opus wie im Meisten, was ich von ihm gelesen, aber als Ganzes ist es doch ein richtiger Jungenstreich, vergleichbar dem Einkratzen des eigenen geliebten Namens auf einem Aussichtsturm oder dgl. Ich ärgere mich also glaub wirklich nicht, sondern bin nur verwundert, mich, nachdem ich kaum mit Flacius Illyricus verglichen worden bin3, nun auch noch als «prinzipiell katholisch» und erst noch neuprotestantisch entdeckt zu sehen4. Aber das muß nun wohl Alles so seinen Lauf nehmen.
An Ihrem Vorwurf, daß ich nach «kritischer Verständigung» so wenig Verlangen trage, ist etwas. Sie müssen also — und ich wünschte sehr, |91 daß das geschähe — Ihre öffentliche Besprechung mehr auf das Volk als auf mich berechnen, denn daß ich zu einer Debatte herauszuholen sein werde, das kann ich einfach mit gutem Gewissen nicht versprechen. Es hängt mit meinen das letzte Mal angedeuteten Konstruktionsfehlern zusammen, daß ich an Auseinandersetzungen oft einfach nicht heranmag, weil ich irgendwie anderweitig beschäftigt bin und den betreffenden Einwänden erst auf einer spätern Stufe verheißungsvoll begegnen zu können meine. Manchmal war es auch so, daß der betreffende Einspruch durch irgend etwas, was ich später ohne Zusammenhang damit vorlegen konnte, indirekt zur Erledigung kam, und manchmal auch so, daß der betreffende Einspruch von seinem Urheber später stillschweigend zurückgezogen wurde. Sie müssen ja nicht meinen, daß ich nicht sehr wohl höre auf das, was Sie sagen — Marburg hält mich gerade dies Semester sehr außer Atem in Gestalt von mehreren Schülern von Ihnen, unter denen der Urenkel des alten Hase5 und die muntere Gretel Herrmann6 mit dem Bubikopf hervorragen —; es fällt sicher Alles mit der Zeit irgendwohin bei mir, um dann vielleicht einst sechzigfältig und hundertfältig aufzugehen7, wenn ich eben etwas damit machen kann. Aber meine Assimilation ist langsamer, als es normalerweise sein dürfte, und ich bin jedem dankbar, der mir deshalb nicht böse ist. Vielleicht hängt es auch mit dem, was der gute H. M. Müller meine Katholizität nennt8, zusammen, daß ich mich insbesondere gegenüber der Marburger Methode, Alles auf die Spitze zu stellen und dort stehen zu lassen, so wehrlos fühle, auf gewisse Entweder-Oders mich nicht einlassen, das Verbotensein gewisser Aspekte mir nicht gefallen lassen, keines von |92 meinen verschiedenen Eisen im Feuer mir so ohne Weiteres nehmen lassen kann, auch wenn jemand augenblicklich unter seinem einen Gesichtspunkt noch so weit recht gegen mich hätte. — Aber ich bleibe dabei, daß es mir nur willkommen wäre, wenn Sie Ihre Bedenken veröffentlichen würden. Denn wie sollte es mir nicht recht sein, wenn Alles, aber auch Alles, was von einsichtigen Leuten zur Korrektur oder Widerlegung oder vielleicht Erledigung meiner gesagt werden kann, in der Wendung «an Alle» gesagt wird. Es geht doch einfach um die Sache und um die öffentliche Belehrung der Kirche im weitesten Sinn, und ob ich darauf antworten kann und werde, ist ganz Nebensache. In diesem Sinn ist mir sogar — unzusammengezählt! — der Müllersche Aufsatz willkommen gewesen: es kam dabei etwas «heraus», was eben herauskommen mußte, und wäre es auch nur die Andeutung der Möglichkeit, meine «Katholizität» von einem höhern Standort aus auch noch zu überschauen und als Etappe zu verstehen und unser aller Ernst mit dem von chinesischen Revolutionsgeneralen auf einer Ebene zu sehen.9 Vom Himmel aus gesehen verhält es sich ja sicher so, auch wenn H. M. Müller im Übrigen nicht eben vom Himmel herab geredet haben sollte.
Wo sind Sie in den Ferien? Und wie geht es Ihrer Frau?
Mit herzlichem Gruß